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Als er vor seinem Zelt abstieg, wartete Byar schon auf ihn. Er stand stocksteif und hager wie eine Vogelscheuche vor ihm. Bornhald warf einen angeekelten Blick hinüber auf eine viel kleinere Gruppe von Zelten, die etwas abseits der anderen stand. Der Wind kam von dieser Richtung her, und er roch das andere Lager deutlich. Sie hielten weder ihre Pferdekoppeln noch sich selbst sauber. »Ordeith ist zurück, wie es scheint, oder?« »Ja, Lord Bornhald.« Byar redete nicht weiter, und Bornhald blickte ihn fragend an. »Sie berichteten von einem Scharmützel mit Trollocs im Süden. Zwei Tote, sechs Verwundete, behaupten sie.« »Und wer sind die Toten?« fragte Bornhald leise.

»Kind Joelin und Kind Gomanes, Lord Bornhald.« Byars Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Die hohlen Wangen blieben unverändert, und der Mund verzog sich kein bißchen.

Bornhald zog sich langsam die mit Stahlplatten verstärkten Kampfhandschuhe aus. Gerade die zwei hatte er Ordeith zur Begleitung mitgegeben, um aufzupassen und ihm zu berichten, was der geheimnisvolle Mann auf seinen Ausritten nach Süden eigentlich machte. Vorsichtshalber bemühte Bornhald sich, nicht lauter zu sprechen als vorher: »Meine Grüße an Meister Ordeith, Byar, und — Nein! Keine Grüße. Sage ihm, und zwar wörtlich, daß ich seine mageren Knochen augenblicklich vor mir sehen will. Sag es ihm, Byar, und bringe ihn her, selbst wenn du ihn und diese schmutzigen Kreaturen festnehmen mußt, die den Kindern des Lichts solche Schande bereiten. Geh!« Bornhald hielt seinen Zorn zurück, bis er sich im Zelt befand. Dann fegte er knurrend Landkarten und Schreibutensilien von seinem Klapptisch. Ordeith mußte ihn für einen kompletten Idioten halten. Zweimal hatte er dem Kerl Männer mitgegeben, und beide Male waren gerade sie die einzigen Toten in einem ›Scharmützel mit Trollocs‹ gewesen. Es hatte keine Verwundeten unter den anderen gegeben. Es war immer im Süden geschehen. Der Mann war von diesem Emondsfeld besessen. Gut, er hätte vielleicht selbst ihr Lager dorthin verlegt, wenn nicht... Das war jetzt unwichtig. Er hatte ja die Luhhans hier. Sie würden ihn auf die eine oder andere Art zu Perrin Aybara führen. Wachhügel war ein viel besserer Lagerplatz, falls er plötzlich nach Taren-Fähre mußte. Militärische Überlegungen hatten Vorrang vor den persönlichen.

Zum tausendsten Mal fragte er sich, warum ihn der kommandierende Lordhauptmann hierhergeschickt hatte. Die Menschen waren auch nicht anders als an hundert anderen Orten. Allerdings zeigten nur die Bewohner von Taren-Fähre ein Interesse daran, die Schattenfreunde in den eigenen Reihen zu bekämpfen. Der Rest schaute mürrisch und ohne innere Beteiligung zu, wenn der Drachenzahn auf eine Tür gemalt wurde. In einem Dorf wußte man immer genau, wer unter den Bewohnern unerwünscht war. Wenn man sie ein wenig ermutigte, waren sie immer bereit zu einer Reinigung, und mit den Unerwünschten, die man gern gehen sah, erwischte man todsicher auch die Schattenfreunde. Aber hier nicht. Der schwarze Umriß eines spitzen Zahns auf einer Tür könnte hier genausogut ein neuer Anstrich sein. Jedenfalls zeigte er die gleiche Wirkung. Und dann die Trollocs. Hatte Pedron Niall gewußt, daß die Trollocs dieses Gebiet überfallen würden, als er den Befehl ausgab? Wie konnte er das gewußt haben? Aber wenn nicht, warum hatte er dann so viele der Kinder hergeschickt, daß sie ausreichten, um einen kleineren Aufstand niederzuschlagen? Und wieso beim Licht hatte ihm der kommandierende Lordhauptmann diesen mordlustigen Wahnsinnigen mitgegeben?

Die Zeltklappe öffnete sich, und Ordeith stolzierte herein. Sein feines graues Wams war mit Silber verziert, wies aber große Flecken auf. Auch sein magerer Hals war schmutzig. Er ragte aus seinem Kragen hoch wie der Hals einer Schildkröte aus dem Panzer. »Guten Abend, Lord Bornhald. Einen schönen und prächtigen Abend wünsche ich Euch.« Sein Lugarder Dialekt kam heute abend besonders stark durch.

»Was ist mit Kind Joelin und Kind Gomanes geschehen, Ordeith?« »Eine schreckliche Sache, mein Lord. Als wir auf die Trollocs stießen, hat Kind Gomanes tapfer... « Bornhald schlug ihm mit seinen Handschuhen ins Gesicht. Taumelnd faßte sich der knochige Mann an die aufgeplatzte Lippe und betrachtete die Röte an seinen Fingern. Das Lächeln auf seinem Gesicht wirkte nicht mehr spöttisch. Es wirkte nun eher wie das Lächeln einer Viper. »Vergeßt Ihr nun plötzlich, wer meine Ernennung unterschrieb, kleiner Lord? Pedron Niall hängt Euch an den Eingeweiden Eurer Mutter auf, wenn ich nur ein Wort sage, aber das, nachdem er Euch beiden die Haut bei lebendigem Leib abziehen ließ.« »Falls Ihr am Leben seid und dieses Wort noch aussprechen könnt, oder?« Ordeith knurrte und krümmte sich wie eine wilde Kreatur. Auf seinen Lippen stand Schaum. Langsam schüttelte er jedoch seine Wut ab und richtete sich wieder auf. »Wir müssen zusammenarbeiten.« Der Lugarder Dialekt war wie weggeblasen, und die Stimme klang kräftiger, befehlsgewohnter. Bornhald zog dennoch die spöttische Lugarder Stimme der etwas schmierig klingenden vor, in deren Tonfall kaum verhüllte Verachtung mitschwang. »Der Schatten umgibt uns auf allen Seiten. Nicht nur die Trollocs und die Myrddraal. Das ist noch das wenigste. Drei wurden hier gezeugt, drei Schattenfreunde, die eine Welt erschüttern sollen, deren Geburt tausend Jahre lang vom Dunklen König vorbereitet wurde. Rand al'Thor. Mat Cauthon. Perrin Aybara. Ihr kennt ihre Namen. An diesem Ort wurden Kräfte auf die Welt losgelassen, die sie in Not bringen werden. Kreaturen des Schattens bevölkern die Nacht, beflecken die reinen Herzen der Menschen, verderben ihre Träume. Reinigt dieses Land. Reinigt es, und sie werden kommen. Rand al'Thor. Mat Cauthon. Perrin Aybara.« Er sprach diesen letzten Namen beinahe liebevoll aus.

Bornhald atmete schwer durch. Er war nicht sicher, wie Ordeith herausbekommen hatte, wen er hier suchte. Eines Tages hatte er ihm das ganz selbstverständlich eröffnet. »Ich habe Eure Spuren auf dem Hof der Aybaras verwischt, nachdem Ihr ihn... « »Reinigt die Zwei Flüsse.« In dieser volltönenden Stimme lag ein Hauch von Wahnsinn. Auf Ordeiths Stirn stand Schweiß. »Zieht ihnen die Haut ab, und die drei werden kommen.« Bornhald erhob seine Stimme: »Ich habe Eure Spuren verwischt, weil ich es mußte.« Er hatte keine andere Wahl gehabt. Falls die Wahrheit herausgekommen wäre, hätte er es nicht mehr nur mit mürrischen Einwohnern zu tun gehabt. Das letzte, was er gebrauchen konnte, war ein Aufstand zusätzlich zu den Trollocs.

»Aber ich werde keinen Mord an den Kindern dulden. Hört Ihr das? Was macht Ihr, das Ihr vor den Kindern verbergen müßt?« »Zweifelt Ihr daran, daß der Schatten alles unternehmen wird, um mich aufzuhalten?« »Was?« »Zweifelt Ihr daran?« Ordeith beugte sich in plötzlicher Eindringlichkeit vor. »Ihr habt doch die Grauen Männer gesehen.« Bornhald zögerte. Fünfzig Soldaten der Kinder um ihn herum, mitten in Wachhügel, und keiner von ihnen hatte die beiden Männer mit ihren Dolchen bemerkt. Er selbst hatte sie geradewegs angesehen und doch nicht wahrgenommen. Bis Ordeith die beiden getötet hatte. Der magere kleine Bursche war dadurch sehr in der Achtung seiner Männer gestiegen. Später hatte Bornhald die Dolche tief in der Erde vergraben. Die Klingen sahen aus wie Stahl, man verbrannte sich aber daran wie an geschmolzenem Metall. Die Erdbrocken, die er in der Grube darauf geschaufelt hatte, hatten gezischt, und Dampfwölkchen waren davon aufgestiegen. »Glaubt Ihr, sie waren hinter Euch her?« »O ja, Lord Bornhald. Hinter mir her. Was auch notwendig sein mag, um mich aufzuhalten. Der Schatten selbst will mich zur Strecke bringen.« »Das sagt aber immer noch nichts aus in bezug auf ermordete... « »Ich muß meine Aufgabe im geheimen erfüllen.« Er flüsterte, ja, zischte diese Worte. »Der Schatten kann in die Gehirne von Menschen eindringen, um mich zu suchen, kann die Träume und Gedanken von Menschen beeinflussen. Würdet Ihr gern im Traum sterben? Das kann passieren.« »Ihr seid... wahnsinnig.« »Gebt mir freie Hand, und ich bringe Euch Perrin Aybara. Das verlangen Pedron Nialls Befehle. Freie Hand für mich und ich liefere Euch Perrin Aybara aus.« Bornhald schwieg eine ganze Weile lang. »Ich will Euch nicht sehen«, sagte er schließlich. »Geht mir aus den Augen.« Als Ordeith weg war, schauderte Bornhald. Was hatte der kommandierende Lordhauptmann mit diesem Mann hier im Sinn? Andererseits, wenn er ihm Aybara auslieferte... Er warf die Handschuhe zur Seite und begann, in seinem Gepäck herumzukramen. Irgendwo mußte eine Flasche Schnaps stecken.