Er wünschte, er könne Faile dazu bringen, hierzubleiben. Das war ja nicht das gleiche, als ließe er sie zurück; sie wäre dann aber in Sicherheit vor den Weißmänteln. Doch ihr Kinn war schon wieder stur vorgeschoben, und in ihren schrägstehenden Augen glitzerte es gefährlich. »Ich freue mich darauf, etwas von deinem Land sehen zu können. Mein Vater züchtet auch Schafe.« Ihr Tonfall klang entschlossen; sie würde nicht hierbleiben. Dazu müßte er sie schon festbinden.
Einen Augenblick lang dachte er sogar an eben dieses. Aber die Gefahr, die ihnen von den Weißmänteln drohte, dürfte nicht so groß sein, dachte er. Heute wollte er ja nur auf Erkundung gehen. »Ich dachte, er sei Kaufmann«, sagte er.
»Er züchtet auch Schafe.« Rote Flecke erblühten auf ihren Wangen. Vielleicht war ihr Vater ein armer Mann und überhaupt kein Händler. Er wußte nicht, warum sie ihm so etwas vormachte, aber wenn sie es so wollte, dann würde er sie nicht davon abhalten. Verlegen oder nicht —sie wirkte trotzdem genauso stur und entschlossen wie vorher.
Er erinnerte sich an Meister Cauthons Vorschlag. »Ich weiß nicht, wieviel du zu sehen bekommen wirst. Auf einigen Höfen dürfte die Schur im Gang sein, schätze ich. Wahrscheinlich auch nicht anders als bei deinem Vater. Ich bin jedenfalls froh über deine Gesellschaft.« Ihr überraschter Gesichtsausdruck, als ihr klar wurde, daß er nicht widersprach, war beinahe die Sorgen wert, die sie ihm durch ihre Anwesenheit bereitete. Vielleicht hatte Abell wirklich recht.
Bei Loial war das eine ganz andere Sache. »Aber ich will mitkommen«, protestierte der Ogier, als man ihm sagte, er solle dableiben. »Ich will helfen, Perrin!« »Ihr würdet zu sehr auffallen, Meister Ogier«, sagte Abell und Tam fügte hinzu: »Wir müssen alles unnötige Aufsehen unbedingt vermeiden.« Loials Ohren hingen enttäuscht herunter.
Perrin zog ihn auf die Seite, so weit von den anderen entfernt, wie es in diesem Raum eben ging. Loials zerzaustes Haar streifte die Deckenbalken, bis Perrin ihm bedeutete, sich etwas zu bücken. Dann lächelte er ihn an und tat so, als wolle er ihn nur aufheitern. Er hoffte jedenfalls, daß die anderen dies glaubten.
»Ich möchte, daß du Alanna ein wenig beobachtest«, sagte er im Flüsterton. Loial zuckte zusammen, und er packte den Ogier am Ärmel, wobei er immer noch grinste wie ein Idiot. »Grinsen, Loial. Wir sprechen über vollkommen unwichtige Dinge, ja? Denk daran!« Der Ogier brachte ein unsicheres Grinsen zuwege. Es würde reichen müssen. »Aes Sedai haben für das, was sie tun, ihre eigenen Gründe, Loial.« Und das konnte durchaus etwas total Unerwartetes sein, etwas, womit man überhaupt nicht gerechnet hatte. »Wer weiß denn schon, was sie im Sinn hat? Ich habe schon genug Überraschungen erlebt, seit ich heimgekommen bin, und mir steht der Sinn nicht nach weiteren. Ich erwarte ja nicht, daß du sie aufhältst, aber du solltest aufpassen, ob sie irgend etwas Außergewöhnliches macht.« »Vielen Dank, Perrin«, knurrte Loial sarkastisch. Seine Ohren zuckten. »Hältst du es nicht für besser, Aes Sedai einfach tun zu lassen, was sie wollen?« Das war leicht gesagt in seinem Fall. Aes Sedai konnten in einem Ogier-Stedding die Macht nicht benützen. Perrin sah ihn nur lange an, bis der Ogier schließlich aufseufzte. »Nun ja, wahrscheinlich nicht. Also gut. Ich kann ja nicht behaupten, daß es in deiner Nähe... langweilig würde.« Er richtete sich auf, rieb sich mit einem dicken Finger unter der Nase und sagte zu den anderen: »Ich denke, ich würde doch zuviel Aufmerksamkeit erregen. Nun, auf die Art habe ich Zeit, um meine Notizen durchzusehen. Ich habe schon seit Tagen nicht mehr an meinem Buch gearbeitet.« Verin und Alanna tauschten einen undurchschaubaren Blick, und dann sahen sie wie auf Kommando mit großen Augen Perrin an. Man konnte dabei einfach nicht feststellen, was sie dachten.
Die Packtiere mußte man natürlich zurücklassen. Packpferde würden in jedem Fall Aufsehen erregen, da sie von einer längeren Reise kündeten. Selbst in guten Zeiten reiste an den Zwei Flüssen kaum jemand einmal weiter weg. Alanna lächelte leicht und zufrieden, während sie ihnen beim Satteln ihrer Reittiere zusah. Zweifellos glaubte sie, daß die zurückgelassenen Tiere mit den Tragekörben sie an das alte Seuchenhaus und an sie und Verin fesselten. Falls es zum Schlimmsten kam, würde sie eine Überraschung erleben. Er war schon oft genug nur mit seinem Reitpferd und den Satteltaschen ausgekommen, seit sie die Heimat verlassen hatten. Gelegentlich hatte er auch nicht mehr gehabt als seine Gürteltasche und die Taschen an seinem Mantel. Überlebt hatte er allemal.
Er richtete sich auf, nachdem er Trabers Sattelgurt fester gezurrt hatte, und dann fuhr er zusammen. Verin musterte ihn eindringlich und mit einem Blick, der Wissen verriet.
Dieser Blick war keineswegs verträumt wie sonst. Sie wußte, was er dachte, und amüsierte sich darüber. Das war schon bei Faile schlimm genug, aber bei einer Aes Sedai traf ihn das hundertmal stärker. Der Hammer, den er neben die Deckenrolle und die Satteltaschen geschnallt hatte, schien ihr aber doch ein Rätsel zu sein. Er war froh, daß es noch etwas gab, das sie nicht auf Anhieb verstand. Andererseits paßte ihm ihre Aufmerksamkeit in dieser Hinsicht gar nicht. Was konnte an einem Hammer so faszinierend sein für eine Aes Sedai?
Da sie nur ihre Pferde satteln mußten, waren ihre Vorbereitungen im Nu beendet. Verin hatte einen unauffälligen braunen Wallach, der für das ungeschulte Auge genauso durchschnittlich wirkte wie ihre Kleidung, aber der breite Brustkorb und der kräftige Körper deuteten auf ebensoviel Ausdauer hin wie bei dem hochgewachsenen, schlanken Grauen des Behüters. Dieses temperamentvolle Tier rollte erregt mit den Augen. Traber schnaubte daraufhin eifersüchtig, bis Perrin den Hals des Braunen beruhigend tätschelte. Der Graue war ein wenig disziplinierter, aber genauso kampfbereit. Tomas mußte ihn nur loslassen. Der Behüter lenkte sein Tier mehr mit den Knien als mit dem Zügel. Die beiden schienen eins zu sein, so verwachsen miteinander wirkten die beiden.
Meister Cauthon musterte interessiert Tomas' Pferd. Man bekam hier nicht viele Streitrösser zu Gesicht. Aber bei Verins Tier nickte er schon nach einem kurzen Blick anerkennend. Es gab an den Zwei Flüssen wohl kaum einen besseren Pferdekenner als ihn. Zweifellos war auch er es gewesen, der sein eigenes und Meister al'Thors Pferd ausgesucht hatte. Es waren Tiere mit zottigerem Fell, auch kleiner als die anderen, doch stämmig und mit einem Schritt, der für Schnelligkeit und Ausdauer sprach.
Die drei Aiel gingen ihnen mit geschmeidigen, langen Schritten voran, als sie in Richtung Norden aufbrachen. Sie waren schnell außer Sicht im dichten Wald. Die Schatten des frühen Morgens waren lang und scharf umrissen. Die ersten Sonnenstrahlen warfen Lichtbalken zwischen die Bäume. Manchmal blitzte zwischen den Bäumen etwas Graubraunes auf, wahrscheinlich absichtlich, um die anderen wissen zu lassen, wo sich die Aiel befanden. Tam und Abell übernahmen die Führung. Sie hatten die Bögen über die hohen Sattelhörner gehängt. Dahinter ritten Perrin und Faile, während Verin und Tomas den Schluß bildeten.
Perrin hätte auf Verins Blick in seinem Rücken gut verzichten können. Er konnte ihn deutlich zwischen seinen Schulterblättern spüren. Er fragte sich, ob sie von den Wölfen wisse. Kein angenehmer Gedanke. Braune Schwestern wußten angeblich über eine Menge Dinge Bescheid, die den anderen Ajahs nicht bekannt waren —verborgene Dinge, uralte Kenntnisse. Vielleicht wußte sie, wie er es anstellen mußte, um sich nicht an die Wölfe zu verlieren, um seine Menschlichkeit nicht aufzugeben. Abgesehen davon, daß er möglicherweise Elyas Machera wiederfand, stellte sie seine größte Hoffnung dar. Er mußte ihr lediglich vertrauen. Sie würde bestimmt all ihre Kenntnisse einsetzen; ganz sicher im Namen der Weißen Burg, vielleicht aber auch für Rand. Das Dumme daran war nur, daß Hilfe für Rand ihm selbst jetzt im Moment auch nicht weiterhalf, die eigenen Probleme zu lösen. Alles wäre soviel einfacher ohne die Aes Sedai.