Einer der Ogier, Tomada, kam herüber. Seine behaarten Ohren zeigten fragend nach vorn. »Habt Ihr Neuigkeiten, Krieger? Ich sah Erregung unter den Jo-Mobilen, während wir sangen.« Der Soldat zögerte. »Ich denke, ich kann es Euch sagen, obwohl es noch unbestätigt ist. Es wurde berichtet, daß Lews Therin die Gefährten heute morgen bei Sonnenaufgang zu einem Angriff auf den Shayol Ghul führte. Die Verbindung ist wohl gestört, doch im Bericht hieß es, der Riß sei versiegelt und die meisten der Verlorenen befänden sich drinnen. Vielleicht auch alle.« »Dann ist alles vorbei.« Tomada atmete auf. »Endlich vorbei, das Licht sei gepriesen.« »Ja.« Der Soldat blickte sich um. Mit einem Mal wirkte er verloren. »Ich... denke schon. Ich glaube... « Er sah seine Hände an und ließ sie dann wieder fallen. Er machte einen innerlich erschöpften Eindruck. »Die Leute hier konnten es kaum erwarten, mit dem Feiern zu beginnen. Wenn die Nachricht sich als richtig erweist, wird das tagelang so gehen. Ob sie wohl... ? Nein, sie werden nicht wollen, daß sich Soldaten ihnen anschließen. Wie ist es mit Euch?« »Heute abend vielleicht«, sagte Tomada. »Aber wir müssen noch drei weitere Städte besuchen, bevor unsere Runde geschafft ist.« »Natürlich. Ihr habt noch Arbeit zu verrichten. Das bleibt Euch wenigstens.« Der Soldat sah sich wieder um. »Es gibt immer noch Trollocs. Obwohl die Verlorenen gefangen sind, bleiben noch die Trollocs. Und die Nachtreiter.« Er nickte vor sich hin und ging zurück zu den Jo-Mobilen.
Tomada zeigte natürlich weiter keine Erregung, aber Coumin war genauso überwältigt wie der junge Soldat. Der Krieg war vorüber? Wie würde die Welt ohne Krieg aussehen? Mit einemmal mußte er unbedingt mit Charn sprechen.
Bevor er noch die Stadt erreichte, hörte er bereits den Lärm der Feiern. Gelächter und Gesang schlugen ihm entgegen. Die Glocken im Rathausturm begannen jubilierend zu läuten. Die Menschen tanzten auf den Straßen — Männer, Frauen und Kinder. Coumin schob sich suchend zwischen ihnen durch. Charn hatte sich entschlossen, in einer der Schenken zu bleiben, wo die Aiel hier wohnten, anstatt mit zum Besingen zu kommen. Selbst die Aes Sedai konnten nicht mehr viel gegen die Schmerzen in seinen altersgeschwächten Knien unternehmen. Aber sicher war er jetzt auch draußen auf der Straße.
Plötzlich knallte etwas auf Coumins Mund und seine Beine gaben nach. Er rappelte sich auf die Knie hoch, bevor ihm überhaupt klar war, daß er am Boden lag. Die Hand, die er an den Mund hob, war blutig. Er blickte sich um und sah einen der Stadtbewohner, der sich mit wutverzerrtem Gesicht über ihn beugte und seine Faust rieb. »Warum habt ihr das getan?« fragte er ihn mühsam.
Der Mann fauchte ihn an: »Die Verlorenen sind tot. Tot, hörst du? Lanfear wird Euch nicht mehr beschützen. Wir werden alle von Euch ausrotten, die den Verlorenen dienten, während sie vorgaben, auf unserer Seite zu stehen. Wir werden mit Euch allen machen, was wir mit diesem verrückten alten Mann gemacht haben.« Eine Frau zog den Mann am Arm weg. »Komm schon, Tomada. Komm und halte deinen närrischen Mund! Willst du, daß die Ogier dich abführen?« Mit einemmal vorsichtig, ließ sich der Mann von ihr fortziehen, zurück in die Menschenmenge.
Coumin kämpfte sich hoch und rannte los, ohne auf das Blut zu achten, das ihm über das Kinn lief.
In der Schenke war es leer und still. Nicht einmal der Wirt war da, oder die Köchin und ihre Gehilfinnen. Coumin rannte durch das Haus und rief: »Charn? Charn? Charn!« Vielleicht auf dem Hinterhof? Charn saß gern unter den Gewürzapfelbäumen hinter der Schenke und erzählte von den Zeiten, als er noch jung gewesen war.
Coumin rannte zum Hinterausgang hinaus, stolperte und fiel auf die Nase. Sein Fuß war an einem herumliegenden Stiefel hängengeblieben. Es war einer von Charns guten roten Stiefeln, die er die ganze Zeit über trug, da er nicht mehr am Besingen teilnahm. Coumin blickte instinktiv nach oben.
Charns weißhaariger Körper hing an einem Seil, das man über einen Firstbalken geworfen hatte. Der eine Fuß war bloß, wo er offensichtlich seinen Stiefel selbst abgetreten hatte. Die Finger einer Hand waren zwischen Hals und Seil eingeklemmt. Er hatte wohl versucht, sich gegen den Tod zu wehren, solange es ging.
»Warum?« fragte Coumin laut. »Wir sind Da'schain. Warum?« Es war niemand da, der die Frage beantworten konnte. Er preßte den Stiefel an seine Brust, kniete auf dem grasbewachsenen Boden und blickte zu Charns Leichnam empor, während der fröhliche Lärm über ihm zusammenschlug.
Rand bebte. Das Licht von den Säulen her war wie ein schimmernder, blauer Vorhang, der ihm schier die Nerven aus der Haut riß. Der Wind heulte — ein enormer Luftwirbel, der alles in sich hineinsog. Muradin hatte es geschafft, den Schleier anzulegen, doch über dessen Rand hinweg starrten leere und blutige Augenhöhlen. Der Aiel kaute heftig. Blutiger Schleim tropfte ihm auf die Brust. Vorwärts.
Charn schritt ganz an der Seite der breiten, belebten Straße entlang, unter dem Blätterdach der Chorabäume, deren dreifingrige Blätter Frieden und Zufriedenheit im Schatten der silbrigen Gebäude verbreiteten, die den Himmel zu berühren schienen. Eine Stadt ohne Chorabäume würde ihm so eintönig wie eine Steppe vorkommen. Jo-Mobile summten leise durch die Straßen, und ein großer, weißer Scho-Flieger schoß über den Himmel. Er beförderte bestimmt Bürger nach Comelle oder Tzora oder in eine der anderen Städte. Er selbst benützte nur selten einen Scho-Flieger. Falls er weit weg mußte, reiste er gewöhnlich in Begleitung einer Aes Sedai durch die Kurzen Wege. Doch heute abend würde er nach M'jinn fliegen. Heute feierte er seinen fünfundzwanzigsten Namenstag, und an diesem Tag wollte er Nallas neuesten Heiratsantrag endlich annehmen. Er fragte sich, ob sie wohl überrascht sei. Er hatte sie ein Jahr lang vertröstet, weil er sich nicht niederlassen wollte. Ihre Heirat würde bedeuten, daß er zu Zorelle Sedai wechseln müßte, der auch Nalla diente, aber Mierin Sedai hatte schließlich ihre Einwilligung gegeben.
Er kam um eine Ecke und sah gerade noch den dunklen, breitschultrigen Mann mit dem modischen Spitzbart, doch es war schon zu spät. Die Schulter des Mannes traf ihn voll, er stürzte hart zu Boden, fiel auf den Rücken, und sein Kopf knallte auf das Pflaster des Gehwegs, so daß er nur noch Sterne sah. Betäubt lag er da.
»Paßt nächstens besser auf!« fuhr ihn der Bärtige an. Dann zog er das ärmellose Wams zurecht und schlenkerte die Spitzenmanschetten in die richtige Lage. Sein schwarzes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, war hinten zusammengebunden. Auch das war gerade groß in Mode. So imitierte man im Grunde die Aiel, auch wenn man nicht auf den Pakt eingeschworen war.
Die blonde Frau an seiner Seite legte ihm eine Hand auf den Arm. Ihr Kleid aus weißem Tüll schien durch ihre Verlegenheit irgendwie noch durchscheinender zu werden. »Jom, sieh mal sein Haar an. Er ist ein Aiel, Jom.« Charn faßte nach seinem Kopf, um festzustellen, ob er eine Platzwunde habe. Die Finger fuhren durch das kurzgeschnittene rotgoldene Haar. Er zupfte an dem Pferdeschwanz in seinem Nacken. Alles in Ordnung. Eine Schwellung, sonst nichts, dachte er.
»Tatsächlich.« Der Ärger des Mannes machte Zerknirschtheit Platz. »Vergebt mir, Da'schain. Ich sollte besser aufpassen, nicht Ihr. Laßt mich Euch aufhelfen.« Er hatte sich schnell auf die neue Situation eingestellt und half nun Charn, auf die Beine zu kommen. »Geht es Euch gut? Laßt mich einen Springer rufen, der Euch an Euer Ziel bringt.« »Ich bin unverletzt, Bürger«, sagte Charn sanftmütig. »Es war auch wirklich mein eigener Fehler.« Das stimmte; er hätte nicht so hetzen müssen. Dem Manne hätte glatt etwas passieren können. »Habe ich Euch weh getan? Bitte, vergebt mir.« Der Mann öffnete den Mund und wollte protestieren. Das taten die Bürger immer. Sie glaubten wohl, die Aiel bestünden aus Glas. Doch bevor der Mann ein Wort herausbringen konnte, bebte der Boden unter ihren Füßen. Auch die Luft war plötzlich in Bewegung, schwappte in Wellen über sie. Der Mann sah sich nervös um und zog seinen modischen Tarnumhang enger um sich und seine Begleiterin zusammen, so daß ihre Köpfe körperlos über der Straße zu schweben schienen. »Was war das, Da'schain?« Andere, denen Charns Haar ebenfalls aufgefallen war, versammelten sich nun um sie und stellten ängstlich die gleichen Fragen, doch er beachtete sie nicht. Er dachte gar nicht daran, daß er sich unhöflich ihnen gegenüber verhielt. Er schob sich einfach zwischen den Menschen durch, den Blick auf die Scharom gerichtet: die weiße Kugel, tausend Fuß im Durchmesser, die ebenso hoch über den blauen und silbernen Kuppeln des Collam Daan schwebte.