»Wenn Ihr uns führt, mein Lord Drache, dann erobern wir die ganze Welt!« rief ein junger Mann mit verschwollenem Gesicht, der Torean ein wenig stützte: Estean, Toreans ältester Sohn. Die Ähnlichkeit war klar zu erkennen. Nur führte der Vater immer noch Selbstgespräche.
Rand riß den Kopf hoch und wirkte aufgeschreckt. Oder vielleicht auch wütend. »Ich werde nicht mit Euch kommen. Ich... gehe eine Zeitlang fort.« Das rief erneut Schweigen hervor. Jeder Blick war auf ihn gerichtet, doch seine Aufmerksamkeit galt allein Callandor. Die Menge zuckte zurück, als er die Kristallklinge vor sein Gesicht hob. Schweißtropfen rollten ihm über die Stirn, viel mehr Schweiß als zuvor. »Der Stein bewahrte Callandor auf, bevor ich kam. Der Stein wird es wieder aufbewahren, bis ich zurück bin.« Plötzlich flammte das glasklare Schwert in seinen Händen auf. Er riß es mit dem Knauf nach oben hoch über Kopfhöhe und rammte es dann mit aller Gewalt hinunter, tief in den Steinboden hinein. Blaue Blitze zuckten zur Kuppel hoch über ihm auf. Der Stein grollte vernehmlich und bebte. Der Boden wölbte sich auf, und schreiende Menschen taumelten umher.
Moiraine schob die gestürzte Egwene von sich herunter, während der Saal immer noch von Nachbeben erschüttert wurde, und rappelte sich hoch. Was hatte er nur wieder angestellt? Und warum? Weggehen? Das war der schlimmste ihrer Alpträume.
Die Aiel standen bereits wieder sicher auf den Beinen. Alle anderen jedoch lagen am Boden oder stützten sich halb aufgerichtet auf Knie und Ellbogen. Außer Rand. Der hatte ein Knie auf den Boden gestützt und hielt mit beiden Händen den Griff Callandors umfaßt. Er hatte die Klinge zur Hälfte in den Steinboden getrieben. Das Schwert war wieder kristallklar. Auf seinem Gesicht glänzte der Schweiß. Er löste seine Hände vom Schwertgriff — einen Finger nach dem anderen —, hielt sie aber noch wie zum Schutz um den Knauf, den er nun nicht mehr berührte. Einen Augenblick lang glaubte Moiraine, er wolle wieder zupacken, doch statt dessen stand er mühsam auf. Er mußte sich dazu zwingen; soviel konnte sie erkennen.
»Seht es an, während ich weg bin.« Seine Stimme klang erleichtert und eher wieder so, wie zu der Zeit, als sie ihn in seinem Dorf aufgestöbert hatte, doch genauso entschlossen wie vorher. »Seht es an und denkt an mich. Denkt daran, daß ich wiederkehren werde, um es in Besitz zu nehmen. Wenn irgend jemand meinen Platz einnehmen will, braucht er es nur herauszuziehen.« Er streckte den Zeigefinger mahnend aus und grinste dabei spitzbübisch. »Aber denkt auch daran, welchen Preis Ihr für ein Versagen zahlen müßt.« Er wandte sich um und marschierte aus dem Saal, dicht gefolgt von den Aiel. Die Tairener starrten das aus dem Boden ragende Schwert an und standen um einiges langsamer wieder auf. Die meisten wirkten verängstigt, als wollten sie weglaufen und trauten sich doch nicht.
»Dieser Mann!« grollte Egwene, die sich den Staub von ihrem grünen Leinenkleid klopfte. »Ist er wahnsinnig?« Sie schlug sich eine Hand vor den Mund. »O Moiraine, er wird doch nicht wirklich wahnsinnig werden? Oder? Noch nicht, ja?« »Das Licht gebe, daß er nicht wahnsinnig wird«, murmelte Moiraine. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Schwert losreißen, genausowenig wie die Tairener. Das Licht sollte den Jungen holen. Warum konnte er nicht der liebenswerte junge Bursche bleiben, den sie in Emondsfeld vorgefunden hatte? Sie zwang sich, Rand zu folgen. »Aber ich werde es herausfinden.« Sie mußte beinahe laufen, um die Prozession in einem breiten Gang mit Wandbehängen einzuholen Die Aiel hatten ihre Schleier nunmehr abgestreift, konnten sie aber jederzeit wieder hochziehen, falls notwendig. Sie machten ihr bereitwillig Platz, ohne den Schritt zu verlangsamen. Sie blickten sie und Egwene aufmerksam an. Ihre harten Gesichter waren ausdruckslos, doch die Augen wachsam. Das waren die Aiel immer, wenn sich Aes Sedai in der Nähe befanden.
Sie verstand nicht, wieso die Aiel ihr gegenüber mißtrauisch waren und doch seelenruhig hinter Rand hermarschierten. Es war schwierig, mehr als nur kleine Bruchstücke über sie und ihre Kultur zu erfahren. Sie beantworteten ihre Fragen zwar ehrlich, aber nur in bezug auf Dinge, für die sie sich gar nicht interessierte. Ihre Spitzel, ihr ganzes Netz von Augen und Ohren erfuhr nichts von den Aiel und probierte es auch mittlerweile nicht mehr. Nicht mehr, seit eine Frau gefesselt und geknebelt an den Füßen an einer Zinne aufgehängt worden war und mit wilden Augen vierhundert Fuß senkrecht nach unten gestarrt hatte, und nicht mehr, seit ein Mann spurlos verschwunden war. Er war einfach weg. Die Frau weigerte sich seither, höher als bis zum Erdgeschoß hinaufzugehen. Sie hatte alle ihre Spitzel ständig durch ihre Anwesenheit nervös gemacht, bis Moiraine sie aufs Land geschickt hatte.
Auch Rand ging keineswegs langsamer, als sie und Egwene ihn eingeholt hatten. Auch sein Blick schien wachsam und mißtrauisch, aber auf andere Art, und dazu kam ein Schimmer unterdrückten Ärgers. »Ich glaubte, du wärst weg«, sagte er zu Egwene. »Ich dachte, du wärst mit Elayne und Nynaeve gegangen. Das hättest du tun sollen. Selbst Tanchico ist... Warum bist du hiergeblieben?« »Ich bleibe nicht mehr lange«, sagte Egwene. »Ich gehe mit Aviendha nach Rhuidean in die Aiel-Wüste, um bei den Weisen Frauen zu lernen.« Er geriet beinahe ins Stolpern, als das Mädchen die Aiel-Wüste erwähnte, sah sie unsicher an und schritt dann weiter. Er schien wieder beherrscht, vielleicht zu sehr sogar, wie ein kochender Teekessel, dessen Deckel man zugebunden und dessen Öffnung man verstopft hat. »Erinnerst du dich noch an die Schwimmerei im Wasserwald?« fragte er leise. »Ich habe mich einfach auf dem Rücken treiben lassen und geglaubt, das Schwerste, was mir im Leben bevorstünde, wäre, einen Acker umzupflügen oder vielleicht die Schafe zu scheren. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ohne Pause, bis alle Schurwolle zu Ballen verschnürt daliegt.« »Spinnen«, sagte Egwene. »Das haßte ich noch mehr, als Fußböden zu schrubben. Wenn man die Fäden drehen muß, zerreißt es einem fast die Fingerspitzen.« »Warum habt Ihr das getan?« fragte Moiraine, bevor sie mit ihren Erinnerungen an die Kindheit weiterfahren konnten. Er sah sie von der Seite her an und lächelte so spöttisch wie sonst nur Mat. »Hätte ich sie wirklich aufhängen lassen sollen, weil sie versuchte, einen Mann zu ermorden, der wiederum gegen mich Mordpläne ausheckte? Wäre das gerechter gewesen als meine Handlungsweise?« Das Grinsen verschwand von seinem Gesicht. »Gibt es irgendeine Gerechtigkeit bei dem, was ich tue? Sunamon wird hängen, wenn er versagt. Weil ich es so entschieden habe. Er verdient es, so wie er versucht hat, die Lage für sich auszunützen, ohne darauf zu achten, ob seine eigenen Bauern verhungern, aber dafür kommt er nicht an den Galgen. Er wird hängen, weil ich es bestimmte. Meinetwegen.« Egwene legte eine Hand auf seinen Arm, aber Moiraine gestattete ihm kein Ablenkungsmanöver. »Ihr wißt, daß ich etwas anderes gemeint habe.« Er nickte. Diesmal wirkte sein erstarrtes Lächeln beängstigend. »Callandor. Mit ihm in der Hand kann ich alles vollbringen. Alles. Ich weiß das. Aber nun ist es, als sei ich ein schweres Gewicht auf den Schultern losgeworden. Das versteht Ihr nicht, oder?« Sie verstand es tatsächlich nicht, aber es ärgerte sie, daß er das bemerkte. So hielt sie den Mund und er fuhr fort: »Vielleicht hilft es, wenn ich Euch etwas aus den Prophezeiungen dazu sage: