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Es war dieser unnatürlich aufrecht stehende schwarze Metallspeer, der ihm mit einemmal klar werden ließ, was all diese Gegenstände sein mußten: Ter'Angreal. Irgendwelche Gegenstände jedenfalls, die mit der Macht zu tun hatten. Wenigstens ein paar davon. Diese verdrehte Steintür in der Großen Sammlung im Stein war auch nicht umgefallen.

Er war drauf und dran, umzukehren und zurückzugehen, aber Rand ging weiter und beachtete kaum, was an seinem Weg lag. Einmal blieb Rand stehen und sah zwei Figuren an, die kaum einen Platz zwischen all den anderen Dingen verdient zu haben schienen. Die beiden Statuetten stellten einen Mann und eine Frau dar, von denen jedes in einer erhobenen Hand eine Glaskugel trug. Er bückte sich halbherzig, als wolle er sie berühren, richtete sich aber dann so schnell auf, daß Mat beinahe glaubte, er habe sich das Bücken nur eingebildet.

Nach einer Minute kam Mat hinterher. Er beeilte sich, um Rand wieder einzuholen. Je näher sie diesen schimmernden Säulenringen kamen, desto mehr verkrampfte er. All diese Dinge in ihrer Umgebung hatten mit der Macht zu tun, genau wie diese Säulen. Das wußte er einfach. Diese unmöglich hohen und dünnen Schäfte glitzerten in der bläulichen Beleuchtung und blendeten das Auge. Sie haben bloß gesagt, daß ich hierherkommen müsse. Also, jetzt bin ich hier. Sie haben nichts von der verfluchten Macht erwähnt.

Rand blieb so überraschend stehen, daß Mat sich drei Schritt näher als er bei den Säulen befand, bevor ihm das klar wurde. Dann sah Mat, daß Rand den Baum anstarrte. Den Baum. Mat ging wie magisch angezogen auf ihn zu. Kein Baum hatte solch dreifingrige Blätter. Keiner außer einem; einem legendären Baum.

»Avendesora«, sagte Rand leise. »Der Baum des Lebens. Hier steht er also.« Unter den weitgespreizten Zweigen hüpfte Mat hoch und versuchte, an eines dieser Blätter zu kommen, doch seine ausgestreckten Finger erreichten auch die am niedrigsten hängenden Blätter bei weitem nicht. Also ging er wenigstens weiter unter dieses grüne Dach und lehnte sich an den mächtigen Stamm. Einen Augenblick später ließ er sich hinabgleiten und setzte sich hin, gegen den Baum gelehnt. Die alten Geschichten hatten recht gehabt. Er empfand... Zufriedenheit. Frieden. Wohlbefinden. Selbst seine Füße schmerzten kaum noch.

Rand setzte sich mit untergeschlagenen Beinen in seine Nähe. »Ich kann die Legenden schon verstehen. Ghoetam, wie er vierzig Jahre lang unter Avendesora saß, um Weisheit zu erlangen. In diesem Moment kann ich das verstehen.« Mat ließ seinen Kopf an den Stamm sinken. »Ich weiß nicht, ob ich mich darauf verlassen würde, daß mir die Vögel etwas zu essen bringen. Irgendwann muß man schon mal aufstehen.« Aber eine Stunde oder so wäre nicht schlecht. Oder ein ganzer Tag. »Es ergibt sowieso keinen Sinn. Welche Art von Lebensmitteln könnten Vögel schon hierherbringen? Und was für Vögel?« »Vielleicht hat Rhuidean nicht immer so ausgesehen, Mat. Vielleicht... Ich weiß es nicht. Vielleicht befand sich damals Avendesora woanders.« »Woanders«, murmelte Mat. »Ich hätte nichts dagegen, woanders zu sein.« Aber... es ist ein... schönes Gefühl.

»Woanders?« Rand drehte sich um und betrachtete die glänzenden, dünnen und hohen Säulen, die ganz in ihrer Nähe schimmerten. »Die Pflicht ist schwerer als ein Berg«, seufzte er.

Das war Teil eines Sprichworts, das er in den Grenzlanden aufgeschnappt hatte. »Der Tod ist leichter als eine Feder, die Pflicht schwerer als ein Berg.« Für Mat klang das lediglich dumm, aber Rand stand tatsächlich auf.

Zögernd tat Mat es ihm nach. »Was glaubst du, werden wir dort drinnen finden?« »Ich glaube, von hier an muß ich allein weitergehen«, sagte Rand bedächtig.

»Was meinst du damit?« wollte Mat wissen. »Ich bin so weit mitgekommen, oder? Ich werde doch jetzt nicht kneifen.« Und wie gern würde ich das!

»Das ist es nicht, Mat. Wenn du dort hineingehst, kommst du entweder als Clanhäuptling heraus, oder du bist tot. Oder auch wahnsinnig. Ich glaube nicht, daß es einen anderen Ausweg gibt. Höchstens, falls die Weisen Frauen auch hineingehen.« Mat zögerte. Sterben und wieder leben. Das hatten sie gesagt. Er hatte nicht die Absicht, Clanhäuptling bei den Aiel zu werden. Wenn er es versuchte, würden ihm die Aiel wahrscheinlich ein paar Speere in den Bauch stecken. »Überlassen wir es dem Glück«, sagte er und zog wieder die Goldmark aus Tar Valon aus seiner Manteltasche. »Wird wohl langsam mein Glücksbringer. Flamme, dann gehe ich mit dir hinein. Kopf, und ich bleibe draußen.« Er warf die Goldmünze schnell hoch, bevor Rand etwas einwenden konnte.

Irgendwie schaffte er es nicht, die Münze aufzufangen. Sie fiel von seinen Fingerspitzen auf das Pflaster hinunter, überschlug sich zweimal... Und dann landete sie genau auf der Kante.

Er blickte Rand anklagend an. »Machst du so was absichtlich? Kannst du dich nicht beherrschen?« »Nein.« Die Münze kippte um und zeigte das alterslose Gesicht einer Frau, das von Sternen umgeben war. »Es sieht so aus, als müßtest du hier draußen bleiben, Mat.« »Hast du gerade...?« Er wünschte sich, daß Rand in seiner Gegenwart die Macht nicht benützte. »Ach, seng mich, wenn du willst, daß ich draußen bleibe, dann bleibe ich eben hier.« Er schnappte sich die Münze und steckte sie in die Tasche zurück. »Hör mal, du gehst jetzt hinein, tust, was immer du tun mußt, und kommst wieder heraus. Ich will hier wieder weg, und ich werde nicht ewig herumstehen und Däumchen drehen, während ich auf dich warte. Und du brauchst gar nicht zu glauben, daß ich hinterherkomme; also gib gefälligst auf dich acht.« »Das erwarte ich auch gar nicht von dir, Mat«, sagte Rand.

Mat sah ihn mißtrauisch an. Warum grinste er so? »Solange es klar ist, daß ich nicht hinterherkomme. Ach, geh schon los und laß dich zu einem verdammten Aielhäuptling machen. Du siehst schließlich so aus.« »Geh dort nicht hinein, Mat. Was auch geschieht, geh nicht hinein.« Er wartete, bis Mat genickt hatte, und dann wandte er sich ab.

Mat stand da und beobachtete, wie er zwischen die glitzernden Säulen schritt. In diesem sich ständig ändernden Gleißen verschwand er beinahe augenblicklich. Eine optische Täuschung, sagte sich Mat. Das war alles. Eine verfluchte optische Täuschung.

Er begann, um das ganze Areal herumzugehen, wobei er allerdings auf Abstand hielt, um noch einen Blick auf Rand zu erhaschen. »Paß gefälligst auf, was du, verdammt noch mal, tust!« schrie er. »Wenn du mich in der Wüste mit Moiraine und den verfluchten Aiel alleinläßt, werde ich dich erwürgen, ob du nun der Wiedergeborene Drache bist oder nicht!« Etwas später fügte er hinzu: »Ich komme dir nicht nach, wenn du in Schwierigkeiten gerätst! Verstehst du?« Keine Antwort. Wenn er in einer Stunde nicht heraus ist... »Er spinnt, daß er da hineingeht«, knurrte er. »Also, ich werde nicht derjenige sein, der ihm die Kastanien aus dem Feuer holt. Er kann schließlich die Macht benützen. Wenn er schon den Kopf in ein Hornissennest steckt, kann er auch, verdammt noch mal, mit der Macht wieder herauskommen.« Ich werde ihm eine Stunde geben. Und dann würde er gehen, ob Rand zurück nun war oder nicht. Sich einfach umdrehen und gehen. Einfach so. So würde er es machen. Sicher.

So, wie diese dünnen Glassäulen das bläuliche Licht brachen und reflektierten, reichte es schon, angestrengt hinzusehen, und er bekam Kopfschmerzen. Er wandte sich ab und ging denselben Weg zurück. Nervös betrachtete er die Ter'Angreal — oder was sie auch sonst sein mochten —auf dem Platz. Was machte er eigentlich hier? Warum sollte er hierherkommen?

Unvermittelt blieb er stehen und betrachtete eines dieser fremdartigen Objekte genauer. Es war ein hoher Türrahmen aus glänzendem Sandstein, der auf irgendeine Art verdreht wirkte, so, als gleite sein Blick immer daran ab. Langsam ging er hin, zwischen glitzernden Kristallsäulen hindurch, die genauso hoch waren wie er groß, vorbei an niedrigen goldenen Ständern, auf denen anscheinend Glasscheiben lagen, bemerkte das alles kaum und blickte starr den Türrahmen an.