»Das reicht jetzt, Cenn«, sagte Marin in scharfem Ton. »Das behältst du für dich, verstanden? Oder rennst du jetzt auch wie Hari und sein Bruder Darl zu den Weißmänteln, um ihnen die neuesten Geschichten aufzutischen? Ich habe so meinen Verdacht, wieso die Weißmäntel kamen und Brans Bücher durchstöberten. Sie haben sechs davon mitgenommen und Bran unter dem eigenen Dach einen Vortrag über Blasphemie gehalten. Ausgerechnet Blasphemie! Weil sie nicht der gleichen Meinung waren in bezug auf das, was darin stand. Du hast Glück, wenn ich dich nicht dafür verantwortlich mache, daß diese Bücher ersetzt werden! Sie haben wie die Wiesel die ganze Schenke durchstöbert. Sie suchten nach weiteren blasphemischen
Schriften, sagten sie, als ob jemand ein Buch verstecken würde. Haben alle Matratzen von den Betten gerissen und meine Wäscheschränke in Unordnung gebracht. Du hattest Glück, daß ich dich nicht hergeschleppt habe, um alles wieder in Ordnung zu bringen!« Cenn schien bei jedem Satz kleiner zu werden, bis es aussah, als wolle er seine knochigen Schultern über den Kopf hochziehen. »Ich habe ihnen nichts gesagt, Marin«, protestierte er. »Nur, weil ein Mann erwähnt, daß... Das heißt, ich habe nur zufällig im Vorbeigehen fallen lassen... « Er schüttelte sich, mied noch immer ihren Blick, gewann aber wieder etwas an Haltung. »Ich werde das vor den Rat der Gemeinde bringen, Marin. Ihn meine ich damit!« Er deutete mit einem knochigen Finger auf Perrin. »Wir sind alle in Gefahr, solange er hier ist. Wenn die Kinder herausfinden, daß du ihn beherbergst, halten sie uns vielleicht alle für schuldig. Dann spielen deine durcheinandergebrachten Wäscheschränke keine Rolle mehr.« »Das ist eine Angelegenheit der Versammlung der Frauen.« Marin wickelte sich den Schal anders um die Schultern und stellte sich so vor den Dachdecker, daß sie ihm genau in die Augen schauen konnte. Er war ein wenig größer als sie, aber die ernsthafte Würde, die sie plötzlich zur Schau stellte, gab den Ausschlag. Er versuchte vergebens, ein Wort einzuwerfen, doch sie überfuhr ihn geradezu: »Eine Angelegenheit der Versammlung, Cenn Buie. Wenn du das nicht glaubst, und wenn du es wagst, mich als Lügnerin zu bezeichnen, dann plaudere ruhig alles aus. Aber wenn du nur ein Wort über die Angelegenheiten der Frauenversammlung zu irgend jemandem sagst, und das schließt den Rat der Gemeinde ein...!« »Die Versammlung hat kein Recht, sich in die Angelegenheiten des Rats der Gemeinde einzumischen«, rief er.
»... dann wirst du ja sehen, ob dich deine Frau in der Scheuer übernachten läßt. Und dich das essen läßt, was deine Milchkühe übriglassen. Glaubst du, der Rat sei wichtiger als die Versammlung? Ich werde Daise Congar zu dir herüberschicken, damit sie dich eines besseren belehrt, falls das notwendig sein sollte.« Cenn zuckte zusammen, und das war verständlich. Wenn Daise Congar nun schon die Seherin des Dorfes war, dann würde sie möglicherweise Cenn ein Jahr lang jeden Tag ein übelriechendes Gebräu einnehmen lassen, und Cenn war zu dürr und schwach, um sie davon abzuhalten. Alsbet Luhhan war die einzige Frau in Emondsfeld, die noch größer war als Daise, und Daise war obendrein eine ziemlich hinterhältige und launische Frau. Perrin konnte sie sich nicht als Seherin vorstellen. Nynaeve würde bestimmt einen Anfall bekommen, wenn sie erfuhr, wer ihre Nachfolgerin war. Nynaeve hatte sich ja immer für vernünftig und verständig gehalten, aber Daises Launen waren noch um einiges schlimmer.
»Nicht nötig, gleich böse zu werden, Marin«, murmelte Cenn beruhigend. »Wenn du willst, daß ich den Mund halte, dann halte ich ihn eben. Aber Frauenversammlung oder nicht, du riskierst, daß wir uns alle den Zorn der Kinder zuziehen.« Marin zog lediglich die Augenbrauen hoch, und nach einem weiteren Augenblick schlich er leise knurrend und mürrisch weg.
»Gut gemacht«, sagte Faile, als Cenn um die Ecke der Schenke herum verschwand. »Ich glaube, ich muß bei Euch Unterricht nehmen. Ich habe Perrin nicht halb so gut im Griff wie Ihr Meister al'Vere und diesen Burschen.« Sie lächelte Perrin an, um ihm zu zeigen, daß sie nur scherzte. Jedenfalls hoffte Perrin das.
»Du mußt genau wissen, wann du die Zügel anziehen mußt und wann lockerlassen«, antwortete die ältere Frau abwesend. »Wenn man sie bei unwichtigen Dingen machen läßt, was sie wollen, wird es leichter, sie im Ernstfall zu kontrollieren.« Sie sah Cenn mit verfinsterter Miene nach und achtete nicht sehr auf das, was sie sagte, außer vielleicht, als sie hinzufügte: »Und manche sollte man im Stall festbinden und nicht mehr herauslassen.« Perrin griff schnell in das Gespräch ein. Faile brauchte gewiß keine Ratschläge von der Sorte. »Wird er den Mund halten? Was glaubt Ihr, Frau al'Vere?« Zögernd sagte sie: »Ich glaube, er wird. Cenn wurde schon so knurrig geboren, und mit dem Alter ist es eben schlimmer geworden, aber er ist trotzdem nicht so wie Hari Coplin und sein Pack.« Dennoch hatte sie gezögert.
»Wir sollten uns auf den Weg machen«, sagte er. Keiner widersprach.
Die Sonne stand schon höher am Himmel, als er erwartet hatte, bereits jenseits der Mittagshöhe, und das hieß, die meisten Menschen waren zu Hause beim Mittagessen. Die paar, die sich noch draußen befanden, und das waren meist Hütejungen, die auf ihre Schafe oder Kühe aufpaßten, futterten eifrig das, was sie eingepackt mitgenommen hatten. Sie waren zu sehr mit ihrer Mahlzeit beschäftigt und zu weit von den Fahrwegen entfernt, um auf jemanden zu achten, der zufällig vorbeikommen mochte. Trotzdem bekam Loial einige Blicke ab, obwohl ja die Kapuze sein Gesicht verdeckte. Doch selbst auf Traber reichte Perrin dem Ogier auf seinem großen Gaul kaum bis an die Brust. Die Leute, die sie aus der Ferne vorbeireiten sahen, mußten den Eindruck haben, es handle sich um einen Erwachsenen und zwei Kinder, die auf Ponies ritten und bepackte Lastponies hinter sich herzogen. Sicher kein alltäglicher Anblick, aber Perrin hoffte, sie würden es genau so sehen. Klatsch würde nur die Aufmerksamkeit auf sie lenken. Das mußte er vermeiden, bis er Frau Luhhan und die anderen befreit hatte. Wenn nur Cenn stillhielt! Er hatte sich auch die Kapuze an seinem Umhang über den Kopf gezogen. Das würde vielleicht auch die Neugier wecken, aber so sahen sie wenigstens seinen Bart nicht, denn sonst hätten sie ja wohl bemerkt, daß er kein Kind sein konnte. Er war froh, daß der Tag nicht so heiß war. Es schien ihm nach Tear hier beinahe wie Frühling und nicht wie Sommer.
Er hatte keine Schwierigkeiten, die gespaltene Eiche zu finden. Die beiden Hälften klafften weit auseinander, und die Innenseiten waren schwarz und hart wie Eisen. Der Boden unter den weit ausladenden Ästen war leer; es lagen keine Blätter dort. Einfach durch das Dorf zu gehen war viel kürzer als der Umweg außen herum, und so wartete Frau al'Vere bereits auf sie. Sie rückte immer wieder ungeduldig ihren Schal zurecht. Auch die Aiel waren schon da und lagerten entspannt auf der weichen Unterlage verrotteter Eichenblätter und von Eichhörnchen ausgenagter Eicheln. Gaul hockte ein Stück von den Frauen entfernt. Die Töchter des Speers und Gaul beobachteten sich gegenseitig genauso aufmerksam wie den sie umgebenden Wald. Perrin zweifelte nicht daran, daß wenigstens sie diesen Ort unbeobachtet erreicht hatten. Er wünschte, er habe auch diese Fähigkeit, obwohl er sich im Wald auch relativ unbemerkbar bewegen konnte. Aber bei den Aiel schien es keine Rolle zu spielen, ob sie sich im Wald befanden oder auf Feldern oder in der Stadt. Wenn sie nicht gesehen werden wollten, fanden sie eine Möglichkeit, ungesehen zu bleiben.
Frau al'Vere bestand darauf, daß sie den Rest des Weges zu Fuß zurücklegten. Sie meinte, der Weg sei zu sehr überwuchert, um zu reiten. Perrin war nicht dieser Meinung, aber er stieg trotzdem ab. Klar, es war nicht angenehm, zu Fuß Berittene zu führen. Und sein Kopf steckte außerdem sowieso voller Pläne. Er mußte einen Blick auf das Lager der Weißmäntel oben bei Wachhügel werfen, bevor er sich entscheiden konnte, auf welchem Weg er Frau Luhhan und die anderen befreien würde. Und wo versteckten sich Tam und Abell? Weder Bran noch Frau al'Vere waren damit herausgerückt; vielleicht wußten sie es auch nicht. Wenn Tam und Abell die Gefangenen noch nicht selbst befreit hatten, war es eine schwierige Aufgabe. Aber irgendwie mußte er es fertigbringen. Danach konnte er sich den Trollocs widmen.