»Wir haben Blutfehden vermieden«, sagte Rhuarc, »aber die Taardad und die Shaido haben sich noch niemals freundlich gegenübergestanden. Die Septimen überfallen sich manchmal gegenseitig und stehlen Ziegen oder Rinder. Aber die Eide haben uns alle zurückgehalten, trotz dreier Blutfehden und einem Dutzend alter Gründe, aus denen sich die Clans oder Septimen gegenseitig hassen. Und nun hilft es uns, daß wir in Richtung Rhuidean ziehen, obwohl uns einige schon früher verlassen werden. Niemand darf das Blut eines Aiel vergießen, der nach Rhuidean zieht oder von dort her kommt.« Der Aielmann blickte mit völlig ausdruckslosem Gesicht zu Rand auf. »Vielleicht wird bald keiner von uns mehr das Blut des anderen vergießen.« Es war unmöglich, festzustellen, ob er diese Aussicht als angenehm betrachtete oder nicht.
Eine der Töchter des Speers stand auf einem Hügel, winkte mit beiden Armen und stieß eine Art klagendes Heulen aus, das weithin hallte.
»Sie haben Eure Steinsäule gefunden, wie es scheint«, sagte Rhuarc. Moiraine straffte ihre Zügel und sah Rand ruhig an, als der an ihr vorbeiritt und Jeade'en mit den Fersen zum Galopp antrieb. Egwene lenkte ihre Stute zu Mat hin, beugte sich aus dem Sattel, ergriff mit einer Hand Mats Sattelhorn und unterhielt sich leise mit ihm. Sie schien sich zu bemühen, ihn dazu zu bringen, daß er ihr etwas verriet oder etwas zugab, und seinen Gesten nach war Mat entweder vollkommen unschuldig, oder er log wie gedruckt.
Rand sprang aus dem Sattel und kletterte hastig den sanften Abhang hinauf, um nachzusehen, was die Tochter —es war übrigens Aviendha — halb im Boden versunken und von dem hohen Gras verdeckt aufgefunden hatte. Es war eine verwitterte, graue Steinsäule, mindestens drei Spannen lang und einen Schritt dick. Fremdartige Symbole bedeckten jeden freiliegenden Fleck, immer umgeben von einer schmalen Reihe von Zeichen, die er für Schrift hielt. Doch hätte er auch die Sprache verstanden, falls es eine war, dann war doch die Schrift, sofern es Schrift war, bis zur Unleserlichkeit verwittert. Die Symbole konnte er ein wenig besser ausmachen. Zumindest einige davon; viele konnten auch durch Regen und Wind in den Stein gegraben worden sein.
Er riß büschelweise Gras aus, um besser sehen zu können, und blickte zu Aviendha auf. Sie hatte die Schufa um ihre Schultern gelegt, das kurzgeschnittene rötliche Haar entblößt und betrachtete ihn mit einem harten Gesichtsausdruck. »Ihr mögt mich nicht«, sagte er. »Warum?« Er mußte ein bestimmtes Zeichen finden, das einzige, das er kannte.
»Euch mögen?« fragte sie. »Ihr seid wahrscheinlich der, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, ein Mann des Schicksals. Wer könnte Euresgleichen mögen oder nicht? Außerdem seid Ihr frei, trotz Eures Gesichts ein Feuchtländer und geht doch der Ehre wegen nach Rhuidean, während ich... « »Während Ihr was?« wollte er wissen, als sie schwieg. Er suchte an der Säule entlang und schob sich so langsam den Hang hinauf. Wo befand es sich? Zwei parallele Wellenlinien, die von einem eigenartigen Schnörkel geschnitten wurden. Licht, wenn es unter der Erde liegt, brauchen wir vielleicht Stunden, um sie herumzuwuchten. Plötzlich lachte er. Keine Stunden. Er konnte die Macht benützen und dieses Ding damit hochheben. Oder Moiraine oder Egwene konnten das besorgen. Ein Portalstein widerstand vielleicht Bemühungen, ihn wegzuschaffen, aber so weit konnte man ihn bestimmt bewegen. Doch die Macht würde ihm nicht helfen, die Wellenlinien zu finden. Er konnte das nur erreichen, wenn er den Stein entlangtastete.
Statt einer Antwort hockte sich die Aielfrau nieder und legte den Kurzspeer über ihre Knie. »Ihr habt Elayne schlecht behandelt. Es wäre mir ja gleich, aber Elayne ist beinahe eine Schwester für Egwene, die wiederum meine Freundin ist. Doch Egwene mag Euch immer noch, also will ich es ihr zuliebe versuchen.« Er suchte weiter die dicke Säule ab und schüttelte dabei den Kopf. Wieder Elayne. Manchmal glaubte er, alle Frauen gehörten einer Gilde an, so wie die Handwerker in der Stadt. Mache bei einer einen falschen Schritt, und die nächsten zehn, die du triffst, wissen Bescheid und mißbilligen deine Handlung.
Seine Finger hielten inne und kehrten zu dem Fleck zurück, den er gerade untersucht hatte. Der Stein war so verwittert, daß er fast nichts feststellen konnte, und doch war er sicher, es handle sich um die Wellenlinien. Sie waren das Symbol für einen Portalstein auf der TomanHalbinsel und nicht in der Wüste, doch sie befanden sich genau an der Basis des Dings, als das noch aufrecht gestanden hatte. Die Symbole an der Spitze hatten für Welten gestanden, die ganz unten für Portalsteine. Wenn er ein Symbol von oben und eines von unten benützte, konnte er wahrscheinlich zu einem bestimmten Portalstein auf einer bestimmten Welt reisen. Wenn er nur eines von unten benützte, konnte er den entsprechenden Portalstein in dieser Welt erreichen. Zum Beispiel den in der Nähe von Rhuidean. Falls er dessen Zeichen kannte. Jetzt brauchte er Glück. Jetzt mußte sich die Formkraft des TaVeren auf das Schicksal bewähren.
Eine Hand faßte über seine Schulter, und Rhuarc sagte mit zögernder Stimme: »Die zwei werden in alten Schriften immer für Rhuidean benützt. Vor langer Zeit hat man noch nicht einmal den Namen geschrieben.« Er fuhr zwei Dreiecke nach, die jeweils etwas wie gespaltene Blitze einschlossen. Der eine zeigte nach links, der andere nach rechts.
»Wißt Ihr, was das hier ist?« fragte Rand. Der Aielmann wandte den Kopf ab. »Seng mich, Rhuarc, ich muß das wissen. Ich weiß, daß Ihr nicht darüber sprechen wollt, aber ihr müßt es mir sagen. Los schon, Rhuarc. Habt Ihr so etwas jemals schon gesehen?« Der andere Mann atmete tief durch, bevor er schließlich antwortete: »Ich habe das gleiche schon einmal gesehen.« Jedes Wort kam, als müsse er es herauszwingen. »Wenn ein Mann nach Rhuidean geht, dann warten Weise Frauen und Clanmitglieder am Abhang des Chaendaer in der Nähe eines Steines wie diesem hier.« Aviendha stand auf und schritt steif davon. Rhuarc blickte ihr nach und runzelte die Stirn. »Mehr weiß ich nicht darüber, Rand al'Thor. Falls doch, soll ich nie wieder Schatten finden.« Rand fuhr die unlesbare Schrift, die beide Dreiecke umgab, mit der Fingerspitze nach. Welches von beiden? Nur eines würde ihn dorthin bringen, wo er hinwollte. Das zweite brachte ihn womöglich auf die andere Seite der Welt oder zum Grund des Ozeans.
Der Rest der Aiel hatte sich mit ihren Packeseln am Fuß des Hügels versammelt. Moiraine und die anderen stiegen nun ab und kamen den sanft geneigten Abhang hoch, die Pferde am Zügel hinter sich. Mat hielt neben denen seines braunen Wallachs auch die von Jeade'en und hielt den Hengst möglichst weit entfernt von Lans Mandarb. Die beiden Hengste beäugten einander wild, jetzt, da sie ihre Reiter los waren.
»Du weißt wirklich nicht, was du da tust, oder?« protestierte Egwene. »Moiraine, haltet ihn doch zurück. Wir können auch nach Rhuidean reiten. Warum laßt Ihr ihn weitermachen? Warum sagt Ihr nichts?« »Was würdet Ihr denn vorschlagen, das ich tun soll?« fragte die Aes Sedai trocken. »Ich kann ihn wohl kaum am Ohr packen und wegziehen. Es könnte sein, daß wir nun bald erleben werden, wie nützlich das Träumen wirklich ist.« »Träumen?« fragte Egwene in scharfem Ton. »Was hat das Träumen mit dem hier zu tun?« »Würdet Ihr beiden bitte ruhig sein?« Rand gab sich Mühe, die Worte geduldig klingen zu lassen. »Ich versuche, mich zu entscheiden.« Egwene starrte ihn verärgert an, während Moiraine überhaupt keine Gefühlsregung zeigte. Doch sie sah konzentriert zu.
»Müssen wir es wirklich so machen?« fragte Mat noch einmal. »Was hast du gegen das Reiten?« Rand sah ihn nur an und darauf zuckte er bedrückt die Achseln. »Ach, seng mich. Wenn du versuchst, dich zu entscheiden...« Er nahm die Zügel beider Pferde in die eine Hand und holte mit der anderen eine Münze aus der Manteltasche, eine Goldmark aus Tar Valon. Er seufzte: »Es ist natürlich die gleiche Münze. Wie könnte es auch anders sein.« Er ließ die Münze über seine Fingerrücken rollen. »Ich... ich habe manchmal Glück, Rand. Laß mein Glück entscheiden. Kopf — das Dreieck, das auf deine rechte Seite zeigt. Flamme — die andere Richtung. Was meinst du?« »Das ist doch einfach lächerlich«, begann Egwene, doch Moiraine brachte sie durch eine kurze Berührung ihres Arms zum Schweigen.