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Abell brachte ein schwaches Lächeln zuwege. »Die meisten Leute haben das Gefühl, zwischen zwei Mahlsteinen zerrieben zu werden, Perrin. Sie hoffen jedenfalls nur noch, nicht irgendwo zwischen Weißmänteln und Trollocs auf der Strecke zu bleiben.« »Sie sollten mit dem Hoffen aufhören und statt dessen etwas unternehmen!« Einen Augenblick später schämte sich Perrin dieser Bemerkung. Er hatte ja nicht hier gelebt und wußte nicht, wie sich das alles auswirkte. Aber trotzdem hatte auch er recht. Solange sich die Menschen hinter den Kindern des Lichts versteckten, mußten sie sich damit abfinden, daß man mit ihnen machte, was man wollte, ob sie ihnen nun Bücher klauten oder Frauen und Mädchen gefangennahmen. »Morgen sehe ich mir dieses Weißmantellager an. Es muß einen Weg geben, sie zu befreien. Und sobald sie frei sind, können wir uns endlich mit den Trollocs beschäftigen. Ein Behüter hat mir mal gesagt, die Trollocs nennen die Aiel-Wüste auch den ›Sterbeort‹. Ich werde dafür sorgen, daß sie künftig auch die Zwei Flüsse so nennen!« »Perrin«, begann Tam, aber dann hielt er inne und blickte lediglich besorgt drein.

Perrin wußte, wie sich das Licht hier im Schatten unter den Eichen in seinen Augen spiegeln mußte. Sein Gesicht war wie aus Stein gehauen und fühlte sich auch so an.

Tam seufzte. »Zuerst kümmern wir uns mal um Natti und die anderen. Dann können wir immer noch entscheiden, wie wir das mit den Trollocs anstellen.« »Nimm das alles nicht zu schwer, Junge«, sagte Abell leise. »Der Haß könnte in dir wachsen, bis er dich vollkommen ausbrennt.« »Nichts brennt mich aus«, sagte Perrin mit äußerlich fester Stimme. »Ich habe lediglich vor, das zu tun, was vollbracht werden muß.« Er fuhr mit dem Daumen die Schneide seiner Axt nach. Was vollbracht werden mußte.

Dain Bornhald saß ganz gerade im Sattel, als er sich mit seiner Hundertschaft nach dem Patrouillenritt wie der Wachhügel näherte. Nein, es waren mittlerweile keine hundert mehr. Auf elf Sätteln waren in ihre Umhänge gehüllte Leichen festgebunden, und weitere dreiundzwanzig seiner Männer waren verwundet. Die Trollocs hatten sie in einen cleveren Hinterhalt gelockt. Bei weniger gut ausgebildeten und unerfahreneren Soldaten hätten sie womöglich die gesamte Patrouille vernichtet, doch dazu waren die Kinder einfach zu harte Kämpfer. Was ihm zu schaffen machte, war die Tatsache, daß nun schon zum drittenmal eine Patrouille offen angegriffen worden war.

Nicht irgendein zufälliges Aufeinandertreffen, nicht, daß sie zufällig auf mordende und plündernde Trollocs getroffen wären, nein, es waren strategisch geplante Angriffe gewesen. Und alles auf Patrouillen, die er persönlich leitete. Die Trollocs mieden alle anderen bis auf ihn. Das warf natürlich unangenehme Fragen auf, und die Antworten, die ihm in den Sinn kamen, konnten keine befriedigenden Lösungen liefern.

Die Sonne sank. In dem Dorf, das den ganzen Hügel von oben bis unten mit seinen strohgedeckten Dächern bedeckte, waren die ersten Lichter zu sehen. Auf dem Hügelkamm oben stand das einzige Haus mit einem Ziegeldach, der Weiße Keiler, die Dorfschenke. An einem anderen Abend wäre er vielleicht auf einen Becher Wein dorthin geritten, und das trotz des nervösen Schweigens, das sich immer beim Anblick eines weißen Umhangs mit dem goldenen Sonnenbanner ausbreitete. Er trank selten, doch manchmal war er froh, mit anderen Menschen zusammensein zu können und nicht immer nur mit den Kindern des Lichts. Nach einer Weile vergaßen die Menschen gewöhnlich seine Anwesenheit und begannen wieder zu schwatzen und zu lachen. An einem anderen Abend. Heute wollte er allein sein, spazierengehen und nachdenken.

Zwischen den ungefähr hundert buntbemalten Wohnwagen, die etwa eine halbe Meile vom Fuß des Hügels entfernt standen, herrschte geschäftiges Treiben. Männer und Frauen, deren Kleidung noch bunter war als die Wagen, überprüften Pferde und Geschirre und luden Sachen auf, die wochenlang im Lager nur herumgelegen hatten. Es schien, das Fahrende Volk wolle seinem Namen Ehre machen und möglicherweise beim ersten Tageslicht aufbrechen.

»Farran!« Der kräftige Hundertschaftsführer lenkte sein Pferd näher heran, und Bornhald nickte in Richtung des Lagers der Tuatha'an. »Informiere den Sucher, daß sie nach Süden fahren sollen, falls er mit seinen Leuten weiterziehen will.« Seinen Landkarten nach gab es keinen Übergang über den Taren außer bei Taren-Fähre, aber hatte ja schon erfahren müssen, wie alt diese Karten waren, seit er den Fluß überquert hatte. Jedenfalls würde niemand die Zwei Flüsse verlassen und seine Truppe vielleicht in einer Falle zurücklassen, solange er das verhindern konnte. »Und noch etwas, Farran. Es ist nicht notwendig, die Stiefel oder die Fäuste zu benützen, ja? Worte reichen aus. Dieser Raen hat Ohren.« »Wie Ihr befehlt, Lord Bornhald.« Es klang nur ein klein wenig enttäuscht. Der Hundertschaftsführer berührte mit der im Kampfhandschuh steckenden Faust seine Herzgegend, riß sein Pferd herum und galoppierte in Richtung des Tuatha'an-Lagers. Es gefiel ihm bestimmt nicht, aber er würde gehorchen. Und wenn er das Fahrende Volk noch so verachtete, so war er doch ein guter Soldat.

Der Anblick seines eigenen Lagers erfüllte Bornhald wenigstens einen Augenblick lang mit Stolz: die langen, schnurgerade Reihen von weißen Satteldachzelten... selbst die Haltepfosten für die Pferde standen sauber in Reih und Glied ausgerichtet. Auch hier in dieser lichtverlassenen Ecke der Welt blieben sich die Kinder des Lichts selbst treu. Die Disziplin ließ nicht nach. Es war wirklich eine lichtverlassene Gegend. Die Trollocs waren der beste Beweis dafür. Wenn sie Bauernhöfe niederbrannten, war das auch der Beweis dafür, daß einige der Leute hier noch rein waren und im Licht wandelten. Einige. Der Rest verbeugte sich und sagte »Ja, mein Lord« und »Wie Ihr wünscht, mein Lord«, und kaum wandte er ihnen den Rücken zu, machten sie alles genau wie vorher. Und außerdem verbargen sie irgendwo eine Aes Sedai. An ihrem zweiten Tag südlich des Taren hatten sie einen Behüter getötet. Der farbverändernde Umhang des Mannes war der Beweis für seine Stellung gewesen. Bornhald haßte die Aes Sedai. Sie pfuschten mit der Einen Macht herum, als sei eine Zerstörung der Welt noch nicht genug gewesen. Wenn man sie nicht aufhielt, würden sie das gleiche wieder anstellen. Seine augenblickliche gute Laune schmolz wie Schnee unter der Frühlingssonne bei diesem Gedanken.

Er suchte nach dem Zelt, in dem man die Gefangenen hielt. Nur einzeln durften sie einmal am Tag kurz an die frische Luft kommen. Keiner davon würde weglaufen, denn das hätte bedeutet, die anderen im Stich zu lassen. Außerdem würden sie höchstens ein Dutzend Schritte weit kommen. An jedem Ende des Zelts stand ein Soldat Wache, und dazu würde man nach einem Dutzend Schritten noch auf mindestens zwanzig weitere Kinder des Lichts stoßen. Aber er wollte natürlich so wenig Probleme wie möglich haben. Ein Problem führte gewöhnlich zum nächsten. Falls man die Gefangenen grob behandeln mußte, würde das möglicherweise die Stimmung im Dorf soweit anheizen, daß er dort auch eingreifen müßte. Byar war ein Narr. Er — und auch andere, besonders Farran — wollte die Gefangenen unter Folter verhören. Bornhald gehörte nicht zu den Zweiflern, und er ahmte nicht gern ihre Methoden nach. Außerdem hatte er nicht vor, Farran auf diese Mädchen loszulassen, selbst wenn sie zu den Schattenfreunden gehörten, wie Ordeith behauptete.

Schattenfreunde oder nicht, ihm wurde immer deutlicher, daß er eigentlich nur einen einzigen Schattenfreund haben wollte. Mehr als die Trollocs, mehr als irgendwelche Aes Sedai wollte er Perrin Aybara fangen. Er konnte wohl Byars Geschichte kaum glauben, daß dieser Mann mit den Wölfen im Rudel laufe, aber Byar hatte ihm zumindest klar gemacht, daß Aybara Bornhalds Vater in eine Falle der Schattenfreunde gelockt hatte, daß er Geofram Bornhald auf der Toman-Halbinsel in den Tod von Händen der Seanchan-Schattenfreunde und ihrer Aes-Sedai-Verbündeten führte. Vielleicht würde er den Schmied wirklich Byars Folterkünsten überlassen, falls keiner der Luhhans in nächster Zeit gestand. Entweder würde dann der Mann aufgeben, oder die Frau beim Zuschauen. Einer von ihnen würde ihm den Schlüssel zur Gefangennahme Perrin Aybaras liefern.