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Er riß sich von seinen Erinnerungen los und wandte sich den Ogiern zu, die unsicher auf ihren langen Beinen standen. Seit Alnoras Tod war er zu oft geistesabwesend. Sie hatten Brot und Schüsseln in den Händen. Er erschrak, als ihm klar wurde, daß er sich ärgerte, weil jemand von ihren wenigen Lebensmitteln mitgegessen hatte. Wie viele seiner Leute konnten von dem leben, was fünfzig Ogier vergaßen? Nein. Der Weg sagte ihnen, daß sie teilen mußten. Großzügig geben. Hundert Leute. Zweihundert?

»Ihr habt Chora-Schößlinge«, sagte einer der Ogier. Seine dicken Finger strichen sanft über die dreifingrigen Blätter der beiden Topfpflanzen, die an der Seite eines Wagens festgebunden waren.

»Ein paar«, sagte Adan kurz angebunden. »Sie sterben, aber die alten Leute ziehen zuvor immer neue Schößlinge heran.« Er hatte keine Zeit für Bäume. Er mußte sich um ein ganzes Volk kümmern. »Wie schlimm ist es im Norden?« »Schlimm«, antwortete eine Ogierfrau. »Die Fäule dehnt sich nach Süden aus, und man sieht dort jetzt Myrddraal und Trollocs.« »Ich glaubte, die seien alle tot.« Also dann nicht nach Norden. Sie konnten nicht nach Norden ziehen. Nach Süden? Das Jerenmeer lag zehn Tagesreisen im Süden. Oder befand es sich überhaupt noch dort? Er war müde, so müde.

»Ihr seid aus dem Osten gekommen?« fragte ein anderer Ogier. Er wischte seine Schüssel mit einem Stück Brotrinde aus und schlang sie herunter. »Wie sind die Zustände im Osten?« »Schlimm«, antwortete Jonai. »Allerdings vielleicht nicht so schlimm, was Euch betrifft. Zehn — nein, zwölf Tage ist es her, daß einige Leute ein Drittel unserer Pferde stahlen, bevor wir entkommen konnten. Wir mußten Wagen zurücklassen.« Das tat weh. Zurückgelassene Wagen mit Inhalt. Dinge, die von den Aes Sedai den Aiel anvertraut worden waren, waren nun zurückgelassen worden. Daß es nicht das erstemal geschehen war, machte es noch schlimmer. »Beinahe jeder, den wir treffen, stiehlt Sachen von uns, was ihnen gerade gefällt. Vielleicht werden sie das bei Ogiern nicht machen.« »Vielleicht«, sagte eine Ogierfrau, als könne sie das nicht ganz glauben. Jonai glaubte es vielleicht auch nicht —es gab eben einfach keinen wirklich sicheren Ort. »Wißt Ihr, wo sich irgendein Stedding befindet?« Jonai sah sie mit großen Augen an. »Nein. Nein, das weiß ich nicht. Aber sicher könnt Ihr doch ein Stedding finden, wenn Ihr wollt?« »Wir sind so weit gerannt und so lang«, sagte ein Ogier von hinten her, und ein anderer fügte in ihrem tiefen, grollenden Tonfall hinzu: »Das Land hat sich so verändert.« »Ich glaube, wir müssen bald ein Stedding finden, oder wir werden sterben«, sagte die Ogierfrau. »Ich fühle ein...

Sehnen... in mir. Wir müssen ein Stedding finden. Wir müssen einfach.« »Ich kann Euch nicht helfen«, sagte Jonai traurig. Seine Brust war wie zusammengeschnürt. Das Land hatte sich wirklich bis zur Unkenntlichkeit verändert und veränderte sich immer noch. Die Ebene, über die sie letztes Jahr gezogen waren, konnte durchaus dieses Jahr durch einen Berg ersetzt sein. Also dehnte sich die Fäule aus. Myrddraal und Trollocs trieben immer noch ihr Unwesen. Menschen mit Gesichtern wie die Tiere, Menschen, die nichts mehr von den Da'schain wußten und sie nicht erkannten, stahlen ihre wenigen Güter. Das Atmen fiel ihm schwer. Die Ogier verloren. Die Aiel verloren. Alles verloren. Der Ring um seine Brust wurde immer enger. Der Schmerz ließ ihn aufstöhnen. Er sank auf die Knie nieder, krümmte sich und griff nach seiner Brust. Eine Faust hielt sein Herz gefangen und drückte zu.

Adan kniete besorgt neben ihm nieder. »Vater, was ist los? Was ist passiert? Was kann ich tun?« Jonai schaffte es, seinen Sohn am ausgefransten Kragen zu packen und seinen Kopf nahe heranzuziehen. »Bring —die Menschen — nach Süden.« Zwischen Krämpfen, die ihm das Herz aus dem Körper zu reißen schienen, brachte er diese Worte mühsam heraus.

»Vater, du bist derjenige... « »Hör zu. Hör zu! Bringe sie — nach Süden. Bringe — die Aiel — in Sicherheit. Haltet euch an — den Pakt. Behüte —was die Aes Sedai — uns anvertrauten — bis sie — es holen. Der Weg — des Blattes. Du mußt... « Er hatte sich bemüht. Solinda Sedai würde das einsehen. Er hatte es versucht. Alnora.

Alnora. Der Name verschwamm und der Schmerz in Rands Brust löste sich. Kein Sinn. Das ergab keinen Sinn. Wie konnten diese Menschen Aiel sein?

Die Säulen wurden von grellen Lichtwellen überlaufen. Ein Lufthauch erhob sich und wurde zum Wirbel.

Neben ihm öffnete Muradin den Mund weit, um zu schreien. Der Aiel krallte nach seinem Schleier, nach seinem Gesicht. Seine Fingernägel hinterließen lange, blutige Spuren.

Vorwärts.

Jonai eilte durch die verlassenen Straßen und versuchte, die zerstörten Gebäude und die abgestorbenen Chorabäume nicht zu beachten. Alles tot. Wenigstens hatte man die letzten der schon lange stehengelassenen Jomobile weggeschafft. Nachbeben ließen den Boden unter seinen Füßen immer noch erzittern. Er trug Arbeitskleidung, also natürlich den Cadin'sor, obwohl die ihm zugeteilte Arbeit nicht dem entsprach, wofür man ihn ausgebildet hatte. Er war dreiundsechzig, stand in der Blüte seines Lebens, noch nicht alt genug, um graue Haare zu haben, doch er fühlte sich wie ein müder alter Mann.

Niemand stellte ihm eine Frage, als er die Halle der Diener betrat. Es stand einfach niemand mehr unter den mächtigen Säulen am Eingang, der ihn hätte befragen oder begrüßen können. Drinnen liefen viele Menschen umher, die Arme voll mit Papieren oder Schachteln, die Augen ängstlich weit geöffnet, aber niemand beachtete ihn. Es lag ein Hauch von Panik in der Luft und das nahm mit jedem Nachbeben zu. Beunruhigt schritt er durch das Foyer und die breite Treppe hoch. Der silbrigweiße Elstein war verschmutzt. Niemand hatte Zeit, sich darum zu kümmern. Vielleicht war es allen auch gleichgültig.

Er brauchte nicht an die Tür klopfen, die er gesucht hatte. Es war keine der großen, vergoldeten Türen zu einem der Versammlungsräume, sondern eine kleine, unauffällige Seitentür. Er schlüpfte leise hinein, und dann war er froh darüber. Ein halbes Dutzend Aes Sedai stand um den langen Tisch herum und diskutierte. Sie schienen gar nicht zu bemerken, wenn das Gebäude bebte. Es waren alles Frauen.

Er schauderte, als er sich fragte, ob jemals wieder Männer an einer solchen Sitzung teilnehmen würden. Als ihm dann noch bewußt wurde, was auf dem Tisch lag, wurde aus dem Schaudern ein Zittern. Es war ein Kristallschwert — vielleicht als geistiger Brennpunkt für die Verwendung der Macht gedacht, vielleicht auch nur als Zierrat. Das konnte er nicht beurteilen. Jedenfalls lag das Schwert auf der Drachenflagge von Lews Therin Brudermörder, die wie ein Tischtuch ausgebreitet worden war und bis auf den Boden hinabhing. Sein Herz verkrampfte sich. Was hatte das hier zu suchen? Warum hatte man beides nicht zerstört, genau wie die Erinnerung an diesen verfluchten Mann?

»Was nützt schon Eure Weissagung«, schrie Oselle beinahe, »wenn Ihr uns nicht sagen könnt, wann das geschieht?« Ihr langes, schwarzes Haar flog, als sie den Kopf zornig schüttelte. »Der Bestand der Welt hängt davon ab! Die Zukunft! Das Rad selbst!« Deindre blickte sie aber sehr viel ruhiger mit ihren dunklen Augen an. »Ich bin nicht der Schöpfer. Ich kann Euch nur das sagen, was ich in der Zukunft sehe.« »Friede, Schwestern.« Solinda war die ruhigste von allen. Ihr altmodisches Tüllkleid wirkte wie feiner, blauer Dunst. Das rotgoldene Haar, das ihr bis zur Taille reichte, zeigte beinahe den gleichen Farbton wie das seine. Sein Großvater hatte ihr als junger Mann gedient, und doch sah sie jünger aus als er. Sie war eben eine Aes Sedai. »Wir haben keine Zeit mehr, uns zu zanken. Jaric und Haindar werden beide morgen hier ankommen.« »Und das heißt, wir können uns keine Fehler leisten, Solinda.« »Wir müssen wissen... « »Gibt es eine Möglichkeit...?« Jonai hörte nicht mehr hin. Sie würden ihn bemerken, wenn es an der Zeit war. Er war auch nicht der einzige im Raum neben den Aes Sedai. Someschta saß in der Nähe der Tür, den Rücken an die Wand gelehnt, eine aus Ranken und Blättern geformte Gestalt, deren Kopf selbst im Sitzen Jonai noch etwas überragte. Eine rißartige Narbe mit welkbraunen und rußigschwarzen Rändern zog sich über die Wange des Nyms bis hoch unter das grüne Gras seiner Haare, wo sie eine Furche hinterließ. Er blickte Jonai besorgt mit seinen Haselnußaugen an.