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Es war ein langer Marsch durch die Dunkelheit zurück. Sie schleppten schwer an der provisorischen Trage, auf der Charlins Leiche lag. Manchmal wirbelte der Wind lange Staubfahnen auf, die sie zum Husten brachten. Maigran stolperte mit. Sie blickte stur geradeaus, wußte nicht, wo sie war und wer sie waren. Colline schien vor allen schreckliche Angst zu haben, selbst vor ihrem Bruder. Sie zuckte zusammen, sobald jemand sie berührte. So hatte sich Lewin ihre Rückkehr nicht vorgestellt. In seiner Phantasie hatten die Mädchen gelacht, waren glücklich gewesen über ihre Rückkehr zu den Wohnwagen. Alle hatten sie gelacht. Und nicht Charlins Leiche heimgetragen. Sie waren nicht niedergeschlagen gewesen durch das, was sie getan hatten.

Der Schein der Lagerfeuer kam in Sicht und dann die Wohnwagen. Die Männer hatten bereits die Pferdegeschirre für den nächsten Morgen bereitgelegt. Niemand verließ nach Einbruch der Dunkelheit das Lager, also war Lewin ziemlich überrascht, als er drei Gestalten auf sie zukommen sah. Adans weißes Haar zeichnete sich in der Dunkelheit deutlich ab. Die anderen beiden waren Nerrine, Collines Mutter, und Saralin, seine und Maigrans Mutter. Lewin löste voller böser Ahnungen seinen Staubschleier.

Die Frauen eilten zu ihren Töchtern hin, nahmen sie in die Arme und versuchten, sie mit leisen Worten zu beruhigen. Colline ließ sich seufzend in die Arme ihrer Mutter sinken, doch Maigran bemerkte Saralin kaum, die den Tränen nahe war, als sie das verschwollene Gesicht ihrer Tochter sah.

Adan blickte die jungen Männer finster an. Seine sowieso schon tiefen Sorgenfalten wurden jetzt noch tiefer. »Im Namen des Lichts, was ist geschehen? Als wir merkten, daß ihr verschwunden wart...« Seine Worte erstarben, als er die Trage mit der Leiche Charlins sah. »Was ist passiert?« fragte er noch einmal, als fürchte er sich vor der Antwort.

Lewin öffnete langsam den Mund, aber Maigran sprach zuerst: »Sie haben sie getötet.« Sie blickte in die Ferne und ihre Stimme klang wie die eines Kindes. »Die bösen Männer haben uns weh getan. Sie... Dann kam Lewin und tötete sie.« »Du darfst nicht über solche Dinge sprechen, Kind«, sagte Saralin beruhigend. »Du... « Sie hielt inne, sah ihrer Tochter in die Augen und drehte sich dann um, damit sie Lewin ansehen konnte. »Ist das... ? Ist das wahr?« »Wir mußten«, sagte Alijha mit gequälter Stimme. »Sie versuchten, uns zu töten. Und sie haben Charlin getötet.« Adan trat einen Schritt zurück. »Ihr... habt getötet? Menschen getötet? Was ist mit dem Pakt? Wir schaden niemandem. Niemandem! Es gibt keinen stichhaltigen Grund, ein anderes menschliches Wesen zu töten! Keinen!« »Sie haben Maigran entführt, Großvater«, sagte Lewin. »Sie haben Maigran und Colline entführt und ihnen weh getan. Sie... « »Es gibt keinen Grund!« brüllte Adan, der vor Wut zitterte. »Wir müssen akzeptieren, was geschieht. Unsere Leiden wurden gesandt, um unseren Glauben zu prüfen! Wir akzeptieren und halten durch! Wir morden nicht! Ihr seid nicht vom Weg abgewichen, ihr habt ihn verlassen. Ihr seid keine Da'schain mehr! Ihr seid verdorben, und ich lasse nicht zu, daß ihr die Aiel verderbt. Verlaßt uns, ihr Fremden! Mörder! Ihr seid in den Wagen der Aiel nicht mehr willkommen.« Er wandte ihnen den Rücken zu und schritt davon, als existierten sie nicht mehr. Saralin und Nerrine gingen hinter ihm her und führten die Mädchen.

»Mutter?« sagte Lewin, und er machte sich ein wenig kleiner, als sie ihn mit kaltem Blick ansah. »Mutter, bitte... « »Wer seid Ihr, der mich so anspricht? Ich hatte einst einen Sohn, der so ähnlich aussah. Ich will dieses Gesicht nicht an einem Mörder sehen.« Und sie führte Maigran hinter den anderen her.

»Ich bin immer noch ein Aiel«, schrie Lewin, aber sie blickten nicht um. Er glaubte, Luca weinen zu hören. Der Wind frischte auf, wirbelte den Staub hoch, und er verschleierte sein Gesicht. »Ich bin ein Aiel!« Wild huschende Lichter bohrten sich in Rands Augen. Der Schmerz des Verlustes, den Lewin erlitten hatte, klang noch in ihm nach, und in seinem Hirn herrschte ein heilloses Durcheinander. Lewin hatte keine Waffe getragen. Er hatte nicht einmal gewußt, wie man eine Waffe verwendet. Er hatte Angst vor dem Töten gehabt. Das ergab keinen Sinn.

Er war nun beinahe gleichauf mit Muradin, aber der Mann bemerkte seine Anwesenheit gar nicht. Muradins Gesicht war wie eine erstarrte Fratze. Schweiß rann ihm über die Stirn. Er bebte, als wolle er davonlaufen.

Rands Füße trugen ihn vorwärts, und zurück.

26

Die Geweihten

Vorwärts und zurück. Adan lag in der Sandgrube und drückte die weinenden Kinder seines toten Sohnes an seine Brust. Sie preßten ihre Gesichter an seinen zerlumpten Mantel. Auch über seine Wangen rollten Tränen, aber er verhielt sich leise und spähte vorsichtig über den Rand hinaus. Mit fünf und sechs Jahren konnte man Maigran und Lewin das Recht zu weinen nicht absprechen. Adan war überrascht, daß er selbst noch Tränen hervorbrachte.

Einige der Wohnwagen brannten. Die Toten lagen noch da, wo sie gefallen waren. Die Pferde hatte man bereits weggetrieben, außer wenigen, die noch an die Wagen geschirrt waren. Die Wagen selbst hatte man geleert und ihre Besitztümer auf dem Boden aufgestapelt. Ausnahmsweise einmal achtete er nicht auf die Dinge in den Kisten, die von den Aes Sedai den Aiel zur Aufbewahrung übergeben worden waren, und die nun im Schmutz herumlagen. Das oder die toten Aiel sah er nicht zum erstenmal, aber diesmal beachtete er das alles nicht. Die Männer mit den Speeren und Bögen und Schwertern, die das Blutbad angerichtet hatten, beluden die leeren Wohnwagen. Mit Frauen. Er beobachtete, wie Rhea, seine Tochter, zusammen mit anderen in einen Wagen gestoßen wurde, wo sie von den lachenden Mördern wie Vieh zusammengesperrt wurden. Die letzten seiner Kinder. Elwin war mit zehn verhungert, während Sorelle mit zwanzig am Fieber starb, das sie im Traum vorhergesehen hatte. Jaren stürzte sich vor einem Jahr, erst neunzehn Jahre alt, von einer Klippe, als er herausfand, daß er die Macht gebrauchen konnte. Und heute morgen Marind.

Er hätte am liebsten geschrien. Er wollte hinausstürmen und sie davon abhalten, sein letztes Kind zu rauben. Sie irgendwie aufhalten. Und wenn er wirklich dort hinausstürmte? Dann würden sie ihn töten und Rhea trotzdem entführen. Dann würden sie vielleicht auch noch die Kinder töten. Einige der Körper, die dort in ihrem eigenen Blut lagen, waren klein.

Maigran klammerte sich an ihn, als ahne sie, daß er daran dachte, sie zu verlassen, und Lewin versteifte sich, als wolle er noch fester zupacken, sei aber zu stolz und fühle sich schon zu alt dazu. Adan strich ihnen über das Haar und hielt ihre Gesichter an seinen Mantel gepreßt. Er zwang sich trotzdem zum Zuschauen, bis die Wagen, umgeben von johlenden Reitern, langsam außer Sicht auf die Berge zurumpelten, die den Horizont verstellten.

Erst dann stand er auf und löste den Griff der Kinder sanft. »Wartet hier auf mich«, sagte er zu ihnen. »Wartet, bis ich zurück bin.« Sie klammerten sich aneinander und blickten ihn mit tränenüberströmten, blassen Gesichtern an. Dann nickten sie unsicher.

Er ging zu einer der Leichen hinüber und drehte sie sanft um. Siedre hätte auch schlafen können. Ihr Gesicht erschien ihm genauso wie jeden Morgen, wenn er neben ihr erwachte. Es überraschte ihn immer wieder, wenn er in ihrem rotgoldenen Haar graue Strähnen entdeckte. Sie war seine Liebe, sein Leben, und sie erschien ihm ewig jung und neu. Er bemühte sich, das Blut nicht anzusehen, das den Vorderteil ihres Kleids durchnäßte, oder die klaffende Wunde unter ihrer Brust.