»Wo steckt er? Er hat die erste Kunst der Könige gelernt, wie es scheint: die Leute warten zu lassen.« Es war ihr nicht klar, daß sie das laut ausgesprochen hatte, bis Egwene ihr einen überraschten Blick zuwarf. Sofort glättete sie ihre Gesichtszüge wieder. Rand würde schon noch kommen, und sie würde erfahren, was er vorhatte. So wie jeder andere hier. Sie hätte beinahe mit den Zähnen geknirscht. Dieser blinde Narr von einem Jungen. Rannte blindlings durch die Nacht, ohne auf Klippen zu achten, und dachte nie daran, daß er nicht nur sich selbst, sondern die ganze Welt in Gefahr brachte. Wenn sie ihn nur davon abhalten konnte, nach Hause zu eilen und sein Dorf zu retten. Er wollte das bestimmt tun, aber das konnte er sich im Moment einfach nicht leisten. Zuviel stand auf dem Spiel. Vielleicht hatte er es aber noch gar nicht erfahren. Man durfte ja hoffen.
Mat stand ihnen gegenüber, ungekämmt und mit hängenden Schultern, die Hände in den Taschen seiner hochkragigen grünen Jacke, wie immer halb aufgeknöpft, und die Stiefel ungeputzt. So bildete er einen scharfen Kontrast zu der gepflegten Eleganz seiner Umgebung. Er trat nervös von einem Fuß auf den anderen, als er bemerkte, daß sie ihn anblickte, und dann grinste er sie auf seine typische trotzige Art an. Na, wenigstens befand er sich hier, wo sie ihn sehen konnte. Es war ziemlich anstrengend, diesen jungen Mann unter Beobachtung zu halten. Er wich ihren Spitzeln mit Leichtigkeit aus, gab nie zu erkennen, daß er sich ihrer Anwesenheit bewußt sei, aber ihre Augen und Ohren im Stein berichteten, daß er immer aus ihrer Sicht verschwand, wenn sie sich ihm näherten.
»Ich glaube, er schläft sogar in dieser Jacke«, sagte Egwene mißbilligend. »Mit Absicht. Ich frage mich, wo Perrin bleibt.« Sie ging auf Zehenspitzen hoch und bemühte sich, über die Köpfe der Versammlung hinwegzublicken. »Ich kann ihn nicht sehen.« Mit gerunzelter Stirn überflog Moiraines Blick die Menge, aber sie konnte außer der vordersten Reihe nicht viel sehen. Lan könnte dort hinten zwischen den Säulen stehen und Obacht geben. Nein, sie würde sich jetzt nicht auffällig benehmen oder gar hochhüpfen, oder sich wie ein eifriges Kind auch noch auf die Zehenspitzen stellen. Bei Lan war allerdings ein ernstes Wort angebracht, das er so schnell nicht vergessen würde. Sobald sie ihn wieder in die Finger bekam. Da zog Nynaeve ihn in einer Richtung und die Ta'veren, oder zumindest Rand, anscheinend in einer anderen, und sie mußte sich fragen, wie fest das Band zwischen Lan und ihr tatsächlich noch war. Doch wenigstens war es nützlich, wenn er seine Zeit mit Rand verbrachte, denn das knüpfte einen weiteren Faden zu dem jungen Mann, an dem sie ziehen konnte.
»Vielleicht ist er bei Faile«, sagte Egwene. »Er ist bestimmt nicht weggelaufen, Moiraine. Perrin hat ein starkes Pflichtgefühl.« Beinahe soviel wie der Behüter, das wußte Moiraine, und deshalb hielt sie ihn nicht so unter ständiger Beobachtung wie Mat. »Faile hat versucht, ihn zur Abreise zu überreden, Mädchen.« Recht wahrscheinlich, daß er sich bei ihr befand; das war gewöhnlich der Fall. »Schau nicht so überrascht drein. Sie sprechen oft miteinander und streiten sogar an Orten, wo man sie gut hören kann.« »Ich bin nicht überrascht, daß Ihr das wißt«, sagte Egwene trocken, »sondern nur, weil Faile ihm dann ausreden wollte, was er als seine Pflicht hingenommen hat.« »Vielleicht glaubt sie nicht so daran wie er.« Auch Moiraine selbst hatte zu Beginn nicht glauben können, was sich da abspielte, hatte es einfach nicht gesehen. Drei Ta'veren, alle gleich alt, alle aus dem gleichen Dorf. Sie mußte blind gewesen sein, daß sie damals den Zusammenhang nicht erkannt hatte. Doch mit dem Wissen darum hatte sich alles schwieriger gestaltet. Es war, als wolle sie drei von Thoms bunten Bällen auf einmal mit einer Hand jonglieren, und das mit verbundenen Augen. Sie hatte gesehen, wie Thom das fertigbrachte, aber sie selbst wollte es doch lieber nicht versuchen. Es gab aber auch keinen Anhaltspunkt, wie die Verbindung der drei untereinander aussah und was sie eigentlich an Aufgaben zu erfüllen hatten. In den Prophezeiungen stand kein Wort von Begleitern.
»Ich mag sie«, sagte Egwene. »Sie ist die richtige für ihn; gerade, was er braucht. Und sie empfindet sehr tiefe Gefühle für ihn.« »Ja, ich denke schon.« Falls Faile zu unbequem würde, mußte Moiraine sie sich vorknöpfen und ihr etwas von den Geheimnissen erzählen, die sie vor Perrin verbarg. Oder eines ihrer Augen und Ohren mußte Faile etwas davon andeuten. Dann würde sie sich beruhigen.
»Ihr sagt das so, als glaubtet Ihr nicht daran. Sie lieben sich, Moiraine. Könnt Ihr das nicht sehen? Könnt Ihr denn kein menschliches Gefühl erkennen, wenn Ihr so etwas seht?« Moiraine sah sie streng an, und das ließ Egwene gründlich zusammenfahren. Das Mädchen wußte so wenig und glaubte doch, soviel zu wissen. Moiraine wollte ihr das in strengstem Tonfall klarmachen, doch da hörte sie, wie die Tairener der Reihe nach überrascht und erschrocken nach Luft schnappten.
Hastig trat die Menge zurück, mehr als willig, wobei die vorderen die anderen dahinter grob zurückdrängten und so einen breiten Durchgang unter der Kuppel freimachten. Durch diese Lücke schritt nun Rand, den Blick geradeaus gerichtet. Er wirkte majestätisch in seinem roten, an den Ärmeln mit Goldstickereien verzierten Mantel. Im rechten Arm lag Callandor wie ein Szepter. Aber es war nicht nur er, der die Tairener zum Zurücktreten gebracht hatte. Hinter ihm schritten vielleicht hundert Aiel, Speere und gespannte Bögen mit aufgelegten Pfeilen in der Hand, die Schufa um den Kopf gewickelt und schwarz verschleiert, so daß nur die Augen sichtbar waren. Moiraine glaubte, an der Spitze Rhuarc zu erkennen, gleich hinter Rand, aber nur an seinen typischen Bewegungen. Sie waren jetzt anonym. Zum Töten bereit. Es war klar. Was immer Rand auch verkünden wollte: Er war bereit, jeden Widerstand im Keim zu ersticken, bevor er sich ausbreiten konnte.
Die Aiel blieben stehen, aber Rand schritt weiter, bis er genau unter der Mitte der Kuppel stand, sich umdrehte und die Versammlung musterte. Er schien überrascht und vielleicht auch etwas verärgert, als er Egwene entdeckte, doch Moiraine lächelte er auf eine Weise an, die in ihr die Wut hochsteigen ließ. Mat dagegen grinste er an, als seien sie beide wieder die frechen Jungen von einst, und Mat erwiderte das Grinsen auf gleiche Weise. Die Gesichter der Tairener waren bleich. Sie wußten nicht, wohin sie blicken sollten — auf Rand und Callandor oder auf die verschleierten Aiel. Der Tod stand mannigfaltig in ihrer Mitte.
»Hochlord Sunamon«, sagte Rand plötzlich und so laut, daß dieser untersetzte Bursche selbst zusammenzuckte, »hat mir einen Vertrag mit Mayene garantiert, der sich genau an die von mir gegebenen Vorlagen hält. Er hat versprochen, mit seinem Leben dafür geradezustehen.« Er lachte, als habe er einen Scherz gemacht, und die meisten der Adeligen lachten pflichtbewußt mit. Allerdings nicht Sunamon, der eindeutig unwohl aussah. »Sollte er versagen«, verkündete Rand, »hat er sich bereit erklärt, sich hängen zu lassen, und diesem Wunsch wird Folge geleistet.« Das Gelächter brach ab. Sunamons Gesicht färbte sich leicht grünlich. Egwene warf Moiraine einen beunruhigten Blick zu, doch Moiraine wartete einfach ab. Er hatte nicht sämtliche Adelige auf zehn Meilen Umkreis zusammengerufen, um ihnen von einem Vertrag zu erzählen oder einen fetten Narren zu bedrohen. Sie löste ihre Hände aus ihrem Rock, in den sie sie verkrampft hatte.
Rand drehte sich langsam im Halbkreis und musterte ernst die Gesichter. »Durch diesen Vertrag werden uns bald wieder Schiffe zur Verfügung stehen, die das Getreide aus Tear nach Westen befördern, um dort neue Märkte zu öffnen.« Ein zustimmendes Gemurmel machte sich breit, das aber gleich wieder abbrach. »Aber es wird noch mehr geschehen. Das Heer Tears wird ausrücken.« Jubel erhob sich und hallte von der Decke wider. Die Männer, selbst die Hochlords, hüpften vor Freude, schüttelten die Fäuste über den Köpfen und warfen ihre spitzen Samtkappen in die Luft. Die Frauen lächelten verzückt und küßten diejenigen, die in den Krieg ziehen durften, auf die Wangen. »Illian wird fallen!« schrie jemand, und Hunderte von Stimmen nahmen diesen Ruf auf. Es erklang wie Donner: »Illian wird fallen! Illian wird fallen! Illian wird fallen!« Moiraine sah, wie sich Egwenes Lippen bewegten, doch die Worte gingen im allgemeinen Jubel unter. Sie konnte sie aber leicht ablesen: »Nein, Rand. Bitte nicht. Mach das bitte nicht.« Auf der anderen Seite drüben machte Mat ein finsteres Gesicht und schwieg mißbilligend. Die beiden und sie selbst waren die einzigen, die Rands Ankündigung nicht freudig begrüßten, abgesehen natürlich von den wachsamen Aiel und Rand. Er lächelte verächtlich, doch seine Augen blieben kalt. Auf seinem Gesicht stand frischer Schweiß. Sein Blick traf sie, und sie wartete ab. Es würde noch mehr kommen und vermutlich nicht gerade Dinge, die sie erfreuten.