Amys beschäftigte sich bereits mit einem anderen Thema. »Es ist jemand mit dir gekommen, Rhuarc«, begann sie. Egwene erwartete, daß die Frau mit ihr sprechen wolle, doch Amys blickte Rand an. Moiraine war offensichtlich davon keineswegs überrascht. Egwene fragte sich, was noch alles in dem Brief der vier Weisen Frauen an Moiraine gestanden hatte, worüber die Aes Sedai ihnen nicht berichtet hatte.
Rand wirkte einen Augenblick lang wie betäubt, zögerte, aber dann schritt er den Hang hinauf und stellte sich neben Rhuarc, genau auf Augenhöhe der Frauen. Der Schweiß ließ sein weißes Hemd am Körper festkleben, und auch an seinen Hosen waren dunkle Schweißflecken zu sehen. Mit dem zusammengedrehten weißen Schal um den Kopf wirkte er keineswegs so beeindruckend wie damals im Herzen des Steins. Er verbeugte sich ein wenig eigenartig, den linken Fuß nach vorn gesetzt und die linke Hand auf dem Knie, während die Rechte mit der Handfläche nach oben ausgestreckt war. »Mit dem Recht des Blutes«, sagte er, »bitte ich um Erlaubnis, Rhuidean betreten zu dürfen, zur Ehre unserer Vorfahren und in Erinnerung an das, was einmal war.« Amys zwinkerte vor Überraschung, und Bair murmelte: »Eine uralte Art, um Erlaubnis zu bitten, doch die Frage wurde gestellt. Meine Antwort lautet: ja.« »Ich stimme ebenfalls mit ja, Bair«, sagte Amys. »Seana?« »Dieser Mann ist kein Aiel«, warf Couladin zornig ein. Egwene hatte den Verdacht, daß er sich ständig über irgend etwas aufrege. »Es bedeutet den Tod für ihn, sich überhaupt hier aufzuhalten! Warum hat ihn Rhuarc mitgebracht? Warum...?« »Möchtest du eine Weise Frau werden, Couladin?« fragte Bair, auf deren Stirn sich strenge Falten zeigten. »Zieh ein Kleid an und komm mit, dann werde ich feststellen, ob man dich dazu ausbilden kann. Bis dahin allerdings schweig still, wenn eine Weise Frau spricht!« »Meine Mutter war eine Aiel«, stieß Rand hervor.
Egwene starrte ihn an. Kari al'Thor war gestorben, als Egwene noch kaum die Wiege verlassen hatte, aber wenn Tams Frau eine Aiel gewesen wäre, hätte sie das sicherlich erfahren. Sie blickte Moiraine an, aber die Aes Sedai sah ruhig und mit entspannter Miene zu. Rand sah wirklich wie ein Aielmann aus, bei seiner Größe, den graublauen Augen und dem rötlichen Haar, aber das war doch lächerlich!
»Eure Mutter nicht«, sagte Amys bedächtig. »Euer Vater.« Egwene schüttelte den Kopf. Das grenzte nun wirklich an Wahnsinn. Rand öffnete den Mund, doch Amys ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Seana, was meinst du?« »Ja«, sagte die Frau mit dem graumelierten Haar. »Melaine?« Die letzte der vier, eine gutaussehende Frau mit rotgoldenem Haar, nicht mehr als zehn oder fünfzehn Jahre älter als Egwene, zögerte noch. »Es muß vollbracht werden«, sagte sie schließlich, wenn auch unwillig. »Ich antworte ebenfalls mit ja.« »Euch ist eine Antwort zuteil geworden«, sagte Amys zu Rand. »Ihr dürft Rhuidean betreten und... « Sie unterbrach sich, als Mat heraufkletterte und ungeschickt Rands Verbeugung imitierte.
»Auch ich bitte darum, Rhuidean betreten zu dürfen«, sagte er unsicher.
Die vier Weisen Frauen sahen ihn an. Rand riß überrascht den Kopf herum. Egwene glaubte, niemand könne überraschter sein als sie, doch Couladin strafte sie Lügen. Knurrend hob er einen seiner Speere und stach in Richtung auf Mats Brust.
Das Glühen Saidars umgab Amys und Melaine. Stränge aus dem Element Luft packten den Mann mit dem Flammenhaar und schleuderten ihn ein Dutzend Schritt zurück.
Egwene starrte die Szenerie mit weit aufgerissenen Augen an. Sie konnten die Macht gebrauchen. Oder zumindest zwei von ihnen. Mit einemmal erkannte sie die jugendlich glatten Gesichtszüge von Amys als ein Äquivalent zu der alterslosen Glätte der Aes-Sedai-Gesichter. Moiraine verhielt sich absolut still. Egwene konnte erkennen, wie sie angestrengt nachdachte. Offensichtlich war die Überraschung der Aes Sedai genauso groß wie die ihre.
Couladin rappelte sich hoch und blieb geduckt stehen. »Ihr akzeptiert diesen Ausländer als einen von uns«, keuchte er und zeigte mit dem Speer auf Rand, mit dem er Mat hatte töten wollen. »Wenn Ihr so entscheidet, dann sei es. Er ist trotzdem ein weicher Feuchtländer und Rhuidean wird ihn umbringen.« Der Speer deutete wieder auf Mat, der sich bemühte, unbemerkt ein Messer in seinen Ärmel zurückzustecken. »Aber er... es bedeutet den Tod für ihn, sich hier aufzuhalten, und es ist für ihn ein Sakrileg, überhaupt um die Erlaubnis zu bitten, Rhuidean zu betreten! Niemand außer denen vom Blute dürfen Rhuidean betreten! Niemand!« »Geh zurück zu deinen Zelten, Couladin«, sagte Melaine kalt. »Und auch du, Heirn. Du auch, Rhuarc. Das ist die Angelegenheit von Weisen Frauen und nicht von Männern, außer natürlich denjenigen, die um Erlaubnis gebeten haben. Geht!« Rhuarc und Heirn nickten und schritten auf die kleinere Gruppe von Zelten zu. Sie unterhielten sich dabei. Couladin funkelte Rand und Mat an, warf den Weisen Frauen einen bösen Blick zu, und dann drehte er sich steif um und stolzierte auf das größere Lager zu.
Die Weisen Frauen tauschten Blicke. Besorgte Blicke, wie Egwene festzustellen glaubte, obwohl sie es genausogut wie die Aes Sedai beherrschten, ihre Gefühle für sich zu behalten.
»Es ist nicht gestattet«, sagte Amys schließlich. »Junger Mann, Ihr wißt nicht, was Ihr getan habt. Geht mit den anderen zurück.« Ihr Blick streifte Egwene, Moiraine und Lan, die nun allein mit ihren Pferden am Zügel in der Nähe des verwitterten Portalsteins standen. Egwene bemerkte in diesem Blick kein Wiedererkennen.
»Ich kann nicht.« In Mats Stimme klang Verzweiflung mit. »Ich bin schon soweit gekommen, aber das zählt hier nicht, oder? Ich muß nach Rhuidean.« »Es ist nicht gestattet«, sagte Melaine in scharfem Tonfall. Ihr langes, rotgoldenes Haar schwang herum, als sie den Kopf schüttelte. »Ihr habt kein Aielblut in den Adern.« Rand hatte die ganze Zeit über Mat aufmerksam angesehen. »Er kommt mit mir«, sagte er plötzlich. »Ihr habt mir die Erlaubnis gegeben, und er kann mit mir kommen, ob Ihr es nun genehmigt oder nicht.« Er blickte die Weisen Frauen wohl nicht trotzig, aber dennoch entschlossen an. Er hatte diese Frage entschieden Egwene kannte das bei ihm; er würde keinen Deut davon abweichen, mochten sie sagen, was sie wollten.
»Es ist nicht gestattet«, sagte Melaine entschieden, wobei sie ihre Schwestern ansprach. Sie zog die Stola hoch und bedeckte ihren Kopf. »Das Gesetz ist ganz klar. Keine Frau darf mehr als zweimal nach Rhuidean gehen und kein Mann mehr als einmal, und niemals jemand, der kein Aielblut in den Adern hat.« Seana schüttelte den Kopf. »Es ändert sich so viel, Melaine. Die alten Sitten... « »Wenn er derjenige ist«, sagte Bair, »dann ist die Zeit der Änderungen über uns gekommen. Aes Sedai stehen auf dem Chaendaer und mit ihnen Aan'allein in seinem farbverändernden Umhang. Können wir uns immer noch stur an die alten Sitten halten? Obwohl wir wissen, wieviel sich nun ändern wird?« »Das können wir nicht«, sagte Amys. »Alles befindet sich nun am Rande der Veränderung. Melaine?« Die Frau mit dem rotgoldenen Haar sah sich um, sah die Berge an und die in Nebel gehüllte Stadt unter ihnen, seufzte dann und nickte. »Damit ist es entschieden«, sagte Amys und wandte sich Rand und Mat zu. »Ihr«, begann sie, doch dann unterbrach sie sich. »Welchen Namen führt Ihr eigentlich?« »Rand al'Thor.« »Mat. Mat Cauthon.« Amys nickte. »Ihr, Rand al'Thor, müßt Euch ins Herz Rhuideans begeben, genau ins Zentrum der Stadt. Wenn Ihr wünscht, mit ihm zu kommen, Mat Cauthon, dann sei es, doch Ihr mußt wissen, daß die meisten Männer nie aus Rhuidean zurückkehren, und manche von denen, die wiederkommen, sind wahnsinnig. Ihr dürft weder Lebensmittel noch Wasser mit Euch führen, in Erinnerung an unsere Wanderung nach der Zerstörung der Welt. Ihr müßt auch unbewaffnet nach Rhuidean gehen, außer mit Euren Händen und Euren Herzen, um die Jenn zu ehren. Falls Ihr Waffen bei Euch habt, legt sie auf den Boden vor uns hin. Sie werden hier auf Euch warten, bis Ihr zurückkehrt. Falls Ihr zurückkehrt.« Rand zog sein Messer aus der Scheide und legte es Amys zu Füßen. Dann, einen Moment später, legte er noch die kleine, grüne Steinfigur dazu. »Mehr habe ich nicht«, sagte er.