»Habt Ihr eine Ahnung«, fuhr Alanna fort, »wie viele Städte und Dörfer wir besuchen müssen, um drei Mädchen zu finden, denen diese Fähigkeit angeboren ist? Erstaunlich daran ist nur, daß wir so lange brauchten, um nach hier zu kommen und nach weiteren zu suchen. Das alte Blut ist noch sehr stark hier an den Zwei Flüssen. Wir waren erst eine Woche in Wachhügel, als die Kinder des Lichts auftauchten, und wir hatten uns zum Glück alle Mühe gegeben, niemandem bis auf die Mitglieder der dortigen Frauenversammlung zu enthüllen, wer wir sind. Und selbst unter diesen Umständen fanden wir dort bereits vier Mädchen, bei denen sich eine Ausbildung lohnt, und noch ein weiteres Kind, von dem wir annehmen, es wurde mit der Fähigkeit geboren.« »Man kann das nicht mit letzter Sicherheit sagen«, warf Verin ein. »Sie ist erst zwölf. Keine hat auch nur annähernd das Potential von Egwene oder Nynaeve, aber ihre Anzahl ist trotzdem ganz erstaunlich. Es könnte allein um Wachhügel herum noch zwei oder drei geben. Wir hatten keine Möglichkeit, hier oder weiter im Süden nach geeigneten Mädchen zu suchen. Taren-Fähre allerdings war eine Enttäuschung, muß ich sagen. Ich schätze, dort hat es zuviel Austausch an Erbanlagen mit Leuten von außerhalb gegeben.« Perrin mußte zugeben, daß das einen Sinn ergab. Aber eine befriedigende Antwort auf seine Frage konnte ihm diese Erklärung nicht geben, noch konnte sie seine Zweifel restlos beseitigen. Er bewegte sich und streckte die Beine aus. Die Speerwunde an seinem Oberschenkel schmerzte. »Ich verstehe nicht, warum Ihr euch hier versteckt. Die Weißmäntel setzen unschuldige Leute gefangen, und Ihr hockt hier herum. Trollocs überrennen offensichtlich die Zwei Flüsse, und Ihr hockt hier herum.« Loial knurrte leise etwas. Es klang wie ein gedämpftes Grollen bei ihm. Perrin verstand nur ›Aes Sedai ärgern‹ und ›Hornissennest‹, aber er bearbeitete sie unbeeindruckt weiter. »Warum unternehmt Ihr nichts? Ihr seid schließlich Aes Sedai! Seng mich, warum tut Ihr nichts dagegen?« »Perrin!« zischte ihm Faile zu, bevor sie sich mit einem Verzeihung heischenden Lächeln an Verin und Alanna wandte. »Bitte vergebt ihm. Moiraine Sedai hat ihn verwöhnt. Sie nimmt die Dinge leichter, denke ich, und hat solche Äußerungen durchgehen lassen. Bitte, seid ihm nicht böse. Es wird nicht mehr vorkommen.« Sie warf ihm einen warnenden Blick zu, der ihm sagen sollte, daß ihre Bemerkung sowohl für die Aes Sedai, wie auch für ihn bestimmt gewesen sei. Er funkelte kräftig zurück. Sie hatte kein Recht, sich einzumischen.
»Moiraine sieht die Dinge nicht so eng?« sagte Verin blinzelnd. »Moiraine? Davon habe ich aber noch nichts bemerkt.« Alanna gab Faile einen Wink, den Mund zu halten. »Ihr versteht wirklich einiges nicht«, sagte die Aes Sedai mit gereizter Stimme zu Perrin. »Ihr versteht die Einschränkungen nicht, denen wir bei unserer Arbeit unterliegen. Die Drei Eide sind nicht nur ein Lippenbekenntnis. Ich habe zwei Behüter hierher mitgebracht.« Die Grünen waren die einzigen Ajah, die mehr als einen Behüter durch Eid an sich banden. Er hatte gehört, daß ein paar sogar drei oder vier Behüter hatten. »Die Kinder haben Owein erwischt, als er ein offenes Feld überquerte. Ich habe jeden einzelnen Pfeil gespürt, der ihn durchbohrte, bis er tot war. Ich habe seinen Todeskampf mitgefühlt. Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich ihn verteidigen können, und mich selbst natürlich auch — mit Hilfe der Macht. Aber ich kann sie nicht dazu benützen, Rache zu nehmen. Die Eide erlauben das nicht. Die Kinder sind mit das Schlimmste, was die Menschheit zu bieten hat, nicht viel besser als Schattenfreunde, aber sie sind keine, und deshalb können wir die Macht nicht gegen sie verwenden, außer zur Selbstverteidigung. Man kann diesen Begriff dehnen, soviel man will, aber irgendwo stößt man an eine Grenze.« »Und was die Trollocs betrifft«, fügte Verin hinzu, »haben wir eine ganze Reihe davon erledigt und auch zwei Myrddraal, aber es gibt eben auch hier Grenzen. Die Halbmenschen können auf gewisse Weise fühlen, wenn man die Macht benützt. Wenn wir es fertig bringen, hundert Trollocs auf unsere Spur zu locken, dann können wir wenig mehr tun, als wegzulaufen.« Perrin kratzte sich im Bart. Er hätte so etwas erwarten, ja wissen müssen. Er hatte ja schon beobachten können, wie Moiraine Trollocs gegenüberstand, und wußte so ungefähr, was sie tun konnte und was nicht. Ihm wurde klar, daß er statt dessen daran gedacht hatte, wie Rand im Stein alle Trollocs getötet hatte, aber Rand war eben stärker als jede dieser Aes Sedai, vielleicht sogar stärker als beide zusammen. Nun, ob sie ihm nun halfen oder nicht, er blieb bei seinem Plan, jeden Trolloc im Bereich der Zwei Flüsse zu erledigen. Nachdem er Mats Familie und die Luhhans befreit hatte. Wenn er sorgfältig genug plante, würde er auch einen Weg finden. Sein Oberschenkel schmerzte ganz erbärmlich.
»Ihr seid verwundet.« Alanna stellte ihre Tasse auf den Boden und kam herüber, wo sie sich neben ihn kniete und seinen Kopf in ihre Hände nahm. Ein Prickeln durchlief ihn. »Ja. So ist das also. Wie es scheint, habt Ihr euch nicht gerade beim Rasieren geschnitten.« »Es waren Trollocs, Aes Sedai«, sagte Bain. »Als wir in den Bergen aus dem Wegetor kamen.« Chiad berührte ihren Arm und sie schwieg wieder.
»Ich habe das Wegetor verschlossen«, fügte Loial schnell hinzu. »Niemand wird es mehr benützen, sofern es nicht von dieser Seite hier geöffnet wird.« »Ich dachte mir, daß sie auf diesem Weg gekommen sein müssen«, murmelte Verin in sich hinein. »Moiraine hat ja gesagt, daß sie die Wege benützen. Früher oder später wird uns das vor ein echtes Problem stellen.« Perrin fragte sich, was sie damit meine.
»Die Wege«, sagte Alanna, die immer noch seinen Kopf hielt. »TaVeren! Junge Helden!« Sie brachte es fertig, ihre Worte gleichzeitig anerkennend und doch wie einen Fluch klingen zu lassen.
»Ich bin kein Held«, sagte er ihr gleichmütig. »Die Wege stellten die schnellste Möglichkeit dar, hierherzukommen. Das ist alles.« Die Grüne Schwester fuhr fort, als habe er gar nichts gesagt: »Ich werde nie verstehen, wieso die Amyrlin Euch drei ziehen ließ. Elaida hat fast Anfälle bekommen wegen Euch, und sie ist nicht die einzige, nur die Auffallendste. Die Siegel werden schwächer, und die Letzte Schlacht kommt näher. Das ist das Allerletzte, was wir brauchen können, eine Gruppe von gleich drei TaVeren, die unkontrolliert herumrennen. Ich hätte jeden von Euch an die Leine gelegt oder vielleicht sogar Aes Sedai als Behüter zugeschworen.« Er versuchte, seinen Kopf ihrem Griff zu entziehen, aber sie griff noch fester zu und lächelte. »Ich habe mich nicht so weit von den alten Sitten entfernt, daß ich mir einen Mann gegen seinen Willen zuschwören lasse. So weit ist es noch nicht.« Er war aber nicht sicher, wie weit sie davon entfernt war. Das Lächeln ihres Mundes erreichte ihre Augen nicht mehr. Sie fühlte nach dem halb abgeheilten Schnitt auf seiner Wange. »Es ist schon zu lange her, daß Ihr diesen Schnitt empfangen habt. Selbst meine Heilkunst wird eine Narbe hinterlassen.« »Ich muß keineswegs hübsch sein«, knurrte er — nur gesund genug, um zu tun, was getan werden mußte — und Faile lachte laut los.
»Wer hat dir das denn gesagt?« fragte sie dann. Überraschenderweise lächelten Alanna und sie sich gegenseitig an.
Perrin runzelte die Stirn und fragte sich, ob sie sich über ihn lustig machten. Aber bevor er etwas sagen konnte, traf ihn der Schock der Heilung, als verwandle er sich in einen Eisblock. Alles, was er fertigbrachte, war, nach Luft zu schnappen. Die wenigen Augenblicke, bis Alanna ihn losließ, schienen ihm endlos.
Als er wieder atmen konnte, hielt die Grüne Schwester Bains flammenhaarigen Kopf in ihren Händen. Verin kümmerte sich um Gaul, und Chiad schwenkte prüfend ihren linken Arm hin und her. Ihr Gesicht drückte Zufriedenheit aus.