Alnora wartete neben dem Gespann. Ihr schwarzes, glänzendes Haar fiel ihr in Locken auf die Schultern und erinnerte ihn an die Zeit, als er sie kennengelernt hatte. Damals war sie noch ein Mädchen gewesen. Doch nun waren ihre Augen von Sorgenfalten umgeben.
Er brachte ein schwaches Lächeln zuwege, um die Sorge in seinem eigenen Herzen zu verbergen. »Alles wird gut werden, Frau meines Herzens.« Sie antwortete nicht, und er fügte hinzu: »Hast du geträumt?« »Nicht von der nahen Zukunft«, murmelte sie. »Alles wird gut, alles wird gut und alle möglichen Dinge werden gelingen.« Ihr Lächeln wirkte zittrig, und sie berührte ihn an der Wange. »Wenn ich bei dir bin, weiß ich, daß alles gut wird, Mann meines Herzens.« Jonai hob die Arme und winkte. Die nächsten winkten ebenfalls und so durchlief das Startsignal die Reihen. Schwerfällig setzten sich die Wagen in Bewegung, und die Aiel verließen Paaren Disen.
Rand schüttelte den Kopf. Zuviel. Die Erinnerungen drängten sich. Die Luft schien von Wetterleuchten erfüllt. Der Wind wirbelte den körnigen Staub auf. Muradin hatte mit seinen Fingernägeln tiefe Furchen in sein Gesicht gerissen. Jetzt begann er, seine Augen auszukratzen. Vorwärts.
Coumin kniete in seiner Arbeitskleidung am Rand des gepflügten Ackers. Die weichen Schnürstiefel, Hose und Wams waren im gleichen Graubraun gehalten. Er kniete in einer langen Reihe, die den ganzen großen Acker umgab: immer zehn Da'schain Aiel, jeweils eine Armlänge voneinander entfernt, und dann kam ein Ogier. Er konnte auch den nächsten Acker noch überblicken, der ebenfalls lebendig gesäumt wurde. Dahinter saßen die Soldaten mit ihren Schocklanzen auf gepanzerten Jo-Mobilen. Ein Schweber brummte auf Patrouille über sie hinweg — eine tödliche, schwarze Metallwespe, in der zwei Männer saßen. Er war sechzehn, und die Frauen hatten entschieden, daß seine Stimme nun tief genug war, um am Aussaatsingen teilzunehmen.
Die Soldaten faszinierten ihn, ob es nun Menschen oder Ogier waren, so, wie eine bunte Giftschlange. Sie töteten. Der Großvater seines Vaters — Charn — behauptete, einst habe es keine Soldaten gegeben, doch Coumin glaubte ihm nicht. Wenn es keine Soldaten gab, wer würde dann die Nachtreiter und die Trollocs davon abhalten, alle zu töten? Natürlich behauptete Charn auch, damals habe es noch keine Myrddraal und Trollocs gegeben. Keine Verlorenen, keine Schattenabkömmlinge. Er hatte viele Geschichten auf Lager, die angeblich aus einer Zeit vor den Soldaten, den Nachtreitern und den Trollocs stammten, als angeblich der Dunkle Herr der Gräber noch irgendwo gefangen lag und keiner seinen Namen und überhaupt die Bezeichnung ›Krieg‹ kannte. Coumin konnte sich eine solche Welt nicht vorstellen. Der Krieg war schon alt gewesen, als er geboren wurde.
Charns Geschichten gefielen ihm schon, obwohl er sie nicht glauben konnte, aber einige brachten dem alten Mann doch finstere Mienen und Schelte ein. Beispielsweise wenn er behauptete, früher einer der Verlorenen gedient zu haben. Und nicht nur irgendeiner, nein, auch noch Lanfear selbst! Da könnte er gleich behaupten, Ishamael gedient zu haben. Wenn Charn schon Geschichten erfand, wünschte sich Coumin, er würde erzählen, wie er Lews Therin, dem großen Führer selbst, gedient habe. Sicher, dann würde jeder fragen, wieso er jetzt dem Drachen nicht mehr diente, aber das wäre immer noch besser als dieser Zustand jetzt. Coumin gefiel es nicht, wie die Bürger Charn anblickten, wenn er sagte, Lanfear sei nicht immer böse gewesen.
Eine Bewegung am Ende des Ackers sagte ihm, daß sich einer der Nym näherte. Die große Gestalt, die selbst die Ogier noch um Kopf, Schultern und Brust überragte, trat hinaus auf den Ackerboden, der bereits die Saat enthielt, und Coumin mußte gar nicht hinsehen, um zu wissen, daß in seinen Fußstapfen grüne Sprossen emporschossen. Es war Someschta, von ganzen Schmetterlingswolken umgeben, die ihn weiß und gelb und blau umschwärmten. Aufgeregtes Geplappere machte sich unter den versammelten Stadtbewohnern und Grundbesitzern breit, die neugierig weiter draußen standen. Auf jedem Feld stand jetzt ein Nym bereit.
Coumin fragte sich, ob er Someschta auf Charns Geschichten ansprechen solle. Er hatte sich schon einmal mit ihm unterhalten, und Someschta war alt genug, um zu wissen, ob Charn die Wahrheit sagte. Die Nym waren älter als jeder andere. Manche behaupteten, die Nym seien unsterblich oder lebten zumindest solange, wie es Pflanzen gab. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzugrübeln, ob er einem Nym Fragen stellen solle.
Wie es der Brauch war, begann der Ogier. Er stand auf und sang. Sein Grollen in tiefstem Baß klang, als sänge die Erde selbst. Die Aiel erhoben sich, und die menschlichen Stimmen erklangen mit ihrem eigenen Lied. Selbst die tiefsten Stimmen unter ihnen lagen noch eine Oktave höher als die der Ogier. Und doch harmonierten die beiden Gesänge. Dann nahm Someschta die beiden Melodien auf und verwob sie in seinem Tanz. Er glitt mit langen, schwingenden Schritten über den Acker, die Arme weit gespreizt. Schmetterlinge umschwärmten ihn und landeten auf seinen Fingerspitzen.
Coumin hörte im Hintergrund die Gesänge an den anderen Äckern, hörte die Frauen rhythmisch in die Hände klatschen, um die Männer anzufeuern. Es war der Rhythmus und der Herzschlag neuen Lebens, doch dieses Wissen war fern und lag in einem Winkel seines Hinterkopfes. Das Lied berauschte ihn und sog ihn in sich auf. Er selbst war es, den Someschta in die Erde und um die Samen herum verwob. Es waren aber keine Samen mehr. Zemaisschößlinge bedeckten den ganzen Acker, und sie waren überall dort größer, wo sie der Fuß des Nyms berührt hatte. Keine Krankheit würde diese Pflanzen gefährden, kein Insekt sie kahlfressen. Aus den besungenen Samen würden Pflanzen wachsen, mehr als zwei Männer groß. Sie würden die Silos der Stadt füllen. Dafür war er geboren worden, um dieses und viele weitere Lieder zu singen, um Samen zu besingen. Er bedauerte es nicht, daß ihn die Aes Sedai mit zehn Jahren abgelehnt hatten, weil sie sagten, ihm fehle der Funke. Es wäre wunderbar gewesen, zum Aes Sedai ausgebildet zu werden, aber diese Augenblicke jetzt wogen alles auf.
Das Lied verklang langsam. Die Aiel ließen es gemeinsam ausklingen. Someschta tanzte noch ein paar Schritte weiter, nachdem die letzten Stimmen verklungen waren, denn es schien, als liege immer noch ein Hauch des Liedes in der Luft, solange er sich bewegte. Dann blieb er stehen, und es war vorüber.
Coumin war überrascht, als er bemerkte, daß die Stadtbewohner verschwunden waren. Er hatte allerdings keine Zeit, darüber nachzudenken, warum sie weg waren und wohin. Die Frauen kamen lachend heran, um die Männer zu beglückwünschen. Jetzt war er selbst einer dieser Männer und kein Junge mehr. Wenngleich sich die Frauen bei ihm noch nicht entschieden haben zu schienen: die einen küßten ihn auf den Mund, während die anderen emporfaßten und ihm über das kurzgeschnittene rote Haar strichen.
Da wurde er des Soldaten gewahr, der nur wenige Schritt entfernt stand und sie beobachtete. Er hatte seine Schocklanze und den Tarnumhang irgendwo liegen lassen, trug aber noch seinen Helm. Wie ein riesiger Insektenkopf sah dieser aus. Die ›Beißwerkzeuge‹ verbargen sein Gesicht, obwohl er das schwarze Schockvisier hochgeschoben hatte. Als sei ihm gerade klar geworden, daß er immer noch wie ein Fremdkörper wirkte, nahm der Soldat nun den Helm ab. Ein junger Mann wurde so enthüllt, der höchstens vier oder fünf Jahre älter war als Coumin. Der feste Blick aus seinen braunen Augen traf Coumin, und der Junge schauderte. Das Gesicht mochte ja nur vier oder fünf Jahre älter wirken, doch diese Augen... Auch der Soldat war bestimmt mit zehn Jahren ausgewählt worden, um seine Ausbildung zu beginnen. Coumin war froh, daß den Aiel diese Auswahl erspart blieb.