Als der Lärm der Begrüßung allmählich abebbte, stellten Jac und Elisa ihre anderen Gäste vor, bis auf Tam und Abell, die ihn schon kennengelernt hatten. Sie präsentierten ihn als Lord Luc von Chiendelna und sagten, er berate sie in bezug auf die mögliche Verteidigung gegen die Trollocs, er ermutige sie, vor den Weißmänteln nicht klein beizugeben, sondern sich zu behaupten. Zustimmendes Gemurmel erhob sich im Raum. Hätten die Zwei Flüsse einen König gewählt, dann hätte er die Lewins und die al'Seens fest hinter sich gehabt. Das war ihm auch klar. Doch seine zur Schau getragene gelangweilte Überheblichkeit hielt nicht lange an.
Bei seinem ersten Blick auf Verins glattes, altersloses Gesicht versteifte sich Luc unwillkürlich. Sein Blick zuckte so schnell zu ihren Händen hinunter, daß die meisten es gar nicht bemerkt hätten. Er hätte beinahe seine bestickten Handschuhe fallen lassen. So einfach gekleidet und mollig, wie sie war, hätte sie durchaus eine Bauersfrau sein können, aber offensichtlich erkannte er das Gesicht einer Aes Sedai, wenn er eines sah. Er war wohl auch nicht besonders glücklich darüber, sie hier zu sehen. Sein linkes Augenlid zuckte, als er hörte, wie Frau al'Seen sie als ›Frau Mathwin‹ vorstellte, ›eine Gelehrte von außerhalb‹.
Verin lächelte ihn an, als schlafe sie beinahe ein. »Ein Vergnügen«, murmelte sie. »Das Haus Chiendelna. Wo ist das? Es klingt nach den Grenzlanden.« »Nichts so Großartiges«, antwortete Luc schnell. Er verbeugte sich leicht und offensichtlich mißtrauisch vor ihr. »Aus Murandy komme ich. Es ist ein kleines Haus, aber alt.« Er schien den Blick nicht von ihr wenden zu können, als ihm die anderen vorgestellt wurden.
Tomas sah er kaum an. Er mußte wissen, daß er ›Frau Mathwins‹ Behüter war, aber er behandelte ihn wie eine Nebensache. Das war schwer zu verstehen. So gut Luc vielleicht mit seinem Schwert umgehen konnte, war doch niemand gut genug, um einen Behüter so zu mißachten. Arroganz. Der Bursche besaß davon genug für zehn Männer. Das bewies er auch bei Faile, soweit Perrin es beurteilen konnte.
Das Lächeln, das ihr Luc widmete, war schon mehr als nur selbstsicher. Es war außerdem vertraut und richtiggehend warm. Es war sogar viel zu bewundernd und viel zu warm. Er nahm ihre Hand in seine beiden, beugte sich vor und sah ihr in die Augen, als wolle er hinten wieder hinausschauen. Einen Augenblick lang glaubte Perrin, sie wolle sich zu ihm herumdrehen, doch dann erwiderte sie den Blick des Lords mit geröteten Wangen, einem leichten Kopfneigen und im offensichtlichen Bemühen, kühl zu erscheinen.
»Auch ich bin ein Jäger des Horns, Lord Luc«, sagte sie, und es klang ein wenig atemlos. »Glaubt Ihr, es hier zu finden?« Luc blinzelte und ließ ihre Hand los. »Vielleicht, meine Dame. Wer weiß schon, wo das Horn ist?« Faile blickte ein bißchen überrascht und vielleicht auch enttäuscht drein, als er so plötzlich das Interesse verlor.
Perrin machte ein gleichmütiges Gesicht. Wenn sie Wil al'Seen anlächeln und bei irgendeinem närrischen Lord rot werden wollte, war das ihre Sache. Sie konnte sich zum Narren machen, wie sie wollte, und seinetwegen jedem Mann schöne Augen machen, der vorbeikam. Also wollte Luc wissen, wo sich das Horn von Valere befand? Es war in der Weißen Burg verborgen. So war das. Er war versucht, das dem Mann zu sagen, damit er frustriert mit den Zähnen knirschte.
Wenn Luc schon überrascht darüber gewesen war, wer die anderen Gäste im Haus der al'Seens war, dann war seine Reaktion auf Perrin ausgesprochen eigenartig, um es zurückhaltend auszudrücken. Beim Anblick von Perrins Gesicht fuhr er zusammen. In seinen Augen stand eisiger Schrecken. Einen Augenblick später war es vorbei und hinter der Maske adliger Hochnäsigkeit verborgen. Nur der eine Augenwinkel zuckte wild. Das Dumme daran war nur, daß seine Reaktion keinen Sinn ergab. Er war sicher, daß es nicht seine gelben Augen gewesen waren, die es ausgelöst hatten. Es war eher gewesen, als kenne ihn der Kerl und sei überrascht, ihn hier anzutreffen. Doch er hatte diesen Luc noch nie im Leben getroffen. Darüber hinaus hätte er wetten können, daß Luc Angst vor ihm hatte. Es ergab einfach keinen Sinn.
»Lord Luc war derjenige, der vorschlug, daß die Jungen auf die Dächer gehen sollten«, sagte Jac. »Kein Trolloc wird sich uns nähern, ohne daß uns diese Burschen warnen.« »Was für eine großartige Warnung«, sagte Perrin trocken. Das also sollte ein Beispiel für die hervorragende Beratung durch Lord Luc sein? »Die Trollocs sehen wie Katzen in der Dunkelheit. Sie sind schon da und treten Euch die Tür ein, bevor Eure Jungen auch nur schreien können.« »Wir tun, was wir können«, fauchte Flann. »Hört auf, uns einschüchtern zu wollen. Es sind Kinder in Hörweite. Lord Luc macht wenigstens hilfreiche Vorschläge. Er war in meinem Haus, einen Tag bevor die Trollocs kamen, und sorgte dafür, daß ich jeden an seinen strategisch richtigen Platz stellte. Blut und Asche! Wäre er nicht gewesen, hätten die Trollocs uns alle getötet.« Luc schien dieses Lob nicht gehört zu haben. Er musterte Perrin mißtrauisch und spielte derweil mit seinen Handschuhen. Schließlich steckte er sie hinter die goldene Schnalle in Form eines Wolfskopfes, die seinen Schwertgürtel hielt. Auch Faile beobachtete ihn mit leicht gerunzelter Stirn. Er beachtete sie nicht.
»Ich glaubte, die Weißmäntel hätten Euch gerettet, Meister Lewin. Ich hatte gehört, daß gerade noch zur rechten Zeit eine Patrouille der Weißmäntel angekommen sei und die Trollocs vertrieben habe.« »Das stimmt schon.« Flann fuhr mit einer Hand durch sein graues Haar. »Aber Lord Luc... Wären die Weißmäntel nicht gekommen, dann hätten wir... Wenigstens versucht er nicht, uns einzuschüchtern«, knurrte er schließlich.
»Er jagt Euch keine Angst ein«, sagte Perrin. »Aber ich fürchte die Trollocs. Und die Weißmäntel halten die Trollocs von Euch fern. Wenn sie können.« »Ihr wollt alle Ehre den Weißmänteln zuschieben?« Luc fixierte Perrin mit einem kalten Blick und begann, auf diesen scheinbaren Schwachpunkt einzuprügeln. »Und wer, glaubt Ihr, ist verantwortlich für den Drachenzahn, der den Menschen auf die Türen gekritzelt wird? O nein, sie halten niemals die Holzkohle in der eigenen Hand, aber sie stecken dahinter. Sie stolzieren in die Häuser dieser guten Leute, fragen sie aus und erwarten Antworten, als stünden sie unter dem eigenen Dach. Ich behaupte, daß diese Menschen ihre eigenen Herren sind und keine Hunde, die auf Befehl der Weißmäntel angerannt kommen. Laßt sie ihre Patrouillen über das Land draußen schicken, alles schön und gut, aber tretet ihnen an der Tür entgegen und sagt ihnen klipp und klar, auf wessen Land sie stehen. Das ist meine Meinung. Wenn Ihr ein Schoßhündchen der Weißmäntel werden wollt, dann meinetwegen, aber beraubt diese guten Leute nicht ihrer Freiheit!« Perrin sah Luc geradewegs in die Augen. »Ich habe nichts für die Weißmäntel übrig. Sie wollen mich schließlich aufhängen. Habt Ihr das nicht gewußt?« Der hochgewachsene Lord riß die Augen auf, als sei ihm das neu. Vielleicht hatte er es im Übereifer auch vergessen. Er hätte dem anderen zu gern eine Schwäche bei Perrin nachgewiesen. »Was schlagt Ihr dann vor?« Perrin wandte dem Mann den Rücken zu, ging zum Kamin hinüber und stellte sich davor. Er wollte sich nicht bloß mit Luc herumstreiten. Alle sollten zuhören. Sie sahen ihn nun auch alle erwartungsvoll an. Er würde einfach sagen, was er auf dem Herzen hatte, und das war's dann. »Ihr müßt Euch auf die Weißmäntel verlassen, müßt hoffen, daß sie die Trollocs zurückhalten werden, hoffen, daß sie zur rechten Zeit kommen und die Trollocs zurückschlagen. Warum? Weil jeder hier versucht, an seinem Hof festzuhalten, solange er kann, oder zumindest möglichst in der Nähe zu bleiben. So lebt Ihr verteilt auf hundert kleine Grüppchen, wie die Trauben, die man nur noch pflücken muß. Solange dieser Zustand anhält, solange Ihr hoffen müßt, die Weißmäntel würden die Trollocs daran hindern, Euch zu Most zu zerstampfen, habt Ihr keine andere Wahl, als den Weißmänteln freie Hand zu geben, sie jede Frage stellen zu lassen und von Euch Antworten zu verlangen. Ihr müßt danebenstehen und zusehen, wie unschuldige Menschen verschleppt werden. Oder glaubt hier irgend jemand, Haral und Alsbet Luhhan seien Schattenfreunde? Natti Cauthon? Bodewhin und Eldrin?« Abells Blick wanderte im Raum herum und warnte jeden, auch nur ein ›Ja‹ anzudeuten, aber das war gar nicht notwendig. Selbst Adine Lewins Aufmerksamkeit galt ganz Perrin. Luc blickte ihn finster an, nachdem er die Reaktionen der Menschen in dem überfüllten Raum gesehen hatte.