»Ihr wißt nicht, warum«, sagte Mordaine, und Narisse fügte hinzu: »Es gibt zuviel, was Ihr nicht wißt. Aber Ihr müßt es erfahren.« »Was wollt Ihr?« fragte Mandein.
»Euch.« Dermon sah einen nach dem anderen der Aiel an und machte ihnen eindeutig klar, daß er sie alle meinte. »Wer immer unter Euch Menschen führen will, muß nach Rhuidean kommen und dort erfahren, woher wir kamen und warum Ihr keine Schwerter tragt. Wer nicht lernen kann, wird nicht weiterleben.« »Eure Weisen Frauen haben mit Euch gesprochen«, sagte Mordaine, »sonst wärt Ihr nicht hier. Ihr wißt, welchen Preis die zahlen, die sich weigern.« Charendin drängte sich nach vorn und blickte abwechselnd Mandein und die Jenn zornig an. Mandein hatte ihm die lange Narbe auf der Wange zugefügt. Sie hatten sich gegenseitig schon dreimal beinahe umgebracht. »Einfach zu Euch kommen?« fragte Charendin. »Wer von uns zu Euch kommt, der wird die Aiel führen?« »Nein.« Das Wort wurde fast geflüstert, und doch konnte jeder es verstehen. Es kam von der dunkeläugigen Aes Sedai, die in ihrem geschnitzten Stuhl saß und eine Decke über ihre Beine gelegt hatte, als fröre sie unter der brennenden Sonne. »Das kommt erst später«, sagte sie. »Wenn der Stein fällt, der niemals erobert werden kann, dann wird er kommen. Er wird vom Blute sein, aber nicht vom Blut aufgezogen. Er wird zur Abenddämmerung aus Rhuidean kommen und Euch mit Banden aneinanderfesseln, die Ihr nicht zerreißen könnt. Er wird Euch zurückbringen, und er wird Euch vernichten.« Einige der Septimen-Häuptlinge rührten sich und schienen gehen zu wollen, aber keiner machte mehr als ein paar Schritte. Jeder hatte letzten Endes der Weisen Frau seiner Septime gelauscht. Stimme zu, oder wir werden vernichtet, wie es nie zuvor geschah. Stimme zu, oder wir zerstören uns selbst.
»Das ist ein Trick!« schrie Charendin, doch unter den Blicken der Aes Sedai senkte er seine Stimme und sagte lediglich zornig: »Ihr wollt auf diese Art die Septimen beherrschen. Aber Aiel beugen ihr Knie weder vor Männern noch Frauen.« Er riß seinen Kopf herum und mied die Blicke der Aes Sedai. »Vor niemandem«, knurrte er.
»Wir wollen keine Kontrolle ausüben«, sagte Narisse zu ihnen.
»Unsere Tage schwinden«, sagte Mordaine. »Der Tag wird kommen, da es keine Jenn mehr gibt, und nur Ihr bleibt übrig, um die Aiel nicht der Vergessenheit zu überantworten. Ihr müßt überleben, oder alles war umsonst und ist verloren.« Ihr Tonfall und ihre Selbstsicherheit ließen Charendin verstummen, doch Mandein hatte noch eine Frage: »Warum? Wenn Ihr von Eurem eigenen Untergang Kenntnis habt, warum tut Ihr dann dies alles?« Er deutete auf die Bauten, die sich in einiger Entfernung erhoben.
»Das ist der Zweck unseres Daseins«, antwortete Dermon ruhig. »Viele Jahre lang haben wir nach diesem Ort gesucht, und nun bereiten wir ihn vor, wenn auch nicht für den Zweck, den wir dabei im Auge hatten. Wir tun, was wir tun müssen, und wir halten die Treue.« Mandein musterte das Gesicht des Mannes. Es lag keine Furcht in seinem Gesichtsausdruck. »Ihr seid Aiel«, sagte er, und als einige der anderen Häuptlinge nach Luft schnappten, erhob er seine Stimme: »Ich werde zu den Jenn Aiel gehen.« »Ihr dürft nicht bewaffnet nach Rhuidean gehen«, sagte Dermon.
Mandein lachte laut über die Kühnheit des Mannes. Einem Aiel zu befehlen, unbewaffnet an diesen Ort zu gehen. So legte er seine Waffen ab und trat vor. »Bringt mich nach Rhuidean, Aiel. Ich werde den gleichen Mut beweisen wie Ihr.« Rand blinzelte in die flackernden Lichtkaskaden hinein. Er war Mandein gewesen. Er fühlte immer noch, wie aus der ursprünglichen Verachtung für die Jenn Bewunderung wurde. Waren die Jenn nun Aiel oder nicht? Sie hatten genauso ausgesehen, hochgewachsen, mit hellen Augen in sonnenverbrannten Gesichtern, und sie hatten auch die gleiche Kleidung getragen, bis auf die Schleier. Doch hatte er bei ihnen bis auf einfache Arbeitsmesser keine Waffen bemerkt. Er konnte sich aber einfach keinen Aiel ohne Waffe vorstellen.
Er befand sich tiefer zwischen den Säulen, als durch einen einzigen Schritt zu erklären war, und auch Muradin war nun näher vor ihm. Aus dem stieren Blick des Aiel war ein finsteres Brüten geworden.
Körniger Staub knirschte unter Rands Stiefeln, als er weiterschritt.
Er hieß Rhodric und war fast zwanzig Jahre alt. Die Sonne brannte wie ein grellgoldener Ball vom Himmel, aber er behielt den Schleier angelegt, und seine Augen blickten wachsam drein. Seine Speere waren kampfbereit — einer in seiner rechten Hand und drei in der linken hinter dem kleinen Lederschild —, und auch er selbst war kampfbereit. Jeordam befand sich unten auf der braunen Grasebene im Süden der Hügelkette, wo die meisten Büsche mickrig und verwelkt waren. Das Haar des alten Mannes war weiß, so wie dieses eigenartige Zeug, das von den Alten als ›Schnee‹ bezeichnet wurde, doch seine Augen waren scharf, und die Brunnengräber, die ihre gefüllten Wasserbeutel hochzogen, würden nicht seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.
Im Norden und Osten erhoben sich Berge. Die Kette im Norden war hoch und zerklüftet und zeigte weiße Gipfel, doch sie wurde von den Riesenbergen im Osten noch überragt. Die sahen aus, als wolle dort die Welt den Himmel berühren, nun, und vielleicht tat sie das ja auch. Ob das Weiß dort wohl Schnee war? Er würde es nicht herausfinden. Im Angesicht dieser Berge mußten die Jenn sich entschließen, nach Osten zu ziehen. Sie waren bereits monatelang an diesem Bergwall entlanggezogen, hatten mühsam ihre Wagen hinter sich hergezerrt und nicht auf die Aiel geachtet, die ihnen folgten. Wenigstens hatten sie bei einer Flußüberquerung Wasser zur Verfügung gehabt, auch wenn es nicht einmal viel gewesen war. Es war schon Jahre her, daß Rhodric einmal einen Fluß erlebt hatte, den sie nicht bequem durchwaten konnten. Die meisten waren nur noch rissige Lehmrinnen, die von den Bergen herunterführten. Er hoffte, der Regen würde endlich wiederkehren und das Land grün färben. Er erinnerte sich noch an die Zeit, als die Welt grün war.
Er hörte das Hufgeklapper der Pferde, bevor er sie sehen konnte. Drei Männer ritten über die braunen Hügel. Sie trugen lange Lederwesten, auf die überall Metallscheiben aufgenäht waren. Zwei davon hielten Lanzen in den Händen. Er kannte den Anführer, Garam, den Sohn des Häuptlings der Stadt, die gerade hinter den Männern außer Sicht war. Garam war nicht viel älter als er selbst. Sie waren wirklich blind, diese Stadtbewohner. Sie bemerkten die Aiel nicht, die sich hinter ihnen aufrichteten, sich dann aber wieder duckten und mit dem harschen Land verschmolzen. Rhodric nahm den Schleier ab, denn es würde nicht getötet werden, es sei denn, die Reiter begännen damit. Er bedauerte das nicht, aber er konnte sich auch nicht dazu bringen, Männern zu trauen, die in Häusern und Städten wohnten. Es hatte schon zu viele Kämpfe gegen solche Leute gegeben. In den Legenden hieß es, das sei schon immer so gewesen.
Garam straffte die Zügel und hob seine rechte Hand zum Gruß. Er war ein schlanker, kleiner Mann mit dunklen Augen, wie seine beiden Gefolgsleute, aber alle drei wirkten hart und absolut fähig, sich zu verteidigen. »Ho, Rhodric. Sind Eure Leute damit fertig, ihre Wasserbeutel zu füllen?« »Ich sehe Euch, Garam.« Er bemühte sich, ruhig und ausdruckslos zu sprechen. Er war nervös, wenn er Männer auf Pferden sah, woran mehr die Pferde die Schuld trugen als die Schwerter. Die Aiel besaßen auch Packtiere, doch es war irgendwie unnatürlich, oben auf einem Pferd zu sitzen. Die Beine eines Mannes genügten auch. »Wir sind beinahe fertig. Entzieht uns Euer Vater die Erlaubnis, Wasser aus den Brunnen auf seinem Land zu entnehmen?« Keine andere Stadt hatte ihnen das jemals erlaubt. Wenn sich Menschen in der Nähe befanden, mußte man um das Wasser kämpfen, so wie um alles andere, nun, und wo es Wasser gab, waren gewöhnlich Menschen in der Nähe. Es wäre nicht leicht, allein gegen diese drei zu kämpfen. Er stand locker auf den Ballen, bereit, zu tanzen und bereit, wahrscheinlich zu sterben.