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Sie bewegte sich, und das metallische Glitzern war nicht mehr zu sehen. »Ihr habt scharfe Augen, Bogenschütze. Das habe ich schon beim erstenmal gewußt, als ich Euch sah.« Wie lange hatte sie ihn schon beobachtet? Es war beschämend für ihn, daß sie sich unbemerkt an ihn hatte anschleichen können. Zumindest hätte ihn Springer warnen sollen. Der Wolf lag im kniehohen Gras, die Schnauze auf den Vorderpfoten, und beobachtete ihn.

Die Frau kam ihm irgendwie bekannt vor, aber andererseits war er sicher, daß er sie nicht vergessen hätte, wenn er ihr schon einmal begegnet wäre. Wer war sie, daß sie sich im Wolfstraum aufhielt? Oder war das tatsächlich auch Moiraines Tel'aran'rhiod? »Seid Ihr eine Aes Sedai?« »Nein, Bogenschütze«, lachte sie. »Ich kam nur gegen alle Vorschriften her, um Euch zu warnen. Selbst in der Menschenwelt ist es schwer, den Turm von Ghenjei wieder zu verlassen, wenn man ihn einmal betreten hat. Hier ist es beinahe unmöglich. Ihr habt den Mut des Bannerträgers, doch man sagt auch, daß dessen Mut sich kaum von Leichtsinn unterscheidet.« Unmöglich, ihn wieder zu verlassen? Dieser Bursche, den Springer den Schlächter nannte, war auf jeden Fall hineingegangen. Warum würde er das tun, wenn er ihn nicht mehr verlassen könnte? »Springer hat auch behauptet, es sei gefährlich. Der Turm von Ghenjei? Was ist das?« Sie riß die Augen auf und sah Springer an, der immer noch lang ausgestreckt auf dem Gras lag und Perrin beobachtete. »Ihr könnt mit Wölfen sprechen? Das ist etwas, was nur noch aus Legenden bekannt ist. Deshalb also seid Ihr hier. Ich hätte es wissen sollen. Der Turm? Das ist ein Tor, Bogenschütze, ein Tor zum Reich der Aelfinn und der Eelfinn.« Sie sagte das so, als müsse er diese Bezeichnungen kennen. Als er sie verständnislos anblickte, sagte sie: »Habt Ihr jemals ein Spiel gespielt, das bei uns ›Schlangen und Füchse‹ hieß?« »Das kennen doch alle Kinder. Jedenfalls an den Zwei Flüssen. Aber sie geben es auf, wenn sie alt genug sind, um zu begreifen, daß man bei diesem Spiel nicht gewinnen kann.« »Außer, man bricht die Regeln«, sagte sie. »›Mut gibt Kraft, Feuer blendet, Musik betäubt und Eisen das Spiel wendet‹.« »Das stammt aus dem Spiel. Ich verstehe nicht. Was hat das mit diesem Turm zu tun?« »So gewinnt man gegen die Schlangen und Füchse. Das Spiel soll an alte Ereignisse erinnern. Es spielt keine Rolle, solange Ihr euch von den Aelfinn und den Eelfinn fernhaltet. Sie sind nicht auf die Art böse, wie es der Schatten ist, aber sie unterscheiden sich derart von der Menschheit, daß sie fast genauso gefährlich sind. Man kann ihnen nicht trauen, Bogenschütze. Bleibt vom Turm von Ghenjei weg. Meidet die Welt der Träume, wenn es möglich ist. Düstere Wesen treiben sich hier herum.« »Wie der Mann, den ich verfolgt habe? Der Schlächter?« »Das ist ein passender Name für ihn. Dieser Schlächter ist nicht alt, Bogenschütze, aber das Böse in ihm ist uralt.« Sie schien sich leicht auf etwas Unsichtbares zu stützen. Vielleicht war es das silberne Ding, das er nie ganz zu Gesicht bekommen hatte. »Ich scheine Euch eine ganze Menge zu erzählen. Ich weiß auch nicht, warum ich überhaupt damit angefangen habe. Aber natürlich: Seid Ihr ein Ta'veren, Bogenschütze?« »Wer seid Ihr?« Sie schien ja eine Menge über den Turm und den Wolfstraum zu wissen. Aber sie war überrascht darüber, daß ich mit Springer sprechen kann. »Ich glaube, ich habe Euch schon einmal irgendwo getroffen.« »Ich habe schon zu viele Verbote übergangen, Bogenschütze.« »Verbote? Was für Verbote?« Ein Schatten fiel hinter Springer auf den Boden, und Perrin fuhr herum. Er ärgerte sich, daß er sich schon wieder hatte überraschen lassen. Doch es war niemand zu sehen. Er hatte aber deutlich den Schatten eines Mannes wahrgenommen, über dessen Schultern die Griffe zweier Schwerter ragten. Etwas an dieser Vorstellung reizte sein Erinnerungsvermögen.

»Er hat recht«, sagte die Frau hinter ihm. »Ich sollte gar nicht mit Euch sprechen.« Als er sich ihr wieder zuwenden wollte, war sie weg. Soweit er blicken konnte, sah er nur Grasland und vereinzelte Hecken. Und den silbrig schimmernden Turm.

Er sah Springer fragend an, und der hob endlich den Kopf von seinen Pfoten. »Mich wundert nur, wie du das aushältst«, knurrte Perrin. »Was hältst du von ihr?« Von ihr? Eine ›sie‹? Springer stand auf und sah sich um.

Wo?

»Ich habe doch mit ihr gesprochen. Genau hier. Gerade eben.«

Du hast mit dem Wind geplaudert, Junger Bulle. Es war keine ›sie‹ hier. Niemand außer dir und mir.

Perrin kratzte sich gereizt im Bart. Sie war hiergewesen. Er hatte keine Selbstgespräche geführt. »Hier können eben eigenartige Sachen geschehen«, sagte er sich. »Sie hat dir zugestimmt, Springer. Sie hat gesagt, ich solle mich von diesem Turm fernhalten.« Sie ist klug. Es lag jedoch ein wenig Zweifel in diesem Gedanken. Springer glaubte immer noch nicht, daß es diese ›sie‹ gegeben hatte.

»Ich bin schrecklich weit von dem abgekommen, was ich eigentlich erreichen wollte«, stellte Perrin fest. Er erklärte, warum er im Gebiet der Zwei Flüsse oder in den Bergen Wölfe gesucht hatte, erzählte Springer von den Raben und den Trollocs in den Kurzen Wegen.

Als er fertig war, schwieg Springer noch eine ganze Weile. Den buschigen Schwanz hielt er gesenkt und steif. Schließlich... Meide deine alte Heimat, Junger Bulle. Das Bild, dem Perrins Verstand den Begriff ›Heimat‹ zuordnete, zeigte ein Land mit einem Wolfsrudel darin. Es gibt dort jetzt keine Wölfe mehr. Diejenigen, die sich dort aufhielten und nicht flohen, sind tot. Dort wandelt der Schlächter durch den Traum.

»Ich muß nach Hause, Springer. Ich muß.«

Sei vorsichtig, Junger Bulle. Der Tag der Letzten Jagd nähert sich. Wir werden in der Letzten Jagd miteinander laufen.

»Das werden wir«, sagte Perrin traurig. Es wäre schön, wenn er nach seinem Tod hierherkommen könnte. Es schien ihm, daß er bereits jetzt ein halber Wolf sei. »Ich muß jetzt gehen, Springer.«

Möge deine Jagd reichhaltig sein, Junger Bulle, und ich wünsche dir eine ›sie‹, die dir viele Welpen schenkt.

»Leb wohl, Springer.« Er öffnete die Augen und nahm den trüben Lichtschein von ausglühenden Kohlen am Abhang wahr. Gaul hockte gerade außerhalb des Lichtscheins und blickte in die Nacht hinaus. Im anderen Lager war Faile wach und hatte ihre Wache übernommen. Der Mond hing über den Bergen und verwandelte die Wolken in perlgraue Schatten. Perrin schätzte, daß er etwa zwei Stunden geschlafen hatte.

»Ich werde eine Weile die Wache übernehmen«, sagte er und warf seinen Umhang beiseite. Gaul nickte und ließ sich auf dem Fleck nieder, an dem er sich befand. »Gaul?« Der Aiel hob den Kopf. »Die Lage an den Zwei Flüssen könnte noch schlimmer sein, als ich glaubte.« »Das ist oftmals der Fall«, antwortete Gaul ruhig. »So ist das Leben.« Dann legte der Aiel gelassen den Kopf hin und schlief ein.

Der Schlächter. Wer war das? Was war er? Schattenwesen am Wegetor, Raben in den Verschleierten Bergen und dieser Mann, den man den Schlächter nannte, an den Zwei Flüssen. Das konnte kein Zufall sein, so sehr er sich das auch wünschte.

29

Heimkehr

Für die Reise zum Westwald, für die er im Wolfstraum gerade einmal ein halbes Dutzend Schritte benötigt hatte, brauchten sie zu Pferd drei lange Tage. Aus den Bergen hinaus und durch das Gebiet der Sandhügel ritten sie, und die Aiel hatten keine Mühe, zu Fuß mitzuhalten. Das ständige Auf und Ab ermüdete die Tiere fast mehr als die Aiel. Perrins Wunden juckten stark, aber sie heilten. Failes Tinkturen schienen zu wirken.