Выбрать главу

»Seng mich!« knurrte Mat. Er schien erst jetzt zu bemerken, daß er den Wasserschlauch in seinen Händen hielt. Jetzt riß er den Stöpsel heraus und hielt den Schlauch hoch. Fast genauso viel lief ihm über das Gesicht wie in seinen Mund. Als er ihn schließlich senkte, sah er sich die Zeichen an Rands Armen noch einmal an und schüttelte den Kopf. Er wiederholte sein: »Seng mich!« und hielt Rand den schlaffen Wasserschlauch hin.

Rand blickte den Aiel konsterniert hinterher, aber andererseits war er mehr als glücklich, etwas trinken zu können. Beim ersten Schluck brannte seine Kehle noch, so trocken war sie.

»Was ist mit euch passiert?« wollte Egwene wissen. »Hat Muradin euch angegriffen?« »Es ist verboten, zu erzählen, was in Rhuidean geschieht«, sagte Bair in scharfem Ton.

»Muradin nicht«, sagte Rand. »Wo ist Moiraine? Ich hatte eigentlich erwartet, daß sie unter den ersten sei, die uns begrüßen.« Er rieb sich über das Gesicht. Schwärzliche Reste getrockneten Blutes fielen herunter. »Dieses eine Mal ist es mir gleich, ob sie mich zuerst fragt, bevor sie mich heilt.« »Mir geht's genauso«, sagte Mat heiser. Er schwankte, stützte sich auf seinen Speer und preßte seine Hand gegen die Stirn. »Bei mir dreht sich alles.« Egwene verzog das Gesicht. »Sie ist noch in Rhuidean, denke ich. Aber da ihr endlich herausgekommen seid, wird es wohl bei ihr auch nicht mehr lange dauern. Sie ist gleich nach euch beiden losgezogen. Und Aviendha auch. Ihr wart alle so lange weg.« »Moiraine ist nach Rhuidean gegangen?« fragte Rand ungläubig. »Und Aviendha? Wieso...?« Mit einem Schlag wurde ihm bewußt, was sie noch gesagt hatte. »Was meinst du mit ›so lange‹?« »Heute ist der siebte Tag«, sagte sie. »Der siebte Tag, seit ihr alle hinunter ins Tal gegangen seid.« Der Wasserschlauch fiel ihm aus den Händen. Seana schnappte ihn, bevor viel herausfließen und auf dem steinigen Hand versickern konnte, denn dieses Naß war hier in der Wüste schließlich von unschätzbarem Wert. Rand bemerkte es kaum. Sieben Tage. In sieben Tagen konnte alles mögliche geschehen sein. Sie können aufgeholt und herausbekommen haben, was ich vorhabe. Ich muß weiter, und zwar schnell. Ich muß einen Vorsprung vor ihnen wahren. Ich bin nicht von so weit hergekommen, um jetzt einen Fehlschlag zu erleiden.

Sie blickten ihn alle an, selbst Rhuarc und Mat, und auf allen Gesichtern stand die Sorge geschrieben. Und Vorsicht. Kein Wunder. Wer wußte schon, was er als nächstes vorhatte und wie es um seine geistige Gesundheit bestellt war? Nur Lan behielt seinen steinernfinsteren Gesichtsausdruck bei.

»Ich sagte dir doch, daß es Aviendha sei, Rand. Nackt wie ein neugeborenes Baby.« Mats Stimme klang schmerzerfüllt und rauh. Seine Beine wirkten auch nicht gerade, als könnten sie ihn noch lange aufrecht halten.

»Wie lange noch, bis Moiraine zurückkommt?« fragte Rand. Wenn sie zur gleichen Zeit hineingegangen war, sollte sie bald zurück sein.

»Wenn sie am zehnten Tag noch nicht zurück ist«, erwiderte Bair, »dann kommt sie auch nicht mehr. Niemand ist je nach mehr als zehn Tagen noch zurückgekehrt.« Also vielleicht noch drei Tage. Drei weitere Tage, und er hatte schon sieben verloren. Laß sie eben jetzt kommen. Ich werde nicht versagen! Er konnte kaum verhindern, daß er das Gesicht wütend und trotzig verzog. »Ihr könnt die Macht gebrauchen. Zumindest eine von Euch. Ich habe gesehen, wie Ihr Couladin herumgebeutelt habt. Werdet Ihr Mat mit Hilfe der Macht heilen?« Amys und Melaine tauschten einen Blick, der ihm ausgesprochen bedauernd vorkam.

»Unsere Wege sind anders verlaufen«, sagte Amys mit Schmerz in der Stimme. »Es gibt Weise Frauen, die fertigbringen, was Ihr wünscht, auf gewisse Weise jedenfalls, doch wir gehören nicht zu ihnen.« »Was meint Ihr damit?« fuhr er sie ärgerlich an. »Ihr könnt die Macht lenken wie die Aes Sedai. Warum könnt Ihr nicht genauso heilen? Ihr wolltet von Anfang an nicht, daß er nach Rhuidean geht. Wollt Ihr ihn jetzt deswegen sterben lassen?« »Ich werde es überleben«, sagte Mat, doch er hatte die Augen vor Schmerz fest zusammengepreßt.

Egwene legte eine Hand auf Rands Arm. »Nicht alle Aes Sedai sind gute Heiler«, sagte sie in beruhigendem Tonfall. »Die besten Heiler gehören alle zu den Gelben Ajah. Sheriam zum Beispiel, die Herrin der Novizinnen, kann nicht viel mehr heilen als höchstens eine Schramme oder einen kleinen Schnitt. Keine zwei Frauen haben genau die gleichen Talente oder Fertigkeiten.« Ihr Tonfall irritierte ihn. Er war kein quengelndes Kind, das man beruhigen mußte. Er sah die Weisen Frauen mit finsterer Miene an. Ob sie nun nicht konnten oder nicht wollten, jedenfalls würden Mat und er auf Moiraine warten müssen. Falls sie nicht in diesem Blendwerk des Bösen ums Leben gekommen war, durch diese Staubwesen vielleicht. Sie mußten sich mittlerweile aufgelöst haben; auch das in Tear hatte ein solches Ende gefunden. Das hätte sie nicht aufhalten können. Sie kann sich mit Hilfe der Macht ihren Weg bahnen. Sie weiß genau, was sie tut, und muß es nicht die ganze Zeit über mühsam selbst herausbekommen wie ich. Aber warum war sie noch nicht zurück? Warum war sie überhaupt hingegangen, und wieso hatte er sie nicht gesehen? Dumme Frage. Hundert Leute hätten sich in Rhuidear aufhalten können, ohne daß er sie sah. Zu viele Fragen und keine Antworten, bis sie zurückkam, wie er vermutete. Falls sie selbst die Antworten darauf kannte.

»Es gibt Kräuter und Tinkturen«, sagte Seana. »Kommt aus dem Sonnenschein heraus, und wir kümmern uns um Eure Verletzungen.« »Aus dem Sonnenschein«, murrte Rand. »Na ja.« Er benahm sich unmöglich, aber es war ihm gleich. Warum war Moiraine nach Rhuidean gegangen? Er traute ihr immer zu, ihn dorthin zu steuern, wo sie ihn haben wollte, zum Teufel noch mal. Wenn sie sich dort drinnen befand, konnte sie dann das beeinflußt haben, was er sah? Es auf irgendeine Art verändert haben? Wenn sie auch nur vermutete, was er vorhatte...

Er ging auf die Zelte der Jindo zu, denn Couladins Leute würden ihm wohl kaum einen Platz zum Ausruhen anbieten, aber Amys wies ihn zu der ebenen Fläche weiter oben, auf der die Zelte der Weisen Frauen standen. »Sie fühlen sich in Eurer Gegenwart im Moment sicher noch nicht sehr wohl«, sagte sie. Rhuarc, der neben ihr herging, nickte zustimmend.

Melaine sah Lan an. »Das hier ist nicht Eure Angelegenheit, Aan'allein. Ihr und Rhuarc nehmt Matrim mit und... « »Nein«, unterbrach Rand sie. »Ich will sie bei mir haben.« Zum Teil wollte er von dem Clanhäuptling bestimmte Antworten erhalten, und zum Teil war es reine Sturheit. Diese Weisen Frauen wollten ihn sämtlich an die Leine nehmen, genau wie Moiraine. Damit würde er sich nicht abfinden. Sie sahen sich gegenseitig an und nickten dann, als gewährten sie ihm eine Gnade. Wenn sie glaubten, er sei ein braver Junge, sobald sie ihm ein Bonbon gaben, dann täuschten sie sich aber. »Ich hätte gedacht, Ihr wärt bei Moiraine geblieben«, sagte er zu Lan, wobei er die Weisen Frauen und ihr Nicken mit Nichtbeachtung strafte.

Verlegenheit zuckte über das Gesicht des Behüters. »Die Weisen Frauen brachten es fertig, beinahe bis zum Sonnenuntergang zu verschweigen, daß sie weggegangen war«, sagte er verkniffen. »Dann haben sie mich davon... überzeugt, daß es keinen Sinn habe, ihr zu folgen. Sie sagten, selbst wenn ich hinterherginge, würde ich sie nicht finden, bevor sie sich auf den Rückweg machte, und dann brauche sie mich sowieso nicht mehr. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob ich recht daran tat, ihrem Rat zu folgen.« »Dem Rat zu folgen«, schnaubte Melaine. Ihre goldenen und elfenbeinernen Armringe klapperten, als sie verärgert ihren Schal zurechtzog. »Das sieht einem Mann ähnlich, so angeblich vernünftig zu tun! Ihr wärt mit größter Wahrscheinlichkeit gestorben und hättet sie womöglich gleich mit umgebracht!« »Melaine und ich mußten ihn fast die halbe Nacht über festhalten, bevor er endlich auf uns hörte«, sagte Amys. Ihr leichtes Lächeln wirkte amüsiert und auch ein wenig sarkastisch.