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Loial war bei den Obstbäumen abgestiegen, und sein Kopf befand sich zwischen den Zweigen. Faile ritt auf Perrin zu und musterte seine Gesichtszüge. Ihre Stute schritt graziös einher. »Ist das... ? Kennst du die Leute, die hier wohnten?« »Rand und sein Vater.« »Oh. Ich dachte, es sei... « Erleichterung und Mitgefühl schwangen in ihrem Tonfall mit. »Wohnt deine Familie hier in der Nähe?« »Nein«, sagte er schroff, und sie zuckte zurück, als habe er ihr eine Ohrfeige verpaßt. Doch sie blickte ihn weiterhin an und wartete. Was mußte er denn noch anstellen, um sie zu vertreiben? Mehr, als er fertigbrachte jedenfalls, wenn er es bis jetzt noch nicht geschafft hatte.

Die Schatten wurden länger, und die Sonne wanderte auf die Baumwipfel zu. Er ließ Traber umdrehen und wandte ihr unhöflich den Rücken zu. »Gaul, wir werden heute nacht hier in der Nähe lagern. Ich will früh am Morgen aufbrechen.« Er riskierte einen schnellen Blick nach hinten. Faile ritt zu Loial zurück. Sie saß steif und hoch aufgerichtet im Sattel. »In Emondsfeld werden sie wissen... « Wo sich die Weißmäntel befanden, so daß er sich ihnen freiwillig stellen konnte, bevor sie seiner Familie etwas antaten. Falls es seiner Familie überhaupt noch gutging. Falls der Hof, auf dem er geboren war, nicht schon genauso aussah wie dieser. Nein. Er mußte rechtzeitig kommen, um das zu verhindern. »Sie werden wissen, was los ist.« »Also, dann früh am Morgen.« Gaul zögerte. »Du wirst sie nicht loswerden. Sie ist beinahe wie eine Far Dareis Mai, und wenn eine Tochter des Speers dich liebt, dann kannst du ihr nicht entkommen, so schnell du auch wegzulaufen versuchst.« »Überlaß das ruhig mir.« Er atmete durch und bemühte sich, freundlicher zu sprechen, denn Gaul wollte er ja nicht verscheuchen. »Sehr früh. Während Faile noch schläft.« Unter den Apfelbäumen war es diese Nacht in beiden Lagern ruhig. Mehrmals stand die eine oder andere der Aielfrauen auf und blickte hinüber zu dem kleinen Feuer, an dem er mit Gaul saß, aber die einzigen Laute waren das gelegentliche Schreien einer Eule und das Stampfen der Pferdehufe. Perrin konnte nicht einschlafen, und so schlüpfte er mit Gaul eine Stunde vor Sonnenaufgang schließlich aus dem Lager. Der Aiel machte mit seinen weichen Stiefeln keinerlei Geräusch, und auch die Pferdehufe hörte man auf dem dichten Gras unter den Bäumen kaum. Bain, oder vielleicht war es auch Chiad, beobachtete ihr Gehen. Jedenfalls weckte sie Faile nicht auf, und dafür war er dankbar.

Als sie ein kleines Stück unterhalb des Dorfes aus dem Westwald traten, stand die Sonne bereits am Himmel. Hier trafen sich eine Reihe von Fahrspuren und Wegen, meist von Hecken oder niedrigen Steinmauern gesäumt. Über den Schornsteinen der Häuser standen fedrige, graue Rauchwolken. Dem Duft nach buken die Frauen gerade das Brot für den Tag. Auf den Tabak- und Gerstenfeldern waren die Männer bereits bei der Arbeit, und die älteren Jungen hüteten die Herden der Schafe, die mit ihren schwarzen Köpfen so typisch für dieses Land waren. Ein paar Leute bemerkten sie, als sie in der Nähe vorbeikamen, aber Perrin ließ Traber schnell voranschreiten und hoffte, daß niemand nahe genug kommen würde, der ihn erkannte oder sich über die eigenartige Kleidung Gauls wunderte und über dessen Speere.

Auch in Emondsfeld selbst gingen jetzt die Menschen ihren Beschäftigungen nach, und so umging er das Dorf in weitem Bogen im Osten, hielt sich weit ab von den ausgefahrenen Straßen und den strohgedeckten Häusern um den Dorfanger herum, wo die Weinquelle so kraftvoll unter einem Felsvorsprung hervorquoll, daß sie einen Mann durchaus umwerfen konnte, bevor sie noch das Bachbett erreichte. Die Schäden, an die er sich von der Winternacht vor einem Jahr erinnerte, die niedergebrannten Häuser und angesengten Dächer, hatte man offensichtlich repariert und die Häuser neu gebaut. Dann waren die Trollocs wohl auch nicht wiedergekommen. Er hoffte inbrünstig, daß niemand so etwas noch einmal erleben mußte. Die Weinquellenschenke stand fast am Ostende von Emondsfeld zwischen der festgebauten hölzernen Wagenbrücke über den hurtig dahinströmenden Weinquellenbach und einer mächtigen alten Grundmauer. Mitten in der von ihr umsäumten Fläche wuchs eine große Eiche. Unter deren dicken Asten standen Tische, und dort saßen die Menschen an einem ruhigen Nachmittag und sahen den Jüngeren beim Spielen zu. Zu dieser frühen Morgenstunde saß natürlich niemand dort. Weiter im Osten standen nur noch ein paar einzelne Häuser. Die Schenke selbst wies einen Unterbau aus Flußfels auf, und das obere Stockwerk aus weißgetünchten Backsteinen ragte rundherum ein Stück über das untere hinaus. Ein Dutzend Schornsteine erhoben sich über dem glitzernden, roten, mit glasierten Ziegeln gedeckten Dach, dem einzigen Ziegeldach in der ganzen Gegend.

Perrin band Traber und das Packpferd an einem dafür vorgesehenen Pfosten in der Nähe der Küchentür an. Sein erster Blick galt dem strohgedeckten Stall. Er hörte, daß darin gearbeitet wurde. Wahrscheinlich misteten Hu und Tad den Stall aus, in dem Meister al'Vere das Gespann großgewachsener Dhurran-Pferde hielt, das er zu schweren Arbeiten vermietete. Auch von der anderen Seite der Schenke her erklangen Geräusche: Stimmengemurmel auf dem Anger, das Schnattern von Gänsen, das Rumpeln eines Leiterwagens über die Brücke. Er ließ alles auf den Pferden, denn er wollte hier nur kurz Halt machen. Eine kurze Bewegung reichte, und Gaul folgte ihm, als er mitsamt Pfeilen und Bogen nach drinnen eilte, bevor vielleicht einer der Stallburschen herauskam.

Die Küche war leer. Sowohl die Eisenöfen, wie auch die offenen Feuerstellen waren bis auf eine einzige kalt, obwohl der Geruch nach frischgebackenem Brot noch in der Luft lag. Brot und Honigkuchen. Die Schenke hatte selten Übernachtungsgäste. Höchstens dann, wenn die Kaufleute aus Baerlon herunterkamen, um Wolle oder Tabak zu kaufen, oder wenn einer der monatlich erscheinenden fahrenden Händler kam, solange die Straße nicht durch Schnee unbefahrbar gemacht wurde. Die Dorfbewohner, die später am Tag auf ein Bier oder einen Wein und gelegentlich zum Essen hereinkommen würden, waren jetzt auf ihren Höfen und in ihren Werkstätten an der Arbeit. Aber der Zufall wollte es vielleicht, daß doch gerade jetzt jemand da war, und deshalb schlich Perrin auf Zehenspitzen durch den kurzen Flur von der Küche zum Schankraum und öffnete die Tür einen Spaltbreit, um hineinzuspähen.

Er hatte diesen quadratischen Raum mindestens tausendmal zuvor gesehen — den offenen, aus Flußsteinen gemauerten Kamin, der so breit war wie der halbe Raum und so hoch, daß er Perrin bis an die Schulter reichte. Meister al'Veres hochglänzende Tabaksdose und seine wertvolle Uhr standen auf dem Sims. Irgendwie kam ihm das alles jetzt kleiner vor. Vor dem Kamin standen die hochlehnigen Stühle, auf denen der Rat der Gemeinde bei seinen Sitzungen saß. Brandelwyn al'Veres Bücher standen auf einem Bücherbord gegenüber dem Kamin. Einst hatte sich Perrin überhaupt nicht mehr Bücher auf einmal vorstellen können, als diese paar Dutzend meist abgegriffener Exemplare. An einer anderen Wand standen Bier- und Weinfässer aufgestapelt. Wie gewöhnlich schlief Kratzi, die gelbe Katze der al'Veres, oben auf einem der Fässer.

Der Schankraum war leer bis auf Bran al'Vere selbst und seine Frau Marin, beide mit langen, weißen Schürzen angetan, die die Silber- und Zinnkrüge der Schenke polierten. Meister al'Vere war ein breitgebauter, rundlicher Mann mit einem spärlichen, grauen Haarkranz um den ansonsten kahlen Schädel. Frau al'Vere war schlank und wirkte mütterlich. Den dicken, mit Grau durchsetzten Zopf hatte sie sich über die Schulter gelegt. Sie roch nach Backen und darunter lag ein leichter Rosenduft. Perrin erinnerte sich an sie als ewig lächelnde, freundliche Menschen, doch beide wirkten nun besorgt. Der Dorfvorsteher zeigte eine finstere Miene, die sicher nichts mit dem Silberbecher in seinen Händen zu tun hatte.