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Er ging jetzt ganz offen zwischen den Zelten hindurch und natürlich mit schnellen Schritten. Versteckt oder nicht, man konnte eben doch jeden Moment den Niedergeschlagenen entdecken und Alarm geben. Faile eilte wie ein Schatten neben ihm her und suchte genauso aufmerksam wie er das Lager nach Anzeichen für Unruhe ab. Die ständig wechselnden Schatten machten es sogar für Perrins Augen schwer, zwischen den Zelten noch etwas zu erkennen.

Als sie sich dem Gefängniszelt näherten, verlangsamte er seinen Schritt, um die Wachen nicht nervös zu machen. An diesem Ende stand ein Mann mit weißem Umhang, und am anderen Ende erhob sich auch die glänzende Spitze einer Lanze über das Zeltdach hinaus.

Mit einem Mal verschwand diese Lanzenspitze. Es gab keinen Laut. Sie fiel einfach herab.

Einen Herzschlag später, und aus zwei dunklen Umrissen wurden verschleierte Aiel, keiner von beiden allerdings groß genug für Gaul. Bevor der Wächter sich rühren konnte, sprang eine der beiden in die Luft und trat ihn ins Gesicht. Er taumelte und sank auf die Knie. Die andere Tochter des Speers wirbelte herum, und auch ihr Fuß traf seinen Kopf. Der Wächter sackte wie ein leerer Sack zusammen. Geduckt und mit bereitgehaltenen Speeren blickten sich die Aielfrauen um, ob sie jemanden aufmerksam gemacht hatten.

Beim Anblick Perrins mit weißem Umhang wären sie beinahe auf ihn losgegangen, doch gerade noch rechtzeitig sahen sie Faile. Eine schüttelte den Kopf und flüsterte der anderen etwas zu, worauf die lautlos zu lachen schien.

Perrin sagte sich, daß er sich eigentlich nicht so knurrig fühlen müsse, aber zuerst hatte ihn Faile davor bewahrt, erwürgt zu werden, und nun ersparte sie ihm einen Speer zwischen die Rippen. Für jemanden, der eine Rettungsaktion anführte, hatte er bisher nicht gerade viel gezeigt.

Er schob die Zeltklappe beiseite und steckte den Kopf hinein. Drinnen war es noch dunkler als draußen. Meister Luhhan lag schlafend im Zelteingang. Die Frauen hatten sich weiter hinten aneinandergeschmiegt. Perrin legte seine Hand auf Haral Luhhans Mund und, als der die Augen aufschlug, einen Finger über seine Lippen. »Weckt die anderen auf«, sagte Perrin ganz leise. »Ruhig. Wir holen Euch hier raus.« In Meister Luhhans Augen dämmerte Verstehen auf, und er nickte.

Perrin schob sich rückwärts aus dem Zelt und nahm dem bewußtlosen Wächter den Umhang ab. Der Mann atmete noch, wenn auch schwerfällig, röchelnd und blubbernd, da seine Nase gründlich gebrochen war. Er wachte durch Perrins Bewegungen nicht auf. Sie mußten sich jetzt beeilen. Gaul war ebenfalls da mit dem Umhang des anderen Wächters. Die drei Aiel beobachteten mißtrauisch die anderen Zelte. Faile tanzte beinahe herum, so ungeduldig war sie. Als Meister Luhhan seine Frau und die anderen herausbrachte und alle sich nervös im Mondschein umsahen, legte Perrin dem Schmied schnell einen der Umhänge um die Schultern. Er paßte nicht recht, denn Haral Luhhan schien aus Baumstämmen zusammengesetzt, aber es mußte reichen. Den anderen Umhang bekam Alsbet Luhhan. Sie war wohl nicht so groß wie ihr Mann, entsprach aber immer noch dem Durchschnitt der Männer. Ihr rundes Gesicht wirkte erst überrascht, doch dann nickte sie. Sie zog sogar dem betäubten Wächter den kegelförmig zulaufenden Helm vom Kopf und setzte ihn sich auf. Sie mußte allerdings ihren dicken Zopf darunterquetschen. Sie fesselten die beiden Wächter mit von Decken abgerissenen Streifen und legten sie ins Zelt.

Es war unmöglich, sich auf dem gleichen Weg wieder hinauszuschleichen, den sie gekommen waren; das hatte Perrin von Anfang an gewußt. Selbst, wenn sich Meister Luhhan und seine Frau leise genug bewegten, woran er zweifelte, hielten sich Bode und Eldrin gegenseitig umschlungen. Sie waren so verängstigt, daß sie kaum glauben konnten, gerettet zu werden. Nur die sanfte Stimme ihrer Mutter hielt sie davon ab, in Tränen auszubrechen. Das hatte er aber eingeplant. Sie brauchten Pferde, sowohl, um schnell vom Lager wegzukommen, wie auch, um jeden mitnehmen zu können. An den Halteleinen hingen genug Pferde.

Die Aiel bewegten sich wie Geister allen voran, und dahinter folgte er mit Faile. Hinter ihnen kamen die Cauthons, während Haral und Alsbet den Schluß machten. Auf einen flüchtigen Blick wirkten sie wie drei Weißmäntel, die vier Frauen begleiteten.

Die angebundenen Pferde wurden zwar bewacht, aber nur auf der den Zelten abgewandten Seite. Warum sollte man sie auch vor den Männern schützen, die sie täglich ritten? Das machte Perrins Aufgabe auf jeden Fall leichter. Sie gingen einfach hinüber zu der den Zelten am nächsten befindlichen Reihe von Pferden. Jedes war nur mit einer Leine am Nasenriemen befestigt. Sie banden für jeden außer den Aiel eines los. Am schwersten war es, Frau Luhhan ohne Sattel und Steigbügel auf das Pferd zu bekommen. Perrin und Meister Luhhan mußten sich gewaltig anstrengen, und sie versuchte dabei immer, ihren Rock hinunterzuschieben, damit ihre Knie bedeckt waren. Natti und die Mädchen kletterten behende auf ihre Pferde. Faile natürlich auch. Die Wächter, die auf der anderen Seite die Pferde zu bewachen hatten, drehten weiter ihre genau bemessenen Runden und erzählten sich rituell, daß alles ruhig sei in der Nacht.

»Wenn ich Euch das Zeichen gebe«, begann Perrin, aber dann schrie irgendwo im Lager jemand laut und dann noch mal und noch lauter. Ein Horn ertönte, und durcheinanderschreiende Männer stürmten aus den Zelten. Ob sie nun herausgefunden hatten, daß die Gefangenen fehlten, oder ob jemand den bewußtlosen Mann gefunden hatte, spielte keine Rolle. »Folgt mir!« rief Perrin, und er grub die Fersen in die Flanken des dunklen Wallachs, den er für sich ausgewählt hatte. »Reitet los!« Es war ein verrückter Ritt, aber er bemühte sich trotzdem, alle im Auge zu behalten. Meister Luhhan war ein beinahe genauso schlechter Reiter wie seine Frau. Sie fielen fast von ihren Pferden, so wurden sie im Galopp herumgebeutelt. Entweder Bode oder Eldrin schrie aus vollem Hals, vor Aufregung oder vor Angst. Glücklicherweise erwarteten die Wachen keine Schwierigkeiten von innerhalb des eigenen Lagers. Ein Mann im weißen Umhang, der gerade hinaus in die Dunkelheit spähte, drehte sich rechtzeitig um und konnte sich mit einem gewaltigen Satz vor den wirbelnden Pferdehufen in Sicherheit bringen. Dabei schrie er beinahe genauso schrill auf wie das Cauthon-Mädchen. Weitere Hörner erklangen hinter ihnen, und laute Rufe, die eindeutig nach Befehlen klangen, peitschten durch die Nacht, lange, bevor sie das Wäldchen erreichten. Jetzt war das als Deckung allerdings auch nicht mehr viel wert.

Tam hatte alle aufsitzen lassen, wie Perrin es gewünscht hatte. Oder angeordnet. Er schwang sich mit einer flüssigen Bewegung von dem Wallach hinüber auf Traber. Verin und Tomas waren die einzigen, die nicht aufgeregt im Sattel auf- und abhüpften, und dementsprechend waren ihre Pferde auch die einzigen, die nicht der Aufregung des Reiters wegen nervös umhertänzelten. Abell versuchte, seine Frau und die beiden Töchter alle auf einmal zu umarmen, und sie alle lachten und weinten in einem. Meister Luhhan wollte jede Hand in seiner Reichweite schütteln. Alle außer den Aiel, Verin und ihrem Behüter schienen allen anderen gratulieren zu wollen, als sei schon alles getan.

»Ja, Perrin, das bist ja du!« rief Frau Luhhan. Ihr rundes Gesicht wirkte ganz eigenartig unter dem Helm, der ihres Zopfes wegen auch noch schief saß. »Was ist denn das auf deinem Gesicht, junger Mann? Ich bin dir mehr als dankbar, aber du wirst nicht an meinem Tisch sitzen, solange du aussiehst wie ein... « »Keine Zeit für so was«, unterbrach er sie und beachtete den ungläubigen Schock auf ihrem Gesicht gar nicht. Sie war keine Frau, die man einfach unterbrach, doch mittlerweile klangen die Hörner der Weißmäntel etwas anders, trugen ein Signal, kurze, scharfe, ständig wiederholte Töne, in die Nacht hinaus. Es mußte ein Befehl sein. »Tam, Abell, bringt Meister Luhhan und die Frauen in das Versteck, das Ihr ausfindig gemacht habt. Gaul, du gehst mit. Faile auch.« Damit hätten sie auch Bain und Chiad dabei. »Und Hu und Haim.« Das sollte reichen, um sicher zu sein. »Bewegt Euch leise. Ruhe ist im Moment jedenfalls noch wichtiger als Tempo. Jetzt geht.« Diejenigen, die er fortgeschickt hatte, ritten ohne Widerspruch nach Westen los. Nur Frau Luhhan, die sich mit beiden Händen an der Mähne ihres Pferdes festhielt, warf ihm einen strengen Blick zu. Was ihn verblüffte, war der Mangel an Widerspruch von Faile. So wurde ihm erst etwas später bewußt, daß er Meister al'Thor und Meister Cauthon mit ihren Vornamen angesprochen hatte.