Der Drang, ihn wieder am Schnurrbart zu zupfen, war beinahe überwältigend, aber sie zwang ihre Hände zur Untätigkeit. Sie war schließlich kein Kind mehr. Ein Kind. Sie öffnete den Mund... und plötzlich war alles vergessen.
»Bitte entschuldigt mich, Thom«, sagte sie schnell. »Ich muß... Entschuldigt mich.« Sie ging hastig in Richtung Heck und wartete nicht auf eine Antwort. Er glaubte vielleicht, daß sie wegen der Schaukelei des Schiffs seekrank geworden sei. Der Wogentänzer schwankte nun mehr und bewegte sich schneller als zuvor durch die mächtigen Wogenberge. Der Wind hatte aufgefrischt.
Zwei Männer standen am Rad auf dem Achterdeck. Die Muskeln beider waren notwendig, um das Schiff auf Kurs zu halten. Die Segelherrin befand sich nicht an Deck, aber die Windsucherin stand an der Reling hinter den Rudergängern, mit nacktem Oberkörper, genau wie die Männer, und betrachtete den Himmel, an dem dicke Wolken schneller entlangquollen als die Wogen der See. Diesmal war es allerdings nicht Jorins Kleidung, oder besser ihr halbnackter Zustand, was Elayne störte. Das Glühen einer Frau, die mit Saidar arbeitete, umgab sie. Es hob sich klar von dem trüben Dämmerlicht ab. Das war es, was sie gespürt hatte, was sie angezogen hatte. Eine Frau, die die Macht benützte.
Elayne blieb kurz vor dem Achterdeck stehen, um genau zu beobachten, was sie tat. Die Stränge aus Luft und Wasser, die von der Windsucherin benützt wurden, waren kabeldick, doch ihr Gewebe war kompliziert und fast fein zu nennen. Es reichte beinahe so weit, wie das Auge über das Meer hinweg blicken konnte, ein himmelsumspannendes Netz. Der Wind wurde immer stärker, die Rudergänger strengten sich mächtig an, und der Wogentänzer flog über die See. Das Weben hörte auf, das Glühen Saidars verschwand, und Jorin hing erschöpft an der Reling und stützte sich mühevoll auf.
Elayne stieg leise die Leiter hinauf, doch die MeervolkFrau sprach mit ruhiger Stimme, ohne den Kopf zu wenden, sobald sie in Hörweite war: »Mitten in meiner Arbeit wurde mir klar, daß Ihr mich beobachtet. Ich konnte aber nicht aufhören. Das hätte zu einem Sturm führen können, den der Wogentänzer nicht überstanden hätte. Das Meer der Stürme trägt seinen Namen nicht zu unrecht. Es gibt schon, ohne daß ich nachhelfe, genug Stürme hier. Ich wollte das an sich gar nicht tun, aber Coine sagte, wir müßten uns beeilen. Euretwegen und für den Coramoor.« Sie hob den Blick und spähte zum Himmel auf. »Dieser Wind hält bis zum Morgen, wenn es dem Licht gefällt.« »Deshalb also befördert das Meervolk keine Aes Sedai?« sagte Elayne und stellte sich neben die andere an die Reling. »Damit die Burg nicht herausfindet, daß Windsucherinnen die Macht benützen können. Deswegen habt Ihr entschieden, uns an Bord zu lassen, und nicht Eure Schwester. Jorin, die Burg wird nicht versuchen, sich Euch irgendwie entgegenzustellen. Es gibt kein Gesetz in der Burg, das eine Frau davon abhält, die Macht zu benützen, auch wenn sie keine Aes Sedai ist.« »Eure Weiße Burg wird eingreifen. Sie wird versuchen, ihren Machtbereich auf unsere Schiffe auszudehnen, wo wir frei sind von allen Einschränkungen des Landes und seiner Menschen. Sie wird versuchen, uns an sich zu binden, weit von der See.« Sie seufzte schwer. »Die Woge, die vorbeifloß, kann man nicht mehr zurückholen.« Elayne wünschte, sie könne ihr versichern, daß sie sich irre, doch die Burg suchte schließlich nach Frauen und Mädchen mit dieser Eigenschaft, sowohl um die Anzahl der Aes Sedai zu steigern, die immer mehr zusammenschrumpfte, gemessen an ihrer früheren Größe, wie auch wegen der Gefahren, die sich ergaben, wenn man ohne Hilfe lernte, die Macht zu gebrauchen. Um die Wahrheit zu sagen, fand sich jede Frau, die diese Fähigkeit besaß, irgendwann in der Burg wieder, ob sie wollte oder nicht, zumindest bis sie genug Ausbildung genossen hatte, um nicht sich selbst oder andere zu gefährden.
Einen Augenblick später fuhr Jorin fort: »Es sind nicht alle von uns. Nur manche. Wir schicken auch ein paar Mädchen nach Tar Valon, damit keine Aes Sedai hergeschickt werden und sich bei uns umschauen. Kein Schiff, dessen Windsucherin die Winde verweben kann, wird eine Aes Sedai befördern. Als Ihr euch zuerst zu erkennen gabt, glaubte ich, Ihr hättet mich durchschaut, aber Ihr habt nichts gesagt und um eine Passage gebeten, und da hoffte ich, daß Ihr trotz Eurer Ringe noch keine Aes Sedai wärt. Eine vergebene Hoffnung. Ich konnte Eurer beider Stärke fühlen. Und nun wird es die Weiße Burg erfahren.« »Ich kann nicht versprechen, Euer Geheimnis zu wahren, aber ich werde mein Möglichstes tun.« Die Frau verdiente etwas mehr. »Jorin, Ich schwöre bei der Ehre des Hauses Trakand von Andor, daß ich alles tun werde, um Euer Geheimnis vor allen zu wahren, die Euch oder Eurem Volk Schaden zufügen wollen, und falls ich es irgend jemanden eröffnen muß, werde ich alles tun, um Euer Volk vor jedem fremden Einfluß zu schützen. Das Haus Trakand ist nicht ganz ohne Einfluß, selbst in der Burg.« Und ich werde auch Mutter dazu bringen, diesen Einfluß geltend zu machen, falls es sein muß. Irgendwie.
»Falls es dem Licht gefällt«, sagte Jorin ergeben, »wird alles gut gehen. Alles wird gut und allen wird es gutgehen und alle möglichen Dinge werden gut gehen, falls es dem Licht gefällt.« »Es war doch eine Damane auf dem Schiff der Seanchan, nicht wahr?« Die Windsucherin sah sie fragend an. »Eine der gefangenen Frauen, eine, die mit der Macht umgehen kann.« »Ihr seid sehr weise für eine so junge Frau. Deshalb hatte ich zuerst geglaubt, Ihr wärt noch gar keine Aes Sedai, weil Ihr eben so jung seid. Ich glaube, meine Töchter sind älter als Ihr. Ich wußte nicht, daß sie eine Gefangene war. Nun wünsche ich, wir hätten sie gerettet. Der Wogentänzer lief anfangs dem Seanchan-Schiff glatt davon. Wir hatten von ihnen und ihren Schiffen mit den gerippten Segeln gehört, und daß sie seltsame Eide zu schwören verlangten und diejenigen bestraften, die dazu nicht bereit waren. Aber dann brach die — Damane? — zwei unserer Masten, und sie enterten uns mit Schwertern in der Hand. Ich schaffte es, auf dem Schiff der Seanchan Feuer ausbrechen zu lassen, obwohl es mir schwerfällt, mit dem Element Feuer umzugehen, außer, wenn ich eine Lampe anzünden will, doch diesmal gelang es mir mit Hilfe des Lichts. Dann brachte Toram die Mannschaft zum Kämpfen, bis die Seanchan auf ihr eigenes Schiff zurückgeworfen wurden. Wir schnitten die Leinen der Enterhaken ab, und ihr Schiff trieb brennend weg. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, das Feuer zu löschen, um sich noch viel um uns zu kümmern, als wir mühsam wegsegelten. Ich habe es bedauert, ihn brennen und sinken zu sehen; er war ein gutes Schiff, glaube ich, besonders bei schwerer See. Und nun bedaure ich es noch mehr, denn wir hätten diese Frau, diese Damane, retten können. Obwohl sie uns ja Schaden zugefügt hat, hätte sie das in Freiheit vielleicht nicht getan. Das Licht leuchte ihrer Seele und die Wasser mögen sie friedlich empfangen.« Sie war über ihrer Erzählung traurig geworden. Man mußte sie ablenken. »Jorin, warum bezeichnen die Atha'an Miere Schiffe als ›er‹? Jeder sonst, den ich jemals getroffen habe, hat ein Schiff als ›sie‹ angesprochen. Es ist wohl kein großer Unterschied, aber warum das?« »Die Männer werden Euch eine andere Antwort geben«, sagte die Windsucherin lächelnd, »und von Stärke und Größe und ähnlichen sprechen, wie es ihre Art ist, aber hier ist die Wahrheit: Ein Schiff lebt, und er ist wie ein Mann, mit dem wahren Herzen eines Mannes.« Sie streichelte liebevoll über die Reling, als streichle sie etwas Lebendiges, etwas, das die Liebkosung wahrnehmen konnte. »Behandle ihn gut und pflege ihn richtig, dann kämpft er für Euch auch gegen den schlimmsten Sturm. Er wird kämpfen, um Euch am Leben zu erhalten, auch wenn er selbst schon lange den Todesstoß erhalten hat. Vernachlässige ihn und ignoriere die kleinen Warnsignale, die er bei Gefahr von sich gibt, dann wird er Euch bei ruhiger See unter wolkenlosem Himmel ertränken.« Elayne hoffte, daß Rand nicht auch so wetterwendisch sei. Aber warum hüpft er dann um mich herum und tut so, als sei er froh, mich gehen zu sehen, und im nächsten Moment schickt er mir Juilin Sandar hinterher? Sie sagte sich, sie müsse endlich aufhören, an ihn zu denken. Er war nun weit weg. Sie konnte, was ihn betraf, jetzt sowieso nichts mehr unternehmen.