Bran al'Vere fielen fast die Augen aus dem Kopf, und er rieb sich wieder die Glatze und murmelte etwas in sich hinein. Perrin hörte die Bezeichnung Aiel mehrmals heraus, in einem ungläubigen Tonfall. Der Blick des Dorfvorstehers huschte auch immer wieder zu den Fenstern hinüber. Er suchte bestimmt nicht nach weiteren Aiel. Er war ja schon erstaunt gewesen, als Gaul sich als Aiel zu erkennen gegeben hatte. Vielleicht hatte er Angst, die Weißmäntel kämen.
Marin al'Vere andererseits nahm alles gelassen hin, behandelte Faile, Bain und Chiad genau wie jede andere junge Frau, die als Gast in ihre Schenke kam, plauderte mit ihnen darüber, wie anstrengend Reisen sei, machte Faile Komplimente wegen ihres Reitkleides — heute eines aus dunkelblauer Seide — und sagte den Aielfrauen, wie sehr sie Farbe und Glanz ihrer Haare bewundere. Perrin vermutete, daß Bain und Chiad nichts mit ihr anfangen konnten, aber nach kurzer Zeit hatte sie auf ihre ruhige und feste mütterliche Art die drei Frauen an einen Tisch gebracht, ihnen feuchte Handtücher gegeben, um sich den Reisestaub von Gesicht und Händen zu wischen, und dann nippten sie an ihren Teetassen. Perrin erinnerte sich noch gut an die große, rotgestreifte Teekanne.
Es wäre ja durchaus amüsant gewesen, zu beobachten, wie diese harten Kämpferinnen — Faile ganz gewiß eingeschlossen — plötzlich Frau al'Vere eifrig versicherten, daß sie sich sehr wohl fühlten, und ob sie nicht behilflich sein könnten, sie tue doch entschieden zuviel, und alle hatten große Augen wie die Kinder und die gleiche Chance wie ein Kind, gegen sie anzukommen. Es wäre amüsant gewesen — wenn sie nicht auch ihn und Gaul mit eingeschlossen hätte. Sie winkte sie genauso entschlossen zum Tisch herüber und bestand darauf, daß sie sich Hände und Gesicht wuschen, bevor sie eine Tasse Tee bekamen. Gaul grinste die ganze Zeit über ein wenig. Die Aiel hatten wohl einen eigenartigen Sinn für Humor.
Überraschenderweise beachtete sie seinen Bogen und die Axt überhaupt nicht, genausowenig wie die Waffen der Aiel. Im Gebiet der Zwei Flüsse trugen die Menschen sehr selten auch nur einen Bogen, und wenn, dann hatte sie immer darauf bestanden, daß er irgendwo abgestellt wurde, wenn man sich an einen Tisch setzen wollte. Immer. Doch jetzt schenkte sie den Waffen keine Beachtung.
Er erlebte eine weitere Überraschung, als Bran ihm einen silbernen Becher mit Apfelkorn hinstellte, denn es war nicht die übliche kleine Portion, gerade so hoch wie sein Daumennagel, sondern immerhin halb voll. Bevor er aus Emondsfeld floh, hätte er ihm wahrscheinlich nur Most angeboten, vielleicht sogar Milch, oder höchstens einen halb gefüllten Becher Schorle zum Essen, an einem Feiertag möglicherweise auch einen ganzen. Er war dankbar dafür, jetzt als erwachsener Mann anerkannt zu werden. Trotzdem ließ er den Schnaps zunächst stehen, denn er war nur an Wein gewöhnt und trank kaum etwas Stärkeres.
»Perrin«, sagte der Dorfvorsteher, als er sich neben seine Frau an den Tisch setzte, »kein Mensch hält dich für einen Schattenfreund. Keiner, der noch einen Funken Verstand hat. Es gibt keinen Grund für dich, dich einfach aufhängen zu lassen.« Faile nickte eindringlich und zustimmend, doch Perrin beachtete sie nicht. »Ich lasse mich nicht umstimmen, Meister al'Vere. Die Weißmäntel wollen mich haben, und wenn sie mich nicht bekommen, lassen sie das vielleicht am nächsten Aybara aus, den sie in die Finger bekommen. Die Weißmäntel sind nur zu schnell bereit, jemanden schuldig zu sprechen. Das sind keine angenehmen Menschen.« »Das wissen wir«, sagte Frau al'Vere leise.
Ihr Mann blickte auf seine Hände hinunter, die auf dem Tisch lagen. »Perrin, deine Familie ist nicht mehr.« »Ist nicht mehr? Heißt das, sie haben den Hof bereits niedergebrannt?« Perrin verkrampfte seine Faust um den silbernen Becher. »Ich hoffte, ich käme noch rechtzeitig. Aber wahrscheinlich hätte ich es besser wissen müssen. Es ist zu viel Zeit vergangen, bevor ich von den Ereignissen hörte. Nun, vielleicht kann ich meinem Pa und Onkel Edward beim Wiederaufbau helfen. Bei wem wohnen sie jetzt? Ich will sie wenigstens zuerst einmal begrüßen.« Bran verzog das Gesicht, und seine Frau streichelte ihm beruhigend über die Schulter. Doch ihr Blick ruhte seltsamerweise weiter auf Perrin. In ihren Augen standen Trauer und Sympathie.
»Sie sind tot, mein Junge«, sagte Bran atemlos.
»Tot? Nein. Das kann nicht sein... « Perrin runzelte die Stirn, als seine Hand plötzlich feucht wurde, und blickte den zerdrückten Becher an, als frage er sich, wo der eigentlich herkäme. »Es tut mir leid. Ich wollte ihn nicht... « Er zog an dem zusammengedrückten Silberblech und versuchte, ihm mit seinen Fingern wieder die ursprüngliche Form zu verleihen. Das ging aber nicht. Natürlich nicht. Sorgfältig legte er den kaputten Becher auf den Tisch zurück. »Ich werde es ersetzen. Ich kann... « Er wischte sich die Hand am Wams ab, und plötzlich wurde ihm klar, daß er die an seinem Gürtel hängende Axt streichelte. Warum sahen ihn alle so eigenartig an? »Seid Ihr sicher?« Seine Stimme klang, als käme sie von weither. »Adora und Deselle? Paet? Meine Mutter?« »Alle«, sagte Bran. »Auch deine Tanten und Onkel und Cousins. Jeder, der auf dem Hof wohnte. Ich half dabei, sie zu beerdigen, mein Junge. Auf diesem niedrigen Hügel dort, dem mit den Apfelbäumen.« Perrin steckte den Daumen in den Mund. Idiotisch, sich an der eigenen Axt zu schneiden. »Meine Mutter mag Apfelblüten. Die Weißmäntel. Warum sollten sie... ? Seng mich, Paet war nur neun. Die Mädchen... « Seine Stimme klang tonlos. Er dachte sich, daß in diesen Worten doch etwas Gefühl hätte durchkommen müssen. Etwas Gefühl wenigstens.
»Es waren Trollocs«, sagte Frau al'Vere schnell. »Sie sind zurückgekehrt, Perrin. Nicht so wie damals, als ihr weggingt. Sie haben nicht das Dorf angegriffen, aber die Höfe auf dem Land. Die meisten Höfe, die weitab von anderen liegen, sind mittlerweile verlassen. Keiner geht nachts nach draußen, selbst in der Nähe des Dorfs. Es ist das gleiche drunten in Devenritt und oben in Wachhügel, vielleicht sogar bis nach Taren-Fähre. Die Weißmäntel, so schlimm sie auch sind, stellen unseren einzigen Schutz dar. Sie haben schon zwei Familien gerettet, die ich kenne, als Trollocs ihre Höfe angriffen.« »Ich wollte... ich hoffte...« Er konnte sich nicht mehr ganz daran erinnern, was er wollte. Hatte etwas mit Trollocs zu tun. Er wollte sich gar nicht daran erinnern. Die Weißmäntel beschützten die Zwei Flüsse? Das brachte ihn beinahe zum Lachen. »Rands Vater. Tams Hof. Waren das auch Trollocs?« Frau al'Vere öffnete den Mund, doch Bran kam ihr zuvor: »Er verdient es, die Wahrheit zu erfahren, Marin. Das waren die Weißmäntel, Perrin. Dort und auch beim Hof der Cauthons.« »Mats Angehörige also auch. Rands Leute und Mats und meine.« Seltsam. Es klang bei ihm, als rede er vom Wetter. »Sind sie auch tot?« »Nein, mein Junge. Nein, Abell und Tam haben sich irgendwo im Westwald versteckt. Und Mats Mutter und seine Schwestern... Sie leben jedenfalls auch.« »In einem Versteck?« »Es ist nicht nötig, darüber zu sprechen«, sagte Frau al'Vere kurz angebunden. »Bran, bring ihm einen neuen Becher Schnaps. Und diesmal trinkst du ihn, Perrin.« Ihr Mann blieb an seinem Platz sitzen, aber sie runzelte nur die Stirn und fuhr dann fort: »Ich würde euch anbieten, bei uns zu schlafen, aber das wäre nicht sicher. Es gibt Leute, die wahrscheinlich nichts Eiligeres zu tun hätten, als zu Lord Bornhald zu rennen, falls sie herausfinden, daß du hier bist. Eward Congar und Hari Coplin rennen den Weißmänteln wie die Schoßhündchen hinterher. Die wollen denen immer jeden Gefallen tun und jeden Namen nennen. Cenn Buie ist auch nicht viel besser. Und auch Will Congar wird plappern, wenn ihn Daise nicht davon abhält. Sie ist jetzt die Seherin hier. Perrin, es ist das beste, ihr geht wieder. Glaub es mir.« Perrin schüttelte bedächtig den Kopf. Es war alles einfach zuviel. Daise Congar, die Seherin? Das war eine Frau wie ein Stier. Weißmäntel beschützten Emondsfeld.