Schreiend trommelte Egwenes Verstand gegen die Wand, die sie von der Wahren Quelle trennte. Sie versuchte, in dieses schreckliche Gesicht zu schlagen, dieses Ding zu treffen, das nicht Amys sein konnte. Aber etwas packte nun ihre Arme und streckte sie bis zum Äußersten, und das mitten in der Luft. Sie konnte lediglich schreien, als sich der Rachen um ihren Kopf schloß.
Schreiend fuhr Egwene auf ihrem Lager hoch und klammerte sich an ihre Decken. Mit Mühe zwang sie sich, den Mund zu schließen, aber sie konnte ihren Körper nicht davon abhalten, unkontrolliert zu zittern. Sie befand sich im Zelt — oder etwa nicht? Da saß Amys mit übergeschlagenen Beinen im Schatten und um sie herum glühte Saidar —, aber war es wirklich Amys? Verzweifelt öffnete sie sich der Wahren Quelle und hätte beinahe geheult, als sie wieder auf diese Barriere traf. Sie schlug die Decken zurück und krabbelte auf Händen und Knien über die Schichten von Teppichen, wobei sie ihre sorgfältig zusammengelegte Kleidung mit beiden Händen durcheinanderwühlte. Sie hatte doch ein Messer am Gürtel. Wo war das nur? Wo? Da!
»Setzt Euch hin«, sagte Amys beißend, »bevor ich Euch eine Medizin gegen Zappelei und Hirngespinste verabreiche. Sie wird Euch nicht schmecken.« Egwene drehte sich auf den Knien um, das kurze Messer in beiden Händen. Sie hätten ja gezittert, wenn sie sie nicht so fest um den Messergriff geschlossen hätte. »Seid Ihr es diesmal wirklich?« »Ich bin immer ich selbst, jetzt wie vorhin. Eine harte Lektion ist immer die beste. Wolltet Ihr mich erstechen?« Zögernd steckte Egwene das Messer in die Scheide zurück. »Ihr habt kein Recht, mich...« »Ich habe jedes Recht dazu! Ihr habt mir Euer Wort gegeben. Ich wußte nicht, daß Aes Sedai lügen können. Wenn ich Euch unterweisen soll, muß ich mich darauf verlassen können, daß Ihr tut, was ich sage. Ich werde nicht zuschauen, wie sich eine meiner Schülerinnen den eigenen Hals durchschneidet!« Amys seufzte. Das Glühen um sie herum verflog und damit auch der Block zwischen Egwene und Saidar. »Ich kann Euch nicht noch länger abschirmen. Ihr seid viel stärker als ich. Jedenfalls in bezug auf die Eine Macht. Ihr hättet beinahe meine Abschirmung durchbrochen. Aber wenn Ihr euer Wort nicht haltet, bin ich mir nicht sicher, ob ich Euch unterrichten will.« »Ich werde mein Wort halten, Amys. Das verspreche ich. Aber ich muß mich in Tel'aran'rhiod mit meinen Freundinnen treffen. Ich habe es ihnen auch versprochen. Amys, sie brauchen vielleicht meine Hilfe und meinen Rat.« Es war in der Dunkelheit schwer, Amys' Gesicht zu erkennen, und Egwene entdeckte nichts, was auf ein Aufweichen der starren Front schließen ließ. »Bitte, Amys. Ihr habt mir doch schon so viel beigebracht. Ich glaube, ich kann sie jetzt überall aufspüren. Bitte. Hört jetzt nicht auf, wo es so viel gibt, was ich noch lernen kann. Ich werde tun, was immer Ihr wünscht.« »Flechtet Euch Zöpfe«, sagte Amys mit tonloser Stimme.
»Zöpfe?« fragte Egwene unsicher. Es wäre sicher nicht schlimm, aber warum? Sie trug das Haar jetzt lose und schulterlang, aber es war noch nicht so lange her, da war sie vor Stolz beinahe geplatzt, als die Versammlung der Frauen zu Hause festgestellt hatte, sie sei jetzt alt genug, einen Zopf zu tragen, so, wie ihn Nynaeve immer noch trug. An den Zwei Flüssen war ein Zopf das Zeichen dafür, daß man eine Frau war und kein kleines Mädchen mehr.
»Zwei«, sagte Amys. »Einen über jedem Ohr.« Amys Stimme klang immer noch wie eine Steinplatte. »Falls Ihr keine Bänder habt, die Ihr hineinflechten könnt, gebe ich Euch welche. So tragen die kleinen Mädchen bei uns das Haar. Mädchen, die zu jung sind, um beim Wort genommen zu werden. Wenn Ihr mir beweist, daß Ihr euer Wort halten könnt, braucht Ihr die Zöpfe nicht mehr so zu tragen. Wenn Ihr mich aber wieder belügt, dann lasse ich Euch den Rock abschneiden, wie bei den Kleidchen der kleinen Mädchen, und ich suche Euch eine Puppe, die Ihr herumtragen könnt. Wenn Ihr Euch entschließt, Euch wie eine Frau zu verhalten, werdet Ihr auch als Frau behandelt. Erklärt Euch einverstanden, oder ich unterrichte Euch nicht mehr.« »Ich bin einverstanden, falls Ihr mich begleitet, wenn ich meine... « »Stimmt zu, Aes Sedai! Ich feilsche nicht mit Kindern oder solchen, die ihr Wort nicht halten. Entweder tut Ihr, was ich sage, akzeptiert, was ich Euch freiwillig gebe, dann ist es in Ordnung. Oder Ihr geht weg und laßt Euch umbringen. Ich — werde — Euch — nicht — dabei — helfen!« Egwene war froh, daß es dunkel war. Dadurch wurde ihre finstere Miene verborgen. Natürlich hatte sie ihr Wort gegeben, aber ansonsten war alles so ungerecht. Keiner versuchte dagegen, Rand mit irgendwelchen blödsinnigen Vorschriften einzuengen. Nun ja, vielleicht war das wirklich ein anderer Fall. Sie ließ sich doch noch lieber von Amys herumkommandieren, als immer in Gefahr zu sein, daß Couladin ihr einen Speer in den Rücken jagte. Mat aber würde sich mit Sicherheit nicht an anderer Leute Vorschriften halten. Doch ob er nun ein Ta'veren war oder nicht, er mußte eben auch nichts lernen, nur einfach da sein. Höchstwahrscheinlich würde er sich glatt weigern, wenn er etwas lernen sollte, außer, es hätte mit Glücksspielen oder Essen zu tun. Sie dagegen wollte etwas lernen. Manchmal erschien es ihr wie ein unstillbarer Durst; soviel sie auch aufnahm, sie wollte doch immer mehr. Das machte die Sache aber trotzdem nicht besser. Es ist eben so, und ich muß es hinnehmen, dachte sie bedauernd.
»Ich bin einverstanden«, sagte sie. »Ich werde tun, was Ihr verlangt, annehmen, was Ihr gebt, und sonst nichts.« »Gut.« Nach einer langen Pause, als warte sie darauf, ob Egwene noch etwas sagen wollte, die jedoch weise ihren Mund hielt, fügte Amys hinzu: »Ich werde Euch hart anpacken, Egwene, aber nicht ohne Grund. Daß Ihr glaubt, ich habe Euch bereits vieles beigebracht, zeigt nur, wie wenig Ihr von Beginn an wußtet. Ihr habt ein ausgeprägtes Talent zum Träumen und werdet uns alle wahrscheinlich eines Tages weit hinter Euch lassen. Aber wenn Ihr nicht lernt, was ich Euch lehren kann, was wir vier Euch lehren können, werdet Ihr dieses Talent niemals richtig anwenden können. Höchstwahrscheinlich wärt Ihr nicht lange genug am Leben.« »Ich werde mich bemühen, Amys.« Sie glaubte, eine gute Vorstellung in bezug auf Demut zu geben. Warum sagte die Frau nicht einfach, was sie hören wollte? Wenn Egwene nicht allein nach Tel'aran'rhiod gehen durfte, mußte Amys eben mitkommen beim nächsten Treffen mit Elayne. Oder vielleicht kam beim nächsten Mal auch Nynaeve.
»Gut. Habt Ihr sonst noch etwas zu sagen?« »Nein, Amys.« Diesmal dauerte das Schweigen länger. Egwene wartete so geduldig wie möglich, die Hände auf den Knien gefaltet.
»Also könnt Ihr Eure Wünsche auch für Euch behalten, wenn Ihr wollt«, sagte Amys schließlich, »auch wenn es Euch juckt, als ob Ihr einen Floh hättet. Oder mißverstehe ich den Grund für Eure Unruhe? Soll ich Euch etwas zum Einreiben geben? Nein? Also gut, ich werde Euch begleiten, wenn Ihr Eure Freundinnen treffen müßt.« »Danke schön«, sagte Egwene brav. Ein Floh! Also, so was!
»Falls Ihr mir beim ersten Mal nicht richtig zugehört habt: Der Lernprozeß wird weder einfach, noch kurz. Ihr glaubt, daß Ihr die letzten Tage über gearbeitet habt. Aber nun bereitet Euch darauf vor, erst richtig loszulegen und Euch Mühe zu geben!« »Amys, ich werde alles lernen, was Ihr mir beibringen könnt, und ich werde so hart arbeiten, wie Ihr wünscht. Aber das mit Rand und den Schattenfreunden... Die Zeit zum Lernen könnte sich als Luxus herausstellen, für den unsere Mittel nicht ausreichen.« »Ich weiß«, sagte Amys müde, »er bereitet uns auch schon einige Sorgen. Kommt. Ihr habt mit kindischen Anwandlungen bereits genug Zeit vertrödelt. Es gibt Frauensachen zu besprechen. Kommt. Die anderen warten schon.« Egwene griff nach ihrem Kleid, doch Amys sagte: »Das braucht Ihr nicht. Wir haben nur ein kurzes Stück Weg. Legt Euch eine Decke um und kommt mit. Ich habe bereits eine ganze Menge Arbeit geleistet, um Rand al'Thor zu helfen, und ich muß noch mehr tun, bis wir soweit sind.« Egwene legte sich zweifelnd eine Decke über die Schultern und folgte der älteren Frau in die Nacht hinaus. Es war kalt. Sie hatte sofort eine Gänsehaut am ganzen Körper und hüpfte barfuß von einem Fuß auf den anderen über den eiskalten, steinigen Boden. Nach der Tageshitze erschien ihr diese Nacht so eiskalt wie der kälteste Winter an den Zwei Flüssen. Ihr Atem verwandelte sich in einen Nebelhauch und wurde sofort von der Luft aufgesogen. Kalt oder nicht, die Luft war immer noch trocken.