Moiraine schnaubte, und ihre weiße Stute Aldieb tänzelte nervös ein paar Schritte weiter. Sie spürte die Nervosität ihrer Reiterin. »Eine angebliche Geschichte, die ein angeblicher Händler angeblich erzählte, und die von einer goldenen Stadt berichtete, die in den Wolken schwebte. Hat Rhuarc diesen Portalstein jemals gesehen? Er war doch wirklich in Rhuidean. Und selbst wenn dieser Händler tatsächlich in die Wüste zog und einen Portalstein sah, kann das ja wohl überall gewesen sein. Ein Mann, der seine Geschichte erzählt, schmückt sie gewöhnlich reichlich aus. Eine Stadt, die in den Wolken schwebte?« »Woher wißt Ihr, daß es sie nicht gibt?« fragte er. Rhuarc hatte über all die falschen Einzelheiten gelacht, von denen Milo berichtete, aber er hatte nichts über Rhuidean sagen wollen. Der Aielmann hatte sich sogar geweigert, Teile des Buchs zu beurteilen, in denen es angeblich um Rhuidean ging. ›Rhuidean im Lande der Jenn Aiel, des Clans, den es nicht gibt‹, und das war dann schon so ziemlich alles, was Rhuarc dazu zu sagen hatte. Über Rhuidean sprach man nicht.
Der Aes Sedai paßte seine leichthin gesprochene Bemerkung gar nicht, doch das war ihm gleich. Sie hatte schon zu viele Geheimnisse für sich behalten und ihn gezwungen, ihr blind zu vertrauen und zu folgen. Jetzt war sie an der Reihe. Sie mußte lernen, daß er keine Marionette war. Ich akzeptiere ihren Rat, wenn ich ihn für richtig halte, aber ich tanze nicht mehr nach der Pfeife Tar Valons. Er würde nach eigener Fasson sterben.
Egwene trieb ihr graues Pferd näher an seines heran, bis sie beinahe Knie an Knie mit ihm ritt. »Rand, willst du wirklich unsere Leben riskieren, dieser... dieser Möglichkeit wegen? Rhuarc hat dir nichts erzählt, oder? Wenn ich Aviendha nach Rhuidean frage, macht sie den Mund zu, und es ist nichts mehr aus ihr herauszubringen.« Mat sah aus, als sei ihm schlecht.
Rand verzog das Gesicht nicht und ließ sich nichts von seiner augenblicklichen Scham anmerken. Er hatte seine Freunde nicht ängstigen wollen. »Es gibt dort einen Portalstein«, beharrte er. Er rieb erneut über den harten Umriß in seinem Beutel. Es mußte funktionieren.
Die Landkarten des Bibliothekars waren alt gewesen, aber auf gewisse Weise war das hilfreich. Als man diese Karten zeichnete, waren auf dem Steppenland, das sie durchritten, Wälder gewachsen, aber heute waren nur wenige Bäume übrig, weit verstreute und zerzauste Grüppchen von weißen Eichen und Kiefern und Jungfernhaar, und hohe, einzelnstehende Bäume, die er nicht kannte, mit dünnen, verkrüppelt wirkenden Stämmen. Er konnte die Form des Landes gut ausmachen. Die Hügel wurden jetzt von dem hohen Gras kaum noch verborgen.
Auf den Landkarten hatten zwei gekrümmte Bergrücken, einer knapp hinter dem anderen, auf eine Gruppe runder Hügel gezeigt, wo sich der Portalstein befand. Falls die Karten genau waren. Falls der Bibliothekar wirklich nach seinen Beschreibungen die Portalsteine erkannt hatte, und falls das Zeichen des grünen Diamanten wirklich uralte Ruinen bedeutete, wie er behauptet hatte. Warum sollte er lügen? Ich bin viel zu mißtrauisch. Nein. Ich muß schon mißtrauisch sein. So vertrauensvoll und kalt wie eine Viper. Es paßte ihm aber gar nicht.
Im Norden konnte er gerade noch völlig von Bäumen freie Hügel erkennen, auf denen sich Umrisse bewegten. Das mußten Pferde sein. Die Herden der Hochlords, die dort auf dem Gebiet des früheren Ogierhains grasten. Er hoffte, daß Perrin und Loial sicher davongekommen waren. Hilf ihnen, Perrin, dachte er. Hilf ihnen irgendwie, denn ich kann es nicht.
Der Ogierhain bedeutete, daß die gekrümmt verlaufenden Bergrücken nahe sein mußten, und bald entdeckte er sie auch ein wenig weiter südlich, wie zwei Pfeile, einer innerhalb des anderen, mit ein paar Bäumen obenauf, die eine dünne Linie am Horizont zogen. Dahinter sah er eine Gruppe von niedrigen, runden Hügeln, die sich gegenseitig verdeckten. Mehr Hügel als auf der alten Karte. Zu viele, denn die ganze Fläche umschloß weniger als eine Quadratmeile. Wenn sie nicht mit der Karte übereinstimmten — auf welchem stand dann der Portalstein?
»Es sind doch viele Aiel dabei«, sagte Lan ruhig, »und sie haben scharfe Augen.« Mit einem dankbaren Nicken zog Rand an Jeade'ens Zügeln und ließ sich zurückfallen, um das Problem mit Rhuarc durchzusprechen. Er beschrieb ihm lediglich den Portalstein, ohne zu sagen, worum es sich handelte, denn dazu war noch genug Zeit, wenn sie ihn einmal gefunden hatten. Er konnte Geheimnisse mittlerweile gut für sich behalten. Rhuarc hatte wahrscheinlich sowieso keine Ahnung, was ein Portalstein war. Das wußten nur wenige außer den Aes Sedai. Er hatte auch nichts davon gewußt, bis es ihm jemand erklärt hatte.
Als er neben dem Apfelschimmelhengst herschritt, runzelte der Aielmann leicht die Stirn. Bei den meisten Männern wäre daraus eine besorgte Miene geworden, doch er zeigte ansonsten keine Regung und nickte bloß. »Wir können dieses Ding finden.« Er erhob seine Stimme. »Aehtan Dor! Far Aldazar Din! Duadhe Mahdi'in! Far Dareis Mai! Seia Doon! Sha'mad Conde!«
Als er sie so rief, traten Mitglieder dieser Kriegergemeinschaften vor, bis ein gutes Viertel der Aiel ihn und Rand umstand. Rote Schilde. Brüder der Adler. Wassersucher. Töchter des Speers. Schwarzaugen. Donnergänger.
Rand suchte nach Egwenes Freundin Aviendha, einer großen, hübschen Frau mit einem verschleierten Blick, die selten lächelte. Töchter hatten seine Tür bewacht, aber er glaubte nicht, daß er sie schon einmal gesehen habe, bevor sich die Aiel versammelten, um den Stein zu verlassen. Sie erwiderte seinen Blick, stolz wie ein grünäugiger Habicht, doch dann warf sie den Kopf hoch und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Clanhäuptling zu.
Nun, ich wollte ja wieder ein ganz gewöhnlicher Mensch sein, dachte er mit einem Anflug von Reue. Dieses Gefühl gaben ihm die Aiel. Selbst dem Clanhäuptling brachten sie nur respektvolles Zuhören dar und nichts von der ausgefeilten Unterwürfigkeit, die ein Lord von seinen Untergebenen verlangt hätte. Ihr Gehorsam war der von Gleichgestellten. Er konnte sich selbst gegenüber kaum mehr erwarten.
Rhuarc gab mit wenigen Worten seine Anweisungen, und die lauschenden Aiel schwärmten nacheinander zu dieser Hügelgruppe aus. Sie liefen mit leichten Schritten. Ein paar zogen ihre Schleier vor die Gesichter für den Fall der Fälle. Der Rest wartete, stand herum oder hockte sich neben die beladenen Maulesel.
Sie repräsentierten beinahe jeden der Clans, außer natürlich den der Jenn Aiel. Rand wurde nicht schlau daraus, ob die Jenn nun wirklich existierten oder nicht. Beides konnte der Fall sein, da die Aiel sie gelegentlich, wenn auch nicht häufig, erwähnten. Es waren hier sogar Clans vertreten, die Blutfehden miteinander austrugen, und andere, die sich oft gegenseitig bekämpften. Soviel hatte er über sie erfahren. Nicht zum erstenmal fragte er sich, was sie bisher zusammengehalten hatte. Hatte es lediglich mit ihren Prophezeiungen vom Fall des Steins zu tun und ihrer Suche nach dem, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt?
»Mehr als das«, sagte Rhuarc, und Rand wurde bewußt, daß er seine Frage laut ausgesprochen hatte. »Die Prophezeiung brachte uns über die Drachenmauer, und der Name, den man nicht ausspricht, lockte uns zum Stein von Tear.« Der Name, den er meinte, war ›Das Volk des Drachen‹, eine geheime Bezeichnung für die Aiel. Nur Clanhäuptlinge und Weise Frauen kannten sie und gebrauchten sie selten und ausschließlich untereinander. »Was den Rest angeht? Nun, natürlich darf keiner das Blut eines anderen aus der gleichen Gemeinschaft vergießen, aber Shaarad und Goshien, Taardad und Nakai und Shaido miteinander zu vermischen... Selbst ich hätte vielleicht den Tanz der Speere mit den Shaido getanzt, wenn nicht die Weisen Frauen jeden einen Wassereid hätten schwören lassen, der die Drachenmauer überquert, daß er auf dieser Seite der Berge alle anderen Aiel wie einen Bruder oder eine Schwester aus der gleichen Gemeinschaft behandeln werde. Selbst die hinterhältigen Shaido... « Er zuckte leicht die Achseln. »Seht Ihr? Es ist nicht leicht, nicht einmal für mich.« »Diese Shaido sind Eure Feinde?« Rand stolperte etwas über den Namen. Im Stein hatte man die Aiel nur nach Gemeinschaften aufgeteilt und nicht nach Clans.