Mat begann mit dem Messer an seinem Gürtel und machte dann weiter. Er zog Messer aus seinen Ärmeln und unter seinem Mantel hervor, selbst eines aus einer Nackenscheide, und häufte sie vor den Aielfrauen auf. Selbst die schienen davon beeindruckt. Er wollte schon aufhören, sah die Frauen noch einmal an und holte aus den Stiefelschäften auch noch je ein Messer heraus. »Ich habe sie vergessen«, sagte er grinsend und mit einem Achselzucken. Die ernsten Blicke der Weisen Frauen wischten ihm das Grinsen vom Gesicht.
»Sie haben gelobt, nach Rhuidean zu gehen«, sagte Amys in rituellem Singsang, und sie blickte über die Köpfe der Männer hinweg. Die anderen drei reagierten gemeinsam: »Rhuidean gehört den Toten.« »Sie dürfen nicht mit den Lebenden sprechen, bis sie zurückkehren«, sang sie heraus, und wieder antworteten die anderen: »Die Toten sprechen nicht mit den Lebenden.« »Wir sehen sie nicht mehr, bis sie sich wieder unter den Lebenden befinden.« Amys zog sich die Stola über die Augen, und eine nach der anderen folgten ihr die drei. Mit verborgenen Gesichtern sprachen sie im Chor: »Hebt Euch hinweg von den Lebenden und verfolgt uns nicht mit Erinnerungen an das Verlorene. Sprecht nicht von dem, was die Toten sehen.« Dann standen sie schweigend da, hielten die Stolen vor ihre Gesichter und warteten.
Rand und Mat sahen einander an. Egwene wäre gern zu ihnen hinübergegangen und hätte mit ihnen gesprochen. Sie wirkten wie Männer, die niemandem zeigen wollten, daß sie Angst hatten. Doch das hätte möglicherweise die Zeremonie gestört.
Schließlich lachte Mat hart auf. »Na ja, ich schätze, die Toten können wenigstens miteinander sprechen. Ich frage mich, ob das auch für... Ach, spielt keine Rolle. Denkst du, es ist in Ordnung, wenn wir reiten?« »Ich glaube nicht«, sagte Rand. »Ich glaube, wir müssen zu Fuß gehen.« »O je, seng meine schmerzenden Füße. Also, gehen wir halt los. Wir werden den halben Nachmittag brauchen, bis wir dort sind. Wenn wir Glück haben.« Rand lächelte Egwene beruhigend zu, als sie sich bergab wandten, als wolle er ihr sagen, daß keine Gefahr bestünde und nichts Schlimmes sie erwarte. Mats Grinsen war typisch für ihn, wenn er etwas besonders Idiotisches unternahm, wie beispielsweise auf einem Dachfirst zu tanzen.
»Du willst doch nicht etwa irgendwas... Verrücktes... unternehmen, oder?« fragte Mat. »Ich will nämlich lebendig zurückkommen.« »Ich auch«, antwortete Rand. »Ich auch.« Sie waren schnell außer Hörweite und wurden immer kleiner dort unten am Abhang. Als sie nur noch winzige Gestalten waren, kaum noch als Menschen zu erkennen, ließen die Weisen Frauen endlich ihre Stolen wieder sinken.
Egwene zupfte ihr Kleid zurecht und wünschte sich, nicht ganz so zu schwitzen. Dann kletterte sie mit ihrem Pferd im Schlepptau das kurze Stück Abhang zu ihnen hinunter. »Amys? Ich bin Egwene al'Vere. Ihr habt gesagt, ich solle... « Amys unterbrach sie mit erhobener Hand und blickte hinüber zu Lan, der nun Mandarb, Pips und Jeade'en am Zügel hielt und etwas hinter Moiraine und Aldieb stand. »Das hier ist nur eine Angelegenheit für Frauen, Aan'allein. Ihr müßt uns verlassen. Geht zu den Zelten. Rhuarc wird Euch Schatten und Wasser anbieten.« Lan wartete auf Moiraines leichtes Nicken, bevor er sich verbeugte und in der gleichen Richtung wie zuvor Rhuarc davonschritt. Dieser farbverändernde Umhang auf seinem Rücken ließ ihn manchmal wie einen Geist erscheinen, von dem man nur Kopf und Arme vor den drei Pferden über den Boden dahinschweben sah.
»Warum nennt Ihr ihn so?« fragte Moiraine, als er sich außer Hörweite befand. »Den Einen Mann. Kennt Ihr ihn?« »Wir wissen von ihm, Aes Sedai.« Bei Amys klang der Titel wie eine Anrede unter Gleichgestellten. »Der letzte der Malkieri. Der Mann, der nicht aufhört, gegen den Schatten zu kämpfen, obwohl seine ganze Nation durch diesen Krieg zerstört wurde. Es ist sehr viel Ehrenhaftes an ihm. Aus dem Traum wußte ich, falls Ihr herkämt, würde Aan'allein höchstwahrscheinlich dabei sein, aber ich wußte nicht, daß er Euch gehorcht.« »Er ist mein Behüter«, sagte Moiraine einfach.
Egwene glaubte, die Aes Sedai sei trotz ihres leichten Tonfalls beunruhigt, und sie wußte auch, warum. Höchstwahrscheinlich werde Lan mit ihr kommen? Lan folgte Moiraine immer. Er würde ihr ohne Zögern in der Krater des Todes folgen. Und es war beinahe genauso interessant für Egwene, daß Amys gesagt hatte: ›Falls Ihr herkämt.‹ Hatten die Weisen Frauen nun gewußt, daß sie kämen, oder nicht? Vielleicht war die Auslegung eines Traums doch nicht so einfach, wie sie gehofft hatte. Sie wollte schon danach fragen, als Bair sagte: »Aviendha? Komm her.« Aviendha hatte verloren an der Seite gehockt, die Arme um die Knie geschlungen, und auf den Boden geblickt. Sie stand langsam auf. Falls Egwene das nicht besser gewußt hätte, hätte sie annehmen müssen, die Frau habe Angst. Aviendha schlurfte förmlich hinüber zu den Weisen Frauen und legte sich die Tasche und die Rolle mit den Wandbehängen vor die Füße.
»Es wird Zeit«, sagte Bair nicht unfreundlich. Trotzdem war in ihren Augen keine Kompromißbereitschaft zu erkennen. »Du bist mit den Speeren gelaufen, solange es ging. Länger, als du solltest.« Aviendha hob trotzig den Kopf. »Ich bin eine Tochter des Speers. Ich will keine Weise Frau werden. Ich will nicht!« Die Gesichter der Weisen Frauen verhärteten sich. Das erinnerte Egwene an die Versammlung der Frauen zu Hause, wenn man eine Frau verhörte, die im Begriff war, etwas Dummes zu tun.
»Du bist sowieso schon viel sanfter behandelt worden, als das zu meiner Zeit üblich war«, sagte Amys mit steinerner Stimme. »Auch ich weigerte mich, als ich berufen wurde. Meine Speerschwestern haben vor meinen Augen meine Speere zerbrochen. Sie brachten mich nackt und an Händen und Füßen gebunden zu Bair und Coedelin.« »Und mit einer hübschen, kleinen Puppe unter deinen Arm geklemmt«, sagte Bair trocken, »um dich daran zu erinnern, wie kindisch du dich benommen hast. Wie ich mich erinnere, bist du im ersten Monat neunmal weggelaufen.« Amys nickte grimmig. »Und dafür mußte ich wie ein Kind um Verzeihung bitten — jedesmal. Im zweiten Monat bin ich nur fünfmal weggelaufen. Ich hielt mich für so stark und hart, wie eine Frau nur sein kann. Aber ich war nicht schlau genug. Ich brauchte ein halbes Jahr, bis ich merkte, daß du härter und stärker warst, als ich jemals sein würde, Bair. Schließlich begriff ich dann, was meine Pflicht war, die Verpflichtung meinem Volk gegenüber. So, wie du es lernen wirst, Aviendha. Solche Frauen wie du und ich sind einfach dazu verpflichtet. Du bist kein Kind mehr. Es ist Zeit, die Puppen — und die Speere — beiseite zu legen und die Frau zu werden, die zu werden dir bestimmt ist.« Mit einemmal wurde Egwene klar warum sie von Beginn an eine solche Kameradschaft zu Aviendha empfunden hatte. Nun wußte sie, warum Amys und die anderen aus ihr eine Weise Frau machen wollten. Aviendha konnte die Macht gebrauchen. Genau wie sie, wie Elayne und Nynaeve — und natürlich Moiraine — gehörte sie zu jenen wenigen Frauen, denen man nicht nur den Gebrauch der Macht beibringen konnte, sondern die mit dieser Fähigkeit geboren waren und irgendwann die Wahre Quelle berührten, selbst wenn sie gar nicht wußten, was sie taten. Moiraine hatte das Gesicht nicht verzogen und wirkte ganz ruhig, doch in ihren Augen las Egwene die Bestätigung ihrer eigenen Gedanken. Die Aes Sedai mußte das vom ersten Moment an gewußt haben, als sie die Aielfrau kennengelernt hatte. Egwene erkannte, daß sie die gleiche Verbundenheit auch Amys und Melaine gegenüber empfinden konnte. Aber nicht bei Bair oder Seana. Nur die ersteren konnten die Macht gebrauchen, da war sie sich sicher. Und nun konnte sie bei Moiraine dasselbe spüren. Es war das erstemal, daß sie Derartiges empfand; die Aes Sedai war eine Frau, die immer für sich blieb.
Einige der Weisen Frauen allerdings lasen offensichtlich mehr aus der Miene Moiraines heraus. »Ihr wollt sie zu Eurer Weißen Burg bringen«, sagte Bair, »um aus ihr eine von Euch zu machen. Doch sie ist eine Aiel, Aes Sedai.« »Sie kann sehr stark werden, wenn man sie richtig unterweist«, antwortete Moiraine. »Genauso stark, wie Egwene einst sein wird. In der Burg kann man sie so weit bringen.« »Wir können sie genausogut unterrichten, Aes Sedai.« Melaines Stimme klang einigermaßen verbindlich, aber in dem steten Blick aus ihren grünen Augen lag ein Hauch von Verachtung. »Besser sogar. Ich habe mich schon mit Aes Sedai unterhalten. Ihr verwöhnt die Frauen in der Burg. Das Dreifache Land ist kein Ort, um jemanden zu verwöhnen. Aviendha wird wissen, was sie mit ihren Kräften anfangen kann, wenn sie bei Euch noch Kinderspiele erlernen würde.« Egwene warf Aviendha einen besorgten Blick zu. Die andere junge Frau blickte bedrückt zu Boden. Ihr Trotz schien verflogen. Falls sie den Unterricht in der Burg schon für Verwöhnen hielten... Sie hatte als Novizin härter arbeiten müssen und war strenger behandelt worden als je zuvor in ihrem Leben. Sie empfand eine Menge Sympathie für die Aielfrau.