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Rand hob die linke Hand. Langsam breitete sich Stille aus. Die vorne standen, zischten die hinter ihnen Stehenden an, damit sie ruhig seien. Er wartete ab, bis völlige Stille herrschte. »Das Heer wird nach Norden marschieren, nach Cairhien. Hochlord Meilan wird das Kommando übernehmen, und seine Stellvertreter sind die Hochlords Gueyam, Aracome, Hearne, Maraconn und Simaan. Das Heer wird großzügig finanziert von Hochlord Torean, dem reichsten unter Euch, der es auch begleiten wird, um zu überwachen, daß sein Geld weise ausgegeben wird.« Diese Ankündigung hatte alle verstummen lassen. Totenstille herrschte im riesigen Saal. Keiner rührte sich, obwohl Torean Schwierigkeiten mit dem Stehen zu haben schien.

Moiraine verbeugte sich im Geist vor Rand und der Wahl, die er getroffen hatte. Diese sieben aus Tear fortzuschicken machte gerade jene sieben gefährlichsten Intriganten unschädlich, und keiner dieser Männer traute den anderen soweit, daß er sich mit ihnen verbünden würde. Thom Merrilin hatte ihm gute Ratschläge erteilt. Offensichtlich hatten ihre Spitzel einige der Zettel verpaßt, die er Rand gewöhnlich heimlich in die Tasche steckte. Aber ansonsten war das Ganze der reine Wahnsinn! Das konnte er doch nicht auf der anderen Seite des Ter'Angreal zur Antwort erhalten haben! Das war fast unmöglich!

Meilan war offensichtlich der gleichen Meinung, wenn auch nicht aus den gleichen Gründen. Er trat zaudernd vor — ein hagerer, harter Mann, doch so verängstigt, daß das Weiße seiner Augen deutlich hervortrat. »Mein Lord Drache... « Er hielt inne, schluckte und begann noch einmal mit etwas stärkerer Stimme: »Mein Lord Drache, wenn man sich in einen Bürgerkrieg einmischt, ist es, als trete man in ein Moorloch. Ein Dutzend verschiedener Parteien streitet sich um den Sonnenthron, die Bündnisse zwischen ihnen ändern sich ständig, und jeder betrügt andauernd jeden. Außerdem treiben sich in Cairhien überall Banditen und Räuber herum. Die verhungernden Bauern haben alles gegessen, was das Ackerland hergab. Ich habe zuverlässige Berichte darüber, daß sie schon Baumrinde und Blätter essen. Mein Lord Drache, der Ausdruck ›Sumpf‹ dafür ist noch viel zu... « Rand unterbrach ihn: »Ihr wollt Tears Einfluß nicht bis hin zu Brudermörders Dolch ausdehnen, Meilan? Das ist schon in Ordnung. Ich weiß bereits, wen ich auf den Sonnenthron setzen lassen werde. Ihr geht nicht als Eroberer hin, Meilan, sondern um Recht und Ordnung und den Frieden wieder herzustellen. Und um die Verhungernden zu retten. Wir haben bereits mehr Getreide in den Scheunen, als Tear überhaupt verkaufen könnte, und dieses Jahr werden die Bauern eine gute Ernte haben, wenn Ihr meinen Anweisungen gehorcht. Das Getreide wird mit Planwagen gleich hinter dem Heer nach Cairhien gebracht, und diese Bauern... Diese Bauern müssen keine Baumrinde mehr essen, Lord Meilan.« Der großgewachsene Hochlord öffnete noch einmal den Mund, und Rand schwang Callandor, bis die Spitze des Schwertes vor ihm auf dem Boden ruhte. »Ihr habt noch eine Frage, Meilan?« Meilan schüttelte den Kopf und trat so hastig zurück, als wolle er sich in der Menge verbergen.

»Ich wußte, er würde nicht so einfach einen Krieg vom Zaum brechen«, sagte Egwene energisch. »Ich wußte es.« »Glaubt Ihr, es wird bei dieser Aktion deswegen weniger Tote geben?« knurrte Moiraine. Was hatte der Junge vor? Nun, wenigstens wollte er nicht wegrennen, um sein Dorf zu retten, während die Verlorenen mit dem Rest der Welt tun konnten, was ihnen beliebte. »Die Leichenhaufen werden genauso hoch sein, Kind. Ihr werdet keinen Unterschied zu einem echten Krieg bemerken.« Statt dessen Illian und Sammael anzugreifen hätte wenigstens Zeit eingebracht, auch wenn der Krieg auf ein Unentschieden hinausgelaufen wäre. Zeit, um den Gebrauch seiner Macht zu erlernen, vielleicht schon einen seiner wichtigsten Feinde zu besiegen und den übrigen Respekt beizubringen. Aber so? Was konnte er damit bezwecken? Friede für das Land, in dem sie geboren war, und Nahrung für die Hungernden Cairhiens? Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie dem Beifall geklatscht. Jetzt allerdings war es wohl sehr menschlich, aber völlig sinnlos. Nutzloses Blutvergießen, statt einen Feind in die Schranken zu weisen, der ihn bei der geringsten Gelegenheit vernichten würde. Warum? Lanfear. Was hatte ihm Lanfear gesagt? Was hatte sie getan? Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten ließen Moiraine schaudern. Rand mußte genauer überwacht werden als jemals zuvor. Sie würde ihm nicht erlauben, zum Schatten überzulaufen.

»Ach, ja«, sagte Rand, als erinnere er sich gerade an etwas. »Soldaten verstehen nicht viel davon, hungrige Mäuler zu stopfen, oder? Dafür braucht man, glaube ich, das gute Herz einer Frau. Lady Alteima, ich hasse es ja, Euch in Eurer Trauer zu stören, aber würdet Ihr bitte dafür sorgen, daß unter den Armen Cairhiens die Lebensmittel verteilt werden? Ihr habt eine ganze Nation zu ernähren!« Und könnt an Macht gewinnen, dachte Moiraine. Das war sein erster Ausrutscher. Abgesehen davon natürlich, daß er das Heer anstatt nach Illian nach Cairhien schickte. Alteima würde garantiert bei ihrer Rückkehr nach Tear an Macht Meilan oder Gueyam etwa gleichkommen und sich für neue Intrigen rüsten. Falls er nicht aufpaßte, würde sie auch noch Rand hinterrücks ermorden lassen. Nun, vielleicht konnte man in Cairhien irgendwo einen Unfall arrangieren.

Alteima knickste graziös und breitete dabei ihren weißen Rock zu voller Größe aus. Sie zeigte nur sehr wenig Überraschung. »Wie mein Lord Drache befiehlt, so gehorche ich. Es freut mich außerordentlich, dem Lord Drachen dienen zu können.« »Ich war sicher, daß es Euch Freude bereiten würde«, sagte Rand trocken. »Doch so sehr Ihr euren Mann auch liebt — Ihr werdet ihn wohl kaum nach Cairhien mitnehmen wollen. Für einen kranken Mann wird das einfach zu anstrengend. Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn in die Gemächer von Hochlady Estanda bringen zu lassen. Sie wird ihn pflegen, während Ihr abwesend seid, und wenn er gesund ist, schickt sie ihn zu Euch nach Cairhien.« Estanda lächelte angespannt, doch triumphierend. Alteimas Pupillen rollten, und sie brach auf der Stelle zusammen.

Moiraine schüttelte leicht den Kopf. Er war wirklich härter als früher. Gefährlicher. Egwene wollte auf die zusammengebrochene Frau zugehen, doch Moiraine legte ihr eine Hand auf den Arm und hielt sie zurück. »Ich glaube, sie wurde nur von ihren Gefühlen überwältigt. So etwas kann ich erkennen. Die Damen kümmern sich schon um sie.« Mehrere der Ladies umstanden Alteima, tätschelten ihre Hände und hielten ihr Riechsalzfläschchen unter die Nase. Sie hustete und öffnete die Augen. Als sie sah, daß Estanda über ihr stand, wäre sie beinahe erneut in Ohnmacht gefallen.

»Rand hat gerade etwas sehr Kluges getan, glaube ich«, sagte Egwene mit tonloser Stimme. »Und etwas sehr Grausames. Er sollte sich wirklich schämen.« Rand wirkte auch beinahe so, wie er dastand und dem Fußboden vor seinen Stiefeln Grimassen schnitt. Vielleicht war er doch noch nicht so hart, wie er sein wollte. »Verdientermaßen«, stellte Moiraine fest. Das Mädchen zeigte gute Anlagen. Sie nahm doch schon manches wahr, auch wenn sie es noch nicht verstand. Doch sie mußte erst lernen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen, nicht nur das zu sehen, was sie gern tun würde, sondern vor allem das, was getan werden mußte. »Hoffen wir, daß er für heute alle seine Schlauheiten verbraucht hat.« Sehr wenige in dem großen Saal verstanden genau, was geschehen war, nur, daß die Ohnmacht Lady Alteimas den Lord Drachen etwas verstört hatte. Ein paar ließen von hinten Rufe ertönen: »Cairhien wird fallen!«, aber sie verstummten ebenso schnell wieder.