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»Tam al'Thor und Abell Cauthon bewegen sich für Feuchtländer ausgesprochen gut, aber ich glaube, diese Weißmäntel sind zu steif, um irgend etwas wahrzunehmen, das sich im Dunklen bewegt. Ich denke, sie erwarten, daß ihre Feinde in großer Zahl und ganz offen sichtbar kommen.« Chiad blickte mit ihren grauen Augen amüsiert den Aielmann an. »Hast du denn vor, dich wie der Wind zu bewegen, Steinhund? Das wird eine Abwechslung, einmal einen Steinhund zu sehen, der sich leichtfüßig bewegt! Wenn meine Speerschwester und ich die Gefangenen befreit haben, gehen wir vielleicht zurück und holen dich ab, falls du zu alt dafür bist, den Weg zurück zu finden.« Bain berührte sie am Arm, und sie sah überrascht die Frau mit den Flammenhaaren an. Einen Moment später wurde sie trotz ihrer Sonnenbräune rot. Beide Frauen blickten hinüber zu Faile, die immer noch Perrin mit erhobenem Kopf und vor der Brust verschränkten Armen beobachtete.

Er atmete tief durch. Wenn er ihr sagte, er wolle sie nicht dabeihaben, würden auch Bain und Chiad mit Sicherheit hierbleiben. Sie betonten nach wie vor, sie zu begleiten und nicht ihn. Faile bestand wohl auch darauf. Vielleicht schaffte er es auch allein mit Gaul, aber andererseits wußte er nicht, wie er sie dazu bringen könne, hierzubleiben, wenn sie nicht wollte. Da Faile eben Faile war, würde sie vermutlich hinter ihnen herschleichen. »Du bleibst ganz nahe bei mir!« sagte er energisch. »Ich will Gefangene befreien und keine neuen hinterlassen.« Lachend ließ sie sich neben ihm auf den Boden fallen und schmiegte sich an ihn. »Nahe bei dir zu bleiben klingt gut.« Sie warf ihm den Kranz roter Blumen auf den Kopf, und Bain schmunzelte.

Er rollte ergeben mit den Augen. Er konnte gerade noch den Rand des Kranzes auf seiner Stirn erkennen. Wie ein Narr mußte er aussehen. Doch er ließ ihn hängen.

Die Sonne sank so langsam wie eine Glasperle im Honig. Abell brachte ihnen etwas Brot und Käse. Mehr als die Hälfte dieser Möchtegern-Helden hatten nicht einmal daran gedacht, etwas Eßbares mitzunehmen. Dann aßen sie und warteten. Die Nacht brach herein. Der Mond stand bereits hoch am Himmel, wurde aber immer wieder durch vorbeiziehende Wolken verdeckt. Perrin wartete ab. Die Lampen im Lager der Weißmäntel wurden gelöscht. Auch in Wachhügel war es dasselbe; lediglich hier und da drang noch Lichtschein aus einem Fenster. Ansonsten war der ganze Hügel dunkel. Dann holte er sich Tam, Faile und die Aiel heran. Für ihn waren alle Gesichter auch im Dunklen klar erkennbar. Verin stand nahe genug, um zu lauschen. Abell und Tomas hielten sich bei den übrigen ›jungen Helden‹ auf, um sie notfalls zur Ruhe zu bringen.

Es war für ihn schon ein eigenartiges Gefühl, Befehle auszugeben. Also ließ er es bei sehr einfachen Anweisungen bewenden. Tam sollte alle sofort losreiten lassen, sobald Perrin mit den Gefangenen auftauchte. Die Weißmäntel würden sie verfolgen, wenn ihnen klar wurde, was los war, also benötigten sie ein Versteck. Tam kannte eines, ein leerstehendes Bauernhaus am Rand des Westwalds.

»Versucht, niemanden zu töten, wenn Ihr es vermeiden könnt«, warnte Perrin die Aiel. »Die Weißmäntel werden schon wütend genug über die Befreiung ihrer Gefangenen sein. Wenn sie dazu noch Männer verlieren, werden sie die Sonne anzünden.« Gaul und die Töchter des Speers nickten, als freuten sie sich darauf. Seltsames Volk. Sie verschwanden in der Nacht.

»Seid vorsichtig«, warnte ihn Verin leise, als er sich den Bogen über den Rücken hängte. »Ta'veren heißt nicht unsterblich.« »Tomas könnte eine große Hilfe sein, oder?« »Glaubt Ihr, einer mehr spielt eine große Rolle?« fragte sie nachdenklich zurück. »Außerdem brauche ich ihn für etwas anderes.« Er schüttelte den Kopf und marschierte los, aus dem Wäldchen hinaus. Dann kroch er jedoch bald auf Ellbogen und Knien weiter, dicht am Boden, denn nun befand er sich auf der freien Fläche. Faile tat es ihm gleich. Sie hielt sich neben ihm. Gras und Blumen waren hoch genug, um ihnen eine recht gute Deckung zu verschaffen. Er war froh, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Er hatte schreckliche Angst. Nicht um sein eigenes Leben, aber wenn ihr etwas zustoßen würde...

Wie zwei weitere vom Mond geworfene Schatten krochen sie über die offene Fläche. Auf Perrins Signal hin blieben sie ungefähr zehn Schritt vor der Linie still liegen, auf der die Wachen mit im Mondschein leuchtenden Mänteln auf und ab marschierten, ein Stückchen vor der ersten Zeltreihe. Zwei Wächter kamen beinahe direkt vor ihnen mit einem kräftigen Aufstampfen zum Stillstand und blickten sich starr an.

»Alles ist ruhig in der Nacht«, verkündete der eine. »Das Licht leuchte uns und behüte uns vor dem Schatten.« »Alles ist ruhig in der Nacht«, antwortete der andere. »Das Licht leuchte uns und behüte uns vor dem Schatten.« Sie drehten sich auf dem Fuße um und marschierten davon. Sie blickten dabei starr geradeaus.

Perrin ließ jeden ein Dutzend Schritte machen, und dann berührte er Failes Schulter. Sie erhoben sich lautlos. Er wagte kaum, zu atmen, und auch von ihr hörte er keinen Atemzug. Fast auf Zehenspitzen eilten sie zwischen die Zelte hinein und gingen sofort wieder auf alle viere. Drinnen schnarchten Männer, und manche murmelten in ihrem Schlaf. Bis auf diese Geräusche war es im Lager still. Das Stampfen der Stiefel der Wächter war deutlich zu hören. In der Luft hing noch der Geruch von den gelöschten Feuern, von Segeltuch, Pferden und Menschen.

Wortlos bedeutete er Faile, hinterherzukommen. Die Halteleinen der Zelte wurden für unvorsichtige Füße in der Dunkelheit zu Fallen. Er konnte sie jedoch mit seinen Augen sehr gut erkennen, und so suchte er den Pfad für sie beide.

Er hatte die Lage des Gefängniszeltes genau im Kopf und hielt vorsichtig darauf zu. In der Nähe des Lagerzentrums. Ein weiter Weg dorthin und ein weiter Weg zurück.

Das Knirschen von Stiefelsohlen und ein gedämpfter Laut von Faile ließen ihn gerade noch rechtzeitig herumwirbeln, um von einer anstürmenden mächtigen Gestalt mit weißem Umhang umgerissen zu werden. Der Mann mußte genauso groß sein wie Meister Luhhan. Eisern zupackende Finger gruben sich in seinen Hals, als sie sich am Boden überschlugen. Perrin packte mit einer Hand das Kinn des Burschen, drückte seinen Kopf nach hinten und versuchte, ihn von sich herunterzuschieben. Mit der anderen Hand riß er an den würgenden Fingern. Dann knallte er dem Mann die Faust in die Rippen, was wohl ein Stöhnen hervorbrachte, sonst aber keine fühlbare Wirkung. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Seine Sicht schwand; von beiden Seiten her kroch Schwärze in sein Gesichtsfeld. Er griff nach seiner Axt, doch die Finger waren taub.

Mit einem Mal zuckte der Mann und brach auf ihm zusammen. Perrin schob die schlaffe Gestalt von sich herunter und holte ein paarmal tief Luft. Die kühle Nachtluft erschien ihm süß und erholsam.

Faile warf ein Scheit Feuerholz zur Seite und rieb sich die Schläfe. »Er glaubte, sich über mich weiter keine Gedanken mehr machen zu müssen, nachdem er mich niedergeschlagen hatte«, flüsterte sie.

»Ein Narr«, flüsterte Perrin zurück. »Aber ein kräftiger.« Er würde diese Finger noch tagelang am Hals spüren.

»Geht es dir wieder gut?« »Natürlich. Ich bin doch keine Porzellanpuppe.« Das hatte er auch nicht angenommen.

Er schleifte den bewußtlosen Mann schnell an eine der Zeltwände und hoffte, es werde ihn dort so schnell niemand finden. Er nahm ihm den weißen Umhang ab und band seine Hände und Füße mit Reserve-Bogensehnen zusammen. Als Knebel diente ein Taschentuch, das er in einer der Taschen des Mannes gefunden hatte. Nicht gerade sauber, aber das war seine eigene Schuld. Er zog sich den Bogen über den Kopf und hängte sich den Umhang um. Wenn sie jemand sah, würden sie ihn vielleicht für einen der ihren halten. Auf dem Umhang befand sich ein goldener Rangknoten unter den Strahlen des Sonnenaufgangs. Ein Offizier. Um so besser.