Eine Meile vom Hof der al'Seens entfernt glaubte er beinahe, ein oder zwei von den Jungen würden gleich wieder zurückreiten, denn plötzlich erschienen Gaul, Bain und Chiad aus einem Gebüsch und liefen zu ihnen herüber. Wil und seine Freunde erhaschten einen Blick auf die Aiel und legten sofort Pfeile auf. Die Aiel hielten im Gegenzug, ohne auch nur im Schritt innezuhalten, augenblicklich Speere in den Händen und hatten die Gesichter verschleiert. Er brauchte ein paar Minuten, um die Lage zu klären. Gaul und die Töchter des Speers schienen das Ganze für einen großen Spaß zu halten, denn als sie verstanden, was geschehen war, lachten sie schallend los.
Das wiederum brachte die Lewins und al'Seens aus dem Gleichgewicht, genauso natürlich wie die Tatsache, daß diese drei Aiel waren und zwei davon auch noch Frauen. Wil probierte es mit einem Lächeln in Richtung Bain und Chiad, worauf die einen Blick tauschten und sich kurz zunickten. Perrin wußte nicht, was bei ihnen vorging, aber er entschloß sich, nicht einzugreifen, solange Wil nicht gerade etwas unternahm, was ihm den Kopf kosten konnte. Es war noch Zeit genug, alle zurückzuhalten, wenn eine der Aielfrauen ihr Messer zog. Vielleicht würde Wil daraus eine Lehre ziehen, was sein Lächeln Frauen gegenüber betraf.
Er hatte vor, so schnell wie möglich bis Wachhügel vorzustoßen, aber eine Meile oder mehr nördlich des al'Seen-Hofes sah er einen der Bauernhöfe, die diese weit verstreuten Rauchwolken aus ihren Schornsteinen hervorgebracht hatten. Tam führte sie so weit daran vorbei, daß die Menschen auf dem Hof nur als ganz kleine Gestalten sichtbar waren. Außer für Perrins Augen: Er sah sogar die Kinder, wie sie auf dem Hof spielten. Und Jac al'Seen war ihr nächster Nachbar. War es bis heute mittag gewesen. Er zögerte und lenkte dann Traber auf den Bauernhof zu. Wahrscheinlich würde es nichts ändern, aber einen Versuch war es wert.
»Was hast du vor?« fragte Tam mit gerunzelter Stirn.
»Ihnen den gleichen Rat geben wie Meister al'Seen. Das dauert gar nicht lang.« Tam nickte, und die anderen kamen mit. Verin betrachtete Perrin nachdenklich. Die Aiel wichen kurz vor dem Hof vom allgemeinen Kurs ab, um weiter nördlich auf sie zu warten. Gaul rannte immer ein Stückchen von den Töchtern des Speers entfernt einher.
Perrin kannte die Torfinns nicht persönlich, und er war auch ihnen unbekannt, aber als sich die erste Aufregung über die Ankunft der Fremden gelegt hatte und sie Tomas und Verin und Faile nicht mehr so neugierig anstarrten, hörten sie zu seiner Überraschung tatsächlich auf ihn. Schnell spannten sie die Pferde vor zwei Wagen und zwei hochrädrige Karren, und dann ritt er mit den anderen weiter.
Noch dreimal unterbrach er ihren Ritt, wenn ihr Kurs sie an Bauernhäusern vorbeiführte. Einmal waren es sogar fünf nahe aneinander gebaute Häuser. Ansonsten war es immer dasselbe. Die Leute protestierten, sie könnten ihre Höfe nicht im Stich lassen, aber jedesmal, wenn sie weiterritten, hinterließen sie ein Durcheinander von packenden und Tiere einfangenden Menschen.
Noch etwas geschah während ihrer Zwischenaufenthalte. Er konnte Wil, seinen Cousins und die Lewins nicht davon abhalten, mit den jungen Männern auf den Bauernhöfen zu sprechen. So wuchs ihre Gruppe um dreizehn an, Torfinns und al'Dais, Ahans und Marwins, mit Bögen bewaffnet und auf allen möglichen Reittieren, Ponies und Ackergäulen, alle darauf erpicht, die Gefangenen aus dem Lager der Weißmäntel zu befreien.
So glatt lief es nun allerdings nicht. Wil und die anderen vom Hof der al'Seens hielten es für ungerecht, daß er die Neuzugänge auf die Aiel vorbereitete und ihnen den Spaß verdarb, ihre Reaktion darauf beobachten zu können. Sie erschraken für Perrins Geschmack noch mehr als genug, und so, wie sie hinterher hinter jeden Busch spähten, jede Baumgruppe mißtrauisch beäugten, war es klar, daß sie glaubten, es seien noch mehr Aiel da, gleich, was er ihnen versichern mochte. Zuerst versuchte Wil, sich bei den Torfinns und den anderen als der große Meister aufzuspielen, weil er sich als erster Perrin angeschlossen hatte —nun ja, als Ban und die Lewins ihn zornig anschauten, gab er zu, nur einer der ersten gewesen zu sein — und die anderen seien eben nur Nachzügler.
Perrin beendete das energisch, indem er sie in zwei etwa gleichstarke Gruppen einteilte und Dannil und Ban jeweils die Führung übergab. Auch daraufhin erhob sich einiges Grollen, jedenfalls zu Beginn. Die al'Dais wollten, daß die Anführer dem Alter entsprechend gewählt würden — Bili al'Dai war nämlich ein Jahr älter als die anderen —, während die anderen Hu Marwin als den besten Spurensucher vorschoben und Jaim Torfinn als den besten Bogenschützen, und dann wiederum war Kenley Ahan schon oft in Wachhügel gewesen, bevor die Weißmäntel kamen, und er kannte sich am besten im Dorf aus. Sie schienen es alle für einen Ausflug zu halten. Tells törichter Spruch über den Widerstand, den sie leisten wollten, wurde mehr als einmal wiederholt.
Schließlich fuhr Perrin sie zornig an und zwang die ganze Gruppe im hohen Gras zwischen zwei Baumgruppen zum Anhalten. »Das ist hier kein Spiel und keine Tanzveranstaltung zum Bel Tine. Entweder macht Ihr, was man Euch sagt, oder Ihr geht wieder nach Hause! Ich weiß sowieso nicht, was Ihr nützen sollt! Ich habe nicht die Absicht, mich umbringen zu lassen, nur weil Ihr glaubt, zu wissen, was Ihr tut! Jetzt reiht Euch gefälligst ein und haltet den Mund! Euer Geschwätz klingt so, als träfe sich die ganze Frauenversammlung in einem Kleiderschrank.« Kleinlaut bildeten sie zwei Reihen hinter Ban und Dannil. Wil und Bili machten finstere Mienen, aber sie hielten sich zurück und sagten lieber nichts. Faile nickte Perrin beifällig zu, und sogar Tomas schloß sich dem an. Verin beobachtete alles mit unbeteiligtem Gesicht. Ohne Zweifel dachte sie sich dabei, sie sehe einen Ta'veren in voller Aktion. Perrin hielt es nicht für notwendig, ihr zu erzählen, daß er sich nur daran zu erinnern versucht hatte, was ein schienarischer Soldat namens Uno, den er kannte, an seiner Stelle gesagt hätte. Allerdings hätte Uno dafür sehr viel härtere Worte gewählt.
Als sie sich Wachhügel näherten, wurden die Bauernhöfe häufiger, standen in Gruppen beieinander und gingen schließlich genau wie in der Nähe von Emondsfeld nahtlos in das Dorf über. Umgeben war es von einem Netz durch Hecken oder Mauern eingezäunter Felder, zwischen denen sich schmale Pfade, Fußwege und breitere Wagenstraßen entlangzogen. Trotz ihrer Unterbrechungen bei den vier Höfen davor war es noch nicht dunkel, die Männer arbeiteten noch auf den Äckern, und die Jungen trieben Schafe und Rinder von den Weiden zur Nacht in die Ställe. Heutzutage ließ keiner die Tiere nachts draußen.
Tam schlug vor, daß Perrin nun damit aufhören solle, die Leute zu warnen, und er stimmte ihm zögernd bei. Von hier aus würden sie alle direkt nach Wachhügel ziehen und damit die Weißmäntel alarmieren. Mehr als zwanzig Menschen, die als Gruppe ritten, zogen schon genügend Blicke auf sich, obwohl die meisten Leute viel zu beschäftigt waren, um ihnen mehr als einen Blick zuzuwerfen. Man mußte sie aber dennoch warnen, je eher, desto besser. Solange sich die Menschen draußen auf dem offenen Land aufhielten und den Schutz der Weißmäntel benötigten, hatten diese eine Machtposition an den Zwei Flüssen, die sie wohl kaum aufgeben wollten.
Perrin hielt konzentriert Ausschau nach einem Anzeichen, daß eine Patrouille der Weißmäntel sich nähere, aber außer einer Staubwolke drüben in der Nähe der Nordstraße, die sich in Richtung Süden bewegte, sah er nichts Auffälliges. Nach einer Weile schlug Tam vor, daß sie absteigen und ihre Pferde führen sollten. Zu Fuß konnte man sie nicht so leicht sehen, denn die Hecken und selbst die niedrigen Steinmauern schützten sie doch ein wenig vor neugierigen Blicken.