»War das...?« begann Faile unsicher, doch dann hielt sie den Mund und schluckte. Ausnahmsweise einmal wirkten sogar die Aiel erschüttert.
»Machin Shin«, sagte Loial. »Der Schwarze Wind. Ein Geschöpf des Schattens, oder etwas, das aus dem Verderben der Wege geboren wurde. Niemand weiß das genau. Mir tun die Trollocs leid. Ja, sogar die.« Perrin war sich da nicht so sicher, selbst bei einem so schrecklichen Tod wie diesem. Er hatte gesehen, was die Trollocs zurückließen, wenn ihnen Menschen in die Hände fielen. Trollocs aßen alles, wenn es nur Fleisch war, und manchmal hielten sie ihren Fleischvorrat am Leben, bis er geschlachtet wurde. Er verschwendete kein Mitleid an Trollocs.
Trabers Hufe knirschten auf Steinbrocken und körniger Erde, als Perrin ihn wenden ließ, um sich umzuschauen.
Rund um sie herum ragten wolkenverhüllte Gipfel auf. Die immer und ewig dort oben hängenden Wolken hatten dem Bergland seinen Namen verliehen: die Verschleierten Berge. In dieser Höhe war die Luft kühl, selbst im Sommer, und ganz besonders, wenn man es mit Tear verglich. Die Spätnachmittagssonne leuchtete hinter den Gipfeln im Westen, und ihr Schein glänzte auf Bächen, die sich hinunter zu dem Fluß wanden, der auf der Talsohle weiter unten entlangströmte. Sobald er viel weiter im Südwesten die Berge verließ, nannte man ihn einst den Manetherendrelle, aber Perrin hatte ihn als Junge als den Weißen Fluß gekannt, der an der Südgrenze der Zwei Flüsse entlangfloß. Und der Name wiederum rührte von den Stromschnellen her, die sein Wasser zu Gischt verwandelten. Der Manetherendrelle. Die Wasser der Bergheimat.
Wo im Tal unter ihnen oder auf den sie umgebenden Hängen der blanke Fels hervortrat, da glitzerte er wie Glas. Hier hatte einst eine Stadt gestanden, hatte Berg und Tal bedeckt. Manetheren, die Stadt hoch aufragender Türme und ewig plätschernder Brunnen, die Hauptstadt eines großes Staates mit dem gleichen Namen, vielleicht die schönste Stadt der Welt, wenn man den Legenden der Ogier Glauben schenkte. Spurlos verschwunden war sie nun, bis auf das beinahe unzerstörbare Wegetor, daß einst im Ogierhain gestanden hatte. Vor mehr als zweitausend Jahren war sie bis hinunter auf den bloßen Mutterfels verbrannt worden, als noch immer die Trolloc-Kriege tobten, verbrannt durch die Eine Macht, gleich nach dem Tod des letzten Königs Aemon al Caar al Thorin in seiner letzten blutigen Schlacht gegen den Schatten. Aemonsfeld hatten die Menschen den Ort der Schlacht genannt, und dort stand heute das Dorf Emondsfeld.
Perrin schauderte. Das war schon so lange her. Einmal seither waren die Trollocs hier eingefallen, in der Winternacht vor mehr als einem Jahr, der Nacht, bevor er und Rand und Mat gezwungen wurden, zusammen mit Moiraine in der Dunkelheit zu entfliehen. Auch das schien schon so lange her zu sein. Es konnte nun auch nicht wieder vorkommen, da das Wegetor geschlossen war. Jetzt muß ich mir über die Weißmäntel Gedanken machen und nicht um die Trollocs.
Ein Pärchen Bussarde mit weißen Flügeln kreiste über dem entfernten Ende des Tals. Perrins Augen konnten gerade noch den nach oben huschenden Pfeil erkennen, da überschlug sich schon einer der Bussarde und stürzte ab. Perrin runzelte die Stirn. Warum sollte jemand hier oben einen Bussard abschießen? Über einem Bauernhof war das etwas anderes, wenn man die Küken und die Gänse schützen wollte, aber hier oben? Warum hielt sich überhaupt jemand hier oben auf? Die Menschen von den Zwei Flüssen mieden die Berge.
Der zweite Bussard schwebte auf schneeweißen Schwingen hinüber in die Richtung, wo sein Genosse abgestürzt war, doch plötzlich bemühte er sich verzweifelt, an Höhe zu gewinnen. Eine schwarze Wolke von Raben erhob sich aus den Bäumen, umflatterte ihn in einem wilden Durcheinander, und als sie sich wieder setzten, war der Bussard verschwunden.
Perrin zwang sich zum Atmen. Er hatte auch früher schon gesehen, wie Raben und andere Vögel einen größeren Raubvogel angegriffen hatten, der ihren Nestern zu nahe gekommen war. Aber diesmal glaubte er nicht an eine so einfache Erklärung. Die Vögel waren in etwa von der Stelle her gekommen, wie zuvor auch der Pfeil. Raben. Der Schatten benutzte manchmal Tiere als Spitzel. Ratten und andere Aasfresser für gewöhnlich. Und besonders Raben. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, wie er von ständig herabstoßenden Schwärmen von Raben gejagt worden war, als besäßen sie Intelligenz.
»Was siehst du da wieder?« fragte Faile. Sie hielt eine Hand über ihre Augen und spähte hinunter ins Tal. »Waren das Vögel?« »Nur Vögel«, sagte er. Vielleicht. Ich kann nicht allen Angst einjagen, solange ich selbst nicht sicher bin. Und schon gar nicht, wenn sie noch von Machin Shin erschüttert sind.
Ihm wurde klar, daß er immer noch den blutverschmierten Hammer in der Hand hielt, verschmiert mit schwarzem Blut des Myrddraals. Seine tastenden Finger fanden auch getrocknetes Blut auf seiner Wange und in seinem kurzen Bart, der ganz verklebt war. Als er vom Pferd kletterte, schmerzten seine Hüfte und sein Bein. Er kramte ein Hemd aus einer Satteltasche, mit dem er den Hammer reinigte, bevor sich das ätzende Myrddraalblut in das Metall hineinfraß. Noch ein Augenblick, und dann würde er herausfinden, ob es in diesen Bergen etwas gab, wovor sie sich fürchten mußten. Die Wölfe würden es wissen.
Faile begann, sein Wams aufzuknöpfen.
»Was machst du da?« wollte er wissen.
»Deine Wunden versorgen«, fuhr sie ihn an. »Ich werde dich ja wohl nicht verbluten lassen. Das sieht dir ähnlich —sterben und mir die Arbeit überlassen, dich zu beerdigen. Du bist rücksichtslos. Halt still!« »Danke schön«, sagte er ruhig, und sie blickte überrascht drein.
Sie ließ ihn alles bis auf die Unterwäsche ausziehen, damit sie seine Wunden auswaschen und mit einer Tinktur einreiben konnte, die sie aus einer ihrer Satteltaschen holte. Natürlich konnte er den Schnitt in seinem Gesicht selbst nicht sehen, aber er schien doch klein und nur oberflächlich zu sein, wenn auch unangenehm nahe an seinem Auge. Aber der Schnitt an seiner linken Seite war mehr als eine Handspanne lang, längs der untersten Rippe, und in seiner rechten Hüfte hatte ein Speer eine tiefe Wunde hinterlassen. Faile mußte diese Wunde nähen. Nadel und Faden hatte sie in ihrem Nähzeug dabei. Er nahm alles gelassen hin. Sie war diejenige, die bei jedem Stich zusammenzuckte. Die ganze Zeit über fluchte sie leise vor sich hin, besonders heftig, als sie ihre dunkle, beißende Salbe in die Wunde an seiner Wange strich. Es machte beinahe den Eindruck, als seien es ihre Verletzungen und alles seine Schuld. Doch die Hand, die Bandagen um seine Rippen und seine Hüfte wickelte, war sanft. Es war ein überraschender Kontrast bei ihr — die sanfte Versorgung der Wunden und ihr wütendes Fluchen dabei. Einfach verwirrend, diese Frau.
Während er sich ein frisches Hemd und eine Ersatzhose aus den Satteltaschen fischte und anzog, untersuchte Faile den Schnitt an der Seite seines Wamses. Drei Fingerbreit weiter rechts, und er hätte die Insel nicht mehr lebend verlassen. Er stampfte die Füße richtig in seine Stiefel hinein und faßte nach dem Wams. Da warf sie es ihm hin.
»Du brauchst gar nicht zu glauben, daß ich dir das nähe! Ich habe schon mehr für dich genäht, als ich jemals vorhatte. Hörst du das, Perrin Aybara?« »Ich habe dich nicht gebeten... « »Du brauchst es gar nicht erst zu glauben! Das ist alles!« Sie stolzierte weg, um den Aiel dabei zu helfen, ihre Wunden und die Loials zu versorgen. Es gab ein komisches Bild ab. Da stand der Ogier und hatte seine Pumphosen heruntergelassen. Gaul und Chiad sahen sich mißtrauisch an, wie Katzen, die in ein fremdes Revier eingedrungen waren. Faile breitete ihre Tinkturen und Binden aus und blickte ihn ständig vorwurfsvoll an. Was hatte er nun wieder falsch gemacht?