Tam und Abell kannten ein Wäldchen, aus dem man einen guten Blick auf das Lager der Weißmäntel hatte. Es war ein verfilztes Durcheinander von Eichen, Ulmen und Lederblattbäumen, das wenig mehr als eine Meile südwestlich von Wachhügel das ansonsten offene, flache Land bedeckte. Sie betraten es so schnell wie möglich vom Süden her. Perrin hoffte, daß niemand sie dabei beobachtet hatte, jedenfalls keiner, der sich vielleicht fragen würde, wieso sie nicht wieder herauskamen, und der darüber reden würde.
»Bleibt hier«, sagte er zu Wil und den andern jungen Männern, als sie ihre Pferde an Zweige banden. »Haltet Eure Bögen bereit und seid auch bereit, wegzulaufen, sobald ihr einen Schrei hört. Aber rührt Euch ja nicht, bevor Ihr mich rufen hört. Und falls jemand Lärm macht, schlage ich ihm persönlich den Schädel ein. Wir sind hier, um die Weißmäntel auszuspähen, und nicht, um sie zu reizen, wie die Stiere über uns hinwegzutrampeln.« Sie befühlten nervös ihre Waffen und nickten. Vielleicht begann es ihnen zu dämmern, worauf sie sich eingelassen hatten. Die Kinder des Lichts würden es möglicherweise nicht als einen Akt der Freundschaft betrachten, wenn ein ganzer Haufen Leute von den Zwei Flüssen sich bewaffnet hier herumtrieb.
»Bist du je Soldat gewesen?« fragte Faile mit leiser Stimme. »Einige von den... Wächtern meines Vaters drücken sich so aus.« »Ich bin Schmied«, lachte Perrin. »Ich habe eben gehört, wie die Soldaten so reden. Es scheint aber zu funktionieren.« Selbst Wil und Bili sahen sich unsicher um und trauten sich kaum, sich zu rühren.
Er und Faile schlichen von Baum zu Baum hinter Tam und Abell her zu dem Fleck, an dem bereits die Aiel nahe dem Nordrand des Wäldchens kauerten. Auch Verin befand sich schon dort und natürlich Tomas. Der dünne Blättervorhang reichte gerade aus, um sie einigermaßen zu verbergen, gestattete ihnen aber trotzdem eine gute Sicht auf das Lager.
Das Lager der Weißmäntel erstreckte sich am Fuß des Wachhügels wie ein eigenes Dorf. Hunderte von Männern, unter ihnen viele Gerüstete, bevölkerten die Wege zwischen den Reihen weißer Zelte und der mit Leinen verbundenen Haltepfosten, an denen die Pferde festgemacht waren, immer fünf zu jedem Zelt. Auf der einen Seite wurden Tiere abgesattelt und gestriegelt, was darauf hindeutete, daß die Patrouillen für heute ihren Dienst beendet hatten. Auf der anderen Seite ritt derweil eine Doppelreihe von Männern in blütenweißen Mänteln mit gleichmäßigen Bewegungen in schneller Gangart in Richtung Wasserwald davon. Die Lanzen hielten sie alle im gleichen Winkel. In Abständen marschierten ebenfalls in weiße Umhänge gehüllte Wachsoldaten auf und ab, die Lanzen wie Speere geschultert. Ihre polierten Helme glänzten im Schein der sinkenden Sonne.
Ein Dröhnen drang an Perrins Ohren. Ein gutes Stück westlich erschienen zwanzig Reiter, die aus der Richtung von Emondsfeld auf das Lager zu galoppierten. Aus der gleichen Richtung, aus der er mit seinen Begleitern gekommen war. Wären sie auch nur ein wenig langsamer geritten, hätte man sie bestimmt gesehen. Ein Horn erklang, und die Männer im Lager gingen zu den Küchenfeuern hinüber.
An der einen Seite lag ein weiteres, viel kleineres Lager mit wild durcheinandergestellten Zelten. Einige davon hingen schief in ihren Halteleinen. Von denen, die sich dort aufhielten, waren die meisten nun schon weg. Nur ein paar Pferde an einem kurzen Halteseil schlugen mit den Schwänzen, um die Fliegen zu verscheuchen und deuteten durch ihre Anwesenheit darauf hin, daß sich hier noch jemand aufhielt. Keine Weißmäntel. Die Kinder des Lichts hielten zuviel von einer geradezu starren Ordnung und Sauberkeit in ihrem Lager.
Zwischen den Wäldchen und den beiden Zeltgruppen befand sich eine weite, mit Gras und Blumen bewachsene Fläche. Wahrscheinlich hatten die Einheimischen das als Weide benutzt. Aber jetzt nicht mehr. Da der Boden ziemlich eben war, konnten die Weißmäntel die Fläche in vollem Galopp wie vorher diese Patrouille in einer Minute überqueren.
Abell lenkte Perrins Aufmerksamkeit auf das große Lager. »Siehst du das Zelt beinahe in der Mitte, wo an jedem Ende ein Mann Wache steht? Kannst du es erkennen?« Perrin nickte. Die niedrig stehende Sonne warf lange, dunkle Schatten nach Osten, aber er konnte recht gut sehen. »Dort sind Natti und die Mädchen. Und die Luhhans. Ich habe sie herauskommen und wieder hineingehen sehen. Immer nur eine, und das unter Bewachung. Selbst in die Latrine dürfen sie nur unter Bewachung gehen.« »Wir haben nachts dreimal versucht, uns dort einzuschleichen«, sagte Tam, »aber sie bewachen gerade den Rand des Lagers ganz genau. Beim letztenmal konnten wir kaum noch entwischen.« Es war, als wolle man seine Hand in einen Ameisenhaufen stecken, ohne daß man etwas abbekam. Perrin setze sich unter einen hohen Lederblattbaum und legte den Bogen auf seine Knie. »Ich will eine Weile über das alles nachdenken. Meister al'Thor, würdet Ihr Wil und diesen Haufen beruhigen? Sorgt dafür, daß sich keiner von denen in den Kopf setzt, nach Hause zu laufen. Es könnte gut sein, daß sie gedankenlos geradewegs zur Nordstraße reiten würden und wir im Nu fünfzig Weißmäntel hier hätten, die nachsehen wollen, was da los ist. Falls einer von ihnen etwas zu essen mitgebracht hat, könntet Ihr dafür sorgen, daß sie alle etwas davon abbekommen. Wenn wir fliehen müssen, verbringen wir möglicherweise die ganze Nacht im Sattel.« Mit einem Schlag wurde ihm klar, daß er Befehle erteilte, aber als er sich zu entschuldigen versuchte, grinste Tam und sagte: »Perrin, du hast hinten bei Jac die Führung übernommen. Es ist nicht das erste Mal, daß ich einem jüngeren Mann folge, der genau weiß, worauf es ankommt.« »Du machst deine Sache gut, Perrin«, bestätigte Abell, bevor die beiden älteren Männer wieder zwischen den Bäumen verschwanden.
Verblüfft kratzte Perrin sich im Bart. Er hatte die Führung übernommen? Wenn er es genauer bedachte, hatten weder Tam noch Abell wirklich eine Entscheidung getroffen, seit sie den Hof der al'Seens verlassen hatten. Sie hatten lediglich Vorschläge gemacht und die Entscheidungen ihm überlassen. Und keiner der beiden hatte seither noch einmal ›Junge‹ zu ihm gesagt.
»Interessant«, sagte Verin. Sie hatte wieder ihr Notizbuch in der Hand. Er hätte nur zu gern eine Gelegenheit gehabt, zu lesen, was sie sich notiert hatte.
»Wollt Ihr mich wieder davor warnen, mich wie ein Idiot zu benehmen?« fragte er.
Statt zu antworten, sagte sie mit nachdenklichgetragener Stimme: »Es wird noch interessanter werden, zu beobachten, was Ihr als nächstes macht. Ich kann nicht behaupten, daß Ihr die Welt aus den Angeln hebt, so wie Rand al'Thor, aber an den Zwei Flüssen bewegt Ihr auf jeden Fall einiges. Ich frage mich, ob Ihr eine Ahnung habt, wohin sich das alles bewegt.« »Ich habe vor, die Luhhans und die Cauthons zu befreien«, sagte er ärgerlich zu ihr. »Das ist alles!« Außer, was die Trollocs betraf. Er ließ seinen Kopf nach hinten an den Stamm des Lederblattbaumes sinken und schloß die Augen. »Ich mache einfach nur, was ich tun muß. Die Zwei Flüsse werden dort bleiben, wo sie immer waren.« »Selbstverständlich«, sagte Verin.
Er hörte, wie sie wegging, sie und Tomas. Halbschuhe wie Stiefel machten kaum ein Geräusch auf dem weichen Boden, der mit den abgestorbenen Blättern vom letzten Herbst bedeckt war. Er öffnete die Augen. Faile sah dem Paar hinterher und schien nicht besonders glücklich.
»Sie läßt dich einfach nicht in Ruhe«, murmelte sie. Der geflochtene Kranz aus Herzrötchen, den er an seinem Sattel gelassen hatte, hing an ihrer Hand.
»Das tun die Aes Sedai nie«, entgegnete er.
Sie wandte sich ihm mit herausforderndem Blick zu. »Ich schätze, du willst versuchen, sie noch heute nacht herauszuholen?« Es mußte jetzt sein. Er hatte überall die Warnung ausgegeben, und die Leute wußten, wer er war. Vielleicht würden die Weißmäntel ihren Gefangenen nichts antun. Vielleicht. Er vertraute genauso auf die Gnade der Weißmäntel wie auf die Intelligenz eines Schafes. Er blickte zu Gaul hinüber, und der nickte.