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»Werdet Ihr die Häuptlinge auffordern — bitten —, nach Alcair Dal zu kommen?« Einen ausgedehnten Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Als sie schließlich nickte, war es widerwillig.

Widerwillig oder nicht, jedenfalls ließ seine innere Anspannung etwas nach. Es gab keine Möglichkeit, sieben verlorene Tage wieder zurückzugewinnen, aber vielleicht konnte er es vermeiden, noch mehr Zeit zu verlieren. Allerdings hielt ihn Moiraine hier fest, die sich immer noch mit Aviendha zusammen in Rhuidean befand. Er konnte sie nicht so einfach im Stich lassen.

»Ihr habt meine Mutter gekannt«, sagte er. Egwene beugte sich vor, genauso neugierig wie er, und Mat schüttelte den Kopf.

Amys Hand auf seinem Gesicht hielt inne. »Ich kannte sie.« »Erzählt mir von ihr. Bitte.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Schnitt über seinem Ohr zu. Wenn eine finstere Miene heilen könnte, hätte er ihre Salbe nicht mehr gebraucht. Schließlich sagte sie: »Shaiels Geschichte, soweit ich sie kenne, beginnt, als ich noch eine Far Dareis Mai war, mehr als ein Jahr bevor ich den Speer aufgab. Eine Anzahl von uns war gemeinsam fast bis zur Drachenmauer vorgestoßen. Eines Tages trafen wir eine Frau, eine goldhaarige junge Feuchtländerin, in Seide gekleidet, mit Packpferden und einer schönen Stute, auf der sie ritt. Einen Mann hätten wir natürlich getötet, aber sie hatte keine Waffe bis auf ein einfaches Messer am Gürtel. Ein paar wollten sie nackt zur Drachenmauer zurückschicken...« Egwene riß die Augen auf. Sie war immer wieder überrascht davon, wie hart die Aiel sein konnten. Amys fuhr jedoch ohne Pause fort: »... doch sie schien entschlossen, nach irgend etwas zu suchen. Neugierig folgten wir ihr Tag um Tag, ohne uns ihr zu erkennen zu geben. Ihre Pferde gingen ein, ihre Lebensmittel waren verbraucht, auch ihr Wasser, aber sie kehrte nicht um. Sie stolperte zu Fuß weiter, bis sie schließlich stürzte und nicht mehr aufkam. Wir beschlossen, ihr Wasser zu geben und sie nach ihrer Geschichte zu fragen. Sie war dem Tod nahe und es dauerte einen ganzen Tag, bis sie sprechen konnte.« »Sie hieß Shaiel?« fragte Rand, als sie zögerte. »Woher kam sie? Warum kam sie dorthin?« »Shaiel«, sagte Bair, »war der Name, den sie später selbst annahm. Sie nannte nie einen anderen, solange ich sie kannte. In der Alten Sprache bedeutet das: eine Frau, die einem Ziel verschworen ist.« Mat nickte zustimmend und schien dabei gar nicht zu bemerken, was er tat. Lan beobachtete ihn nachdenklich über einen silbernen Becher mit Wasser hinweg. »Da war eine Bitterkeit an Shaiel, jedenfalls zu Anfang«, schloß sie.

Amys kauerte neben Rand und nickte. »Sie sprach von einem zurückgelassenen Kind, einem Sohn, den sie liebte. Einem Mann, den sie nicht liebte. Wo das war, sagte sie nicht. Ich glaube nicht, daß sie es sich selbst jemals vergab, ihr Kind im Stich gelassen zu haben. Sie erzählte nur wenig über das hinaus, was sie sagen mußte. Wir waren es, nach denen sie gesucht hatte — die Töchter des Speers. Eine Aes Sedai namens Gitara Moroso, die über die Gabe der Weissagung verfügte, hatte ihr gesagt, daß ihr Land und ihr Volk, vielleicht die ganze Welt, dem Verderben preisgegeben sei, wenn sie nicht wegzog, um unter den Töchtern des Speers zu leben. Sie durfte niemandem davon erzählen. Sie mußte selbst eine Tochter des Speers werden und sie konnte nicht in ihr eigenes Land zurückkehren, bis die Töchter des Speers Tar Valon erreichten.« Sie schüttelte staunend den Kopf. »Ihr müßt verstehen, wie das für uns damals klang. Die Töchter des Speers erreichen Tar Valon? Kein Aiel hatte mehr die Drachenmauer überquert, seit den Tagen, als wir das Dreifache Land betraten. Es würde noch vier Jahre dauern, bis Lamans Verbrechen uns in die Feuchtländer brachte. Und ganz sicher war noch niemand zur Tochter des Speers geworden, die nicht von uns Aiel abstammte. Einige von uns glaubten, die Sonne habe sie zum Wahnsinn getrieben. Aber sie hatte einen eisernen Willen, und irgendwie brachte sie uns dazu, ihr einen Versuch zu gestatten.« Gitara Moroso. Eine Aes Sedai mit der Gabe der Weissagung. Irgendwo hatte er diesen Namen schon einmal gehört, aber wo? Und er hatte einen Bruder. Einen Halbbruder. Er hatte sich schon immer gefragt, wie es wohl sei, einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Wer war es und wo lebte er? Doch Amys fuhr fort:

»Beinahe jedes Mädchen träumt davon, zur Tochter des Speers zu werden. Sie lernen wenigstens die Anfänge des Bogenschießens und wie man mit einem Speer umgeht, oder auch, wie man mit Händen und Füßen kämpft. Trotzdem erkennen diejenigen schließlich, die den endgültigen Schritt tun und sich dem Speer antrauen lassen, daß sie überhaupt nichts wissen und können. Für Shaiel war das noch schwieriger. Mit dem Bogen konnte sie gut umgehen, doch sie war niemals auch nur eine Meile weit gelaufen oder hätte sich von dem ernährt, was sie in der Natur vorfand. Ein zehnjähriges Mädchen hätte sie übertreffen können, und sie wußte noch nicht einmal, welche Pflanzen einem zeigen, daß sich in der Nähe Wasser befindet. Und doch hielt sie durch. Nach einem Jahr hatte sie ihren Eid auf den Speer abgelegt und war eine der Töchter. Sie wurde von der Chumai-Septime der Taardad adoptiert.« Und schließlich war sie mit den Töchtern nach Tar Valon gezogen, nur um am Hang des Drachenberges zu sterben. Eine halbe Antwort, die neue Fragen hervorbrachte. Wenn er nur ihr Gesicht hätte sehen können.

»Ihr habt etwas von ihr in Euren Gesichtszügen«, sagte Seana, als könne sie seine Gedanken lesen. Sie hatte sich mit übergeschlagenen Beinen hingesetzt und hielt einen kleinen silbernen Becher mit Wein in der Hand. »Und weniger von Janduin.« »Janduin? Mein Vater?« »Ja«, sagte Seana. »Er war Clanhäuptling der Taardad zu jener Zeit, der jüngste seit Menschengedenken. Aber er hatte etwas an sich, eine Ausstrahlung von Macht... Die Menschen hörten auf ihn und folgten ihm, selbst die anderer Clans. Er beendete die Blutfehde der Taardad und der Nakai nach zweihundert Jahren und brachte nicht nur mit den Nakai ein Bündnis zustande, sondern auch mit den Reyn, und die Reyn standen kurz davor, ebenfalls eine Blutfehde mit den Taardad auszutragen. Er hätte beinahe auch die Fehde zwischen den Shaarad und den Goshien beendet. Wahrscheinlich wäre es ihm gelungen, wenn Laman nicht den Baum gefällt hätte. So jung er noch war, führte doch gerade er die Taardad und die Nakai, die Reyn und die Shaarad in die Feuchtländer, damit Laman den Blutpreis bezahlte.« War. Also war auch er jetzt tot. Egwenes Gesicht zeigte Mitgefühl. Rand beachtete es nicht; er wollte kein Mitgefühl. Wie konnte er diesen Verlust auch empfinden, da er diese Menschen niemals gekannt hatte? Und trotzdem empfand er Trauer. »Wie ist Janduin gestorben?« Die Weisen Frauen tauschten zögernde Blicke. Dann endlich sagte Amys: »Es war zu Beginn des dritten Jahres der Suche nach Laman, als Shaiel schwanger wurde. Das Gesetz verlangt, daß sie in einem solchen Fall ins Dreifache Land zurückkehrt. Es ist einer Tochter verboten, den Speer zu tragen, solange sie schwanger ist. Aber Janduin konnte ihr nichts abschlagen. Hätte sie von ihm den Mond an einem Halsband verlangt, hätte er versucht, ihn ihr zu beschaffen. Also blieb sie, und im letzten Kampf vor Tar Valon wurde sie vermißt, und ihr Kind war so ebenfalls verloren. Janduin konnte sich nicht verzeihen, daß er sie nicht gezwungen hatte, dem Gesetz zu gehorchen.« »Er ist als Häuptling zurückgetreten«, sagte Bair. »Das hatte zuvor noch niemand getan. Man sagte ihm, es könne nicht angehen, aber er ging einfach weg. Nach Norden wanderte er mit den jungen Männern, um in der Fäule Trollocs und Myrddraal zu jagen. Das ist etwas, das wilde junge Männer manchmal unternehmen und auch Töchter des Speers, die weniger Grips haben als eine Ziege. Diejenigen, die zurückkehrten, behaupteten aber, er sei von einem Mann getötet worden. Sie sagten, Janduin habe behauptet, der Mann sehe aus wie Shaiel, und so erhob er seine Waffe nicht gegen ihn und ließ sich von ihm durchbohren.« Also tot. Beide. Er würde seine Liebe zu Tam niemals aufgeben und nicht aufhören, an ihn als seinen Vater zu denken, aber er wünschte sich doch, wenigstens einmal Janduin und Shaiel gesehen zu haben.