Als sie das Zelt betraten, saß Mat bereits auf einem roten Kissen mit goldenen Fransen und hatte Wams und Hemd abgelegt. Eine Frau in weißer Kapuzenrobe hatte gerade das letzte Blut von seinem Gesicht abgewaschen und begann, seinen Oberkörper zu reinigen. Amys hielt einen Steintiegel zwischen den Knien und mischte mit Hilfe eines Stößels Kräuter für irgendeine Salbe. Bair und Seana steckten die Köpfe zusammen und brauten mit anderen Kräutern einen Sud in einem Topf mit heißem Wasser.
Melaine schnitt Lan und Rhuarc eine Grimasse, und dann fixierte sie Rand mit ihren kühlen grünen Augen. »Macht Euren Oberkörper frei«, sagte sie kurz angebunden. »Die Schnitte an Eurem Kopf sehen nicht zu schlimm aus, aber laßt mich einmal sehen, weshalb Ihr euch so krümmt.« Sie schlug einen kleinen Messinggong, und eine weitere weiß gekleidete Frau kam geduckt unter der hinteren Zeltwand hervor, eine dampfende Silberschüssel in Händen und mit Handtüchern über dem Arm.
Rand setzte sich auf ein Kissen und richtete sich gerade auf. »Es ist nichts, worüber Ihr euch Gedanken machen müßt«, versicherte er ihr. Die zweite in Weiß gehüllte Frau kniete elegant neben ihm nieder. Sie widerstand seinen Bemühungen, das feuchte Tuch zu ergreifen, das sie über der Schüssel ausgewrungen hatte, und begann, sanft sein Gesicht zu waschen. Er fragte sich, wer sie wohl sei. Sie sah wie eine Aiel aus, handelte aber nicht wie eine. In ihren grauen Augen stand etwas wie entschlossene Demut.
»Es ist eine alte Verletzung«, sagte Egwene zu der Weisen Frau mit dem blonden Haar. »Moiraine hat es nie geschafft, sie vollständig zu heilen.« Der Blick, den sie Rand zuwarf, sagte ihm, die Höflichkeit hätte eigentlich von ihm verlangt, das zu erzählen. Den Blicken nach zu schließen, mit denen sich die Weisen Frauen ansahen, hatte sie bereits mehr als genug gesagt, dachte sich Rand. Eine Wunde, die von den Aes Sedai nicht geheilt werden konnte. Das war ihnen ein Rätsel. Moiraine schien überhaupt mehr von ihm zu wissen als er selbst, und er hatte es schon schwer genug, mit ihr auszukommen. Vielleicht war es leichter in bezug auf die weisen Frauen, wenn sie nicht soviel über ihn wußten und mehr raten mußten. Mat zuckte zusammen, als Amys damit begann, ihre Salbe auf die Schnitte an seinem Brustkorb aufzutragen. Wenn sie so wirkte, wie sie roch, dachte Rand, dann hatte er einen Grund, zusammenzuzucken. Bair hielt Mat einen silbernen Becher hin. »Trinkt, junger Mann. Timsinwurzel und Silberblatt werden Eure Kopfschmerzen lindern, wenn überhaupt etwas damit fertig wird.« Er zögerte nicht und kippte alles herunter. Ein Schaudern und ein verzogenes Gesicht waren die Folge. »Schmeckt wie die Innenseite meiner Stiefel.« Doch er verbeugte sich im Sitzen vor ihr. Es wirkte sogar höflich genug für tairenische Maßstäbe, außer, daß er kein Hemd anhatte und plötzlich losgrinste. »Ich danke Euch, Weise Frau. Und ich frage auch nicht, ob Ihr irgend etwas hineingetan habt, um ihm diesen... denkwürdigen... Geschmack zu verleihen.« Bairs und Seanas leises Lachen sagte nichts darüber aus, ob sie so etwas Gemeines getan hatten oder nicht, aber es schien, daß Mat wie gewöhnlich den richtigen Ton gefunden hatte, um bei den Frauen anzukommen. Selbst Melaine schenkte ihm ein kurzes Lächeln.
»Rhuarc«, sagte Rand, »wenn Couladin mir Schwierigkeiten bereiten möchte, muß ich früher als er handeln. Wie stelle ich es an, den anderen Clanhäuptlingen Bescheid zu sagen? Über mich. Und über die.« Er hielt kurz seine Arme mit den Drachen hoch. Die weiß gekleidete Frau an seiner Seite, die nun die lange Platzwunde in seinem Haar auswusch, vermied es offensichtlich, hinzuschauen.
»Es gibt da keine festgelegten Formalitäten«, sagte Rhuarc. »Wie könnte das auch sein bei einem Ereignis, das es nur einmal geben kann? Wenn man ein Treffen der Clanhäuptlinge abhalten muß, gibt es dafür Orte, an denen so etwas wie der Friede Rhuideans gilt. Der nächstgelegene an der Kaltfelsenfestung und auch der nächstgelegene bei Rhuidean ist Alcair Dal. Dort solltet Ihr Eure Beweise den Clan- und Septimen-Häuptlingen vorlegen.« »Al'cair Dal?« sagte Mat und betonte es dabei ein wenig anders. »Die Goldene Schüssel?« Rhuarc nickte. »Eine runde Schlucht, wenn auch nichts Goldenes daran ist. An einem Ende gibt es einen Vorsprung, und ein Mann, der darauf steht, muß gar nicht laut sprechen, um überall in der Schlucht gehört zu werden.« Rand sah finster auf die Drachen an seinen Unterarmen herab. Er war nicht der einzige, der auf irgendeine Art in Rhuidean gezeichnet worden war. Mat sagte mittlerweile nichts mehr in der Alten Sprache, ohne zu wissen, was er sprach. Seit Rhuidean verstand er alles, obwohl er das gar nicht zu begreifen schien. Egwene beobachtete Mat nachdenklich. Sie hatte zuviel Zeit bei den Aes Sedai verbracht.
»Rhuarc, könnt Ihr den anderen Clanhäuptlingen Botschaften übermitteln?« fragte er. »Wie lange wird es dauern, um sie alle nach Alcair Dal zu bitten? Was muß ich tun, damit sie auch bestimmt alle kommen?« »Boten werden Wochen brauchen, und weitere Wochen werden vergehen, bis alle da sind.« Rhuarcs Geste umfaßte alle vier Weisen Frauen. »Sie dagegen können jeden Clanhäuptling, jeden Septimen-Häuptling, im Traum in einer einzigen Nacht erreichen. Und auch jede Weise Frau, damit sie sichergehen, daß keiner der Männer es nur einfach für einen Traum hält.« »Ich freue mich über dein Vertrauen, daß wir Berge versetzen können, Schatten meines Herzens«, sagte Amys trocken und setzte sich mit ihrer Salbe in der Hand neben Rand. »Aber Vertrauen reicht nicht. Wir würden mehrere Nächte brauchen, um zu tun, was du vorschlägst, und wir hätten nicht viel Ruhe dabei.« Rand nahm ihre Hand, als sie die scharf riechende Salbe auf seine Wange auftragen wollte. »Werdet Ihr es tun?« »Habt Ihr es so eilig, uns zu vernichten?« wollte sie wissen, und dann biß sie sich ärgerlich auf die Unterlippe, als die in Weiß gehüllte Frau an Rands anderer Seite zusammenfuhr. Melaine klatschte zweimal in die Hände. »Verlaßt uns«, sagte sie in scharfem Ton, und die Frauen in Weiß verbeugten sich und schoben sich mit ihren Schüsseln und Tüchern rückwärts aus dem Zelt.
»Ihr treibt mich an wie mit einem Nadelstock«, beschwerte sich Amys bitterlich bei Rand. »Was man ihnen auch befiehlt, diese Frauen werden nun über etwas klatschen, was sie nicht wissen dürften.« Sie entzog ihre Hand seinem Griff und begann, die Salbe etwas vehementer aufzutragen, als vielleicht notwendig war. Sie brannte noch schlimmer als sie roch.
»Ich will Euch nicht antreiben«, sagte Rand, »aber die Zeit wird zu knapp. Die Verlorenen sind in Freiheit, Amys, und wenn sie herausfinden, wo ich mich befinde oder was ich vorhabe... « Die Aielfrauen schienen nicht überrascht. Hatten sie es bereits gewußt? »Neun von ihnen sind noch am Leben. Zu viele, und diejenigen, die mich nicht töten wollen, glauben, mich statt dessen benutzen zu können. Ich habe einfach keine Zeit. Wenn ich eine Möglichkeit hätte, die Clanhäuptlinge jetzt in diesem Augenblick hierher zu bringen und ihre Anerkennung zu gewinnen, dann würde ich sie nutzen.« »Was habt Ihr denn vor?« Amys Stimme klang genauso steinern wie ihre Gesicht wirkte.