Выбрать главу

Plötzlich richtete sich Moiraine auf und griff nach hinten an ihr Kleid. Sie begann, es aufzuknöpfen. »Ich denke, ich muß den gleichen Weg gehen wie Aviendha«, sagte sie, und es war nicht als Frage gemeint.

Bair warf Melaine einen strengen Blick zu. Die junge Frau senkte daraufhin verschämt ihren Blick. Seana aber erwiderte resigniert: »Ihr hättet es nicht hören sollen. Aber nun ist es zu spät. Veränderungen. Einer, der nicht vom Blute ist, ging bereits nach Rhuidean, und nun folgt ihm noch jemand.« Moiraine hielt im Auskleiden inne. »Macht das einen Unterschied, daß es mir gesagt wurde?« »Vielleicht einen großen, vielleicht aber auch gar keinen«, meinte Bair zurückhaltend. »Oft weisen wir einen Weg, aber wir sprechen nicht darüber. Als wir sahen, daß Ihr durch die Ringe gehen würdet, wart immer Ihr es, die zuerst davon sprach, die ein Recht darauf zu haben behauptete, obwohl Ihr nicht vom Blute seid. Nun hat es eine von uns zuerst erwähnt. Dinge, die wir gesehen haben, ändern sich bereits jetzt. Wer weiß, was nun alles geschehen wird?« »Und was habt Ihr für den Fall gesehen, daß ich nicht gehe?« Bairs runzliges Gesicht war nach wie vor ausdruckslos, doch in ihren blaßblauen Augen stand Sympathie. »Wir haben Euch schon zuviel gesagt, Moiraine. Was eine Traumgängerin sieht, wird möglicherweise geschehen, aber es ist nicht sicher. Wer zuviel von der Zukunft weiß, wird in jedem Fall katastrophale Fehler begehen, entweder aus der sicheren Erwartung des Unvermeidlichen heraus, oder weil er mit aller Gewalt versucht, die Zukunft zu ändern.« »Die Ringe sind gnädig, denn die Erinnerungen an die Erlebnisse darin verblassen schnell«, sagte Amys. »Eine Frau erfährt einige Dinge — nur wenige allerdings —, die wirklich geschehen werden. Andere wird sie erst wiedererkennen, wenn sie vor der entsprechenden Entscheidung steht, und vielleicht noch nicht einmal dann. Das Leben besteht aus Unsicherheit und Kampf, Entscheidungen und Veränderungen. Eine Frau, die genau wüßte, wie ihr Leben ins Muster verwoben sein wird, so wie bei dem Teppich, den sie gerade knüpft, müßte das Leben eines Tieres führen. Falls sie nicht wahnsinnig würde. Die Menschheit wurde geschaffen für Unsicherheit und Kampf, für Entscheidungen und Veränderungen.« Moiraine lauschte ohne ein äußeres Anzeichen der Ungeduld, doch Egwene glaubte, die Aes Sedai müsse fast am Platzen sein. Sie war daran gewöhnt, Vorträge zu halten, nicht aber, Lektionen erteilt zu bekommen. Sie schwieg, als Egwene ihr aus dem Kleid half, und sagte auch nichts, bis sie schließlich nackt am Rand der Teppiche kauerte und den Abhang hinunter in Richtung der in Nebel gehüllten Stadt spähte. Dann sagte sie: »Laßt nicht zu, daß Lan mir folgt. Er wird es versuchen, wenn er mich sieht.« »Es wird, wie es wird«, antwortete Bair. Ihre dünne Stimme klang kalt und endgültig.

Nach einem Augenblick des Zögerns nickte Moiraine unwillig und schlüpfte aus dem Zelt, hinein in den gleißenden Sonnenschein. Sie fing sofort zu rennen an, barfuß den heißen Abhang hinunter.

Egwene verzog das Gesicht. Rand und Mat, Aviendha, jetzt auch Moiraine, und alle unterwegs nach Rhuidean. »Wird sie es... überleben? Wenn Ihr davon geträumt habt, müßt Ihr es doch wissen.« »Es gibt ein paar Orte in Tel'aran'rhiod, die man nicht betreten kann«, sagte Seana. »Rhuidean. Ein Ogier-Stedding. Und noch ein paar. Was dort geschieht, ist vor den Augen einer Traumgängerin verborgen.« Das war natürlich keine Antwort, denn sie konnten ja beobachtet haben, ob sie aus Rhuidean wieder zurückkam oder nicht. Aber eine bessere Antwort würde sie wohl nicht erhalten. »Also gut. Soll ich auch gehen?« Der Gedanke, das zu erleben, was hinter den Ringen lag, behagte ihr überhaupt nicht. Es wäre, als müsse sie noch einmal ihre Prüfung zur Aufgenommenen ablegen. Doch wenn die anderen alle gingen...

»Seid keine Närrin«, sagte Amys energisch.

»Wir haben dazu nichts vorhergesehen, was Euch betraf«, fügte Bair in milderem Tonfall hinzu. »Genauer gesagt, haben wir Euch überhaupt nicht gesehen.« »Und ich würde auch nicht zustimmen, wenn Ihr darum bittet«, ergänzte Amys. »Vier sind notwendig, um die erforderliche Genehmigung zu erteilen, und ich wäre dagegen. Ihr seid hier, um das Traumgehen richtig zu erlernen.« »Wenn das so ist«, sagte Egwene und lehnte sich bequem an ihr Kissen, »dann fangt an. Es muß doch etwas geben, was Ihr mir beibringen könnt, bevor die Sonne untergeht.« Melaine runzelte die Stirn, doch Bair schmunzelte. »Sie ist genauso eifrig und ungeduldig wie du, als du dich einmal zum Lernen entschlossen hattest, Amys.« Amys nickte. »Ich hoffe, der Eifer wird anhalten, aber die Ungeduld verschwinden — in ihrem eigenen Interesse. Hört mal, Egwene. Es wird vielleicht schwer für Euch, aber Ihr müßt vergessen, daß Ihr eine Aes Sedai seid, wenn Ihr —ach, Ihr seid nun unsere Schülerin —, wenn du richtig lernen willst. Du mußt zuhören, dich erinnern und das tun, was man dir aufträgt. Und was am wichtigsten ist: Du darfst Tel'aran'rhiod nicht mehr betreten, bis eine von uns dir die Erlaubnis gibt. Kannst du das akzeptieren?« Es würde ihr natürlich nicht schwerfallen, zu vergessen, daß sie eine Aes Sedai war, weil sie ja gar keine war. Ansonsten klang es ganz danach, wieder Novizin zu werden. »Ich kann es akzeptieren.« Sie hoffte, es habe nicht so geklungen, als hege sie Zweifel.

»Gut«, sagte Bair. »Ich werde dir jetzt einiges über die Traumgänger und Tel'aran'rhiod erklären, und zwar sehr allgemein. Wenn ich fertig bin, wirst du alles wiederholen, was du erfahren hast. Wenn du nicht alle Tatsachen wiederholen kannst, wirst du heute abend anstelle der Gai'schain das Geschirr abwaschen. Falls dein Gedächtnis so schlecht ist, daß du auch nach einer Wiederholung durch mich nicht alles aufsagen kannst... Nun ja, darüber reden wir, falls es passiert. Hör zu.

Beinahe jede kann Tel'aran'rhiod berühren, aber nur wenige können diese Welt wirklich betreten. Von allen Weisen Frauen sind es nur wir vier, die sich hineinträumen können, und eure Weiße Burg hat fünfhundert Jahre lang keinen Träumer mehr hervorgebracht. Es hat nichts mit der Einen Macht zu tun, auch wenn das die Aes Sedai glauben. Ich kann die Macht nicht benützen, genausowenig wie Seana, aber wir sind genauso gute Träumgängerinnen wie Amys und Melaine. Viele Menschen streifen die Welt der Träume im Schlaf. Weil sie sie nur streifen, erwachen sie mit Gliederreißen oder Schmerzen, wo sie eigentlich Brüche oder sogar tödliche Verletzungen aufweisen sollten. Eine Traumgängerin jedoch geht vollständig in die Traumwelt hinein, und deshalb sind ihre Verletzungen beim Erwachen auch realer Art. Für eine, die sich ganz in jener Welt befindet, ob sie nun eine Traumgängerin ist oder nicht, bedeutet der Tod dort auch den Tod hier. Zu vollständig in den Traum einzugehen bedeutet aber, den Kontakt mit dem Körper hier in der wirklichen Welt zu verlieren. Es gibt dann keinen Weg zurück, und der Körper stirbt. Man erzählt, daß es einst Menschen gab, die körperlich in die Traumwelt gehen konnten und sich überhaupt nicht mehr hier befanden. Das war eine schlimme Sache, denn sie taten Unrecht dort. Niemand darf das wieder tun. Selbst wenn du glauben solltest, daß es dir möglich ist, darfst du es nicht tun, denn jedesmal verlierst du einen Teil deiner Menschlichkeit. Du mußt lernen, nach Tel'aran'rhiod zu gehen, wann du es wünscht und in dem von dir gewünschten Maß. Du mußt lernen, dort aufzuspüren, was du suchst, und zu interpretieren, was du siehst, in die Träume eines anderen Menschen deiner Nähe einzudringen, um eine Heilung zu beschleunigen, die zu erkennen, die sich soweit im Traum befinden, daß sie dir schaden können... « Egwene lauschte aufmerksam. Das faszinierte sie, wenn sie diese Andeutungen auf Dinge hörte, die sie niemals für möglich gehalten hätte, nun, und außerdem hatte sie nicht die Absicht, Geschirr abzuwaschen. Irgendwie war das alles nicht gerecht. Was Rand und Mat und die anderen auch in Rhuidean erwarten mochte, zumindest schickte man sie nicht in die Küche zum Geschirrabwaschen. Und ich war auch noch einverstanden! Es war einfach ungerecht. Aber andererseits bezweifelte sie, daß die anderen in Rhuidean mehr erfahren würden als sie hier von diesen Frauen.