»Meister al'Vere?« Er schob die Tür auf und ging hinein. »Frau al'Vere. Ich bin's, Perrin.« Sie sprangen derart überrascht auf, daß ihre Stühle nach hinten purzelten und Kratzi fauchend hochhüpfte. Frau al'Vere schlug die Hände vor den Mund. Sie und ihr Mann starrten ihn und Gaul mit weit aufgerissenen Augen an. Perrin nahm den Bogen verlegen von einer Hand in die andere. Dann eilte Bran zu einem der Vorderfenster, wobei er sich für einen so massigen Mann erstaunlich leichtfüßig bewegte, und schob die leichten Sommergardinen auseinander, um hinauszuspähen, als suche er nach weiteren Aiel dort draußen.
»Perrin?« murmelte Frau al'Vere ungläubig. »Du bist es wirklich. Ich hätte dich beinahe nicht erkannt mit dem Bart und... Deine Wange! Warst du...? Ist Egwene bei dir?« Perrin betastete den Schnitt auf seiner Wange und bereute, daß er sich nicht gewaschen hatte und daß er Bogen und Axt nicht wenigstens in der Küche abgestellt hatte. Er hatte gar nicht daran gedacht, daß sein Aussehen sie ängstigen könnte. »Nein. Das hat nichts mit ihr zu tun. Sie ist in Sicherheit.« Vielleicht war sie auf dem Weg nach Tar Valon sicherer, als wenn sie sich noch bei Rand in Tear aufhielt, aber in jedem Fall war sie wohl in Sicherheit. Er mußte aber wohl Egwenes Mutter etwas mehr sagen als das. »Frau al'Vere, Egwene befindet sich in der Ausbildung zur Aes Sedai. Nynaeve auch.« »Ich weiß«, sagte sie ruhig und berührte dabei ihre Schürzentasche. »Ich habe drei Briefe von ihr aus Tar Valon. Nach dem zu schließen, was sie schreibt, hat sie noch öfters geschrieben und auch Nynaeve zumindest einmal, aber nur drei von Egwenes Briefen sind hier angekommen. Sie berichtet ein bißchen von ihrer Ausbildung. Ich muß sagen, das klingt mir reichlich streng.« »Sie will es aber nicht anders.« Drei Briefe? Schuldbewußt zuckte er die Achseln. Er hatte niemandem geschrieben; nichts mehr seit den Botschaften, die er seiner Familie und Meister Luhhan zurückgelassen hatte, als er in jener Nacht mit Moiraine und den anderen aus Emondsfeld floh. Kein einziger Brief.
»So scheint es, wenn es auch nicht das ist, was ich für sie im Sinn hatte. Ich kann den Leuten davon auch nichts erzählen, oder? Sie schreibt, sie habe neue Freundinnen, nette Mädchen, wie es klingt. Elayne und Min. Kennst du sie?« »Wir haben uns kennengelernt. Ich glaube schon, daß man sie als nette Mädchen bezeichnen kann.« Wieviel hatte ihr Egwene in diesen Briefen mitgeteilt? Offensichtlich doch nicht sehr viel. Sollte Frau al'Vere doch glauben, was sie wollte. Er hatte nicht die Absicht, ihre Sorgen noch durch Dinge zu vergrößern, gegen die sie sowieso nichts unternehmen konnte. Was vorbei war, war vorbei. Egwene war jetzt doch wenigstens in Sicherheit.
Mit einemmal wurde ihm bewußt, daß Gaul noch hinter ihm stand, und so stellte er ihn schnell den beiden vor. Bran zwinkerte überrascht, als er Gaul als Aiel zu erkennen gab, und dann blickte er etwas finster nach den Speeren und dem schwarzen Schleier, der von der Schufa herunterhing, aber seine Frau sagte lediglich: »Seid willkommen in Emondsfeld, Meister Gaul, und in der Weinquellenschenke.« »Ich wünsche Euch Wasser und Schatten für Euer ganzes Leben, Dachherrin«, sagte Gaul höflich und verbeugte sich vor ihr. »Ich bitte um Erlaubnis, Euer Dach und Eure Feste verteidigen zu dürfen.« Sie zögerte kaum merklich und antwortete dann, als sei sie an diese Art von Ansprachen gewöhnt: »Ein großzügiges Angebot. Aber Ihr müßt mir erlauben, zu bestimmen, wann Eure Hilfe gebraucht wird.« »Wie Ihr wünscht, Dachherrin. Eure Ehre ist die meine.« Unter seinem Wams holte Gaul ein goldenes Salzgefäß hervor, eine kleine Schüssel, die auf dem Rücken eines kunstvoll geformten Löwen saß, und hielt es ihr hin. »Ich möchte Eurem Dach dieses kleine Gastgeschenk verehren.« Marin al'Vere verhielt sich, als sei es ein gewöhnliches Geschenk, und verbarg ihre erschrockene Überraschung recht gut. Perrin bezweifelte, daß es im gesamten Bereich der Zwei Flüsse auch nur ein einziges ähnlich wertvolles Stück gab, und ganz bestimmt nicht aus Gold. Es gab schon wenig Gold in den zwei Flüssen, und Goldschmuck oder ähnliches gab es noch seltener. Er hoffte, sie werde niemals herausfinden, daß es ein Beutestück aus dem Stein von Tear war. Darauf hätte er jedenfalls wetten können.
»Mein Junge«, sagte Bran zu Perrin, »vielleicht sollte ich dich zu Hause willkommen heißen, aber — warum bist du zurückgekommen?« »Ich habe das mit den Weißmänteln gehört, Meister al'Vere«, antwortete Perrin einfach.
Der Dorfvorsteher und seine Frau warfen sich einen ernsten Blick zu, und Bran sagte: »Noch einmal, warum bist du zurückgekommen? Du kannst hier nichts aufhalten oder ändern, mein Junge. Am besten gehst du wieder. Wenn du kein Pferd haben solltest, gebe ich dir eins. Falls du eines hast, dann steig auf und reite nach Norden. Ich glaubte, die Weißmäntel säßen in Taren Fähre... Hast du diesen Gesichtsschmuck von ihnen abbekommen?« »Nein. Ich... « »Dann spielt es keine Rolle. Wenn du bei deinem Kommen an ihnen vorbeigekommen bist, kommst du auch wieder vorbei, wenn du gehst. Ihr Hauptlager befindet sich oben bei Wachhügel, aber ihre Patrouillen können sich überall herumtreiben. Geh nur, mein Junge.« »Warte nicht lange, Perrin«, fügte Frau al'Vere leise aber bestimmt hinzu. Wenn sie diesen Tonfall an sich hatte, taten die Leute gewöhnlich genau das, was sie wollte. »Keine einzige Stunde. Ich packe dir ein Bündel zum Mitnehmen. Ein wenig frisches Brot und Käse, Schinken und Rinderbraten und Gurken. Du mußt gehen, Perrin.« »Ich kann nicht. Ihr wißt, daß sie hinter mir her sind, sonst würdet Ihr mir diesen Rat nicht geben.« Und sie hatten nichts von seinen Augen erwähnt, nicht einmal gefragt, ob er krank sei. Frau al'Vere war kaum überrascht gewesen. Sie wußten Bescheid. »Wenn ich mich ihnen stelle, kann ich einiges verhindern. Ich kann meine Familie... « Er fuhr zusammen, als die Tür zum Flur aufschlug und Faile eintrat, von Bain und Chiad gefolgt.
Meister al'Vere fuhr sich mit der Hand über die Glatze. Obwohl er die Kleidung der Aielfrauen prüfend gemustert und sie offensichtlich als Gauls Begleiterinnen eingeschätzt hatte, schien er eigentlich nicht weiter erstaunt darüber, daß sie Frauen waren. Vor allem wirkte er über ihr plötzliches Eindringen verärgert. Kratzi hatte sich aufgesetzt und musterte mißtrauisch die Fremden. Perrin fragte sich, ob die Katze auch ihn als einen solchen betrachte. Er fragte sich ebenfalls, wie sie ihn aufgespürt hatten und wo Loial blieb. Er vermied jeden Gedanken daran, was er jetzt wohl mit Faile anfangen solle.
Sie ließ ihm wenig Zeit zum Nachdenken, sondern stellte sich breitbeinig vor ihn hin, die Hände in die Hüften gestützt. Irgendwie hatte sie sich den Trick vieler Frauen angeeignet, in ihrem empörten Zorn größer zu wirken als ihr Gegenüber. »Dich stellen? Dich stellen! Hast du das etwa von Anfang an geplant gehabt? Bestimmt, oder? Du Vollidiot! Dein Hirn ist ja wohl eingefroren, Perrin Aybara! Es war von Anfang an nicht mehr als ein paar Muskeln und Haare, aber jetzt ist selbst davon nicht mehr viel übrig! Wenn dich die Weißmäntel suchen, dann hängen sie dich auf, sobald sie dich haben. Warum sollten sie dich überhaupt suchen?« »Weil ich Weißmäntel getötet habe.« Er blickte auf sie hinunter und achtete nicht auf Frau al'Vere, die überrascht nach Luft schnappte. »Die an dem Abend, als ich dich kennenlernte, und zwei andere schon vorher. Sie wissen davon, Faile, und sie halten mich für einen Schattenfreund.« Soviel würde sie auf jeden Fall in Kürze erfahren. Wenn sie es auf die Spitze getrieben hätte und sie allein gewesen wären, hätte er ihr vielleicht auch den Grund dafür genannt. Mindestens zwei Weißmäntel, Geofram Bornhald und Jaret Byar, ahnten etwas von seiner Verbindung mit den Wölfen. Sie wußten keineswegs alles, aber auch das wenige reichte schon. Ein Mann, der mit den Wölfen jagte, mußte ein Schattenfreund sein. Vielleicht befand sich einer oder gar beide bei diesen Weißmänteln hier. »Sie halten es für die Wahrheit.« »Du bist nicht mehr Schattenfreund als ich«, flüsterte sie mit hartem Unterton. »Da könnte die Sonne noch eher einer sein.« »Das spielt keine Rolle, Faile. Ich muß tun, was sein muß.« »Du hirnverbrannter Hornochse! Du mußt keineswegs etwas so Idiotisches tun! Du hirnloses Geschöpf! Wenn du das tust, dann hänge ich dich selber auf!« »Perrin«, sagte Frau al'Vere beruhigend, »würdest du mich bitte dieser jungen Frau vorstellen, die soviel von dir hält?« Faile bekam einen puterroten Kopf, als ihr zu Bewußtsein kam, daß sie Meister al'Vere und seine Frau vollkommen ignoriert hatte. Hastig knickste sie, entschuldigte sich wieder und wieder. Bain und Chiad taten es Gaul nach, baten darum, Frau al'Veres Dach verteidigen zu dürfen, und schenkten ihr eine kleine goldene Schüssel, die in Blattform gearbeitet war, und eine kunstvolle silberne Pfeffermühle, größer als beide Fäuste Perrins zusammen. Obenauf saß eine phantasievolle Figur, halb Pferd, halb Fisch.