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Im großen und ganzen war es ein ruhiger Ritt. Man hörte öfters das Bellen eines jagenden Fuchses oder den Jagdschrei eines Habichts, als daß jemand etwas gesagt hätte. Wenigstens sahen sie auch nichts mehr von den Raben. Mehr als einmal glaubte Perrin, Faile wolle ihr Pferd zu seinem herüberlenken und ihm etwas sagen, aber jedesmal hielt sie sich dann doch zurück. Er war auch froh darüber, denn einerseits wünschte er sich nichts mehr, als mit ihr zu sprechen, aber andererseits fragte er sich, was wäre, wenn er sich wieder mit ihr versöhnte. Er machte sich allein schon dieses Wunsches wegen Selbstvorwürfe. Sie hatte Loial und ihn hinters Licht geführt. Sie würde alles nur noch schlimmer machen, noch schwerer für ihn. Er hätte sie so gern wieder geküßt. Es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn sie von ihm die Nase voll hätte und davonritt. Warum mußte sie so stur sein?

Sie und die beiden Aielfrauen blieben meist für sich.

Bain und Chiad liefen zu beiden Seiten neben ihrem Pferd her, soweit nicht eine von ihnen gerade ein Stück voraus den Weg erkundete. Manchmal sprachen die drei leise miteinander, und danach mieden sie betont jeden Blick zu ihm herüber. Sie hätten genausogut Steine nach ihm werfen können. Da Perrin es wünschte, ritt Loial mit den Frauen, obwohl ihn das offensichtlich verdroß. Loials Ohren zuckten manchmal derart, als wünsche er sich, er hätte niemals auch nur von der Existenz der Menschen gehört. Gaul schien das alles unwahrscheinlich amüsant zu finden. Wann Perrin ihn auch ansah, immer grinste er verstohlen in sich hinein.

Was ihn selbst betraf, so ritt Perrin in ständige Sorgen gehüllt dahin und hatte den bespannten Bogen vor sich auf das hohe Sattelhorn gehängt. Ob sich dieser Mann, den man den Schlächter nannte, nur im Wolfstraum in den Zwei Flüssen herumtrieb, oder ob er auch in der realen Welt sein Unwesen trieb? Perrin befürchtete das letztere und auch, daß der Schlächter derjenige gewesen war, der ohne ersichtlichen Grund den Bussard abgeschossen hatte. Das war eine weitere Komplikation, auf die er verzichten konnte. Und das alles zusätzlich zu den Kindern des Lichts.

Seine Familie wohnte auf einem großen Bauernhof mehr als eine halbe Tagesreise von Emondsfeld entfernt nahe dem Wasserwald. Vater und Mutter, seine Schwestern und sein kleiner Bruder. Paetram war jetzt neun und wehrte sich wahrscheinlich mehr als je zuvor dagegen, als das Baby in der Familie betrachtet zu werden. Die mollige Deselle war mittlerweile zwölf und Adora sechzehn. Vielleicht bereitete sie sich schon darauf vor, ihr Haar zum Zopf einer Frau zu flechten. Dazu Onkel Edward, Papas Bruder, Tante Madge, eine kräftige Frau, die ihrem Mann sehr ähnlich sah, und deren Kinder. Dann Tante Neain, die jeden Morgen Onkel Carlins Grab besuchte, und ihre Kinder, und schließlich Großtante Ealsin, die nie geheiratet hatte. Sie hatte eine spitze Nase und scharfe Augen, mit denen sie offensichtlich alles erspähte, was meilenweit in ihrer Umgebung passierte. Seit er einst als Lehrling zu Meister Luhhan gegangen war, hatte er sie nur noch an Festtagen gesehen. Die Entfernung war zu groß, um einfach mal zu Besuch hereinzuschneien, und dazu hatte es immer irgend etwas zu arbeiten gegeben. Falls die Weißmäntel nach den Aybaras forschten, waren diese ziemlich leicht zu finden. Dort lag seine Verantwortung. Für diesen Schlächter war er nicht zuständig. Er konnte sich nicht zerteilen. Er mußte seine Familie und Faile beschützen. Das kam zuerst. Dann das Dorf und die Wölfe, und hinterher vielleicht noch der Schlächter. Ein Mann konnte unmöglich alles bewältigen.

Der Westwald wuchs auf steinigem Boden, von Zeit zu Zeit durch Felsvorsprünge unterbrochen, die meist von Brombeerhecken überzogen waren. Es war ein hartes, dicht bewaldetes Land mit wenigen Bauernhöfen und Wegen. Als Junge war er viel in diesem verfilzten Waldgebiet herumgewandert, allein oder mit Rand und Mat. Sie hatten mit Pfeil und Bogen oder der Steinschleuder gejagt, Kaninchenfallen ausgelegt oder waren einfach nur umhergestreift, weil es ihnen Spaß machte. Eichhörnchen mit dicken, buschigen Schwänzen keckerten in den Bäumen, gefleckte Drosseln sangen auf den Zweigen und wurden von den schwarzgefiederten Spottdrosseln imitiert, Wachteln mit blauen Rückenfedern hüpften, von den Reisenden aufgescheucht, aus dem Unterholz hervor... Alles typische Merkmale seiner Heimat. Er erkannte sogar den Geruch der von den Pferdehufen losgerissenen Erdklumpen.

Er hätte auf direktem Weg nach Emondsfeld reiten können, aber er hielt sich etwas weiter nördlich, blieb im Wald und überquerte schließlich den breiten, ausgefahrenen Weg, den man Haldenstraße getauft hatte. Die Sonne senkte sich bereits auf die Baumwipfel nieder. Was die ›Halde‹ im Namen bedeutete, wußte keiner an den Zwei Flüssen. Sie sah ja kaum wie eine richtige Straße aus — eher wie eine langgezogene, von Unkraut bewachsene aber ansonsten baumfreie Fläche, die man erst als Straße erkannte, wenn man drauf stand und die Fahrspuren von Generationen von Karren und Planwagen bemerkte. An manchen Stellen traten noch Bruchstücke von alten Pflastersteinen an die Oberfläche. Vielleicht hatte sie einst zu einer Halde oder einem Steinbruch geführt, als Manetheren noch existierte.

Der Hof, den Perrin aufsuchen wollte, lag unweit der Straße hinter Reihen von Apfel- und Birnbäumen, an denen das Obst reifte. Er roch den Hof, lange bevor er ihn sah. Es war der Gestank von Ruß und Brand, nicht frisch, aber auch ein volles Jahr würde diesen Gestank nicht schwächer werden lassen.

Er ließ sein Pferd am Waldrand stehenbleiben und betrachtete das, was vor ihm lag, bevor er sich dazu zwang, zwischen die Ruinen des al'Thor-Hofes zu reiten, das Packpferd nach wie vor im Schlepptau. Nur der ummauerte Schafpferch stand noch, das Gittertor geöffnet und schief an einer Angel hängend. Der rußgeschwärzte Schornstein warf einen schrägen Schatten über das Durcheinander umgestürzter Pfosten und Steine, wo einst das Wohnhaus gestanden hatte. Von der Scheune und dem Tabakschuppen war nur Asche übriggeblieben. Das Tabakfeld und der Gemüsegarten waren von Unkraut überwuchert, und der Hausgarten war offensichtlich niedergetrampelt worden. Alles bis auf Sägblattpflanzen und Federkronen lag braun und zertreten am Boden.

Er dachte gar nicht daran, einen Pfeil aufzulegen. Das Feuer mußte schon Wochen her sein. Das angesengte Holz war von den Regenfällen der letzten Zeit deutlich ausgewaschen und glanzlos. Die Brennesseln zwischen den Trümmern waren bestimmt schon einen Monat alt. Egge und Pflug, die am Ackerrain weiter hinten standen, waren beinahe von ihnen überwuchert, und unter den Blättern zeigten sich bereits Rostflecken an den Ackergeräten.

Die Aiel suchten das Gelände gründlich ab, die Speere bereitgehalten und die Augen wachsam. Systematisch schritten sie den ehemaligen Bauernhof ab und stierten selbst in der Asche herum. Als Bain aus dem Trümmerhaufen des Wohnhauses kletterte, sah sie Perrin an und schüttelte den Kopf. Also war Tam al'Thor wenigstens nicht hier ums Leben gekommen.

Sie wissen Bescheid. Sie wissen es, Rand. Du hättest mitkommen sollen. Er hatte Mühe, sich zu beherrschen und Traber nicht in vollem Galopp den ganzen Weg zum Hof seiner Familie zurücklegen zu lassen. Selbst dieses ausdauernde Pferd konnte das nicht durchhalten und wäre vermutlich tot umgefallen. Vielleicht waren es Trollocs gewesen, die das angerichtet hatten. Falls ja, dann arbeitete seine Familie vielleicht noch unbehelligt und sicher auf ihrem Hof. Er atmete tief durch, aber der Rußgestank ging ihm nicht aus der Nase.

Gaul blieb neben ihm stehen. »Wer das auch angerichtet haben mag, ist schon lange weg. Sie haben einige Schafe getötet, und der Rest ist weggelaufen. Später ist jemand gekommen, um den Rest der Herde wieder einzufangen und nach Norden zu treiben. Zwei Männer, glaube ich, aber die Spuren sind zu alt, um sicherzugehen.« »Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, wer das getan hat?« Gaul schüttelte den Kopf. Es könnten Trollocs gewesen sein. Seltsam, daß er sich wünschte, es sei das Werk von Trollocs. Und dumm obendrein. Die Weißmäntel kannten seinen Namen und, wie es schien, auch den Rands. Sie kennen meinen Namen. Er blickte versonnen auf die Asche des al'Thor-Hauses, und Traber schritt vorwärts, als die Zügel in seiner Hand zitterten.