Perrin schüttelte den Kopf. Gaul hatte recht, fand er. Man kann genausogut versuchen, die Sonne zu verstehen.
Er wußte wohl, was er jetzt zu tun hatte, zögerte aber, weil er daran dachte, was sich in den Wegen mit dem Blassen abgespielt hatte. Einmal hatte er einen Mann kennengelernt, der vergessen hatte, daß er ein Mensch war. Das gleiche konnte auch ihm passieren. Narr. Du mußt nur noch ein paar Tage durchhalten. Nur, bis du die Weißmäntel aufspürst. Aber er mußte Gewißheit haben. Diese Raben.
Er fühlte im Geist über das Tal hinweg nach Wölfen. Es gab immer Wölfe, wo keine Menschen wohnten, und wenn welche nah genug waren, konnte er mit ihnen sprechen. Die Wölfe mieden Menschen, gingen ihnen so weit wie möglich aus dem Weg, aber sie haßten die Trollocs als unnatürliche Geschöpfe, und sie verabscheuten die Myrddraal abgrundtief. Wenn sich in den Verschleierten Bergen Schattenabkömmlinge aufhielten, würden es ihm die Wölfe sagen.
Doch er fand keine Wölfe. Keinen einzigen. Sie hätten sich hier in dieser Wildnis aufhalten sollen. Er konnte drunten im Tal Hirsche beim Äsen beobachten. Vielleicht waren die Wölfe auch einfach nicht nahe genug. Sie konnten sich über einige Entfernung hinweg verständigen, aber schon eine Meile war dann doch zu weit. Vielleicht war die Reichweite hier in den Bergen noch geringer. Das konnte die Lösung sein.
Sein Blick schweifte über die wolkengekrönten Gipfel und blieb dann am entfernten Ende des Tals hängen, von wo die Raben gekommen waren. Vielleicht würde er morgen Wölfe aufspüren. An andere Möglichkeiten wollte er lieber nicht denken.
28
Der Turm von Ghenjei
Da es bereits kurz vor Einbruch der Nacht war, blieb ihnen nichts weiter übrig, als hier am Abhang nahe dem Wegetor zu lagern. In zwei verschiedenen Lagern. Darauf bestand Faile.
»Damit ist jetzt Schluß«, sagte Loial in seinem strengsten Baßgrollen zu ihr. »Wir befinden uns nicht mehr in den Kurzen Wegen, und ich habe meinen Eid erfüllt. Jetzt ist Schluß.« Faile setzte ihren stursten Gesichtsausdruck auf, das Kinn angehoben und die Fäuste auf die Hüften gestützt.
»Laß es sein, Loial«, sagte Perrin. »Ich werde mein Lager dort drüben aufschlagen.« Loial sah Faile an, die sich sofort den beiden Aielfrauen zuwandte, nachdem sie Perrins Zustimmung vernommen hatte, und dann schüttelte er das mächtige Haupt und machte Anstalten, sich Perrin und Gaul anzuschließen. Perrin wies ihn mit einer kaum sichtbaren Geste zurück, von der er hoffte, die Frauen hätten sie nicht bemerkt.
Die Entfernung war im Endeffekt aber nicht groß —weniger als zwanzig Schritt. Das Wegetor war ja wohl verschlossen, aber da gab es immer noch die Raben und alles, was mit ihnen zusammenhängen mochte. Er wollte ihnen nahe sein, für den Fall, daß sie ihn brauchten. Falls Faile sich beklagte, sollte sie ruhig. Er war schon so darauf eingestellt, ihren Protest einfach zu überhören, daß es ihn wurmte, als sie nichts sagte.
So ignorierte er statt dessen die Schmerzen in seinem Bein und unter seinen Rippen, sattelte Traber ab und holte ihr Gepäck vom Packpferd herunter. Dann legte er beiden Tieren Fußfesseln an und hängte ihnen Futtersäcke um, in die er ein paar Handvoll Gerste und Hafer verteilt hatte. Hier oben konnten sie ja kaum grasen. Was die möglichen Gefahren betraf... Vorsichtshalber bespannte er seinen Bogen, legte ihn neben den Köcher ans Feuer und holte die Axt aus der Gürtelschlaufe.
Gaul half ihm beim Feuermachen, und dann aßen sie Brot und Käse und Trockenfleisch. Sie aßen schweigend und spülten alles mit Wasser hinunter. Die Sonne sank hinter die Berge und malte die Gipfel und die Wolken rot. Schatten überzogen das Tal, und die Luft wurde kühl.
Perrin klopfte sich die Krümel von den Händen und kramte seinen guten grünen Wollumhang aus den Satteltaschen. Vielleicht hatte er sich doch mehr der Hitze in Tear angepaßt, als er selbst glaubte. Die Frauen drüben aßen nicht so schweigend an ihrem von Schatten überlagerten Feuer. Er hörte Lachen, und ein paar Bruchstücke dessen, was sie sagten, ließen ihm die Ohren heiß werden. Frauen schwatzten aber auch über alles; sie kannten keine Hemmungen. Loial war so weit wie möglich von ihnen abgerückt, so weit eben der Feuerschein reichte, und hatte sich in einem Buch vergraben. Ihnen war wahrscheinlich nicht einmal klar, daß sie den Ogier von einer Verlegenheit in die nächste stürzten. Möglicherweise glaubten sie auch, sie sprächen so leise, daß Loial nichts mehr davon verstünde.
Perrin knurrte in sich hinein und setzte sich gegenüber von Gaul ans Feuer. Der Aiel schien von der Kühle überhaupt keine Notiz zu nehmen. »Kennst du lustige Geschichten?« »Lustige Geschichten? Mir fällt so plötzlich keine ein.« Gauls Blick wanderte hinüber zu dem anderen Feuer, und dann lachte er. »Ich würde schon gern eine erzählen, wenn ich könnte. Die Sonne, erinnerst du dich?« Perrin lachte extra laut, damit man es drüben auch sicher hören konnte. »Ich erinnere mich. Frauen, ha!« Das Gelächter im anderen Lager verstummte einen Moment lang und erhob sich anschließend wieder. Das würde es ihnen schon zeigen. Auch andere Leute konnten lachen. Perrin starrte trübsinnig ins Feuer. Seine Wunden schmerzten.
Einen Augenblick später sagte Gauclass="underline" »Diese Landschaft wirkt eher wie das Dreifache Land als jede andere in den Feuchtländern. Immer noch zuviel Wasser, und die Bäume sind zu groß und auch zu viele, aber es wirkt nicht so fremdartig wie die Orte, die ihr Wälder nennt.« Die Erde hier war sehr schlecht, wo Manetheren im Feuer gestorben war, die verstreuten Bäume waren verkrüppelt, vom Wind abgewandt, mit dicken, kurzen Stämmen, und keiner auch nur dreißig Fuß hoch. Für Perrin war das einer der trübseligsten Flecken Erde, die er je gesehen hatte.
»Ich wünschte, ich könnte eines Tages euer Dreifaches Land kennenlernen, Gaul.« »Vielleicht geht das, wenn wir hier fertig sind.« »Vielleicht.« Das war aber wohl kaum möglich. Eigentlich gar nicht. Er hätte das dem Aielmann sagen können, aber er wollte lieber nicht darüber sprechen, ja, noch nicht einmal darüber nachdenken.
»Und hier stand einst Manetheren? Du stammst von den Bewohnern Manetherens ab?« »Hier war Manetheren«, antwortete Perrin. »Ja, und ich denke schon.« Es war schwer zu glauben, daß in den Bewohnern der kleinen Dörfer und stillen Bauernhöfe der Zwei Flüsse das letzte Blut von Manetheren floß, doch Moiraine hatte das behauptet. Das alte Blut ist stark an den Zwei Flüssen, hatte sie gesagt. »Das war vor langer Zeit, Gaul. Wir sind Bauern und Schäfer, kein großer Staat mehr und auch keine großen Krieger.« Gaul lächelte leicht. »Wenn du meinst. Ich habe dich und Rand al'Thor den Tanz der Speere tanzen sehen, und auch den, den ihr Mat nennt. Aber wenn du meinst.« Perrin rutschte nervös hin und her. Inwieweit hatte er sich geändert, seit sie die Heimat verlassen hatten? Er und Rand und Mat? Nicht seine Augen und das mit den Wölfen oder Rands Gebrauch der Macht. Das meinte er nicht. Wieviel von seinem Innern war überhaupt noch unverändert geblieben? Mat war der einzige von ihnen, der immer noch derselbe zu sein schien, vielleicht sogar in übertriebener Weise. »Weißt du von Manetheren?« »Wir wissen mehr von eurer Welt, als du glaubst. Und weniger, als wir glaubten. Lange bevor ich die Drachenmauer überquerte, habe ich Bücher gelesen, die uns Händler mitbrachten. Ich wußte von ›Schiffen‹ und ›Flüssen‹ und ›Wäldern‹, oder jedenfalls glaubte ich, sie zu kennen.« Bei Gaul klang das, als stammten diese Wörter aus einer fremden Sprache. »So habe ich mir damals einen ›Wald‹ vorgestellt.« Damit deutete er auf die verstreuten Bäume, die so viel kleiner und verkrüppelt waren, wenn man sie mit ihren Artgenossen im Tal verglich. »Etwas zu glauben heißt noch nicht, die Wahrheit zu kennen. Wie steht es mit dem Nachtläufer und den Abkömmlingen des Blattverderbers? Glaubst du, es war nur Zufall, daß sie zu diesem Wegetor hier kamen?« »Nein«, seufzte Perrin. »Ich habe unten im Tal Raben beobachtet. Vielleicht sind es nur Vögel, aber ich kann kein Risiko eingehen nach dieser Begegnung mit den Trollocs.« Gaul nickte. »Es könnten Schattenaugen gewesen sein. Wenn du das Schlimmste annimmst, kann es nur angenehme Überraschungen geben.« »Ich könnte jetzt eine angenehme Überraschung gebrauchen.« Perrin sandte erneut seine Gedanken hinaus, um Wölfe aufzuspüren, doch wieder war nichts von ihnen zu spüren. »Ich kann heute nacht möglicherweise etwas herausfinden. Vielleicht. Falls hier irgend etwas passiert, mußt du mir vermutlich einen Tritt geben, um mich aufzuwecken.« Ihm wurde klar, wie eigenartig das klingen mußte, aber Gaul nickte einfach nur. »Gaul, du hast noch nie meine Augen erwähnt oder sie auch nur besonders beachtet. Keiner der Aiel hat ihnen irgendwelche Aufmerksamkeit geschenkt.« Er wußte, daß sie jetzt im Feuerschein golden glühten.