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Er blickte aus einem fremden Augenpaar. Den Körper fühlte er wohl, beherrschte ihn aber nicht. Der Eigentümer dieser Augen hockte entspannt zwischen Felsblöcken an einem kahlen Berghang und blickte auf eigenartige, halbfertige Bauwerke hinunter — Nein! Nicht einmal halb fertig. Das ist Rhuidean, aber ohne Nebel und kurz nach dem Baubeginn — spähte verächtlich dort hinunter. Er hieß Mandein und war mit vierzig sehr jung für einen SeptimenHäuptling. Das Gefühl, ein Eindringling zu sein, verschwamm, und er fügte sich in seine Rolle. Er war Mandein.

»Du mußt zustimmen«, sagte Sealdre, doch im Augenblick beachtete er sie nicht weiter.

Die Jenn hatten Dinge hergestellt, die das Wasser hochzogen und in große Steinbecken gossen. Er hatte schon um weniger Wasser gekämpft, als sich in einem dieser Becken befand, und dort liefen die Leute so selbstverständlich vorbei, als sei das Wasser bedeutungslos. Ein eigenartiger gläserner Wald erhob sich im Mittelpunkt all ihrer Geschäftigkeit, glitzerte in der Sonne, und in der Nähe stand auch noch der höchste Baum, den er je gesehen hatte — beinahe drei Spannen hoch. Ihre Steinbauten wirkten, als solle jeder eine ganze Festung beherbergen oder sogar eine ganze Septime. Wahnsinn.

Dieses Rhuidean konnte man überhaupt nicht verteidigen. Nicht, daß irgend jemand die Jenn angreifen würde. Die meisten mieden die Jenn genauso wie die verfluchten Verirrten, die herumwanderten und nach den Liedern suchten, von denen sie behaupteten, sie würden die alten Zeiten wiederbringen.

Eine Prozession schlängelte sich aus Rhuidean hinaus auf den Berg zu: ein paar Dutzend Jenn und zwei Sänften, die jeweils von acht Männern getragen wurden. In diesen Sänften hatten sie genug Holz verarbeitet, um ein Dutzend Häuptlingsstühle daraus zu bauen. Er hatte gehört, daß es unter den Jenn immer noch Aes Sedai gebe.

»Du mußt zustimmen, was sie auch verlangen, mein Gatte«, sagte Sealdre.

Da blickte er sie an, wollte sogar einen Augenblick lang mit seinen Händen durch ihr langes, goldenes Haar streifen, sah wieder das lachende Mädchen, das ihm den Brautkranz vor die Füße gelegt und ihn gefragt hatte, ob er sie heiraten wolle. Jetzt war sie ernst, wirkte konzentriert und besorgt zugleich. »Werden die anderen kommen?« fragte er.

»Einige. Die meisten. Ich habe im Traum mit meinen Schwestern gesprochen, und wir haben alle den gleichen Traum geträumt. Die Häuptlinge, die nicht kommen, und diejenigen, die nicht zustimmen... Ihre Septimen werden sterben, Mandein. Innerhalb von drei Generationen werden sie nur noch Staub sein, und ihre Festungen und ihr Vieh gehören anderen Septimen. Ihre Namen wird man vergessen.« Er hatte es nicht gern, wenn sie mit den Weisen Frauen anderer Septimen sprach, auch wenn es nur im Traum war.

Aber die Weisen Frauen konnten im Schlaf die Welt der Träume betreten. Was sie dort sahen, war die Wahrheit. »Bleib hier«, sagte er zu ihr. »Falls ich nicht zurückkehre, hilf unseren Söhnen und Töchtern, die Septime zusammenzuhalten.« Sie berührte seine Wange. »Das werde ich, Schatten meines Lebens. Aber denk daran: Du mußt zustimmen.« Mandein hob die Hand, und hundert verschleierte Gestalten folgten ihm den Hang hinunter, schoben sich kaum sichtbar von Felsblock zu Felsblock, die Bögen und Speere kampfbereit in Händen. Ihre graue und braune Kleidung war der kahlen Landschaft angepaßt. Selbst für seine geschulten Augen waren sie fast nicht zu sehen. Es waren alles Männer. Er hatte alle Frauen der Septime, die den Speer gemeinsam mit den Männern trugen, bei Sealdre gelassen, zusammen mit einigen wenigen Männern. Falls etwas schiefging und sie sich entschloß, einen sinnlosen Rettungsversuch zu unternehmen, würden ihr die Männer vielleicht folgen, aber die Frauen würden sie auch notfalls gegen ihren Willen zur Festung zurückbringen, um Septime und Festung zu schützen. Er hoffte jedenfalls darauf. Manchmal konnten sie härter sein als jeder Mann und wohl auch sturer.

Als er den Fuß des Abhangs erreichte, hatte die Prozession aus Rhuidean auf der von Rissen durchzogenen Lehmebene angehalten. Er bedeutete seinen Männern, sich in Deckung zu begeben, und dann ging er allein weiter, wobei er seinen Schleier entfernte. Er war sich anderer Männer bewußt, die links und rechts von ihm ebenfalls vom Berg hinabstiegen und von allen möglichen Richtungen her auf die hitzedurchglühte Lehmebene schritten. Wie viele? Vielleicht hundert? Einige der Gesichter, die er hier erwartet hatte, fehlten. Sealdre hatte recht wie meistens: Einige hatten nicht auf die Träume ihrer Weisen Frauen gehört. Er bemerkte Gesichter, die er noch nie gesehen hatte, und die Gesichter von Männern, die er einst zu töten versucht hatte. Männer, die sich nach besten Kräften bemüht hatten, auch ihn zu töten. Wenigstens war keiner verschleiert. Vor einem Jenn jemanden zu töten war beinahe genauso schlimm, wie einen Jenn zu töten. Er hoffte, auch die anderen würden sich daran erinnern. Wenn nur einer Verrat beging, würden alle die Schleier anlegen, die Krieger, die jeder Häuptling mitgebracht hatte, würden aus den Bergen herunterkommen, und dieser trockene Lehmboden würde von Blut getränkt. Er erwartete jeden Moment, einen Speer zwischen die Rippen zu bekommen.

Obwohl er sich redlich bemühte, hundert verschiedene Todesboten auf einmal im Auge zu behalten, fiel es ihm schwer, die Aes Sedai nicht anzustarren, als die Träger die kunstvoll verzierten Sänften auf den Boden stellten. Das waren Frauen mit so weißem Haar, daß es schon beinahe transparent erschien. Alterslose Gesichter mit einer Haut, die aussah, als könne ein Windhauch sie zerreißen. Er hatte gehört, daß die Aes Sedai von den Jahren unbeeinflußt blieben. Wie alt mußten dann diese beiden sein? Was hatten sie gesehen? Konnten sie sich an die Zeit erinnern, als sein Großvater Comran als erster Ogier-Steddings in der Drachenmauer gefunden und angefangen hatte, mit ihnen Handel zu treiben? Oder vielleicht sogar, als Comrans Großvater Rhodric die Aiel angeführt hatte, um die Männer in den Eisenhemden zu bekämpfen, die die Drachenmauer überquert hatten? Die Aes Sedai wandten sich ihm zu. Die Augen der einen waren von klarem Blau und bei der anderen dunkelbraun. Es waren die ersten dunklen Augen, die er je gesehen hatte. Sie schienen direkt in seinen Schädel hineinzusehen und seine Gedanken zu lesen. Er wußte, daß er irgendwie auserlesen worden war, doch warum, konnte er nicht sagen. Mit Mühe riß er sich von diesen Blicken los, die ihn durchschauten, ihn besser kannten als er sich selbst.

Ein hagerer, weißhaariger Mann, hochgewachsen, aber vom Alter gebeugt, kam von der Gruppe der Jenn herüber. Ihm zur Seite schritten zwei Frauen mit leicht ergrauten Haaren heran, die sehr wohl Schwestern sein konnten. Beide hatten die gleichen tiefliegenden grünen Augen und die gleiche Art, den Kopf schräg zu halten, wenn sie etwas betrachteten. Die anderen Jenn blickten nervös zu Boden und mieden die Aiel, bis eben auf diese drei.

»Ich heiße Dermon«, sagte der Mann mit tiefer, kräftiger Stimme. Seine blauen Augen musterten Mandein durchdringend wie die eines Aiels. »Das hier sind Mordaine und Narisse.« Er deutete nacheinander auf die beiden Frauen in seiner Begleitung. »Wir sprechen für Rhuidean und die Jenn Aiel.« Unruhe machte sich unter den Männern in Mandeins Umgebung breit. Den meisten von ihnen paßte es genausowenig wie ihm, wenn sich die Jenn ebenfalls als Aiel bezeichneten. »Warum habt Ihr uns hierher bestellt?« wollte er wissen. Es ärgerte ihn allerdings, zugeben zu müssen, herzitiert worden zu sein.

Statt seine Frage zu beantworten, fragte Dermon: »Warum tragt Ihr kein Schwert?« Das brachte ihm zorniges Gemurmel der Aiel ein.

»Es ist verboten«, grollte Mandein. »Selbst ein Jenn sollte das wissen.« Er hob seine Speere empor, berührte kurz das Messer an seiner Hüfte und den Bogen auf seinem Rücken. »Das sind genug Waffen für einen Krieger.« Das Gemurmel klang nun zustimmend, selbst von Männern, die einst geschworen hatten, ihn zu töten. Das würden sie nach wie vor, falls sie eine Gelegenheit hatten, aber sie fanden gut, was er gesagt hatte. Und sie schienen es zufrieden, daß er für sie alle sprach, und das unter den Augen dieser Aes Sedai.