Amys streckte die Hände aus, und Aviendha legte ihr zögernd die Speere und den Schild hinein. Sie zuckte zusammen, als die Weise Frau krachend ihre Bewaffnung zur Seite warf. Langsam zog sie sich den in seiner Hülle steckenden Bogen über den Kopf und übergab ihn. Dann schnallte sie den Gürtel ab, an dem der Köcher und ihr Messer hingen. Amys nahm alles entgegen und warf es wie Abfall zur Seite. Jedesmal zuckte Aviendha zusammen. In einem Winkel ihrer blaugrünen Augen schimmerte eine Träne.
»Müßt Ihr sie so grob behandeln?« brach es zornig aus Egwene heraus. Amys und die anderen sahen sie ausdruckslos an, doch sie ließ sich nicht einschüchtern. »Ihr behandelt Dinge, die für sie etwas bedeuten, als wären sie Schrott.« »Sie muß lernen, solche Dinge als Schrott zu sehen«, sagte Seana. »Wenn sie zurückkehrt — falls sie zurückkehrt —, wird sie alles verbrennen und die Asche in den Wind streuen. Das Metall wird sie dem Schmied übergeben, um daraus einfache Dinge zu fertigen. Keine Waffen. Nicht einmal ein Brotmesser. Gürtelschnallen oder Kochtöpfe oder Puzzles für Kinder. Diese Dinge wird sie hinterher mit eigenen Händen verteilen.« »Das Dreifache Land ist kein weiches, Aes Sedai«, sagte Bair. »Weiche Dinge sterben hier.« »Dein Cadin'sor, Aviendha.« Amys deutete auf die weggeworfenen Waffen. »Deine neue Kleidung wird dich bei deiner Rückkehr erwarten.« Mit mechanischen Bewegungen zog sich Aviendha aus und warf Mantel und Hosen, Stiefel und alles andere auf einen Haufen zu den Waffen. Nackt stand sie da und rührte sich nicht. Nur Egwene glaubte, ihre Füße hätten trotz der Stiefel schon Brandblasen aufzuweisen. Sie erinnerte sich daran, wie sie zugesehen hatte, als man ihre Kleider verbrannt hatte, die sie auf dem Weg zur Weißen Burg getragen hatte. Auch damals hatte man das Band zerschnitten, das sie an ihr früheres Leben gebunden hatte, aber es war nicht so schlimm gewesen wie hier. Nicht so kraß.
Als Aviendha auch noch den Sack und die Wandbehänge auf den Stapel legen wollte, nahm ihr Seana die Sachen ab. »Die kannst du zurückbekommen. Falls du zurückkommst. Wenn nicht, gehen sie an deine Familie, deines Angedenkens wegen.« Aviendha nickte. Sie schien keine Angst zu haben. Zögern, Zorn, ja vielleicht schmollte sie auch ein wenig, aber Angst hatte sie keine.
»In Rhuidean«, sagte Amys, »wirst du drei Ringe finden, die so angeordnet sind.« Sie zeichnete mit dem Finger drei Linien in die Luft, die sich in der Mitte trafen. »Tritt durch irgendeinen hindurch. Du wirst deine eigene Zukunft erleben, wieder und wieder, in immer neuen Abwandlungen. Sie werden dir keine eindeutigen Hinweise geben, und das ist auch das Beste, denn wie Geschichten, die du vor langer Zeit gehört hast, werden sie verschwimmen und miteinander verschmelzen, doch wirst du dich an genügend Dinge erinnern, um zu wissen, daß vieles sein muß, was zu tun du haßt, und anderes nicht sein darf, worauf du gehofft hattest. Das ist der Anfang, der erste Schritt zu dem, was man Weisheit nennt. Manche Frauen kehren niemals aus den Ringen zurück. Vielleicht wurden sie nicht mit ihrer Zukunft fertig. Manche, die wohl die Ringe überleben, überleben jedoch ihre zweite Reise nach Rhuidean nicht, wo sie ins Herz gelangen. Du gibst kein hartes und entbehrungsreiches Leben auf, um ein angenehmeres zu führen, sondern tauschst ein noch härteres und gefährlicheres dagegen ein.« Ein Ter'Angreal. Amys hatte einen Ter'Angreal beschrieben. Was für eine Art von Stadt war dieses Rhuidean? Egwene fühlte in sich den Wunsch aufsteigen, selbst hinunterzugehen und es herauszufinden. Das war wohl ziemlich närrisch. Sie war nicht hier, um unnötige Risiken mit Ter'Angreal einzugehen, die sie überhaupt nicht kannte.
Melaine faßte Aviendha unter das Kinn und drehte den Kopf der jungen Frau zu sich hin. »Du hast die Kraft«, sagte sie ruhig und überzeugt. »Ein starker Verstand und ein starkes Herz sind nun deine Waffen, aber du hältst sie genauso fest und sicher wie zuvor deine Speere. Denke daran, benütze sie, und du wirst alles unbeschadet überstehen.« Egwene war überrascht. Von den vier Frauen hätte sie bei Melaine am wenigsten erwartet, so etwas wie Mitgefühl zu entdecken.
Aviendha nickte und brachte sogar ein Lächeln zustande. »Ich werde schneller als diese Männer in Rhuidean sein. Sie können nicht laufen.« Eine der Weisen Frauen nach der anderen küßte sie leicht auf die Wange und alle murmelten leise: »Komm zu uns zurück.« Egwene ergriff Aviendhas Hand, drückte sie und erhielt ebenfalls einen kräftigen Händedruck zur Antwort. Dann lief die Aielfrau in langen Sätzen los, den Abhang hinunter. Es schien, daß sie durchaus in der Lage sei, Rand und Mat einzuholen. Egwene sah ihr besorgt hinterher. Was sie vor sich hatte, entsprach ungefähr der Prüfung, mit der man in der Burg zur Aufgenommenen wurde, doch ohne jede Unterweisung als Novizin und ohne jede Helferin, die ihr anschließend ein wenig Trost und Unterstützung geben konnte. Wie wäre das wohl gewesen, wenn sie gleich am ersten Tag in der Burg ihre Prüfung zur Aufgenommenen hätte absolvieren müssen? Wahrscheinlich wäre sie vollkommen durchgedreht. Bei Nynaeve war es so ähnlich gelaufen, weil sie über derartige Kräfte verfügte. Sie glaubte aber, daß zumindest ein Teil der ablehnenden Haltung Nynaeves den Aes Sedai gegenüber von ihren Erlebnissen bei dieser Prüfung herrührte. Komm zu uns zurück, dachte sie. Sei standhaft. Als Aviendha außer Sicht war, seufzte Egwene und wandte sich wieder den Weisen Frauen zu. Sie war schließlich auch nicht umsonst hier, und es würde niemandem helfen, sich mit ihrem Anliegen zurückzuhalten. »Amys, in Tel'aran'rhiod habt Ihr mir gesagt, ich solle hierher zu Euch kommen, um zu lernen. Nun bin ich da.« »Diese Hektik«, stellte die weißhaarige Frau fest. »Wir haben uns so sehr beeilt, da Aviendha sich die ganze Zeit gegen ihr Toh sträubte und weil wir fürchteten, die Shaido würden selbst hier die Schleier anlegen, falls wir Rand al'Thor nicht nach Rhuidean schickten, bevor sie überhaupt zum Nachdenken kämen.« »Glaubt Ihr, sie hätten versucht, ihn zu töten?« fragte Egwene. »Aber er ist doch derjenige, dessentwegen Ihr Eure Leute über den Drachenwall geschickt habt. Er, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt.« Bair rückte ihre Stola zurecht. »Vielleicht ist er das. Es wird sich herausstellen. Falls er überlebt.« »Er hat die Augen von seiner Mutter«, sagte Amys, »und die Gesichtszüge sowohl von ihr wie auch von seinem Vater, aber Couladin sah natürlich nur seine Kleidung und sein Pferd. Das wäre allerdings bei den anderen Shaido genauso gewesen, und wahrscheinlich auch bei den Taardad. Fremde dürfen diesen Boden nicht betreten, und nun sind gleich fünf von Euch da. Nein, vier: Rand al'Thor ist kein Fremder, wo er auch aufgewachsen sein mag. Aber einem haben wir bereits gestattet, Rhuidean zu betreten, obwohl es verboten ist. Die Veränderungen kommen wie eine Lawine, ob wir wollen oder nicht.« »Es muß sich alles ändern«, sagte Bair, und es klang etwas unglücklich. »Das Muster setzt uns an den Platz, den es für uns erwählt.« »Ihr kanntet Rands Eltern?« fragte Egwene vorsichtig. Was sie auch sagen mochten, so dachte sie doch an Tam und Kari al'Thor, wenn es um Rands Eltern ging.