Der Mann, der sich Ordeith nannte, der sogar manchmal von sich selbst als Ordeith dachte, schlich zwischen den Zelten der Kinder des Lichts umher und beobachtete die Männer mit den weißen Umhängen mißtrauisch. Nützliche Werkzeuge, ignorante Werkzeuge, aber nicht vertrauenswürdig. Besonders Bornhald nicht. Den mußte man möglicherweise beseitigen, falls er zu viele Schwierigkeiten machte. Byar ließ sich da schon viel leichter beeinflussen. Aber jetzt noch nicht. Es gab wichtigere Dinge zu erledigen. Einige der Soldaten nickten ihm respektvoll zu, als er vorbeiging. Er zeigte ihnen die Zähne, und sie betrachteten es als freundliches Lächeln. Werkzeuge und Narren zugleich.
Sein Blick huschte hungrig zu dem Zelt mit den Gefangenen hinüber. Sie konnten warten. Wenigstens noch eine Weile. Ein kleines bißchen länger. Sie waren sowieso nur kleine Appetithappen. Köder. Er hätte sich auf dem Hof der Aybaras besser beherrschen sollen, aber Con Aybara hatte ihm ins Gesicht gelacht, und Joslyn hatte ihn als kleinen Narren mit einer schmutzigen Phantasie bezeichnet, weil er ihren Sohn einen Schattenfreund genannt hatte. Nun, sie hatten etwas gelernt daraus —schreiend und brennend. Unwillkürlich mußte er leise kichern. Appetithappen.
Er spürte deutlich, daß einer von denen, die er so haßte, dort draußen war, irgendwo südlich in Richtung Emondsfeld. Welcher von ihnen? Es spielte keine Rolle. Rand al'Thor war der einzig wichtige unter ihnen. Er hätte es gespürt, wenn es al'Thor gewesen wäre. Die Gerüchte hatten ihn noch nicht hergelockt, aber das würde bestimmt geschehen. Ordeith schauderte vor Lust. Es mußte einfach so kommen. Man mußte noch mehr Erzählungen und Gerüchte an Bornhalds Wachen in Taren-Fähre vorbeischmuggeln, weitere Berichte über Reinigungsaktionen an den Zwei Flüssen, damit sie Rand al'Thors Ohren erreichten und sich tief in sein Hirn einbrannten. Zuerst al'Thor und dann die Weiße Burg, als Rache für all das, was sie ihm genommen hatten. Er würde alles in Besitz nehmen, was ihm von Rechts wegen zustand.
Alles war wie ein Uhrwerk abgelaufen, trotz Bornhalds Zwangsmaßnahmen, bis dieser Neue mit seinen Grauen Männern auftauchte. Ordeith fuhr sich mit den knochigen Fingern durch das fettige Haar. Warum konnten nicht wenigstens seine Träume ihm allein gehören? Er war keine Marionette mehr, die, vom Dunklen König selbst geführt, um die Myrddraal und die Verlorenen herumtanzte. Er selbst führte nun die Fäden. Sie konnten ihn nicht aufhalten und nicht töten.
»Nichts kann mich töten«, knurrte er mit finsterer Miene. »Mich nicht. Ich habe seit den Trolloc-Kriegen überlebt.« Nun ja, zumindest ein Teil von ihm. Er lachte schrill auf, hörte den Wahnsinn in diesem Gelächter, kannte seine Bedeutung, aber es kümmerte ihn nicht.
Ein junger Offizier der Weißmäntel runzelte ob des Gelächters die Stirn. Diesmal lag keine Andeutung eines Lächelns in Ordeiths gefletschten Zähnen, und der Junge mit dem Flaum auf den Wangen zuckte zurück. Ordeith hastete mit schleppenden, schleichenden Schritten weiter.
Fliegen summten um seine eigenen Zelte herum, und mürrische, mißtrauische Blicke wichen den seinen aus. Hier waren die weißen Umhänge verschmutzt. Aber die Schwerter waren scharf, der Gehorsam augenblicklich und blind. Bornhald glaubte, diese Männer unterständen ihm immer noch. Auch Pedron Niall glaubte das und hielt Ordeith für seine zahme Kreatur. Narren.
Er schob seine Zeltklappe beiseite und ging hinein, um nach seinem Gefangenen zu sehen, der zwischen dicken Pflöcken gefesselt lag. Diese Pflöcke hätten auch ein ganzes Pferdegespann festgehalten. Die starke Stahlkette vibrierte, als er ihren Sitz überprüfte, aber er hatte genau ausgerechnet, wieviel er brauchte, und dann die Länge verdoppelt. Und das war auch gut so gewesen. Eine Windung weniger, und die massiven Stahlglieder wären zerbrochen. Seufzend setzte er sich auf die Bettkante. Die Lampen waren bereits entzündet. Mehr als ein Dutzend von ihnen ließen nirgends mehr eine Spur von Schatten übrig. Hier im Zelt war es so hell wie draußen in der Mittagssonne. »Habt Ihr meinen Vorschlag überdacht? Nehmt an, und Ihr seid frei und könnt gehen. Weigert Euch... Ich weiß, wie man Eurer Art Schmerzen zufügt. Ich kann Euch einen endlosen Tod sterben lassen. Ihr werdet schreien und schreien. Ewig sterben und ewig schreien.« Die Ketten summten, als ein scharfer Ruck sie erschütterte. Die tief in den Boden hineingetriebenen Pfähle knarrten. »Also gut.« Die Stimme des Myrddraal klang, als zerbröckle getrocknete Schlangenhaut. »Ich nehme Euer Angebot an. Laßt mich frei.« Ordeith lächelte. Es hielt ihn bestimmt für einen Narren. Na gut. Es würde lernen müssen. Alle würden sie lernen müssen. »Zuerst sprechen wir einmal über die Fragen... sagen wir mal, von Vereinbarungen und Übereinstimmungen.« Als er weitersprach und seine Vorstellungen schilderte, begann der Myrddraal zu schwitzen.
32
Brennende Fragen
Wir sollten bald nach Wachhügel aufbrechen«, sagte Verin am nächsten Morgen, als die Sonne noch kaum den Morgenhimmel erhellte, »also trödelt nicht.« Perrin blickte von seinem kalten Haferbrei hoch. Der entschlossene Blick der Aes Sedai ließ keinen Widerspruch zu. Einen Augenblick später fügte sie nachdenklich hinzu: »Glaubt aber nicht, daß ich Euch deshalb bei irgendeinem närrischen, überhasteten Unternehmen helfen werde. Ihr seid ein junger Mann, der immer etwas Derartiges auf Lager hat. Versucht das erst gar nicht bei mir.« Tam und Abell hielten in ihren Bewegungen inne, die Löffel halb zum Mund gehoben, und tauschten einen überraschten Blick. Bis jetzt waren sie wie auch die Aes Sedai getrennte Wege gegangen. Nach einem Augenblick aßen sie weiter, jedoch mit nachdenklich gerunzelter Stirn. Irgendwelche Einwände blieben unausgesprochen. Tomas, der seinen Behüterumhang bereits in seiner Satteltasche verstaut hatte, warf ihnen und Perrin noch zusätzlich einen harten Blick zu, als erwarte er Widerspruch und habe vor, diesen im Keim zu ersticken. Behüter taten immer alles Notwendige, um ihrer Aes Sedai zu erlauben, das zu tun, was sie wollte.
Sie wollte sich natürlich wieder einmischen. Das taten die Aes Sedai grundsätzlich. Aber es war besser, sie dort zu haben, wo er sie sehen konnte, und nicht gerade in seinem Rücken. Es war beinahe unmöglich, sich den Intrigen der Aes Sedai ganz zu entziehen, wenn sie ihre Nase in etwas stecken wollten. Es gab nur einen Weg: Man mußte versuchen, sie zu benutzen, während sie einen selbst benutzten, und höllisch aufzupassen, damit man rechtzeitig wegsprang, falls sie einen am Kragen packen und in ein Kaninchenloch stecken wollten. Manchmal stellte sich der Kaninchenbau auch als eine Dachshöhle heraus, und das konnte unangenehme Folgen haben.
»Ihr seid uns auch willkommen«, sagte er zu Alanna, aber die warf ihm nur einen so eisigen Blick zu, daß er lieber mit Sticheln aufhörte. Sie hatte den Haferbrei keines Blickes gewürdigt, stand an einem der halb überwucherter Fenster und spähte durch den Blättervorhang nach draußen.
Er wußte nicht, ob sie mit seinen Plänen für eine Erkundung einverstanden war. Es schien unmöglich, ihr etwas anzusehen. Von den Aes Sedai erwartete man kühlüberlegene Würde, und das traf bei ihr in vollem Maße zu. Doch dann wieder blitzten ihr feuriges Temperament oder ihr unberechenbarer Humor auf, wenn man das am wenigsten erwartete. Und ebenso schnell war es wieder vorbei. Manchmal sah sie ihn auf eine Weise an — wenn sie keine Aes Sedai gewesen wäre, hätte er gesagt, sie bewunderte ihn. Ein andermal fühlte er sich unter ihrem Blick wie ein komplizierter Mechanismus, den sie auseinandernehmen wollte, um herauszufinden, wie er funktionierte. Selbst Verin war da noch besser. Die meiste Zeit über konnte man einfach nicht in Erfahrung bringen, was sie dachte oder vorhatte. Das ging ihm manchmal ziemlich auf die Nerven, aber wenigstens hatte er bei ihr nicht das Gefühl, daß sie nicht wisse, wie sie ihn hinterher wieder zusammensetzen solle.