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»Wenn du das schon glaubst«, sagte Wit trocken, »dann glaubst du ja wohl jeden Unsinn. Ich habe vor zwei Wochen mit Marin al'Vere gesprochen, und sie sagte, ihr Mädchen sei aus eigenem Antrieb fortgegangen. Und es war nur eine Aes Sedai.« »Worauf willst du hinaus, Adine?« Elisa al'Seen stützte die Hände auf die Hüften. »Raus damit.« In ihrem Tonfall lag ein deutliches ›Wage es ja nicht!‹.

»Ich habe ja nicht gesagt, daß ich es glaube«, protestierte Adine tapfer, »nur, daß ich es gehört habe. Es gibt Fragen, die wir stellen müssen. Die Kinder des Lichts sind nicht gerade deshalb auf die drei gekommen, weil sie Lose aus einem Hut gezogen haben.« »Wenn du ausnahmsweise einmal zuhören würdest«, sagte Elisa energisch, »könntest du ein oder zwei Antworten bekommen.« Adine beschränkte sich darauf, ihren Rock zurechtzuzupfen. Sie knurrte zwar etwas in sich hinein, hielt jedoch ansonsten den Mund.

»Hat noch jemand etwas zu sagen?« fragte Jac mit kaum verborgener Ungeduld. Als sich niemand meldete, fuhr er fort: »Perrin, keiner hier hält Euch für einen Schattenfreund, genauso wie wir das von Tam und Abell nicht glauben.« Er warf Adine einen harten Blick zu. Flann legte seiner Frau eine Hand auf die Schulter. Sie schwieg. Lediglich ihre Lippen bewegten sich, als wolle sie einiges sagen. Jac knurrte leise etwas und sprach dann weiter. »Trotzdem haben wir ein Recht darauf, Perrin, zu erfahren, wieso die Weißmäntel das von Euch behaupten. Sie beschuldigen Euch und Mat Cauthon und Rand al'Thor, daß Ihr Schattenfreunde wärt. Warum?« Faile öffnete zornig den Mund, doch Perrin gab ihr einen Wink, sie solle schweigen. Sie gehorchte, und das überraschte ihn dann doch so sehr, daß er sie einen Augenblick lang mit großen Augen anblickte, bevor er selbst sprach. Vielleicht war sie wirklich krank? »Bei den Weißmänteln ist nicht viel dazu notwendig, Meister al'Seen. Wenn Ihr euch nicht dauernd verbeugt und Kratzfüße und ihnen schön Platz macht, dann müßt Ihr ein Schattenfreund sein. Wenn Ihr nicht sagt, was sie hören wollen, nicht denkt, was sie wollen, dann müßt Ihr ein Schattenfreund sein. Ich weiß nicht, warum sie Mat und Rand für solche halten.« Das entsprach der Wahrheit. Wenn die Weißmäntel wüßten, daß Rand der Wiedergeborene Drache war, würde das natürlich ausreichen, aber sie konnten es bestimmt nicht wissen. In bezug auf Mat war es noch verwirrender. Es mußte wohl Fains Werk sein. »Was mich betrifft, so habe ich einige von ihnen getötet.« Es wunderte ihn selbst, daß er unter kollektivem Aufstöhnen rund um den Raum herum nicht innerlich zusammenzuckte. Es beeindruckte ihn genausowenig wie das, was er getan hatte. »Sie hatten einen Freund von mir getötet und wollten mir auch an den Kragen. Ich hatte nicht vor, mich von ihnen umbringen zu lassen. Das ist alles.« »Das kann ich mir vorstellen«, sagte Jac bedächtig. Obwohl die Trollocs da waren, konnten sich die Menschen an den Zwei Flüssen nicht an dieses Töten gewöhnen. Vor einigen Jahren einmal hatte eine Frau ihren Mann ermordet, weil sie einen anderen Mann heiraten wollte, aber das war das letzte Mal gewesen, daß in den Zwei Flüssen jemand durch Gewaltanwendung ums Leben gekommen war, soweit Perrin wußte. Bis die Trollocs kamen. »Die Kinder des Lichts«, sagte Verin, »beherrschen etwas sehr gut. Sie schaffen es, daß sich Menschen, die ein Leben lang Nachbarn waren, schließlich gegenseitig mißtrauen.« Alle Hofbewohner blickten sie an, und nach einem Augenblick nickten viele zustimmend.

»Wie ich vernahm, haben sie einen Mann dabei«, sagte Perrin. »Padan Fain. Den fahrenden Händler.« »Das habe ich auch gehört«, bestätigte Jac. »Wie man mir sagte, führt er aber heutzutage einen anderen Namen.« Perrin nickte. »Ordeith. Aber ob Fain oder Ordeith, er ist jedenfalls ein Schattenfreund. Er hat das selbst zugegeben, und auch, daß er letztes Jahr zur Winternacht die Trollocs nach Emondsfeld führte. Und nun reitet er mit den Weißmänteln.« »Das könnt Ihr leicht behaupten«, sagte Adine Lewin in scharfem Ton. »Ihr könnt jeden einfach als Schattenfreund bezeichnen.« »Und wem glaubt Ihr dann?« fragte Tomas. »Denen, die vor ein paar Wochen herkamen, Menschen gefangensetzten, die Ihr kennt, und ihre Höfe niederbrannten? Oder einem jungen Mann, der hier bei Euch aufwuchs?« »Ich bin kein Schattenfreund, Meister al'Seen«, sagte Perrin, »aber wenn Ihr wollt, daß ich gehe, dann gehe ich.« »Nein«, sagte Elisa schnell und warf ihrem Mann einen bedeutungsvollen Blick zu. Und dann Adine einen so kalten, daß die unwillkürlich hinunterschluckte, was sie zu sagen vorgehabt hatte. »Nein. Ihr könnt solange hierbleiben, wie Ihr wollt.« Jac zögerte und nickte dann zustimmend. Sie kam herüber, legte Perrin die Hände auf die Schultern und blickte auf ihn hinab. »Ihr habt unser Mitgefühl«, sagte sie mit warmer Stimme. »Euer Vater war ein guter Mann. Eure Mutter war meine Freundin, und sie war eine gute Frau. Ich weiß, daß sie gewünscht hätte, Ihr würdet bei uns bleiben, Perrin. Die Kinder kommen selten hierher, und wenn, dann warnen uns die Jungen auf dem Dach rechtzeitig, um Euch auf dem Dachboden zu verstecken. Hier seid Ihr sicher.« Sie meinte das ernst. Sie meinte es wirklich ernst. Und als Perrin Meister al'Seen anblickte, nickte der wieder. »Ich danke Euch«, sagte Perrin mit zugeschnürter Kehle. »Aber ich muß... Dinge erledigen. Es gibt viel für mich zu tun.« Sie seufzte und klopfte ihm leicht auf die Schultern. »Natürlich. Paßt nur auf, daß Ihr dabei nicht... verletzt werdet. Na ja, wenigstens kann ich Euch mit vollem Magen springen lassen.« Es gab nicht genug Tische im Haus, daß sich jeder zum Mittagessen setzen konnte, also teilte man Schüsseln mit Eintopf und Lammfleisch aus und dazu Brot mit knuspriger Rinde, bat alle, nichts auf den Boden tropfen zu lassen, und anschließend aß jeder, wo er gerade stand oder saß. Bevor sie noch mit dem Essen fertig waren, stürmte ein schlaksiger Junge herein, dessen Ärmel viel zu kurz waren und der einen Bogen in Händen trug, größer als er selbst. Perrin hielt ihn für Win Lewin, war aber nicht sicher. In diesem Alter wuchsen die Jungen so schnell. »Es ist Lord Luc«, verkündete der magere Junge aufgeregt. »Lord Luc kommt!«

33

Ein neuer Faden im Muster

Der Lord selbst folgte dem Jungen fast auf den Fersen. Er war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann von mittleren Jahren mit einem harten, kantigen Gesicht und dunklen Haaren mit rötlichem Schimmer. An den Schläfen war schon einiges Grau zu sehen. In seinen dunkelblauen Augen lag ein gewisser Hochmut. Er machte ganz den Eindruck eines adligen Herren, mit seinem gut geschnittenen grünen Wams, das an den Ärmeln mit feinen Goldmustern bestickt war. Dazu trug er ebenfalls mit Goldfäden bestickte Handschuhe. Die Scheide seines Schwerts war auch mit Gold verziert, genau wie die Schäfte seiner hochglänzenden Stiefel. Irgendwie brachte er es fertig, selbst sein Eintreten durch die Vordertür grandios wirken zu lassen. Perrin empfand auf den ersten Blick Verachtung für ihn.

Alle al'Seens und Lewins eilten herbei, um den Lord zu begrüßen. Männer, Frauen und Kinder drängten sich lächelnd um ihn, verbeugten sich, knicksten und überschrien sich gegenseitig, um ihm zu versichern, seine Anwesenheit sei eine Ehre; es sei eine große Ehre, einen der Jäger des Horns als Besucher zu empfangen. Das schien bei ihnen den größten Eindruck gemacht zu haben. Ein Lord unter dem eigenen Dach mochte ja etwas Aufregendes sein, aber dann noch einer, der geschworen hatte, das legendäre Horn von Valere zu suchen, nun, der war ja jetzt bereits eine lebende Legende. Perrin hatte noch nie erlebt, daß seine Landsleute von den Zwei Flüssen vor irgend jemand krochen, aber hier fehlte nicht mehr allzu viel.

Dieser Lord Luc nahm es so gelassen hin, als stünde es ihm zu, als könne er möglicherweise sogar noch mehr erwarten. Und ermüdend wirkte es wohl auf ihn. Dieses Bauernpack schien nicht zu bemerken, oder war vielleicht nicht in der Lage dazu, daß sich Erschöpfung um seinen Mund breit machte, daß er leicht herablassend lächelte. Sie glaubten vielleicht, so müsse sich eben ein Lord verhalten. Und das stimmte bis zu einem gewissen Grad, denn viele benahmen sich wirklich so, aber es wurmte Perrin, als er sah, daß sich sein eigenes Volk so dümmlich verhielt.