Er sah, daß sie müßig mit Schwalbes Zügeln herumspielte, während das Pferd seine Schnauze an ihrer Schulter rieb. Sie lächelte dabei Wil al'Seen bewundernd an, einen Cousin aus der Gegend von Devenritt, und Wil lächelte zurück. Das war schon ein gutaussehender Bursche, dieser Wil. Er war wohl ein Jahr älter als Perrin, sah aber derart gut aus, daß er ausgesprochen jungenhaft wirkte. Wenn Wil zum Tanz nach Emondsfeld kam, himmelten ihn sämtliche Mädchen an. Genau wie Faile jetzt. Sicher, sie seufzte wenigstens nicht sehnsuchtsvoll, aber ihr Lächeln war schon deutlich genug.
Perrin ging hinüber und legte den Arm um sie. Seine andere Hand ruhte auf dem Schaft der Axt. »Wie geht es dir, Wil?« fragte er mit seinem breitesten Lächeln. Er wollte Faile ja nicht merken lassen, daß er eifersüchtig war. Er war es auch bestimmt nicht, oder?
»Gut, Perrin.« Wils Blick glitt hinunter zu der Axt, und auf seinem Gesicht breitete sich ein etwas kränklicher Ausdruck aus. »Prima.« Er vermied es, Faile noch einmal anzusehen, und eilte schnell hinüber zu der Gruppe um Verin.
Faile blickte zu Perrin auf, schürzte die Lippen, griff dann mit einer Hand in seinen Bart und schüttelte sanft seinen Kopf. »Perrin, Perrin, Perrin«, murmelte sie leise.
Es war ihm nicht ganz klar, was sie damit meinte, aber er hielt es für klüger, nicht danach zu fragen. Sie sah aus, als sei sie selbst nicht ganz sicher, ob sie sich ärgern solle, oder — amüsierte sie sich vielleicht über ihn? Am besten ging er gar nicht weiter darauf ein.
Wil war natürlich nicht der einzige, der erstaunt seine Augen bemerkt hatte. Es schien ihm, jeder von ihnen, ob jung oder alt, ob weiblich oder männlich, sei unter seinem Blick zusammengezuckt. Die alte Frau al'Seen stach mit ihrem Stock nach ihm und riß die dunklen, alten Augen auf, als ihm ein Schmerzlaut entwich. Sie hatte ihn vielleicht nicht für wirklich gehalten. Dennoch sagte niemand etwas.
Bald hatte man die Pferde in einer der Scheunen untergebracht. Tomas brachte seinen Grauen selbst hin, denn das Tier ließ niemand anderen an seine Zügel heran. Alle außer den Jungen auf dem Dach hatten sich mit ins Haus gedrängt, das nun reichlich voll war. In zwei Reihen standen die Erwachsenen rund im großen Vorraum. Die Lewins und die al'Seens standen bunt gemischt da, ohne feste Ordnung oder Rangverteilung. Die Kinder ruhten entweder in den Armen ihrer Mütter oder spähten hinter deren Röcken hervor. Alle Türen waren hoffnungslos verstopft.
Den Neuankömmlingen brachte man starken Tee und hochlehnige Stühle mit Strohpolstern. Nur für Verin und Faile waren bestickte Kissen da. Überhaupt herrschte nicht geringe Erregung wegen der Anwesenheit Verins, Failes und Tomas'. Alle schnatterten durcheinander und starrten diese drei an, als trügen sie Kronen oder als würden sie im nächsten Moment Kunststücke vollführen. An den Zwei Flüssen erregten Fremde immer Aufsehen. Besonders das Schwert an Tomas' Seite war ein wichtiges Gesprächsthema. Wohl flüsterten sich die Leute ihre Kommentare zu, doch Perrin verstand sie ohne Schwierigkeiten. Schwerter waren hier etwas Ungewöhnliches, oder waren es zumindest vor dem Kommen der Weißmäntel gewesen. Einige hielten Tomas für einen Weißmantel, andere für einen Lord. Ein kleiner Junge, der den Erwachsenen noch nicht einmal bis zur Hüfte reichte, nannte ihn einen Behüter, aber die Großen lachten ihn aus.
Sobald sich seine Gäste gesetzt hatten, stellte sich Jac al'Seen vor den breiten, gemauerten Kamin. Er war ein stämmiger, breitschultriger Mann mit noch weniger Haaren als Meister al'Vere, und diese wenigen waren genauso grau. Auf dem Sims hinter seinem Kopf tickte eine Uhr, die zwischen zwei großen Silberpokalen stand. Diese Kombination bewies, daß er ein wohlhabender Bauer sein mußte. Als er die Hand erhob, verstummte das Gerede. Trotzdem zischten sein Cousin Wit, der beinahe wie sein Zwillingsbruder aussah, aber überhaupt keine Haare mehr auf dem Kopf hatte, und Flann Lewin, eine knochige, grauhaarige Bohnenstange von einem Mann, ihren Leuten zu, damit sie Ruhe gaben. »Frau Mathwin, Lady Faile«, sagte Jac und er verbeugte sich etwas ungeschickt vor jeder, »Ihr seid willkommen, hierzubleiben, solange Ihr wünscht. Ich muß Euch allerdings warnen. Ihr kennt die Probleme, denen wir hier auf dem Land gegenüberstehen. Es wäre wahrscheinlich besser für Euch, wenn Ihr geradewegs nach Emondsfeld oder Wachhügel geht und dort bleibt. Diese Ortschaften sind zu groß, um überfallen zu werden. Ich würde Euch sogar raten, die Zwei Flüsse ganz zu verlassen, aber ich weiß, daß die Kinder des Lichts niemanden über den Taren lassen. Ich weiß nicht, warum, aber es stimmt.« »Aber es gibt so viele schöne Sagen in Eurem Land«, sagte Verin, wobei sie leicht blinzelte, »daß ich sie niemals alle kennenlernen könnte, bliebe ich nur an einem Ort.« Ohne direkt zu lügen, hatte sie es geschafft, den Eindruck zu erwecken, sie sei in den Zwei Flüssen auf der Suche nach alten Sagen, genau wie Moiraine behauptet hatte, als sie herkam. Das schien nun schon so lange her zu sein. Der Ring mit der Großen Schlange lag in ihrer Gürteltasche, aber Perrin bezweifelte, daß diese Menschen hier damit etwas anfangen konnten.
Elisa al'Seen strich ihre weiße Schürze glatt und lächelte Verin ernst an. Obwohl ihr Haar weniger Grau zeigte als das ihres Mannes, sah sie doch älter aus als Verin und wirkte mit ihrem zerfurchten Gesicht ausgesprochen mütterlich. Wahrscheinlich hielt sie sich auch für älter. »Es ist uns eine Ehre, eine echte Gelehrte unter unserem Dach begrüßen zu dürfen, aber Jac hat natürlich recht«, sagte sie entschlossen. »Ihr seid hier wirklich willkommen, aber wenn Ihr abreist, müßt Ihr euch sofort in eines der Dörfer begeben. Über Land zu reisen ist nicht sicher. Das gilt auch für Euch, meine Lady«, fügte sie an Faile gewandt hinzu. »Zwei Frauen mit nur einer Handvoll Männer zum Schutz sollten möglichst nicht auf Trollocs treffen.« »Ich werde es mir überlegen«, sagte Faile gelassen. »Ich danke Euch für Eure Fürsorge.« Sie nippte genauso unbeeindruckt wie Verin an ihrem Tee. Verin hatte wieder damit begonnen, sich Notizen in ihr kleines Buch zu machen. Sie unterbrach das nur kurz, blickte zu Elisa auf, lächelte sie an und sagte leise: »Es gibt so viele Sagen auf dem Land.« Faile nahm einen Butterkeks aus der Hand eines jungen al'Seen-Mädchens, das dabei knickste und puterrot anlief. Sie sah Faile mit großen Augen bewundernd an.
Perrin grinste in sich hinein. In ihrem grünseidenen Reitkleid hielten alle Faile für eine Adlige, und er mußte zugeben, daß sie eine solche sehr wohl darstellen konnte. Wenn sie wollte. Das Mädchen hätte sie vielleicht nicht so bewundert, wenn sie Faile bei einem ihrer Wutanfälle erlebt hätte. Da fluchte sie manchmal schlimmer als ein Planwagenfahrer.
Frau al'Seen wandte sich ihrem Mann zu und schüttelte den Kopf. Faile und Verin ließen sich nicht abschrecken. Jac sah Tomas an. »Könnt Ihr sie nicht überzeugen?« »Ich gehe dorthin, wo sie mich hinschickt«, antwortete Tomas. Obwohl er mit einer Teetasse in der Hand dasaß, wirkte der Behüter doch absolut kampfbereit.
Meister al'Seen seufzte und blickte nun hinüber zu Perrin. »Perrin, die meisten von uns haben Euch schon irgendwann einmal kennengelernt, meistens unten in Emondsfeld. Also kennen wir Euch auf gewisse Weise. Zumindest kannten wir Euch, bis Ihr letztes Jahr weggegangen seid. Wir haben einige beunruhigende Dinge gehört, aber ich glaube, Tam und Abell wären nicht mit Euch zusammen, wenn diese Dinge der Wahrheit entsprächen.« Flanns Frau Adine, eine mollige Frau mit selbstzufriedenem Blick schniefte laut und verächtlich. »Ich habe auch so einiges über Tam und Abell gehört. Und über ihre Jungen, die mit Aes Sedai weggegangen sind. Mit Aes Sedai! Einem Dutzend von ihnen! Ihr erinnert Euch ja alle daran, wie Emondsfeld niedergebrannt wurde. Das Licht weiß, was sie alles hätten anrichten können. Ich habe auch gehört, daß sie das al'Vere-Mädchen entführt haben!« Flann schüttelte resignierend den Kopf und warf Jac einen Verzeihung heischenden Blick zu.