Dennoch, allein schon die Delphine mit ihren großen, schlanken Körpern waren erstaunlich genug. Sie bildeten die Ehrenwache, die den Wogentänzer dorthin zurückgeleitete, wohin sie gehörte. Sie hatte vorher nur in Büchern von ihnen gelesen. Man sagte, wenn sie einen Ertrinkenden fänden, brächten sie ihn gemeinsam ans Ufer zurück. Sie konnte das nicht ganz glauben, aber es war eine schöne Geschichte. So folgte sie ihnen an der Reling entlang zum Bug, wo sie in der Bugwelle spielten und sich immer wieder auf die Seite drehten, um zu ihr aufzublicken, ohne ihre Geschwindigkeit im Wasser zu verringern.
Sie befand sich schon beinahe am Bugspriet, als sie entdeckte, daß dort bereits Thom Merrilin stand und ein wenig traurig auf die Delphine hinunterlächelte. Sein Umhang blähte sich wie eines der Segel im Wind. Er hatte sein Gepäck irgendwo abgeladen. So vertraut kam er ihr vor! »Seid Ihr unglücklich, Meister Merrilin?« Er blickte sie von der Seite her an. »Bitte nennt mich Thom, Lady Elayne.« »Also gut, Thom. Aber bitte nicht Lady Elayne! Hier bin ich nur einfach Frau Trakand.« »Wie Ihr wünscht, Frau Trakand«, sagte er mit einem angedeuteten Lächeln.
»Wie könnt Ihr diesen Delphinen zusehen und trotzdem unglücklich sein, Thom?« »Sie sind frei«, murmelte er so, daß sie nicht sicher sein konnte, ob es eine Antwort auf ihre Frage sei. »Sie müssen keine Entscheidungen treffen und keinen Preis zahlen, haben keine Sorgen und machen sich höchstens Gedanken darüber, Fische zum Fressen zu fangen. Und über Haie und Löwenfische vielleicht. Und vielleicht noch über hundert andere Dinge, von denen ich nichts weiß. Nun, möglicherweise sind sie doch nicht so beneidenswert.« »Beneidet Ihr sie?« Er antwortete nicht, aber es war auch die falsche Frage gewesen. Sie mußte ihn wieder zum Lächeln bringen. Nein, zum Lachen. Aus irgendeinem Grund war sie sicher, sie werde sich daran erinnern, woher sie ihn kannte, wenn sie ihn nur zum Lachen brachte. So wechselte sie das Gesprächsthema und kam auf etwas, das ihm näherliegen sollte. »Habt Ihr vor, das Hohelied des Rand zu komponieren, Thom?« Das war eigentlich etwas für Barden und nicht für Gaukler, aber ein wenig Schmeichelei konnte nicht schaden. »Das Hohelied des Wiedergeborenen Drachen. Wißt Ihr, Loial will ein Buch darüber schreiben.« »Vielleicht werde ich das tun, Frau Trakand. Vielleicht. Aber weder meine Komposition noch Loials Buch werden auf lange Sicht etwas bewirken. Unsere Geschichten werden nicht überleben, jedenfalls über einen längeren Zeitraum. Wenn das nächste Zeitalter anbricht...« Er verzog das Gesicht und zupfte an einem seiner Schnurrbartenden. »Wenn man es bedenkt, liegt das vielleicht nur noch ein oder zwei Jahre in der Zukunft. Wie kann man sagen, ob das Ende eines Zeitalters erreicht ist? Es kann ja nicht immer eine Weltkatastrophe wie die Zerstörung damals sein. Allerdings, sollten die Prophezeiungen recht behalten, wird es wieder eine solche geben. Das ist das Dumme an Prophezeiungen. Der ursprüngliche Text ist immer in der Alten Sprache geschrieben und vielleicht auch noch in der Form des Hochgesangs: Wenn man nicht von vornherein weiß, was eine Sache bedeutet, gibt es keine Möglichkeit, es hinterher herauszufinden. Bedeutet es einfach das, was da geschrieben steht, oder ist es verschlüsselt und hat eine ganz andere Bedeutung?« »Ihr wolltet doch von Eurem Hohelied erzählen«, sagte sie und versuchte, ihn darauf zurückzubringen, doch er schüttelte sein zerzaustes weißes Haupt.
»Ich sprach von Veränderungen. Mein Hohelied, falls ich es je komponiere — und Loials Buch — werden nicht mehr als ein Samenkorn darstellen, falls wir beide Glück haben. Diejenigen, die die Wahrheit kennen, werden sterben, und die Enkel ihrer Enkel werden sich an ganz andere Dinge zu erinnern glauben. Und ihre Urenkel werden die Dinge wiederum anders sehen. Zwei Dutzend Generationen, und dann seid vielleicht Ihr die Heldin und nicht Rand.« »Ich?« lachte sie.
»Oder vielleicht Mat oder Lan. Vielleicht sogar ich.« Er grinste sie an. Sein verwittertes Gesicht nahm einen Ausdruck von Wärme an. »Thom Merrilin. Kein Gaukler mehr — aber was sonst? Wer kann das schon sagen? Keiner, der Feuer schluckt, sondern einer, der es ausspeit. Der es wie eine Aes Sedai auf andere schleudert.« Er spreizte seinen Umhang. »Thom Merrilin, der geheimnisvolle Held, der Berge zum Einstürzen bringt und Könige auf ihren Thron hebt.« Aus dem Grinsen wurde ein herzhaftes Lachen. »Wenn Rand al'Thor Glück hat, erinnert man sich vielleicht im nächsten Zeitalter gerade noch an seinen Namen.« Sie hatte recht gehabt; es war nicht nur ein Gefühl. Dieses Gesicht, dieses herzhafte Lachen: Sie erinnerte sich daran. Aber woher? Sie mußte ihn am Reden halten. »Ist es denn immer so? Ich glaube nicht, daß zum Beispiel jemand daran zweifelt, daß Artur Falkenflügel ein großes Reich erobert hat. Die ganze Welt, oder zumindest den größten Teil.« »Falkenflügel, junge Frau? Klar eroberte er ein Weltreich, aber glaubt Ihr, er habe wirklich alles getan, was in den Büchern und Legenden und Gesängen über ihn berichtet wird? Genauso, wie man es sich erzählt? Daß er die hundert besten Kämpfer einer gegnerischen Armee einen nach dem anderen eigenhändig tötete? Die beiden Heere standen bloß so herum und sahen zu, während einer der Führer — ein König sogar — hundert Zweikämpfe austrug?« »In den Büchern steht es so.« »Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang reicht die Zeit niemals für einen einzelnen Mann, hundert Zweikämpfe auszutragen, Mädchen.« Sie hätte ihm beinahe eine verpaßt, weil er sie Mädchen nannte. Sie war die Tochter-Erbin Andors und nicht einfach ein Mädchen, aber er ließ sich nicht aufhalten. »Und das liegt nur tausend Jahre zurück. Geht weiter zurück zu den ältesten Legenden, die ich kenne, denen aus dem Zeitalter vor dem der Legenden. Haben Mosk und Merk wirklich mit Feuerspeeren gegeneinander gekämpft und waren sie vielleicht echte Riesen? War Elsbet wirklich die Königin der Welt und Anla ihre Schwester? War Anla wirklich die weise Ratgeberin, oder jemand anders? Genausogut kann man fragen, von welcher Tierart Elfenbein stamme oder auf welcher Pflanze die Seide wächst. Falls die nicht auch von einem Tier produziert wird.« »Diese anderen Fragen kann ich nicht beantworten«, sagte Elayne ein wenig steif. Es ärgerte sie, wenn man sie mit Mädchen anredete. »Aber in bezug auf Elfenbein und Seide könnt Ihr ja die Meerleute fragen.« Er lachte wieder. Das hatte sie erhofft, aber immer noch bewirkte es nicht mehr, als sie in ihrer Gewißheit zu bestärken, daß sie ihn kenne. Sie hatte so halb erwartet, er werde sie als närrisch bezeichnen, doch er sagte: »Praktisch veranlagt und zielbewußt wie Eure Mutter. Mit beiden Beinen auf dem Boden und nur wenige Höhenflüge.« Sie hob das Kinn ein wenig an und machte eine kühle Miene. Wohl gab sie sich als Frau Trakand aus, aber das hier war etwas anderes. Er war ein liebenswerter alter Mann, und sie wollte eigentlich das Rätsel, das er für sie darstellte, nicht mit Gewalt lösen. Doch letzten Endes war er nur ein Gaukler und sollte nicht in so vertrautem Tonfall von einer Königin sprechen. Seltsam und ärgerlich, daß er nun amüsiert erschien. Amüsiert!
»Die Atha'an Miere wissen es auch nicht«, sagte er. »Sie sehen nicht mehr von den Ländern jenseits der Aiel-Wüste, als die paar Meilen rund um eine Handvoll Hafenstädte, die sie anlaufen dürfen. Diese Orte haben hohe Mauern und werden so bewacht, daß man noch nicht einmal hochklettern kann, um nachzusehen, wie es auf der anderen Seite aussieht. Falls eines ihrer Schiffe irgendwo anders festmacht — oder auch ein Schiff aus einem anderen Land, denn nur dem Meervolk ist es erlaubt, diese Länder überhaupt zu besuchen —, wird dieses Schiff mitsamt seiner Besatzung niemals mehr gesehen. Und das ist auch schon fast alles, was ich Euch dazu sagen kann, obwohl ich viele Jahre lang Erkundigungen eingezogen habe. Die Atha'an Miere wahren ihre Geheimnisse, aber ich glaube nicht, daß sie viel mehr darüber wissen. Nach alledem, was ich erfahren habe, hat man auch die Leute aus Cairhien genauso behandelt, als es ihnen noch gestattet war, die Seidenstraße durch die Aielwüste zu benützen. Die Händler aus Cairhien sahen niemals mehr, als eine einzige Stadt mit hohen Mauern, und wer sich davon entfernte, der verschwand spurlos.« Elayne ertappte sich dabei, daß sie ihn genauso neugierig musterte wie vorher die Delphine. Welche Art von Mensch war er? Zweimal bereits hätte er Grund gehabt, sie auszulachen — er hatte sich ja auch amüsiert, wie sie zähneknirschend zugeben mußte —, doch statt dessen unterhielt er sich ernst mit ihr, wie ein... Nun ja, wie ein Vater mit seiner Tochter. »Vielleicht findet Ihr ein paar Antworten auf diesem Schiff, Thom. Sie wollten an sich nach Osten fahren, bis wir die Segelherrin überredeten, uns nach Tanchico zu bringen. Nach Schara, sagte der Zahlmeister, östlich von Mayene. Das muß bedeuten: Es liegt jenseits der Wüste.« Er sah sie einen Augenblick lang an. »Schara sagt Ihr? Den Namen habe ich noch nie gehört. Ist Schara eine Stadt oder ein Staat oder beides? Vielleicht erfahre ich wirklich hier noch etwas Neues.« Was habe ich gesagt? fragte sie sich. Ich habe etwas gesagt, um ihn zum Nachdenken zu bringen. Licht! Ich sagte ihm, daß wir Coine überredet haben, ihre Pläne zu ändern. Es konnte an sich nicht weiter schaden, doch sie schalt sich selbst eine Närrin. Ein unvorsichtiges Wort diesem netten alten Mann gegenüber würde vielleicht keinen Schaden anrichten, aber in Tanchico könnte sie das umbringen und Nynaeve dazu, gar nicht zu sprechen von dem Diebfänger und Thom selbst. Wenn er wirklich ein so netter alter Mann war. »Thom, warum seid Ihr mit uns gekommen? Nur weil Moiraine Euch darum bat?« Seine Schultern bebten und ihr wurde bewußt, daß er über sich selbst lachte. »Was das betrifft, nun, wer weiß das schon? Man widerspricht selten einer Aes Sedai, die einen um einen Gefallen bittet. Vielleicht war es auch die Aussicht auf Eure angenehme Gesellschaft die Reise über. Oder ich habe erkannt, daß Rand alt genug ist, um auf sich selbst aufzupassen, jedenfalls eine Weile lang.« Er lachte schallend, und sie mußte mitlachen. Allein schon der Gedanke, daß dieser weißhaarige alte Bursche auf Rand aufpaßte! Das Gefühl, ihm vertrauen zu können, kehrte zurück, noch stärker als zuvor, als er sie anblickte. Nicht, weil er über sich selbst lachen konnte, oder jedenfalls nicht nur deshalb. Sie kannte auch keinen anderen Grund als den, daß sie einfach nach einem Blick in diese blauen Augen nicht glauben konnte, er werde jemals etwas unternehmen, was ihr schaden könnte.