Als man die Reisetaschen der Mädchen — offensichtlich im Kampf beschädigt — auf dem Boden vorgefunden hatte, waren die anderen bereit gewesen, zu trauern und einfach weiterzumachen, wie schon so oft zuvor. Selbst Lewins Großvater gehörte dazu. Falls Adan geahnt hätte, was die fünf planten, hätte er sie daran gehindert. Alles, was Adan heutzutage von sich gab, war Geschwätz darüber, den Aes Sedai, die Lewin noch nie gesehen hatte, die Treue zu halten, und darüber, die Aiel am Leben zu halten. Die Aiel als ein Volk, und nicht irgendwelche bestimmten Aiel. Nicht einmal Maigran.
»Es sind vier«, flüsterte Lewin. »Die Mädchen befinden sich auf unserer Seite des Feuers. Ich werde sie leise aufwecken und wir schleichen uns weg, während die Männer schlafen.« Seine Freunde blickten sich gegenseitig an und nickten. Er dachte daran, daß sie eigentlich mit einem festen Plan hätten herkommen müssen, doch sie hatten nur im Kopf gehabt, wie sie ungesehen aus dem Wohnwagenlager entkommen und die Mädchen herausholen könnten. Er war sich gar nicht sicher gewesen, daß sie diesen Männern folgen und sie wiederfinden konnten, bevor sie ihr Dorf erreichten, eine Ansammlung roh gezimmerter Hütten, von denen man die Aiel mit Steinen und Stöcken vertrieben hatte. Sie konnten nichts mehr ausrichten, wenn die Entführer so weit kamen.
»Und was wird, wenn sie aufwachen?« fragte Gearan.
»Ich werde Colline nicht im Stich lassen«, fauchte Charlin, und beinahe im gleichen Atemzug sagte sein Bruder ruhiger: »Wir bringen sie zurück, Gearan.« »Darauf kannst du dich verlassen«, stimmte ihm Lewin zu. Luca stupste Gearan in die Rippen, und der nickte grimmig.
In der Dunkelheit nach unten zum Lager zu kommen, war gar nicht einfach. Von der Hitze ausgetrocknetes Reisig knackte unter ihren Füßen. Steinbrocken und Kiesel lösten sich und rollten den Abhang hinunter. Je leiser Lewin sich zu bewegen versuchte, desto mehr Lärm schien er zu machen. Luca fiel in ein Dornengestrüpp, das laut krachte, aber er schaffte es, schwer atmend, doch mehr oder weniger lautlos daraus zu entkommen. Charlin rutschte aus und glitt auf dem Hinterteil hangabwärts. Aber unten rührte sich nichts.
Kurz vor dem Lager blieb Lewin stehen und tauschte ängstlichnervöse Blicke mit seinen Freunden. Dann schlichen sie auf Zehenspitzen weiter. Sein Atem klang ihm wie Donner in den Ohren, genauso laut wie das Schnarchen, das von den vier Deckenhügeln her ertönte. Er erstarrte, als das Schnarchen aufhörte und sich einer der Deckenhaufen bewegte. Doch dann lag er wieder still, und das Schnarchen begann erneut. Lewin atmete auf.
Vorsichtig kroch er neben einen der kleineren Hügel und schlug die grobe, vor Dreck starrende Wolldecke zur Seite. Maigran blickte zu ihm auf, das Gesicht verschrammt und geschwollen und ihr Kleid zu Fetzen zerrissen. Er legte ihr die Hand über den Mund, damit sie nicht aufschreien konnte, aber sie blickte ihn lediglich weiter starr an und zuckte nicht mit der Wimper.
»Ich werde dich schlachten wie ein Schwein, Junge.« Einer der größeren Deckenhaufen flog weg und ein Mann in schmutziger Kleidung und mit einem verwirrten Bart stand auf. Das lange Messer in seiner Hand schimmerte matt im Mondschein. Ein wenig vom roten Glühen der Kohlen spiegelte sich ebenfalls darin. Er trat gegen die Decken zu beiden Seiten, was ein Knurren hervorbrachte. Beide rührten sich. »Wie ein Schwein. Kannst du quieken, Junge, oder rennt Ihr Leute nur immer weg?« »Lauf weg«, sagte Lewin, aber seine Schwester stierte immer noch stumpf vor sich hin. Verzweifelt packte er sie an den Schultern und wollte sie nach drüben zerren, wo die anderen warteten. »Renn weg!« Sie kam steif aus den Decken hervor, beinahe als totes Gewicht in seinen Armen. Colline war auch wach. Er hörte sie wimmern. Doch sie wickelte ihre schmutzigen Decken noch enger um sich, als wolle sie sich darin verstecken. Maigran stand da, starrte ins Leere und sah nichts.
»Es scheint, daß du nicht einmal das fertigbringst.« Grinsend kam der Mann um das Feuer herum, das Messer direkt vor seinem Bauch haltend. Die anderen richteten sich jetzt in ihren Decken auf und lachten. Sie wollten bei diesem Spaß zusehen.
Lewin wußte nicht, was er tun sollte. Er konnte seine Schwester nicht verlassen. Alles, was ihm blieb, war, zu sterben. Vielleicht konnte er damit Maigran die Zeit erkaufen, um wegzulaufen. »Renn, Maigran! Bitte renn!« Sie rührte sich nicht. Sie schien ihn nicht einmal zu hören. Was hatten sie ihr angetan?
Der bärtige Mann kam gemächlich näher, schmunzelte und genoß offensichtlich die Lage.
»Neeeeeiin!« Charlin jagte aus der Nacht heran, warf sich auf den Mann mit dem Messer, so daß der zu Boden taumelte. Die anderen Männer sprangen auf. Einer, dessen Kopf kahlrasiert war und im trüben Lichtschein glänzte, hob ein Schwert und wollte auf Charlin einhauen.
Lewin war nicht sicher, wie dann alles geschah. Irgendwie bekam er den schweren Kessel am Eisenstiel zu packen, schwang ihn herum und ließ ihn mit dumpfem Krachen gegen den geschorenen Kopf knallen. Der Mann brach zusammen, als seien seine Knochen geschmolzen. Aus dem Gleichgewicht gekommen, taumelte Lewin und versuchte, dem Feuer auszuweichen. Dann stürzte er doch daneben zu Boden und verlor den Griff des Kessels aus der Hand. Ein dunkelhäutiger Mann, der das Haar zu Zöpfen geflochten trug, hob ein weiteres Schwert, bereit, ihn in Stücke zu hauen. Er krabbelte auf dem Rücken weg wie eine Spinne, den Blick auf die Schwertspitze gerichtet. Mit den Händen grabschte er nach allem, was sich in der Nähe befand, um den Mann abzuwehren — einen Stock vielleicht — irgend etwas. Seine Hand berührte rundes Holz. Er riß es herum und stieß damit nach dem wütenden Mann. Der riß die dunklen Augen auf, und das Schwert entfiel ihm. Blut quoll aus seinem Mund. Es war kein Stock gewesen, sondern ein Speer.
Lewin löste seine Hände vom Schaft, sobald er erkannte, was es war. Zu spät. Er kroch rückwärts, um den gestürzten Mann zu meiden, und mußte ihn doch zitternd anblicken. Ein toter Mann. Ein Mann, den er getötet hatte. Der Wind war mit einem Mal eiskalt.
Nach einer Weile wurde ihm bewußt, daß keiner der anderen Männer inzwischen versucht hatte, ihn zu töten. Er war überrascht, den Rest seiner Freunde um das Lagerfeuer herumstehen zu sehen. Gearan und Luca und Alijha standen da, atmeten schwer, und über ihren Staubschleiern leuchteten wilde Augen. Colline gab immer noch leises Wimmern unter ihren Decken von sich, und Maigran stand weiter da und starrte ins Leere. Charlin lag auf Knien da und umklammerte seine Beine. Und die vier Männer, die Dorfbewohner... Lewin blickte von einer leblosen, blutigen Gestalt zur anderen.
»Wir... haben sie getötet.« Lucas Stimme zitterte. »Wir... Gnade des Lichts, sei jetzt mit uns.« Lewin kroch zu Charlin hinüber und berührte ihn an der Schulter. »Bist du verletzt?« Charlin fiel vornüber. Rotglänzende Feuchtigkeit hatte seine Hände schlüpfrig gemacht. Er hatte den Griff des Messers gepackt, das in seinem Bauch steckte. »Es tut so weh, Lewin«, flüsterte er. Er schauderte kurz, und dann brachen seine Augen.
»Was sollen wir tun?« fragte Gearan. »Charlin ist tot, und wir... Licht, was haben wir getan? Was sollen wir machen?« »Wir bringen die Mädchen zu den Wagen zurück.« Lewin konnte seinen Blick nicht von Charlins toten Augen wenden. »Das machen wir.« Sie trugen alles Nützliche zusammen, vor allem den Kessel und die Messer. Man kam so schlecht an Metallwaren. »Wir können genausogut alles mitnehmen«, sagte Alijha mit rauher Stimme. »Sie haben es sicher von jemandem wie uns gestohlen.« Als Alijha sich bückte und eines der Schwerter aufheben wollte, hielt ihn Lewin davon ab. »Nein, Alijha. Das ist eine Waffe, die gemacht wurde, um Menschen zu töten. Sie ist sonst zu nichts zu gebrauchen.« Alijha sagte nichts, blickte nur die vier leblosen Körper an und die Speere, die Luca mit Decken umwickelte, um eine Trage für Charlins Leiche herzustellen. Lewin mied jeden Blick auf die Männer aus dem Dorf. »Mit einem Speer kann man das Fleisch zum Braten aufspießen, Alijha, doch ein Schwert hat außer zum Töten keinen Nutzen. Der Weg des Blatts verbietet es.« Alijha schwieg weiter, doch Lewin glaubte, er habe hinter seinem Schleier das Gesicht spöttisch verzogen. Doch als sie schließlich in die Nacht hinausgingen, blieben die Schwerter neben den verglühenden Kohlen und den toten Männern liegen.