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»Er hatte recht«, murmelte sie leise. »Eine Stadt in Wolken.« Mat umklammerte seine Zügel und sah sich mit großen Augen um. »Wir haben es geschafft!« Er lachte sie an. »Egwene, wir haben es geschafft! Und das ohne... Seng mich, wir sind wirklich da!« Er zog sich die Schnüre am Hemdkragen auf. »Licht, ist das heiß. Seng mich, wenn's nicht stimmt!« Mit einemmal wurde ihr bewußt, daß Rand auf Knien lag und sich mit einer Hand am Boden aufstützte. Sie zog ihre Stute hinter sich her und schob sich durch die Menge der Aiel. Im gleichen Moment war auch Lan bei ihm und half ihm auf die Beine. Auch Moiraine war da und musterte ihn offensichtlich ganz gelassen. Nur die leicht zusammengekniffenen Lippen deuteten ihre innere Anspannung an.

»Ich hab's tatsächlich geschafft!« schnaufte Rand und blickte sich um. Nur der Behüter hielt ihn noch auf den Beinen. Sein Gesicht wirkte erschöpft und ausgezehrt, wie das eines Mannes auf dem Totenbett.

»Es hat Euch viel Kraft gekostet«, sagte Moiraine kühl. Sehr kühl. »Der Angreal war nicht stark genug für diese Aufgabe. So etwas dürft Ihr nicht wieder unternehmen. Wenn Ihr ein Risiko eingeht, muß das genau durchdacht sein und einem wirklich herausragenden Zweck dienen. Anders geht es nicht.« »Ich gehe kein Risiko ein, Moiraine. Mat ist derjenige, der das tut.« Rand zwang sich dazu, die rechte Hand zu öffnen. Der Angreal, der fette, kleine Mann, hatte die Spitze seines Schwerts in seine Handfläche getrieben, gleich neben den eingebrannten Reiher. »Vielleicht habt Ihr recht. Vielleicht hätte ich einen etwas stärkeren gebraucht. Ein klein wenig...« Er lachte gequält. »Es hat aber funktioniert, Moiraine. Das ist das Wichtigste. Ich habe einen Vorsprung vor allen anderen gewonnen. Es ist gelungen.« »Nur das spielt eine Rolle«, sagte Lan mit einem Kopfnicken.

Egwene gab einen empörten Laut von sich. Männer. Der eine brachte sich beinahe um und versuchte hinterher, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen, und ein anderer bestätigte ihm, er habe das Richtige getan. Wurden sie denn niemals erwachsen?

»Die Erschöpfung nach dem Gebrauch der Macht unterscheidet sich von anderen Erschöpfungszuständen«, sagte Moiraine. »Ich kann Euch nicht ganz davon befreien, nicht nach einer solchen Anstrengung, aber ich werde mein Bestes tun. Vielleicht wird Euch das, was übrigbleibt, daran erinnern, daß Ihr beim nächstenmal etwas vorsichtiger sein müßt!« Sie war wirklich zornig. Und doch war ihre Befriedigung nicht zu überhören.

Das Glühen Saidars umgab die Aes Sedai, als sie die Hände hob und Rands Kopf umfaßte. Er schauderte und keuchte auf. Dann zitterte er unkontrolliert, riß sich aus ihren Händen los und befreite sich auch aus Lans Griff.

»Fragt mich zuerst, Moiraine«, sagte Rand kalt. Er steckte den Angreal zurück in seine Gürteltasche. »Fragt mich nächstens bitte erst! Ich bin nicht Euer Schoßhündchen, mit dem Ihr machen könnt, was und wann Ihr wollt.« Er rieb seine Hände aneinander, um ein wenig Blut davon zu entfernen.

Egwene gab noch einmal dieses Zischen von sich. Kindisch und in höchstem Maße undankbar fand sie Rands Reaktion. Mittlerweile konnte er sich allein auf den Beinen halten, aber seine Augen wirkten noch immer müde. Sie mußte seine Handfläche nicht erst ansehen, um zu wissen, daß der kleine Stich verschwunden war, als habe es ihn nie gegeben. Absolut undankbar. Überraschenderweise schalt ihn Lan gar nicht, weil er so zu Moiraine gesprochen hatte.

Nun wurde ihr bewußt, daß die Aiel sich ganz leise verhielten, seit sie die Maulesel unter Kontrolle gebracht hatten. Sie blickten mißtrauisch nach draußen, nicht hinunter ins Tal oder zu der in Nebel gehüllten Stadt, die wohl Rhuidean sein mußte, sondern zu den zwei Lagern, die sich zu beiden Seiten, jeweils vielleicht eine halbe Meile entfernt, befanden. Die beiden Gruppen von niedrigen, an der Seite offenen Zelten, von denen die eine etwa doppelt so groß war wie die andere, klebten förmlich am Berghang und waren nur schwer auszumachen, doch die graubraun gekleideten Aiel darin mit ihren Kurzspeeren und bespannten, schußbereiten Hornbögen konnte man gut sehen. Sie verschleierten sich gerade, soweit sie es nicht schon waren. Angriffsbereit standen sie trotzdem locker und entspannt da.

»Der Friede Rhuideans!« rief eine Frauenstimme von weiter oben her, und Egwene spürte, wie die Anspannung der Aiel in ihrer Umgebung sich löste. Die zwischen den Zelten lösten ihre Schleier wieder, obwohl sie noch immer mißtrauisch herüberspähten.

Jetzt wurde sie auch eines weiteren, wenn auch viel kleineren Lagers hoch droben am Hang gewahr. Dort standen ein paar der niedrigen Zelte auf einem winzigen, ebenen Vorsprung. Vier Frauen schritten von diesem Lager aus den Hang herab, ernst und würdevoll in der Bewegung und angetan mit dunklen, weiten Röcken und lose hängenden weißen Blusen. Um die Schultern trugen sie trotz der Hitze jeweils eine braune oder graue Stola und Halsketten sowie Armreife aus Gold und Elfenbein. Zwei der Frauen hatten weißes Haar, während das einer weiteren golden wie die Sonne war. Sie alle trugen es lang, bis zur Hüfte hinunterfließend und nur von um die Stirn geschlungenen, gefalteten Tüchern zurückgehalten.

Egwene erkannte die eine der beiden weißhaarigen Frauen: Amys, die Weise Frau, die sie in Tel'aran'rhiod kennengelernt hatte. Wieder wurde ihr der Kontrast zwischen dem sonnengebräunten Gesicht und dem schneeweißen Haar bei Amys deutlich bewußt; die Weise Frau wirkte einfach nicht alt genug. Die zweite Weißhaarige hatte ein faltiges, großmütterliches Gesicht, und eine weitere, ihr Haar war dunkel und mit Grau durchsetzt, schien etwa gleich alt. Sie war sich sicher, daß alle vier Weise Frauen waren, wahrscheinlich dieselben, die den Brief an Moiraine unterzeichnet hatten.

Die Aielfrauen blieben zehn Schritt oberhalb der Versammlung um den Portalstein stehen, und die großmütterliche Frau breitete die Arme aus. Sie sprach mit alter, doch immer noch kräftiger Stimme: »Der Friede von Rhuidean sei mit Euch. Wer zum Chaendaer kommt, soll in Frieden in seine Festung zurückkehren. Es wird kein Blut vergossen werden.« Damit begannen die Aiel aus Tear, sich voneinander zu lösen und schnell die Packtiere und den Inhalt ihrer Tragekörbe untereinander aufzuteilen. Diesmal ging es nicht mehr nach Kriegergemeinschaften. Egwene sah bei mehreren Gruppen Töchter des Speers. Ein paar dieser Gruppen gingen sofort los und mieden dabei sowohl die anderen wie auch die Lager, Friede von Rhuidean oder nicht. Andere gingen auf das eine oder das andere der beiden großen Lager zu, wo man nun endlich auch die Waffen ablegte.

Nicht jeder war sich des Friedens von Rhuidean so sicher gewesen. Lan ließ nun den Griff seines Schwerts los, das aber immer noch in der Scheide steckte. Egwene hatte gar nicht bemerkt, wie er es gepackt hatte. Mat steckte schnell ein paar Messer in seine Ärmel zurück. Rand stand da und hatte die Daumen in den Gürtel eingehakt, doch in seinen Augen stand deutlich die Erleichterung.

Egwene sah sich nach Aviendha um, damit sie ihr ein paar Fragen stellen konnte, bevor sie mit Amys sprach. Hier, in ihrem eigenen Land, würde die Aielfrau wohl ein wenig offener von den Weisen Frauen erzählen. Sie entdeckte die Tochter des Speers, die einen großen Jutesack trug, in dem es hörbar klapperte. Über die Schulter hatte sie sich zwei eingerollte Wandbehänge gelegt, und sie ging mit schnellen Schritten auf eines der großen Lager zu.