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»Bist du sicher, daß er nichts von dem Grund erwähnt hat, aus dem er alle hier zusammenrief?« fragte sie leise. Bei diesem Durcheinandergerede konnte man auf drei Schritt Entfernung kein Wort mehr verstehen. Und diese Distanz hielten die Tairener nun von ihr. Sie hatte es nicht gern, belauscht zu werden.

»Nein, nichts«, antwortete Egwene genauso leise. Es klang so irritiert, wie sich Moiraine fühlte.

»Es hat Gerüchte gegeben.« »Gerüchte? Was für Gerüchte?« Das Mädchen konnte ihre Miene und ihre Stimme noch nicht so gut beherrschen. Deshalb war klar, daß sie die Geschichten noch nicht vernommen hatte, was alles an den Zwei Flüssen passiert sei. Aber es war besser, sich nicht darauf zu verlassen, daß auch Rand diese Gerüchte nicht kannte. »Ihr solltet ihn dazu bringen, daß er sich Euch öfters anvertraut. Er braucht einen Zuhörer. Es würde ihm helfen, mit jemandem über alles sprechen zu können, dem er vertraut.« Egwene sah sie von der Seite her an. Sie fühlte sich über solch primitive Methoden nun langsam erhaben. Nun, Moiraine hatte natürlich die Wahrheit gesagt. Der Junge brauchte einen Zuhörer, der seine Last ein wenig erleichterte, indem er eben lauschte und mitredete. Das könnte hilfreich sein.

»Er vertraut sich niemandem an, Moiraine. Er verbirgt seinen Schmerz und hofft, irgendwie mit allem fertigzuwerden, bevor es jemand merkt.« Ärger huschte über Egwenes Gesicht. »Dieser wollköpfige Maulesel!« Moiraine empfand einen Augenblick lang Sympathie. Man konnte von diesem Mädchen nicht erwarten, daß sie damit fertig wurde, wie Rand Arm in Arm mit Elayne spazierenging und sie in irgendwelchen Ecken küßte, wo sie sich ungesehen glaubten. Und Egwene wußte ja noch nicht einmal die Hälfte. Doch das Mitgefühl hielt nicht lange an. Es gab viel zuviel Wichtigeres zu tun, als einem Mädchen zu gestatten, sich selbst zu bedauern, weil sie etwas nicht bekommen konnte, das sowieso nicht für sie bestimmt war.

Elayne und Nynaeve sollten sich mittlerweile auf dem Klipper befinden und waren somit aus dem Weg. Ein Teilergebnis ihrer Seereise könnte auch eine Bestätigung ihres Verdachts in bezug auf die Windsucherinnen sein. Das war aber natürlich nicht sehr wichtig. Im schlimmsten Fall hatten die beiden genug Gold, um ein Schiff zu kaufen und die Besatzung anzuheuern, was durchaus notwendig sein könnte, wenn man den Gerüchten aus Tanchico Glauben schenkte, und es sollte selbst dann noch genug übrig sein, um die Beamten in Tarabon zu kaufen. Thom Merrilins Zimmer stand leer, und ihre Spitzel hatten berichtet, er habe auf dem Weg aus dem Stein heraus etwas von Tanchico vor sich hin gemurmelt. Er würde dafür sorgen, daß sie eine gute Besatzung fänden und die richtigen Beamten bestechen konnten. Der angebliche Plan, Mazrim Taim für die Schwarzen Ajah einzuspannen, war sehr viel wahrscheinlicher als der andere. Ihre Botschaften an die Amyrlin sollten dem allerdings einen Riegel vorgeschoben haben. Die beiden jungen Frauen waren sehr wohl in der Lage, mit einer angeblichen und geheimnisvollen Gefahr in Tanchico fertigzuwerden, und sie hatte sie eine Zeitlang los und auch aus der Umgebung Rands entfernt. Sie bedauerte nur, daß Egwene sich geweigert hatte, mitzugehen. Tar Valon wäre für alle drei das Beste gewesen, aber Tanchico ging auch.

»Wenn wir schon von wollköpfigen Mauleseln sprechen: Habt Ihr immer noch vor, in die Wüste zu gehen?« »Jawohl«, erwiderte das Mädchen mit fester Stimme. Sie sollte besser in der Burg sein und sich weiter ausbilden lassen. Woran wohl Siuan denken mochte? Vielleicht wird sie eines ihrer Sprichwörter über Boote und Fische loslassen, wenn ich sie danach frage.

Nun, wenigstens war auch Egwene damit untergebracht und aus dem Weg, und das Aielmädchen würde schon auf sie aufpassen. Möglicherweise konnten die Weisen Frauen ihr tatsächlich etwas über das Träumen beibringen. Dieser Brief von ihnen war höchst erstaunlich gewesen, obwohl sie es sich nicht leisten konnte, viel von dem darin Enthaltenen zu beherzigen. Doch Egwenes Reise in die Wüste mochte sich auf lange Sicht als sehr nützlich herausstellen.

Der innerste Ring der Tairener machte Platz, und nun standen sie und Egwene in einem ausgesparten Raum direkt vor der großen, leeren Fläche unter der riesigen Kuppel. Hier zeigte sich die Nervosität der Adeligen besonders deutlich. Viele blickten wie schmollende Kinder auf ihre Füße hinunter, und andere starrten einfach ins Leere, bemühten sich, nicht wahrzunehmen, wo sie sich befanden. Hier hatte Callandor in der Luft geschwebt, bevor Rand das Schwert an sich nahm. Hier, unter dieser gleichen Kuppel, mehr als dreitausend Jahre lang von keiner Hand berührt und von keiner Hand berührbar, außer der des Wiedergeborenen Drachen. Die Tairener gaben nicht gern zu, daß dieses Herz des Steins überhaupt existierte.

»Arme Frau«, murmelte Egwene leise.

Moiraine folgte dem Blick des Mädchens. Hochlady Alteima, bereits von Kopf bis Fuß in leuchtendes Weiß gekleidet, wie es einer tairenischen Witwe zustand, auch wenn der Ehemann noch nicht den letzten Atemzug getan hatte, wirkte von all den Adeligen vielleicht noch am ehesten beherrscht und würdevoll. Sie war eine schlanke, außerordentlich hübsche Frau, was durch ihr trauriges Lächeln noch unterstrichen wurde, mit großen braunen Augen und schwarzem Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte. Eine hochgewachsene Frau, obwohl Moiraine zugeben mußte, daß sie alle an ihrer eigenen Größe maß, mit ein wenig zu großem Busen. Nun ja, die Menschen in Cairhien waren allgemein schon nicht sehr groß, und selbst unter ihnen hatte sie als klein gegolten.

»Ja, eine arme Frau«, sagte sie, doch sie sagte das nicht aus Sympathie. Es war gut zu bemerken, daß Egwene noch nicht abgebrüht genug war, um in allen Fällen unter die Oberfläche der Dinge zu blicken. Man konnte sie auch jetzt schon keineswegs mehr so formen und beeinflussen, wie es nötig war. Sie war ihrem Alter bereits um Jahre voraus, brauchte aber dringend noch Führung, um sie auf ihre zukünftigen Aufgaben vorzubereiten.

Im Falle Alteimas hatte Thom danebengelegen. Vielleicht hatte er sie aber auch gar nicht durchschauen wollen; er zögerte oftmals eigenartig lang, etwas gegen eine Frau zu unternehmen. Hochlady Alteima war viel gefährlicher als ihr Mann oder ihr Liebhaber, die sie beide ohne deren Wissen manipuliert hatte. Vielleicht war sie sogar gefährlicher als jeder andere in Tear, ob Mann oder Frau. Sie würde bald genug andere finden, die sie wie Marionetten benutzen konnte. Das war Alteimas Art: sich im Hintergrund zu halten und die Fäden zu ziehen. Man mußte etwas gegen sie unternehmen.

Moiraine blickte die Reihe der Hochlords und Ladies entlang, bis ihr Blick auf Estanda fiel, die mit ihrer Kleidung — brokatbesetzte gelbe Seide, eine große Halskrause aus Elfenbeinspitzen und eine winzige, dazu passende Kappe — selbst hier auffiel. Die Schönheit ihres Gesichts wurde durch eine gewisse Strenge im Ausdruck herabgemildert, und die gelegentlichen Blicke, die sie Alteima zuwarf, waren eisenhart. Die Animosität der beiden ging weit über bloße Rivalität hinaus. Wären sie Männer gewesen, hätten sie schon vor Jahren gegenseitig ihr Blut im Duell vergossen. Wenn man diese Feindschaft noch ein wenig schürte, wäre Alteima zu beschäftigt, um Rand irgendwelche Schwierigkeiten bereiten zu können.

Einen Moment lang fühlte sie Bedauern darüber, Thom weggeschickt zu haben. Sie vergeudete nicht gern ihre Zeit mit solch nebensächlichen Dingen. Aber er hatte zuviel Einfluß auf Rand. Der Junge mußte statt dessen ganz auf ihren Rat angewiesen sein. Ihren, und nur ihren. Das Licht wußte, wie schwierig er selbst ohne jede andere Einmischung noch war. Thom hatte den Jungen dazu gebracht, sich hier mehr oder weniger niederzulassen, um die Angelegenheiten Tears zu regeln. Aber er mußte weitergehen und größere Ziele anstreben. Doch das war ja jetzt geklärt. Das Problem, Thom Merrilin zur Vernunft zu bringen, konnte später gelöst werden. Rand war jetzt das eigentliche Problem. Was wollte er hier und jetzt verkünden?