Egwene versuchte natürlich, ihn zu trösten, so wie das Frauen halt machten. Es hatte keinen Sinn, ihr verständlich machen zu wollen, daß er niemals besessen hatte, was er verloren hatte. Wenn er sich an Eltern erinnerte, dann an Tam al'Thors ruhiges Lachen und etwas verschwommener an Kari al'Thors sanfte Hände. Das dürfte wohl jedem Mann ausreichen. Egwene schien deshalb enttäuscht, sogar ein wenig fassungslos, und die Weisen Frauen teilten ihre Gefühle offensichtlich in gewissem Maße. Bair runzelte mißbilligend die Stirn, und Melaine rückte steif und bedrohlich ihren Schal zurecht. Frauen verstanden so etwas einfach nicht. Rhuarc und Mat und Lan verstanden es dagegen und ließen ihn in Ruhe, wie er es wünschte.
Aus einem unerfindlichen Grund hatte er keinen Appetit, als Melaine Essen bringen ließ. Also ging er hinüber zur Zeltwand und legte sich hin. Eines der Kissen klemmte er unter seinen Ellbogen, damit er sich aufstützen und den Abhang und die in Nebel gehüllte Stadt beobachten konnte. Die Sonne durchglühte das Tal und die Berge der unmittelbaren Umgebung, verbrannte die Schatten. Die Luft, die ins Zelt hineinzog, schien aus einer Esse zu stammen.
Nach einer Weile kam Mat herüber. Er trug ein neues, sauberes Hemd. Er setzte sich wortlos neben Rand und spähte ins Tal hinab, den seltsamen Speer über die Knie gelegt. Von Zeit zu Zeit fühlte er nach den eingeschnitzten Kursiv-Schriftzeichen am schwarzen Schaft. »Wie geht es deinem Kopf?« fragte Rand, und Mat fuhr zusammen.
»Er... er tut nicht mehr weh.« Seine Finger zuckten ertappt von den Schriftzeichen weg. Nun faltete er ganz bewußt die Hände im Schoß. »Jedenfalls nicht mehr so sehr. Was sie da auch zusammengebraut haben, es hat gewirkt.« Er schwieg wieder, und Rand ließ ihn in Ruhe. Er wollte auch nicht sprechen. Er konnte beinahe greifbar spüren, wie die Zeit verrann. Sandkörnchen in einer Sanduhr fielen eines nach dem anderen ganz langsam herunter. Aber alles schien gleichzeitig zu beben. Der Sand konnte jeden Moment zu einem wilden Strom werden. Närrisch. Er ließ sich lediglich von der flimmernden Hitze über den blanken Felsen des Abhanges beeinflussen. Die Clanhäuptlinge konnten Alcair Dal auch keinen Tag früher erreichen, wenn jetzt in diesem Augenblick Moiraine vor ihm erschien. Sie stellten sowieso nur einen Teil des Ganzen dar und vielleicht sogar den unwichtigsten. Eine Weile später bemerkte er, daß Lan entspannt auf dem gleichen Granitblock hockte, den Couladin benützt hatte. Dem Behüter schien die Sonne nichts auszumachen. Auch er beobachtete das Tal. Noch ein Mann, der keine Lust zum Sprechen hatte.
Rand aß auch nichts zu Mittag, obwohl sich Egwene und die anderen darin abwechselten, ihn zum Essen überreden zu wollen. Sie ertrugen es noch relativ gelassen, doch als er vorschlug, nach Rhuidean zurückzukehren und sich nach Moiraine umzuschauen und natürlich auch nach Aviendha, da explodierte Melaine.
»Ihr närrischer Mann! Kein Mann kann zweimal nach Rhuidean gehen! Selbst Ihr kämt nicht mehr lebend zurück. Ach, verhungert doch, wenn Ihr wollt!« Sie warf ihm ein halbes Rundbrot an den Kopf. Mat schnappte es sich aber aus der Luft und begann seelenruhig, es aufzuessen.
»Warum wollt Ihr denn unbedingt, daß ich am Leben bleibe?« fragte Rand. »Ihr wißt doch, was diese Aes Sedai vor Rhuidean gesagt hat. Ich werde Euch vernichten.
Warum tut Ihr euch nicht mit Couladin zusammen und bringt mich um?« Mat erstickte beinahe an seinem Brot, und Egwene stützte empört die Hände in die Hüften, bereit, ihm einen Vortrag zu halten. Doch Rand konzentrierte sich ganz auf Melaine. Statt zu antworten, funkelte sie ihn nur an und verließ das Zelt.
Es war Bair, die schließlich darauf antwortete: »Jeder glaubt, die Weissagung von Rhuidean zu kennen, aber was sie kennen, ist in Wirklichkeit nur das, was ihnen die Weisen Frauen und die Clanhäuptlinge generationenlang erzählt haben. Keine Lügen, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit könnte auch den stärksten Mann zerbrechen.« »Und was ist die ganze Wahrheit?« beharrte Rand.
Sie blickte erst Mat an und sagte dann: »In diesem Fall ist die ganze Wahrheit, die bisher nur den Weisen Frauen und den Clanhäuptlingen bekannt war, daß Ihr unser Untergang seid. Unser Untergang und unsere Rettung. Ohne Euch wird keiner unserer Leute die Letzte Schlacht überleben. Vielleicht noch nicht einmal bis zur Letzten Schlacht. Das wurde geweissagt und es ist die Wahrheit. Mit Euch zusammen:... ›Er wird das Blut derer vergießen, die sich Aiel nennen, als sei es Wasser, das im Sand versickert, und er wird sie zerbrechen wie trockenes Reisig, und doch wird er den Rest des Restes retten, und sie werden überleben.‹ Eine harte Zukunft, aber dies war ja auch nie ein sanftes Land.« Sie erwiderte seinen Blick, ohne die Augen zu senken. Ein hartes Land und eine harte Frau.
Er wälzte sich wieder herum und beobachtete weiter das Tal. Die anderen gingen, bis auf Mat.
Am späten Nachmittag machte er schließlich eine kleine Gestalt aus, die erschöpft aus dem Tal hochkletterte. Aviendha. Mat hatte recht gehabt; sie war wirklich nackt wie ein Neugeborenes. Und obwohl sie eine Aiel war, zeigte die Sonne doch ihre Wirkung bei ihr: Nur ihre Hände und das Gesicht waren braungebrannt, während der Rest ihres Körpers entschieden rot aussah. Er war froh, sie zu sehen. Sie mochte ihn wohl nicht, aber nur, weil sie glaubte, er habe Elayne schlecht behandelt. Der einfachste aller Gründe. Nicht der Prophezeiung ihres Untergangs wegen, nicht wegen der Drachen an seinen Armen oder weil er der Wiedergeborene Drache war. Nein, aus einem ganz menschlichen Grund. Er freute sich schon beinahe auf ihren kühlen, herausfordernden Blick.
Als sie ihn sah, erstarrte sie und es lag nichts Kühles in ihren blaugrünen Augen. Bei diesem Blick erschien ihm die Sonne auf einmal kalt. Er hätte eigentlich auf der Stelle zu Asche verbrennen sollen.
»Äh... Rand?« sagte Mat leise. »Ich glaube nicht, daß ich ihr den Rücken zukehren würde, wenn ich du wäre.« Ein müdes Aufseufzen entrang sich ihm. Natürlich, wenn sie innerhalb dieser Glassäulen gewesen war, dann wußte sie Bescheid. Bair, Melaine und die anderen, sie hatten sich über die Jahre hinweg daran gewöhnt. Für Aviendha jedoch war das wie eine frische Wunde, auf der sich noch kein Grind gebildet hatte. Kein Wunder, wenn sie mich jetzt haßt.
Die Weisen Frauen eilten hinaus zu Aviendha und brachten sie schnell in ein anderes Zelt. Als Rand sie das nächstemal sah, trug sie einen bauschigen braunen Rock und eine lose hängende weiße Bluse und hatte sich einen Schal über die Oberarme gelegt. Sie schien nicht sehr glücklich in dieser Kleidung. Sie sah, daß er sie beobachtete, und die Wut auf ihrer Miene, diese blanke, animalische Wut, reichte, daß er sich abwandte.
Als Moiraine schließlich auftauchte, reichten die Schatten bereits bis an die gegenüberliegenden Berge heran. Sie stürzte und taumelte wieder hoch beim Klettern und sie hatte den gleichen Sonnenbrand wie Aviendha. Er war überrascht, daß auch sie nichts anhatte. Die Frauen mußten wohl alle verrückt sein.
Lan sprang von dem Felsblock herunter und rannte zu ihr hin. Er nahm sie auf die Arme und lief den Hang noch schneller hoch, als er hinuntergesprungen war, wobei er abwechselnd fluchte und nach den Weisen Frauen rief. Moiraines Kopf rollte widerstandslos an seiner Schulter hin und her. Die Weisen Frauen kamen ihnen entgegen und nahmen sie ihm ab. Melaine vertrat Lan den Weg, als er ihnen ins Zelt hinein folgen wollte. So marschierte er dann eben nervös vor dem Zelt auf und ab und schlug sich gelegentlich mit der Faust auf die andere Handfläche.
Rand ließ sich auf den Rücken sinken und blickte hoch zu dem niedrigen Zeltdach. Drei Tage eingespart. Er hätte eigentlich glücklich darüber sein sollen, daß Moiraine und Aviendha zurück und in Sicherheit waren, aber seine eigentliche Erleichterung galt den eingesparten Tagen. Die Zeit bedeutete alles. Er mußte in der Lage sein, selbst zu bestimmen, wann und gegen wen er kämpfte. Vielleicht war das jetzt doch noch möglich.