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Das schwache Licht voraus bewegte sich nicht mehr, und so ließ er Traber anhalten, obwohl sie mitten auf einer uralten Steinbrücke standen, die sich durch vollkommene Schwärze schwang. Wie alt sie war, konnte er an den Rissen in der Brüstung sehen und an dem mit Schlaglöchern übersäten Straßenbelag. Sehr wahrscheinlich hatte sie bereits dreitausend Jahre lang hier gestanden, und nun schien sie dem Einsturz nahe. Vielleicht würde sie gerade jetzt einstürzen?

Das Packpferd drängte sich an Traber heran. Die beiden Tiere wieherten leise und rollten ängstlich mit den Augen. Die Dunkelheit ihrer Umgebung machte sie so unruhig. Perrin wußte genau, wie sich die Pferde fühlten. Noch ein paar Menschen in ihrer Begleitung hätten geholfen, diese Dunkelheit nicht gar so drückend erscheinen zu lassen. Aber er hätte sich um keinen Preis den Laternen vor ihnen genähert, selbst wenn er ganz allein wäre. Da hätte er höchstens riskiert, dasselbe zu erleben wie auf jener ersten Insel, kurze Zeit, nachdem sie die Wege in Tear betreten hatten. Er kratzte sich gereizt in seinem lockigen Bart. Er war sich selbst nicht klar darüber, was er eigentlich erwartet hatte, aber bestimmt nicht...

Die Stablaterne hüpfte auf und ab, als er aus dem Sattel stieg und Traber sowie das Packpferd zum Wegweiser führte, einer hohen, weißen Steinplatte, die mit in Silber eingelegten Schriftzeichen bedeckt war. Die Zeichen erinnerten ein wenig an Ranken und Blätter, aber die gesamte Oberfläche der Platte war mit Löchern übersät, als habe man Säure daraufgegossen. Er konnte die Schrift natürlich nicht lesen. Das mußte Loial tun, denn es war ja Ogier-Schrift. Nach einem Augenblick der Betrachtung schritt er um den Wegweiser herum und sah sich die Insel an. Sie entsprach genau den anderen, die er gesehen hatte: eine weiße Steinbrüstung, die ihm bis an die Rippen reichte, in kunstvollen Schwüngen und Rundungen durchbrochen. In Abständen wurde die Brüstung durch Brücken unterbrochen, die hinaus in die Dunkelheit ragten, und an anderen Stellen mündeten Rampen ohne jedes Geländer ein, die ohne sichtbare Stütze nach oben oder unten führten. Überall zeigten sich Risse, Schlaglöcher, Spalten, so, als verrotte der Stein ganz langsam. Bei jedem Hufschlag der Pferde konnte man hören, wie kleine Steinsplitterchen wegflogen. Gaul spähte ohne sichtbares Zeichen von Nervosität in die Dunkelheit hinaus, aber er wußte ja auch nicht, was dort draußen auf sie warten mochte. Perrin wußte es nur zu gut.

Als Loial und die anderen nachkamen, sprang Faile sofort von ihrer schwarzen Stute und marschierte geradewegs auf Perrin zu. Sie sah ihm dabei eindringlich in die Augen. Er bereute es bereits, ihr Sorgen bereitet zu haben, aber eigentlich wirkte sie gar nicht besorgt. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, nur entschlossen wirkte er schon.

»Hast du dich endlich entschieden, wieder mit mir zu sprechen, anstatt...?«

Ihre gewaltige Ohrfeige ließ ihn Sterne sehen. »Was hast du dir eingebildet«, fauchte sie ihn an, »hier einfach wie ein wilder Keiler heraufzustürmen? Du kennst keine Rücksicht! Keine!«

Er atmete langsam und tief durch. »Ich habe dir schon einmal gesagt, daß du so etwas nicht tun sollst.« Sie öffnete ihre dunklen, leicht schräg stehenden Augen ein wenig weiter, als habe er etwas Aufreizendes gesagt. Er rieb sich noch die eine Wange, als ihre zweite Ohrfeige auf die andere klatschte und ihm beinahe das Kinn ausrenkte. Die Aiel sahen interessiert zu, während Loials Ohren traurig heruntersackten.

»›Ich habe dir doch gesagt, du sollst das lassen«, grollte er. Ihre Faust war zwar nicht sehr groß, doch der Schlag in seine Magengrube nahm ihm momentan die Luft. Er krümmte sich, und sie hob die Faust schon wieder. Da packte er sie knurrend am Kragen und...

Es war ja ihre eigene Schuld gewesen. Allerdings. Er hatte sie gebeten, nicht zuzuschlagen, hatte es ihr immer wieder gesagt. Ihre eigene Schuld. Er war aber doch überrascht, daß sie keines ihrer Messer gezogen hatte; sie trug beinahe so viele wie Mat mit sich herum.

Natürlich war sie wütend gewesen. Wütend auf Loial, weil er versucht hatte, sich einzumischen — sie konnte ganz gut auf sich selbst aufpassen, danke schön. Wütend auf Bain und Chiad, weil sie sich nicht eingemischt hatten. Es hatte sie getroffen, als die beiden ihr erklärten, sie hätten nicht geglaubt, sie wünsche ihre Hilfe in einem Kampf, den sie selbst begonnen hatte. Wenn du dich entscheidest, zu kämpfen, hatte Bain gesagt, dann mußt du auch die Konsequenzen tragen und mit Würde gewinnen oder verlieren. Aber sie schien auf ihn kein bißchen wütend mehr zu sein! Das machte ihn nervös. Sie sah ihn nur an, und in ihren dunklen Augen glitzerten Tränen. Das ließ ihn sich schuldig fühlen, und das wiederum machte nun zur Abwechslung ihn wütend. Warum sollte er Schuld empfinden? Erwartete sie von ihm, daß er einfach dastand und sich nach Herzenslust schlagen ließ? Sie war wieder auf ihre Stute geklettert, hatte steif und stumm oben gesessen, nicht ein bißchen entspannt, und ihn mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck angeblickt. Das machte ihn sehr nervös. Er wünschte beinahe, sie hätte statt dessen ein Messer gezogen. Beinahe.

»Sie sind wieder in Bewegung«, sagte Gaul.

Perrin riß sich aus der Vergangenheit los und kehrte in die Gegenwart zurück. Die andere Laterne bewegte sich tatsächlich wieder. Jetzt hielt sie inne. Einer von ihnen hatte wahrscheinlich bemerkt, daß sie ihnen noch nicht folgten. Vielleicht Loial. Faile war es möglicherweise gleich, ob er sich verirrte, und die beiden Aielfrauen hatten schon zweimal versucht, ihn zu überreden, mit ihnen ein Stück weiter hinaus ins Dunkle zu gehen. Es hatte des leichten Kopfnickens von Gaul nicht bedurft, um ihr Angebot abzulehnen. Er kitzelte Traber mit den Fersen in den Flanken, damit er weiterschritt, das Packpferd im Schlepptau.

Der Wegweiser hier war noch stärker verwittert als die meisten, die er bisher gesehen hatte. Er ritt ohne weiteren Blick daran vorbei. Der Lichtschein der anderen Laternen bewegte sich schon auf einer der Rampen abwärts, und er folgte seufzend. Er haßte diese Rampen. An der Seite nur tiefe Dunkelheit, so wand sie sich spiralförmig in die Tiefe. Außerhalb des Lichtkreises der über seinem Kopf schwankenden Laterne war nichts zu sehen. Etwas in seinem Innern sagte ihm, daß ein Sturz über die Außenkante nie enden werde. Traber und das Packpferd hielten sich automatisch in der Mitte und selbst Gaul mied die Außenkante. Was noch schlimmer war: Als die Rampe schließlich wieder auf einer neuen Insel endete, konnte er das Gefühl nicht vermeiden, daß diese sich genau unter derjenigen befand, die sie vorher verlassen hatten. Er war froh, als er sah, daß auch Gaul unwillkürlich nach oben blickte, froh, daß er nicht der einzige war, der sich fragte, was die Inseln wohl an diesen Stellen festhielt und ob nicht gleich alles einstürzen werde.

Wieder standen die Laternen Loials und Failes still, bestimmt vor einem neuen Wegweiser. So hielt er die Pferde an und sie blieben gerade noch auf der Rampe vor dem Erreichen der Insel stehen. Diesmal rührten sie sich nicht vom Fleck. Nach ein paar Augenblicken drang Failes Stimme zu ihm herüber: »Perrin!« Der Gerufene und Gaul blickten sich an. Dann zuckte der Aielmann die Achseln. Sie hatte nicht mehr mit Perrin gesprochen, seit er sie...