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Die meiste Zeit über ritten sie schweigend dahin, nur begleitet von den Geräuschen des Waldes: Eichhörnchen, Spechten und gelegentlichem Vogelgezwitscher. Einmal blickte Faile zurück und sagte dann zu ihm: »Sie wird dir nichts antun.« Ihr sanfter Tonfall stand im Kontrast zu ihren wild blitzenden dunklen Augen.

Perrin blickte verwundert drein. Sie wollte ihn beschützen. Vor den Aes Sedai. Er würde sie wohl nie verstehen oder wissen, was er als nächstes von ihr zu erwarten hatte. Sie benahm sich manchmal wirklich genauso verwirrend wie die Aes Sedai.

Sie erreichten schließlich den Rand des Westwalds etwa vier oder fünf Meilen nördlich von Emondsfeld. Die Sonne stand bereits ein Stück über den Baumwipfeln im Osten. Verstreute Waldstreifen, meist Lederblattbäume, Kiefern und Eichen, lagen zwischen ihnen und den nächsten durch Hecken eingefaßten Feldern, auf denen Gerste und Hafer, Tabak und Gras zum Heuen wuchs. Seltsamerweise war kein Mensch zu sehen. Kein Rauch erhob sich aus den Schornsteinen der Bauernhöfe hinter den Feldern. Perrin kannte die Leute, die dort wohnten, die Familie al'Loras in zwei der größeren Häuser und die Barsters, die in den anderen von hier aus sichtbaren Gebäuden lebten. Hart arbeitende Menschen. Falls sich jemand in den Häusern befunden hätte, wären sie längst bei der Arbeit gewesen. Gaul winkte vom Saum eines größeren Gebüsches her und verschwand dann darin.

Perrin trieb Traber voran, bis er sich neben Tam und Abell befand. »Sollten wir nicht in Deckung weiterreiten, solange wir können? Sechs Berittene werden nicht unbemerkt bleiben.« Sie ließen ihre Pferde unverändert gleichmäßig weiterschreiten.

»Es gibt nicht viele, die uns bemerken könnten, Junge«, antwortete Meister al'Thor, »solange wir uns von der Nordstraße fernhalten. Die meisten Höfe, die in der Nähe des Waldes liegen, wurden mittlerweile aufgegeben. Außerdem ist heutzutage niemand allein unterwegs. Keiner entfernt sich weit vom eigenen Haus. Eine Gruppe von zehn Leuten erregt heute kaum besonderes Aufsehen, obwohl die meisten, wenn überhaupt, mit Planwagen unterwegs sind.« »Wir werden so schon der größten Teil des Tages über brauchen, um nach Wachhügel zu kommen«, sagte Meister Cauthon. »Und das, ohne den Umweg durch den Wald zu nehmen. Auf der Straße ginge es ein wenig schneller, klar, aber es bestünde auch eher die Gefahr, Weißmänteln zu begegnen. Die Gefahr, daß uns jemand gegen eine Belohnung verrät, wäre ebenfalls um vieles größer.« Tam nickte. »Aber in dieser Gegend haben wir auch Freunde. Wir haben vor, gegen Mittag bei Jac al'Seens Hof eine Pause einzulegen, damit sich die Pferde ausruhen und wir uns ein wenig die Beine vertreten können. Wir kommen nach Wachhügel, wenn das Tageslicht noch ausreichend ist, um alles zu beobachten.« »Es wird hell genug sein«, bestätigte Perrin automatisch. Für ihn reichte das Licht allemal aus. Er drehte sich im Sattel um und sah noch einmal zu den Bauernhäusern hinüber. Verlassen, aber nicht niedergebrannt, nicht geplündert, soweit er das feststellen konnte. An den Fenstern hingen noch die Gardinen. Die Scheiben waren ganz. Trollocs zerstörten gern alles, und leere Häuser stellten für sie eine Einladung dar. Zwischen den Gersten- und Haferhalmen wuchs Unkraut, aber man hatte die Pflanzen nicht niedergetrampelt. »Haben die Trollocs Emondsfeld selbst schon angegriffen?« »Nein, haben sie nicht«, sagte Meister Cauthon dankbar. »Es würde ihnen auch nicht leicht gemacht, das kann ich dir sagen. Die Leute haben seit der vorletzten Winternacht gelernt, höllisch aufzupassen. Neben jeder Tür steht ein Bogen und dazu Speere und so. Außerdem kommen die Weißmäntel alle paar Tage auf Patrouille herunter. So schwer es mir fällt, das zuzugeben, so halten sie doch auf die Art die Trollocs im Schach.« Perrin schüttelte den Kopf. »Habt Ihr eine Ahnung, wie viele Trollocs sich hier befinden?« »Einer ist schon zuviel«, knurrte Abell.

»Vielleicht zweihundert«, meinte Tam. »Möglicherweise auch mehr.« Meister Cauthon blickte überrascht drein. »Denk doch mal nach, Abell. Ich weiß nicht, wie viele die Weißmäntel schon getötet haben, aber die Behüter behaupten, daß sie und die Aes Sedai beinahe fünfzig erledigt haben und dazu noch zwei Blasse. Und die Anzahl von Überfällen, von denen wir erfahren, ist nicht geringer geworden. Ich denke, es müssen mehr sein, aber du kannst ja selbst rechnen.« Der andere Mann nickte verdrossen.

»Warum haben sie dann Emondsfeld nicht angegriffen?« fragte Perrin. »Ein Überfall mit zwei- oder dreihundert Trollocs in der Nacht, und sie könnten wahrscheinlich das ganze Dorf niederbrennen und wieder entkommen, bevor die Weißmäntel oben in Wachhügel überhaupt davon erführen. Noch leichter wäre es für sie allerdings, Devenritt zu überfallen. Ihr habt doch gesagt, daß die Weißmäntel gar nicht erst dorthin kommen.« »Glück«, murmelte Abell, aber es klang innerlich zerrissen. »Das wird es sein. Wir haben Glück gehabt. Was sonst? Worauf willst du hinaus, Junge?« »Worauf er hinaus will«, sagte Faile, die ihr Pferd heranlenkte, »ist die Tatsache, daß es einen Grund dafür geben muß.« Schwalbe war soviel größer als die Pferde der beiden älteren Männer, daß sie denen nun in die Augen sehen konnte, und ihr Blick wirkte ruhig und fest. »Ich habe gesehen, was in Saldaea nach Trolloc-Überfällen zurückblieb. Was sie nicht niederbrennen, zerstören sie auf andere Art. Sie töten oder verschleppen die Menschen und die Tiere — alles, was ungeschützt ist. In schlechten Jahren sind ganze Dörfer verschwunden. Sie suchen heraus, was ihnen am schwächsten vorkommt, wo sie die meisten Menschen töten können. Mein Vater...« Sie schluckte hinunter, was sie hatte sagen wollen, atmete tief durch und fuhr fort: »Perrin hat begriffen, was auch Euch klar sein sollte.« Sie lächelte ihm stolz zu. »Wenn die Trollocs Euer Dorf nicht angegriffen haben, dann hat das einen besonderen Grund.« »Daran habe ich auch gedacht«, sagte Tam ruhig, »aber ich kann mir keinen vorstellen. Bis wir Bescheid wissen, ist Glück eine genauso gute Antwort wie jede andere.« »Vielleicht«, sagte Verin, die sich ihnen anschloß, »ist es ein Köder?« Tomas hielt sich noch ein Stück hinter ihnen und suchte mit seinen dunklen Augen das Gelände, durch das sie ritten, genauso unablässig nach Gefahren ab, wie jeder der Aiel. Der Behüter beobachtete auch den Himmel. Es gab immer die Möglichkeit, daß wieder ein Rabe auftauchte. Verin holte einmal Luft, und ihr Blick wanderte dabei von Perrin zu den beiden älteren Männern. »Berichte von ständigen Unruhen, von Trolloc-Überfällen, lenken die Aufmerksamkeit auf die Zwei Flüsse. Andor wird sicher Soldaten aussenden und vielleicht auch andere Länder, wenn Trollocs so weit im Süden auftauchen. Natürlich nur, falls die Kinder des Lichts die betreffenden Berichte herauslassen. Ich denke, die Gardesoldaten von Königin Morgase wären gleichermaßen unglücklich über die Anwesenheit so vieler Weißmäntel wie über die Trollocs.« »Krieg«, knurrte Abell. »Was wir hier haben, ist schon schlimm genug, aber Ihr sprecht von Krieg.« »Das könnte sein«, sagte Verin gelassen. »Das könnte sein.« Sie runzelte abwesend die Stirn, als sei sie mit den Gedanken längst woanders, kramte eine Schreibfeder mit Stahlspitze und ein kleines, leinengebundenes Notizbuch aus ihrem Beutel und öffnete eine kleine Lederschachtel aus ihrer Gürteltasche, die eine Tintenflasche und einen Sandstreuer enthielt. Sie wischte die Feder geistesabwesend an ihrem Ärmel ab und begann, trotz der Schwierigkeiten beim Reiten in ihr Büchlein hineinzuschreiben. Sie schien sich der Sorgen nicht bewußt zu sein, die sie verursacht hatte. Vielleicht war ihr das auch wirklich nicht klar.