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Mitten ins Herz stößt er sein Schwert, ins Herz hinein, und ihre Herzen bindet er. Wer zieht es hervor, wer folgt ihm nach? Wessen Hand greift nach der hehren Klinge?

Seht Ihr? Es steht alles in den Prophezeiungen.« »Ihr vergeßt etwas«, sagte sie ihm eindringlich. »Ihr habt Callandor zu Euch genommen, um die Prophezeiungen zu erfüllen. Die Abschirmung, die das Schwert dreitausend Jahre lang umgab und auf Euch wartete, ist weg. Es ist nicht mehr das Unberührbare Schwert. Ich könnte es selbst mit Hilfe der Macht befreien. Was noch schlimmer ist —einer der Verlorenen könnte das gleiche vollbringen. Was, wenn Lanfear wiederkehrt? Sie könnte Callandor genausowenig benützen wie ich, aber sie könnte es an sich nehmen.« Er reagierte nicht auf den Namen. Weil er sie nicht fürchtete — dann wäre er ein Narr — oder aus einem anderen Grund? »Falls Sammael oder Rahvin oder irgendein anderer männlicher Verlorener Callandor in die Hand bekommt, kann er es genauso benützen wie Ihr. Stellt Euch vor, was geschieht, wenn die Macht, die Ihr so einfach aufgebt, gegen Euch selbst angewandt wird! Stellt Euch diese Macht in den Händen des Schattens vor!« »Ich hoffe beinahe, daß sie es versuchen werden.« In seinen Augen glühte es bedrohlich; Gewitterwolken schienen in ihm aufzuziehen. »Es wartet eine Überraschung auf jeden, der versucht, Callandor mit Hilfe der Macht aus dem Stein zu ziehen, Moiraine. Denkt nicht erst daran, es zur Sicherheit in die Burg zu bringen. Ich kann keine Falle aufbauen, die den einen entwischen läßt und den anderen nicht. Die Macht löst die Falle aus und spannt sie später wieder. Ich gebe ja Callandor keineswegs für immer auf. Nur bis ich...« Er atmete tief durch. »Callandor bleibt hier, bis ich zurückkehre und es mir wieder hole. Dadurch, daß es sich hier befindet und sie daran erinnert, wer ich bin und was ich bin, stellt es sicher, daß ich ohne Heer wiederkommen kann. Eine Art von Zufluchtsort mit Leuten wie Alteima und Sunamon, um mich zu Hause willkommen zu heißen. Falls Alteima die Gerechtigkeit überlebt, die ihr Mann und Estanda walten lassen werden, und falls Sunamon die meine überlebt. Licht, was für ein ekelhaftes Durcheinander.« Konnte oder wollte er die Falle nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden lassen? Sie war entschlossen, seine Fähigkeiten nicht mehr zu unterschätzen. Callandor gehörte in die Burg, wenn er das Schwert nicht so benützen wollte, wie es sein sollte, und zwar so lange, bis er es brauchte. »Nur bis... « Was? Er hätte beinahe etwas anderes gesagt, als ›bis ich zurückkehre‹. Aber was?

»Und wo geht Ihr hin? Oder wollt Ihr das geheimhalten?« Sie schwor sich insgeheim, ihn nicht mehr entkommen zu lassen, ihn irgendwie umzustimmen, falls er zu den Zwei Flüssen wollte, doch dann überraschte er sie.

»Kein Geheimnis, Moiraine. Weder vor Euch, noch vor Egwene.« Er blickte Egwene an und sagte nur ein Wort: »Rhuidean.« Das Mädchen riß die Augen auf und schien derartig überrascht, als höre sie den Namen zum erstenmal. Doch was das betraf, war Moiraine kaum weniger überrascht. Unter den Aiel machte sich Gemurmel breit, aber als sie zurückblickte, schritten sie mit steinernen Gesichtern weiter. Sie hätte sie am liebsten weggeschickt, aber ihren Befehlen gehorchten sie nicht und sie wollte Rand nicht darum bitten. Es würde ihr nicht helfen, ihn um einen Gefallen zu bitten, vor allem, weil es gut sein konnte, daß er ablehnte.

»Ihr seid doch kein Clanhäuptling bei den Aiel, Rand«, sagte sie mit fester Stimme, »und müßt auch keiner werden. Euer Kampf findet auf dieser Seite der Drachenmauer statt. Außer... Ist das eine der Antworten, die Ihr im Ter'Angreal erhalten habt? Cairhien und Callandor und Rhuidean? Ich sagte Euch doch, daß diese Antworten möglicherweise verschlüsselt sind. Sie mißzuverstehen könnte fatale Folgen haben. Nicht nur für Euch.« »Ihr müßt mir eben vertrauen, Moiraine. Ich habe Euch so oft vertrauen müssen.« Sein Gesicht hätte ohne weiteres das eines Aiel sein können, so wenig Regung zeigte es.

»So werde ich Euch für den Augenblick vertrauen. Wartet aber nicht damit, meinen Rat zu suchen, bis es zu spät ist.« Ich werde Euch nicht dem Schatten überlassen. Ich habe schon zu lange daran gearbeitet, um das zu gestatten. Was auch sein muß, ich werde es unternehmen.

22

Aus dem Stein

Es war eine seltsame Prozession, die Rand da aus dem Stein nach Osten führte. Weiße Wolken verdeckten die Mittagssonne, und eine leichte Brise wehte über die Stadt. Auf seinen Befehl hin war der Abmarsch nicht öffentlich bekannt gegeben worden. Es hatte auch keine offizielle Proklamation gegeben, doch Gerüchte breiteten sich schnell aus. Die Bürger hielten in ihrer Arbeit inne und rannten zu den Punkten in der Stadt, von denen aus man die beste Sicht hatte. Die Aiel marschierten durch die Stadt und aus der Stadt hinaus. Menschen, die sie bei ihrer Ankunft nicht bemerkt hatten, die kaum glauben konnten, daß sie sich tatsächlich im Stein befanden, standen in immer größerer Zahl an den Straßen, an den Fenstern, kletterten auf die Ziegeldächer, saßen auf dem einen oder anderen Dachfirst und auf den Mauervorsprüngen von Häusern. Erstauntes Stimmengewirr erklang, wo man die Aiel zählte. Diese paar Hundert konnten doch unmöglich den Stein erobert haben! Das Drachenbanner flatterte immer noch über der Festung. Dort mußten sich bestimmt noch Tausende von Aiel befinden. Und der Lord Drache.

Rand ritt in Hemdsärmeln, sicher, daß ihn keiner der Umstehenden für jemanden Besonderes halten werde. Ein Ausländer, reich genug, um zu reiten — und das auf einem wunderbaren Apfelschimmelhengst von bester tairenischer Zucht —, ein reicher Mann also, der in sehr eigenartiger Gesellschaft ausritt, aber eben nicht mehr als das. Er war nicht einmal der Anführer dieser seltsamen Gruppe; dieser Rang stand sicherlich Lan oder Moiraine zu, obwohl sie ein wenig hinter ihm ritten, direkt vor den Aiel. Das beeindruckte Gemurmel, das seinen Ritt begleitete, wurde der Aiel wegen hinter ihm überall lauter, wo sie durchkamen. Es konnte sogar sein, daß diese Tairener ihn für einen Knappen hielten, der das Pferd seines Herrn ritt. Nun, das doch wohl nicht, da er ja ganz vorn ritt. Aber es war überhaupt ein schöner Tag. Nicht so drückend, sondern lediglich warm. Niemand erwartete von ihm, Gerechtigkeit zu üben oder einen Staat zu regieren. Er genoß einfach, als einer unter vielen mitreiten zu können, und er genoß die angenehme Brise. Eine Weile lang vergaß er sogar das leichte Brennen seiner Reiher-Brandzeichen auf den Handflächen, wenn sie sich am Zügel rieben. Noch ein bißchen länger, dachte er. Ein bißchen länger.

»Rand«, sagte Egwene, »glaubst du wirklich, es war gut, die Aiel all jene Dinge mitnehmen zu lassen?« Er blickte zurück, als sie ihre graue Stute an seine Seite trieb. Von irgendwoher hatte sie sich ein dunkelgrünes Kleid mit einem engen Hosenrock besorgt, und ein grünes Samtband hielt ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Moiraine und Lan ritten ein Dutzend Schritt hinter ihnen, sie auf ihrer weißen Stute, in ein langes, blauseidenes Reitkleid gehüllt, das einen grünen Schrägstreifen aufwies, das dunkle Haar in einem goldenen Netz gefangen, und er auf seinem mächtigen schwarzen Streitroß, angetan mit dem farbverändernden Umhang eines Behüters, der ihm möglicherweise genauso viele Ooohs und Aaahs einbrachte wie den Aiel. Als der Umhang im Wind flatterte, flossen Grün und Braun und Grau darüber hinweg. Wenn er unbeweglich herunterhing, paßte er seine Farbe irgendwie dem an, was sich jeweils dahinter befand, so daß dem Auge vorgegaukelt wurde, es könne durch Lan und sein Reittier hindurchblicken. Es war unangenehm hinzusehen.