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Als Jonai ihm zunickte, faßte er sich an die Narbe und runzelte die Stirn. »Kenne ich Euch?« fragte er leise.

»Ich bin dein Freund«, antwortete Jonai traurig. Er hatte Someschta jahrelang nicht mehr gesehen, aber von seinem Zustand gehört. Wie man ihm berichtet hatte, waren die meisten Nym tot. »Als ich ein Kind war, hast du mich auf den Schultern getragen. Erinnerst du dich nicht mehr daran?« »Gesang«, sagte Someschta. »Gab es Gesang dabei? So vieles ist verloren gegangen. Die Aes Sedai behaupten, daß einiges wiedergewonnen werden kann. Du bist eines der Kinder des Drachen, nicht wahr?« Jonai zuckte leicht zusammen. Die Bezeichnung hatte ihm bereits Schwierigkeiten bereitet, obwohl sie der Wirklichkeit überhaupt nicht entsprach. Aber viele Bürger heutzutage glaubten, die Da'schain Aiel hätten ausschließlich dem Drachen gedient und keinen anderen Aes Sedai.

»Jonai?« Er drehte sich um, als Solindas Stimme erklang, und bei ihrer Annäherung sank er auf ein Knie nieder. Die anderen stritten sich noch immer, wenn auch viel leiser als vorher.

»Alles ist vorbereitet, Jonai?« sagte sie.

»Alles, Aes Sedai. Solinda Sedai... « Er zögerte und atmete tief durch. »Solinda Sedai, einige von uns wollen hierbleiben. Wir könnten auch so noch dienen.« »Wißt Ihr, was mit den Aiel in Tzora geschehen ist?« Er nickte, und sie seufzte. Dann streckte sie die Hand aus und strich ihm wie einem Kind über das kurzgeschnittene Haar. »Natürlich habt Ihr es erfahren. Ihr Da'schain habt mehr Mut als... Zehntausend Aiel hakten sich unter, bildeten eine lebende Kette und sangen. Sie versuchten, einen Wahnsinnigen daran zu erinnern, wer sie waren und wer er gewesen war, versuchten, ihn mit ihren Körpern und mit einem Lied umzustimmen. Jaric Mondoran tötete sie. Er stand da, blickte sie an, als stellten sie für ihn ein Rätsel dar, tötete sie, und sie rückten lediglich in den Reihen auf, schlossen die Lücken und sangen. Man hat mir berichtet, daß er dem letzten Aiel mehr als eine Stunde gelauscht hat, bevor er ihn vernichtete. Und dann brannte Tzora. Eine riesige Flamme verschlang Stein und Metall und Fleisch. Ein Glasklumpen befindet sich heute, wo vorher die zweitgrößte Stadt der Welt stand.« »Viele Menschen hatten Zeit, um zu fliehen, Aes Sedai. Die Da'schain haben ihnen diese Zeit erkauft. Wir haben keine Angst.« Ihre Hand verkrampfte sich in sein Haar, daß es schmerzte. »Die Bürger sind auch bereits aus Paaren Disen geflohen, Jonai. Außerdem werden die Da'schain noch eine große Rolle spielen. Wenn Deindre nur weit genug voraussehen könnte, um zu sagen, was es sein wird. Auf jeden Fall will ich hier etwas retten, und dieses Etwas seid Ihr.« »Wie Ihr meint«, sagte er zögernd. »Wir werden das behüten, was Ihr uns anvertraut habt, bis Ihr es wieder braucht.« »Selbstverständlich. Die Dinge, die wir Euch gaben.« Sie lächelte ihn an und löste ihren Griff aus seinem Haar. Dann strich sie es auch noch glatt und faltete schließlich die Hände. »Ihr werdet diese... Dinge... in Sicherheit bringen, Jonai. Bleibt in Bewegung, zieht immer weiter, bis Ihr einen sicheren Ort findet, wo Euch niemand etwas antun kann.« »Wie Ihr befehlt, Aes Sedai.« »Wie steht es mit Coumin, Jonai? Hat er sich beruhigt?« Er sah keine Möglichkeit, ihr die Antwort zu verschweigen, obwohl er sich am liebsten die Zunge abgebissen hätte. »Mein Vater versteckt sich irgendwo in der Stadt. Er versuchte uns... zum Widerstand zu überreden. Er wollte nicht auf uns hören, Aes Sedai. Er wollte nicht hören. Er hat irgendwo eine alte Schocklanze gefunden, und nun... « Er konnte nicht weitersprechen. Er erwartete, daß sie nun zornig werde, aber in ihren Augen glitzerten Tränen.

»Haltet Euch an den Pakt, Jonai. Und wenn die Da'schain alles andere verlieren, dann sorge trotzdem dafür, daß sie sich an den Weg des Blattes halten. Versprich es mir.« »Natürlich, Aes Sedai«, sagte er erschrocken. Der Pakt und die Aiel, das war einfach nicht zu trennen. Den Weg des Blattes zu verlassen würde bedeuten, sich selbst aufzugeben. Coumin war ein Abtrünniger. Man sagte, er sei schon als Junge anders gewesen als die anderen und kaum noch ein Aiel, aber niemand wußte, warum.

»Geht nun, Jonai. Ich will Euch morgen weit weg von Paaren Disen wissen. Und denkt daran — bleibt immer in Bewegung. Behütet die Aiel.« Er verbeugte sich im Knien, aber sie wandte sich bereits wieder der Diskussion zu. »Können wir Kodam und seinen Leuten vertrauen, Solinda?« »Wir müssen, Oselle. Sie sind jung und unerfahren, aber kaum vom Verderben berührt, und... Und wir haben keine andere Wahl.« »Dann tun wir eben, was sein muß. Das Schwert muß warten. Someschta, wir haben eine Aufgabe für den letzten der Nym, wenn Ihr sie erfüllen wollt. Wir haben schon zuviel von Euch verlangt, und nun müssen wir noch mehr verlangen.« Während der Nym sich erhob, dienerte Jonai sich aus dem Raum. Someschtas Kopf berührte die Decke. Sie waren bereits so in ihre Pläne versunken, daß keine mehr auf ihn achtete. Trotzdem verzichtete er nicht auf diese letzte Ehrenbezeugung. Er glaubte nicht, daß er sie jemals wiedersehen würde.

Er rannte aus der Halle der Diener und aus der Stadt hinaus bis zu dem Ort, an dem ihn die große Versammlung erwartete. Tausende von Wagen erstreckten sich in zehn Reihen beinahe vier Meilen weit. Die einen Wagen waren mit Lebensmitteln und Wasserfässern beladen, andere mit den verpackten Sachen, die ihnen von den Aes Sedai anvertraut worden waren — Angreal und Sa'Angreal und Ter'Angreal — alles Dingen, die davor bewahrt werden mußten, in die Hände von Männern zu fallen, die durch die Benützung der Einen Macht dem Wahnsinn verfallen waren. Einst hätte es genügend andere Verkehrsmittel gegeben, um dies alles zu befördern, Jo-Mobile und Springer, Schweber und riesige Scho-Flieger. Nun mußten die mühsam aufgetriebenen Pferde und Planwagen ausreichen. Zwischen den Wagen standen die Menschen, ausreichend, um eine ganze Stadt zu bevölkern. Vielleicht waren dies alle Aiel, die noch auf der Welt am Leben geblieben waren.

Hunderte kamen ihm entgegen, Männer und Frauen, die Abgeordneten, die wissen wollten, ob die Aes Sedai einigen das Bleiben gestattet hätten. »Nein«, sagte er zu ihnen. Einige runzelten die Stirn und zögerten, doch er fügte hinzu: »Wir müssen gehorchen. Wir sind Da'schain Aiel, und wir unterstehen den Aes Sedai.« Langsam gingen sie auseinander und zu ihren Wagen zurück. Er glaubte, zu verstehen, daß Coumins Name erwähnt wurde, aber davon durfte er sich nicht beeinflussen lassen. Er eilte zum eigenen Wagen, der an der Spitze einer der inneren Reihen stand. Sämtliche Pferde tänzelten nervös wegen der immer wiederkehrenden Erdstöße.

Seine Söhne saßen bereits auf dem Bock. Willim, der Fünfzehnjährige, hielt die Zügel, und neben ihm saß der zehnjährige Adan. Beide grinsten aufgeregt. Die kleine Esole lag oben auf der Plane, die ihre Habseligkeiten und —was wichtiger war — die ihnen von den Aes Sedai übergebenen Dinge — bedeckte, und spielte mit einer Puppe. Es gab keinen Platz zum Mitfahren, außer für die ganz Jungen und die ganz Alten. Hinter dem Kutschbock standen gut gesichert Blumentöpfe mit einem Dutzend Chora-Schößlingen, die er einpflanzen wollte, wenn sie einen wirklich sicheren Ort gefunden hatten. Vielleicht war das närrisch, aber es gab keinen Wagen, der nicht ein paar dieser Schößlinge mitgeführt hätte. Es war etwas aus einer längst vergangenen Zeit und gleichzeitig das Symbol einer hoffentlich besseren Zukunft. Die Menschen brauchten etwas Hoffnung und solche Sinnbilder.